Egal wohin die Zeit uns treibt (Jes 49 1-6)

Glaube führt uns hierher
Glaube lässt uns
hoffen und zweifeln
fragen und hören
lieben und leben

Der Glaube wird unser Leben
JEDER unserer Tage auf dieser Welt
wird ein neuer Tag mit Gott
unserem Gott
der ewig ist und Leben schenkt
heute und überall

Unser Glaube ist der Sieg,
der die Welt überwunden hat.
1 Johannes 5,4c
***

Einer der Lieblingspsalmen meines Vaters, vielleicht sogar DER Lieblingspsalm, war Psalm 139.

1 …HERR, du erforschest mich
und kennest mich…
5 Von allen Seiten umgibst du mich
und hältst deine Hand über mir…
8 Führe ich gen Himmel, so bist du da;
bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.
9 Nähme ich Flügel der Morgenröte
und bliebe am äußersten Meer,
10 so würde auch dort deine Hand mich führen
und deine Rechte mich halten…
13 Denn du hast meine Nieren bereitet
und hast mich gebildet im Mutterleibe.
14 Ich danke dir dafür,
dass ich wunderbar gemacht bin;
wunderbar sind deine Werke;
das erkennt meine Seele.
15 Es war dir mein Gebein nicht verborgen,
da ich im Verborgenen gemacht wurde…
16 Deine Augen sahen mich,
da ich noch nicht bereitet war,
und alle Tage waren in dein Buch geschrieben,
die noch werden sollten und von denen keiner da war.
17 Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken!
Wie ist ihre Summe so groß!
24 (Also) sieh, ob ich auf bösem Wege bin,
und leite mich auf ewigem Wege.

Sind das nicht wunderbare Bilder überwältigender Geborgenheit und Liebe? Der ewige, unendliche Gott SCHAFFT nicht nur alles Leben dieser Welt. Er schafft JEDES Leben. Und er stattet es mit allem aus, was ich brauche.

Auch wenn ich mein Leben einmal nicht verstehe und nicht weiß, wie es weitergehen soll: Gott versteht es. Und er begleitet und schützt es, einfühlsam und stark. Jedes EINZELNE Leben begleitet er, egal ob lang oder kurz.

Gott hat sogar die Macht, mein kleines, kurzes Erden – Leben zum Ewigen Leben zu führen.
Was kann mir denn Größeres begegnen im Leben als dieser Gott?
Wem anders sollte ich denn mit meinem Leben dienen als diesem Gott – egal, wo ich lebe, egal, was mir passiert?

Diese Kurzpredigt meines Vaters ist mir in den Sinn gekommen, als ich den Jesajatext für heute gelesen habe.
Auch der „Gottesknecht“ hier lebt aus den Bildern des Glaubens seiner Mütter und Väter.
Vielleicht ist ja auch sein Lieblings – Psalm der 139. gewesen?

Ich lese aus Kapitel 49 die Verse 1-6:

49 1 Hört mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, merkt auf!

Der HERR hat mich berufen von Mutterleibe an; er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß der Mutter war.
2 Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt. Er hat mich zum spitzen Pfeil gemacht und mich in seinem Köcher verwahrt.

3 Und er sprach zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will.
4 Ich …dachte (dabei oft in meinem Leben), ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz. Doch mein Recht ist bei dem HERRN und mein Lohn bei meinem Gott.

5 Und nun spricht der HERR, der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht bereitet hat, dass ich Jakob zu ihm zurückbringen soll und Israel zu ihm gesammelt werde – und ich bin vor dem HERRN wert geachtet und mein Gott ist meine Stärke -,
6 er spricht: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Völker gemacht, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde.

Man weiß nicht viel über diesen „Gottesknecht“. Einig sind sich die Gelehrten, dass er für die vor knapp dreitausend Jahren im Exil lebenden Israeliten schreibt und spricht. In einer Zeit, in der die Welt, an die man sich gewöhnt hatte, gerade aus den Angeln zu geraten scheint.

Denn der neue Herrscher Kyros lässt die Verbannten nach Jerusalem zurück! Darauf haben viele so lange gewartet und sind darüber in der Fremde gestorben und begraben. Jetzt plötzlich „fällt die Mauer“ und der Wind der Freiheit weht in die Gemeinde der Exilanten.

Und ähnlich wie 1989, als die Mauer zwischen Ost und West fiel, hat diese plötzliche Freiheit ganz sicher nicht nur Freude ausgelöst. Freiheit ist nicht nur schön, sie ist anstrengend, muss erarbeitet werden, damit sie Früchte tragen kann.

Ja, die Urgroßeltern schwärmten noch von der alten Heimat. Von der Pracht Jerusalems, von den Palästen, dem Haus Gottes, den Olivenbäumen …

Aber von denen, die jetzt lebten, hatte das niemand je gesehen. Für viele war Jerusalem nur ein Trümmerhaufen im Nirgendwo. Ein Ort, wo sich Fuchs und Hase ‚Gute Nacht‘ sagten. Man wusste:

Wenn wir dahin zurückkehren, das wird hart. Das war der große Unterschied zum Mauerfall 1989, als für uns im Osten der Westen in vielen Dingen wenigstens erstrebenswert, wenn nicht sogar golden war.

Also werden viele gesagt haben: Was würde dann aus all dem werden, was sie sich hier im Exil mühsam aufgebaut haben? Eigentlich ging es ihnen hier nicht schlecht, sie hatten Ein- und Auskommen, die Freundeskreise waren hier. Sollte man das einfach aufgeben für eine unsichere Existenz am Ende der Welt?

Hatte der Gott ihrer Mütter und Väter sie nicht längst verlassen? Wenn er der Allmächtige war – dann musste es doch sein Wille sein, dass ihre Vorfahren ihre Heimat verlassen und in der Verbannung leben mussten?

Da aber meldet sich der „Gottesknecht“ zu Wort.
Er hat ganz andere Erfahrungen mit Gott gemacht.
Er hat ihn wie der Psalmist aus Psalm 139 als den erlebt, der jeden Menschen kennt, ihn lebenslang begleitet und alles gibt, worauf es im Leben ankommt: Geborgenheit und Liebe. „Er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß meiner Mutter war“(V1): Alles, was ich habe und bin, verdanke ich ihm.

Gott hat mir die Gabe des klaren Wortes geschenkt, ich bin sein spitzer Pfeil in seinem Köcher, er verwahrt mich, bis er mich braucht. Und offenbar braucht er mich jetzt wieder einmal, damit ich mit euch Klartext spreche!

Man weiß außer von der Zeit seines Auftretens nicht viel mehr über den „Gottesknecht“. Darum löst Vers 3 unseres Textes bis heute vielfältig Verwirrung aus. Wie kann das gemeint sein: „Und er (Gott) sprach zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will“?

Was hat „Israel“ hier zu sagen? Fühlt sich der Gottesknecht etwa als persönlicher Vertreter eines ganzen Volkes? Oder ist dieser Vers nachträglich in diesen Text hineingeraten? Wie soll man das verstehen?

Ich denke, die Antwort auf diese Frage könnte viel einfacher sein. Uns ist dazu im Bibelgespräch am vergangenen Freitag die Geschichte 1. Mose 32 eingefallen, wo Jakob am Jabbok nach einem Ringkampf den Namen „Israel“ tragen soll: „Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen“ (V 29).

Vielleicht hat ja auch unser „Gottesknecht“ Israel als Namen getragen? Manch einem mag das vielleicht seltsam erscheinen, aber in Spanien zählte der Name in den 1970er Jahren sogar zu den 100 beliebtesten Jungennamen.

Wie auch immer – der „Gottesknecht“ weiß sein Leben von Gott getragen und geschützt. Und er stellt sein Leben in den Dienst dieses Gottes. Weil er wünscht, dass auch die Menschen um sich herum die Erfahrung von der Nähe Gottes machen.

Das wünscht er nicht nur den Menschen aus seinem Volk. Denn er weiß, dass JEDER Mensch Geschöpf Gottes ist. Selbst die Bibel erzählt immer wieder von Menschen, die auf der Suche nach Gott sind und ihm begegnen – und NICHT zum Volk Israel gehören.

Darum redet er Klartext: Ich habe schon oft gedacht, dass ich auf verlorenem Posten kämpfe. Jetzt aber können wir doch sehen, dass nichts verloren ist. Unser Volk ist wieder frei. Und egal, ob ihr jetzt nach Jerusalem zurückkehrt oder ob ihr hier bleibt oder was auch immer:

Gott ist den Menschen nahe, auch all denen, die euch nahe sind. Euren Freunden, Bekannten, Kollegen, aus welchem Land oder welcher Religion auch immer. Nicht nur, weil er ihr Leben schafft und erhält. Gott bietet so viel mehr: Das Licht, also die Erkenntnis dieser Wahrheit, und Heil.

Egal, was ein Menschenleben mit sich bringen mag, welche Entscheidungen man auch immer treffen mag: Bei Gott ist ein Leben nicht nur geborgen, sondern bekommt eine Richtung, seine Ausrichtung, seinen Sinn.

„Mein Recht ist bei dem HERRN“, so sagt das der Gottesknecht. Im Wort „Recht“ steckt so vieles, was dem Menschen gut tut: Gerechte Behandlung, Rechtssicherheit, Lebensrichtung. Gott bietet den Menschen all das, und all das ist kurz „Heil“.

Und „Heil“ Gottes gilt „bis an die Enden der Erde“. Das ist eine Beschreibung des Ortes UND der Dauer. Das Angebot des Heils Gottes gilt ÜBERALL, nicht nur in Jerusalem.

Daran hat ja auch später Paulus erinnert im Galaterbrief, aus dem wir vorhin gelesen haben: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau“ (Gal 3, 28). Gottes Zuwendung zu seinen kennt keine Grenzen, weder Herkunft noch Geschlecht noch Volkszugehörigkeit.

Diese Erfahrung erlebter Zuwendung Gottes zum Menschen zieht sich durch die ganze Bibel und damit durch Jahrtausende: Gottes Heil kennt keine Schranken, keine des Ortes und keine der Zeit. Dieses Heil trägt Menschen durch die Geschichte dieser Welt.

Meine Schwestern, meine Brüder:

Jedes Leben, jeder Tag kennt Rückschläge, Frustration und die Frage: Wie soll es jetzt weitergehen? „Ich … dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz…“ (V 4).

Auch meinem Vater sind diese Erfahrungen nicht erspart geblieben. Er wollte ja Missionar werden und hatte darum neben seinem Theologiestudium begonnen, an der Freien Universität Berlin Medizin zu studieren. Das war eine harte Zeit für ihn, aber er hatte trotzdem bereits sein Physikum bestanden – eine der hohen Hürden im Medizinstudium.

Dann aber kam der 13. August 1961, und die Freie Universität war für ihn, der in Oranienburg wohnte, nicht mehr erreichbar. Und alle Versuche, an einer anderen Uni im Osten Deutschlands sein Studium zu Ende zu bringen, scheiterten: Man hatte kein Interesse daran, dass ein Theologe auch noch Mediziner wurde, und schon gar kein Interesse daran, dass er auch noch als Missionar in die Welt zog.

„Ich … dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz…“: Das denken viele, wenn sie keine oder keine gute Arbeit finden, wenn die Ergebnisse ihrer Lebensmühe zu wünschen übrig lassen, wenn Krankheit und Leid das Leben treffen.

Und wenn man die Mitgliederentwicklung der Kirchen ansieht oder die Orientierungslosigkeit vieler Menschen, könnte man den Eindruck gewinnen, dass selbst Gott vergeblich arbeitet…

Dann aber kommt der „Gottesknecht“ und sagt: Das dachte ich auch einmal. Aber dann sagte Gott zu mir: Du bist mir wertvoll. Mein Heil reicht bis an die Enden der Erde.

Die Liebe Gottes,
die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes

sind Ursprung, Sinn und Ziel deines Lebens.
UNSERES Lebens.
AMEN

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