Das Ende der Sklaverei (1 Pet 1 18-22)

Unseren Gottesdienst an Okuli zum Nachhören – diesmal leider mit einem Fehler zu Beginn, sorry dafür – gibt es für vierzehn Tage hier zu finden.

Okuli: Augen
meine Augen sehen
Entscheidungen des Lebens
kosten
Kraft, Energie
Geld, Geduld
oft auch Tränen
Leben wird Last, bleischwer
es ist genug
Misserfolg
wie viel ich auch arbeite

Aber Gottes Auge sieht
sein Engel sagt Nein
denn was du brauchst, ist schon hier
du musst nicht zurück sehen

Wer seine Hand an den Pflug legt
und sieht zurück,
der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.
Lukas 9,62
***

Sklaverei. Ich will hier jetzt gar nicht darüber nachdenken, dass und warum „Slawen“ und „Sklaven“ dem gleichen Wort entstammen und was das für die Nutzung des Wortes „Sklave“ bedeuten könnte. Darüber kann man seitenweise sehr Aufschlussreiches nachlesen, auch im Internet – das kann ich nur empfehlen, wenn euch das interessiert.

Jetzt geht es mir vielmehr um das gesellschaftliche Phänomen, das „Sklaverei“ genannt wird von dem wohl alle hier schon irgend etwas gehört haben.

Sklaverei als gesellschaftlich-politisches System sehen die meisten von uns wahrscheinlich als sicher überwunden an. Die bibelkundigeren wissen, dass das schon das Volk Israel in der Sklaverei Ägyptens war und dass auch über tausend Jahre danach die Sklaverei nicht nur bei den Römern unverzichtbarer Bestandteil des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens war.

Sklaven als billige Arbeitskräfte waren sowohl für die Herstellung von Waren, für die Landwirtschaft oder als Hauswirtschaftskräfte oder Diener ebenso unverzichtbar wie in Kriegen oder Schaukämpfen zur Zerstreuung der Reichen und ihrer Familien.

Sklaven waren mit ihrem Hab und Gut und oft auch mit ihrem Leben Eigentum der Sklavenhalter. Manche Gesellschaft ließ ihnen einige Rechte, manche Gesellschaft nahm den Sklaven alle. Gemeinsam ist den Sklaven, dass sie nirgends die gleiche Rechte wie Freie hatten.

Im Extremfall durften Sklaven sogar straflos von ihren Eigentümern umgebracht werden. Man hatte das Recht auf seiner Seite, wenn man Sklaven erwerben, verkaufen, mieten, vermieten, verschenken und vererben, manchmal eben sogar töten wollte.

Und dieses System der organisierten Menschenverachtung funktionierte durch Jahrtausende hindurch. Selbst die sogenannte „freie Welt“ in Nordamerika kam ohne jahrhundertelange Sklaverei auf Baumwollfeldern oder Tabakplantagen nicht aus.

Dabei hat die „freie Welt“ die Sklaverei natürlich nicht erfunden, aber gerne weiter betrieben und perfektioniert: Gab es im Jahr der Unabhängigkeitserklärung 1776 der USA dort ungefähr eine halbe Million Sklaven, waren es zu Zeiten des Bürgerkrieges 1865 dann schon über vier Millionen.

Im 19. Jahrhundert wurde die Sklaverei dann endlich systematisch zurück gedrängt. In Großbritannien wurde sie 1834 verboten (allerdings bei großzügiger Entschädigung der Sklavenhalter), in den Niederlanden erst knapp dreißig Jahre später, in Brasilien 1888.

In Preußen wurde die Sklaverei bereits 1857 verboten, was freilich Hitler später nicht daran hinderte, andere Menschen massenhaft zu Untermenschen zu erklären und zu versklaven.

Heute gibt es kein Land mehr auf der Welt, in denen Sklaverei nicht offiziell verboten wäre. Die letzten Länder, die sie verboten haben, waren 1962 Saudi-Arabien und im Jahr 1980 Mauretanien.

Doch es gibt auch viele moderne Formen der Sklaverei, die nur anders heißen: Politische Gefangenschaft mit Zwangsarbeit in Lagern und Fabriken, Kinderarbeit, Zwangsprostitution, Rekrutierung von Kindersoldaten sowie immer noch die klassischen Formen der Leibeigenschaft und der ungehemmten wirtschaftlichen Ausbeutung von Menschen, die rechtlos gehalten werden.

Und DIESE Sklaverei gibt es auch heute noch. Untersuchungen sagen, dass sie am weitesten verbreitet in Nordkorea ist – gefolgt von Eritrea, Mauretanien, Saudi-Arabien, der Türkei, Tadschikistan, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Russland, Afghanistan und Kuwait.

Viele von denen, die sich in den Gemeinden zur Zeit des 1. Petrusbriefes treffen, sind selbst Sklaven. In Sklaverei geboren oder bei Kriegen aus der Heimat entführt. Sie gehören nicht sich selbst, sie werden mit Silber und Gold auf Sklavenmärkten gehandelt. Ihre Muskeln werden gemessen, ihre Nützlichkeit geprüft, ihr Wert vereinbart. Manche von ihnen sind alt und ihr Wert gleicht dem eines Besens in der Ecke und einer Schaufel, die an der Wand lehnt.

Es gibt auch Sklavenhalter in den Gemeinden. Darunter sicher auch solche, die in dieses System einfach nur durch ihre Eltern hineingewachsen sind. Die ihre Sklaven geerbt haben und die sie nicht einfach so frei lassen könnten, ohne ihren eigenen Lebensunterhalt aufs Spiel zu setzen. Konkurrenzdruck ist eben überall – man kennt das ja, und das Überwinden eines von Menschen eingerichteten Systems ist wirklich sehr schwer, selbst wenn man es als problematisch oder gar falsch erkannt haben sollte.

Das hatte auch Paulus erkannt. Er wollte darum auch nicht darauf drängen oder gar warten, dass sich dieses System auflöste. JETZT musste sich etwas für die Menschen bessern. Darum forderte er Sklaven und Sklavenhalter auf, sich IN diesem System für einen neuen Umgang miteinander einzusetzen.

Sklaven, Sklavenhalter und Freie aber haben eines gemeinsam: Sie wussten genau, wovon die Rede ist, als ihnen Petrus viele Jahre nach Paulus ins Gedächtnis rief: Ihr seid freigekauft worden (18). Ich lese den Bibeltext für heute aus 1 Pet 1 ,18-21 in der Übersetzung der Zürcher Bibel:

18 Ihr wisst doch, dass ihr nicht mit Vergänglichem,
mit Gold oder Silber, freigekauft wurdet
aus einem Leben ohne Inhalt,
wie es euch von den Vätern vorgelebt wurde,
19 sondern mit dem teuren Blut eines makellosen,
unbefleckten Lammes,
mit dem Blut Christi.
20 Ausersehen dazu war er
vor Grundlegung der Welt,
erschienen aber ist er
am Ende der Zeiten,
um euretwillen,
21 die ihr durch ihn an Gott glaubt,
der ihn von den Toten auferweckt
und ihm die Herrlichkeit verliehen hat.
So können sich euer Glaube
und eure Hoffnung
auf Gott richten.

Was ein Sklave ist, welches Leben er führt, welche Zukunft er hat – alle in den Gemeinden wissen das. Und darum wissen auch alle, was es für einen Sklaven bedeutet, frei gekauft zu werden. Die alten Besitzer verlieren ihre Rechte an dem Sklaven, und für den Sklaven beginnt ein völlig neues Leben, in dem nur noch wenig so ist wie es vorher war. Er wird befreit aus einem „Leben ohne Inhalt“, in das er ohne eigenes Zutun geraten ist.

Wie ist diese Befreiung möglich geworden, ohne das Menschensystem zu verändern?
Die Gemeinden werden von Petrus daran erinnert, dass sie nicht mit Gold oder Silber freigekauft wurden. Diese edlen Metalle werden sogar als „vergänglich“ bezeichnet, obwohl sie damals und heute Inbegriff für „Unvergängliches“ sind. Doch alle wissen: Nichts auf dieser Welt ist unvergänglich.

Womit sind sie DANN losgekauft?
Petrus redet hier wie von einer Opfergabe: Er redet von dem Lamm Gottes. Von einem Lamm, wie es seit dem Ende der Sklaverei in Ägypten zum Passahfest geschlachtet wird.

Im Unterschied zu diesen Lämmern ist es aber völlig makellos und „unbefleckt“, was es auf dieser Welt nicht gibt. Denn dieses Mal haben nicht Menschen, sondern Gott selbst dieses Opfer erbracht.

SEINE Passion, seine Leidenschaft für diese Welt und die Menschen, die im Tod seines Sohnes am Kreuz sichtbar wurde, ist hier als DAS Opfer schlechthin verstanden. Ohne jeden Makel, nicht von dieser Welt, schon darum nicht wiederholbar, endgültig für alle Zeit. Das Blut Christi am Kreuz: Unvergänglich und einzigartig, unendlich wertvoller als schnödes Gold und Silber.

Denn hier ist nicht irgendwer aus der Zeit der Welt ans Kreuz gegangen, sondern der, der ewig ist, schon vor der Schöpfung war, der Sohn Gottes. Der eins mit Gott und alles in allem ist, dem man darum auch nichts nehmen kann, nicht einmal das Leben.

Als Gott in Christus auf diese Welt kam, brach das Ende der Zeiten an: Das Ende aller Grenzen, die diese Welt kennt. Zeit geht auf in der Ewigkeit Gottes. Der Messias setzt das Ende der Weltzeit. Danach ist nichts mehr so, wie es vorher war.

Wovon sind sie losgekauft?
Petrus schreibt: Aus einem Leben ohne Inhalt. Und er meint: Aus einem Leben ohne Gott. Das hat Gott sich viel kosten lassen. Das Blut seines Sohnes war ihm nicht zu schade. Weil er so den Menschen SO nahe kam, dass sie ihn besser verstehen konnten. Nah in Zeit und Raum.

Was ist jetzt anders als vorher?
Freigekauft aus den Fesseln dieser Welt können sie den Kopf heben. Ihre Augen können klarer sehen. Okuli: Ihre Augen sehen in Gottes Augen und können erkennen, wie gut er es mit ihnen meint.

Und was können die Losgekauften jetzt machen?
Sie können die Fesseln und die Spuren, die die Welt an ihnen hinterlassen hat, hinter sich lassen. Sie können spüren, wie bedingungslos sie sich auf Gott verlassen können. Gott, der den Tod dieses Lebens auf sich nimmt, um das Leben neu zu definieren. Das lohnt Glaube und Hoffnung.

Meine Schwestern meine Brüder,

als ich diesen Bibeltext las, dachte ich zuerst: Ein schöner Text. Eine wunderbare Liebeserklärung, die ihresgleichen sucht. Was kann mir Gott Besseres als Freiheit schenken? Okuli: Meine Augen sehen neues Leben, weil Gott es mir schenkt.
Weil er sich selbst schenkt.

Doch ich gehöre nicht mehr in das System der Sklaverei. Sie ist abgeschafft, verboten. Und in meinem Alltag versuche ich, den modernen Formen der Sklaverei entgegenzuwirken, so gut ich kann. Immer mehr nachhaltig zu kaufen, nicht nur beim Essen, sondern auch bei der Kleidung. Mich politisch einzusetzen gegen all das, was es an moderner Sklaverei gibt.

Ihr werdet das sicher in eurem Alltag auch versuchen. Auch wenn wir ahnen, dass wir in zu unseren Lebzeiten nicht erleben werden, dass auch die moderne Sklaverei aus der Welt verschwindet. Irgendeinen Putin gibt es immer. Leider.

Doch fühle ich mich darum selbst wie jemand, der zum System Sklaverei gehört? Fühle ich mich wie jemand, der freigekauft werden müsste aus einem Leben ohne Inhalt, in das mich meine Eltern geboren haben? Kann ich mir überhaupt noch VORSTELLEN, was es heißt, freigekauft zu werden?

Doch in allem Zweifel daran sehe ich jetzt auch klarer: Ja, ich kann. Denn das System der INNEREN Sklaverei umgibt mich Tag um Tag, nimmt mich gefangen macht mich zum Sklaven, und manchmal denke ich, es wird immer stärker, je weiter die äußere Sklaverei zurückgedrängt zu sein scheint.

Sklave zu sein meiner eigenen Vorstellung vom Leben: DA hinein bin ich geboren. Wie sehr habe ich mich daran gewöhnt: An meine Wahrheit, an meinen Verstand, an meine Sicht.

Ich fühle mich im Recht und sehe nur noch selten, wie oft ich die anderen um mich herum wie auf dem Sklavenmarkt anschaue: Ihre Muskeln abmesse, ihre Nützlichkeit prüfe, ihren Wert ermittle.

Und wie viel mir daran liegt, dass ich selbst auf diesem Markt bestehe: Dass ich nicht wie ein Besen in der Ecke oder die Schaufel, die an der Wand lehnt, übersehen oder gar vergessen werde. Und dabei merke ich oft gar nicht mehr, dass nur Menschen auf diesem Markt sind.

Gott mag zwar auch da sein. Doch Petrus hat keinen Zweifel: Nur, um mich frei zu kaufen. Mir die Augen für ein neues Leben in FREIHEIT zu öffnen. Und Petrus sagt auch im Vers NACH unserem Bibeltext, wozu Gott mich freikauft. Ich bin jetzt:

… frei für die Liebe unter Brüdern und Schwestern, die keine Verstellung kennt; so liebt denn einander aus reinem Herzen, ohne nachzulassen! (V 22)

Von Mark Twain stammt der Satz: „Mir bereiten nicht die unverständlichen Bibelstellen Bauchschmerzen, sondern die, die ich verstehe“.

Liebt denn einander aus reinem Herzen, ohne nachzulassen! Spätestens bei diesem Satz beginnen diese Twain- Bauchschmerzen bei mir. Denn ich sehe, wie schwer es ist, von diesem Inneren Sklavenmarkt dieser Welt herunter zu kommen, ohne Schaden zu nehmen.

Ich sehe, wie schwer es ist, den Anderen nicht abzumessen, seine Nützlichkeit zu prüfen, seinen Wert zu ermitteln. Wie schwer es ist, nicht darauf zu vertrauen, von anderen Menschen abgemessen und auf Nützlichkeit geprüft zu werden. Dass es mir aus eigener Kraft wohl nie gelingt, diesen Markt zu verlassen, und zwar endgültig.

Ich sehe, wie nötig ich es habe, dass Gott mich freikauft, mich die Welt durch seine Augen erkennen lässt. Dass Gottes Passion, seine Leidenschaft mir gilt und ich einen Neuanfang machen kann.

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes

lösen aus einem Leben ohne Inhalt.
Und sie kaufen auch euer Leben frei.
AMEN

Heute ein Lied, älter als unser ältestes Gesangbuch, das ja in diesem Jahr 500 Jahre Bestehen feiern kann:

EG 75
1. Ehre sei dir, Christe, der du littest Not,
an dem Stamm des Kreuzes für uns bittern Tod,
herrschest mit dem Vater in der Ewigkeit:
Hilf uns armen Sündern zu der Seligkeit.
Kyrie eleison,
Christe eleison,
Kyrie eleison.
2. Wäre nicht gekommen Christus in die Welt
und hätt angenommen unser arm Gestalt
und für unsre Sünde gestorben williglich,
so hätten wir müssen verdammt sein ewiglich.
Kyrie eleison,
Christe eleison,
Kyrie eleison.
3. Darum wolln wir loben, danken allezeit
dem Vater und Sohne und dem Heilgen Geist;
bitten, dass sie wollen behüten uns hinfort,
und dass wir stets bleiben bei seinem heilgen Wort.
Kyrie eleison,
Christe eleison,
Kyrie eleison.

Dieser Beitrag wurde unter Predigten abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.