Liebe zum Gesetz (Mt 5 17-20)

Gott erwählt Israel
eine unlösbare Verbindung
für IHN
und doch offen für alle
auf der Suche nach dem Reich Gottes

Wohl dem Volk, dessen Gott
der HERR ist
dem Volk,
das ER zum Erbe erwählt hat!
Ps 33,12
***
Ich lese den Predigttext aus Mt 5 17-20.
Da sagt Jesus zu seinen Jüngern:

17 Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.
18 Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht.
19 Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich.
20 Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.

LASST UNS BETEN:
Gott der Liebe, in Jesus bist du Mensch geworden,
inmitten des jüdischen Volkes, zum Heil der Welt;
du bist treu geblieben dem Volk, das du erwählt hast.
Du hast dazu Menschen aus allen Völkern deiner Welt zu deinem Volk berufen.
Stärke unser Verlangen nach deinem Reich, in dem beide,
Juden und Christen, mit allen Menschen vereint sein werden,
dich zu loben in Ewigkeit.
AMEN

GNADE SEI MIT EUCH und Friede von dem, der da war,
der da ist und der da kommt. Amen.

Natürlich geht es beim Israelsonntag für unsere Kirche um die Frage, in welchem Verhältnis wir zu Israel und dem Judentum stehen. Es gibt gute Gründe, wenigstens ein Mal im Jahr intensiver darüber nachzudenken, dass Antisemitismus eine seiner Wurzeln bedauerlicherweise auch in kirchlicher Predigt gefunden hat. Das gilt es nicht nur zu bekennen, sondern auch darüber nachzudenken, wie es dazu hat kommen können und immer noch kommt.

Einer der Gründe liegt für mich in einer großen Sprachverwirrung. Jede Sprache ist leider vieldeutig. Man kann mit menschlichen Worten eben nichts eindeutig ausdrücken, wenn es um die Frage nach Gott geht.

Nehmen wir nur einmal das lateinische Wort „Religion“. Wörtlich übersetzt bedeutet das zunächst einmal nur „gewissenhafte Berücksichtigung“ oder einfach „Sorgfalt“. Es hat damit die gleiche Wurzel wie das Verb „religare“, was „rückbinden“ oder „anbinden“ bedeutet.

Woran binde ich etwas? Darum geht es, bezogen auf mein Leben: Woran mache ich es fest, mein Leben, damit es nicht losgerissen und verloren geht? So gesehen ist jeder Mensch religiös. Wenn er sich die Frage nach dem Sinn seines Lebens stellt, stellt er eine Rück- oder Anbindungsfrage.

Seine ANTWORT ist dann das, woran er glaubt: Vielleicht glaubt er daran, dass er sein Leben an Geld binden kann. Luther im großen Katechismus: „Es ist mancher, der meint, er habe Gott und alles genug, wenn er Geld und Gut hat, verlässt und brüstet sich darauf so steif und sicher, dass er auf niemand etwas gibt. Siehe, dieser hat auch einen Gott, der heißt Mammon, das ist Geld und Gut, darauf er all sein Herz setzt“

Manch einer kennt das Zitat schon, hier nutze ich es, um zu sagen: Auch der, der sein Leben dem Mammon opfert, hat seinen Gott gefunden. Das wissen die Menschen eigentlich schon immer, Luther hat daran erinnert, ich erinnere heute: Es hat wohl jeder Mensch seinen Gott, vielleicht nicht zu jeder Zeit denselben, aber er hat einen.

Also hat auch jeder SEINE Antwort auf die Religionsfrage: Woran hängst DU dein Leben, dein Herz? Und diese Antwort ist in jedem Falle eine PERSÖNLICHE Antwort. ICH antworte. ICH glaube, dass ich damit für MICH richtig liege. ICH bekenne.

Da sind wir bei dem nächsten sehr vielschichtigen lateinischen Wort: Konfession. Das Substantiv „confessio“ bedeutet wörtlich Geständnis, Bekenntnis, Beichte. In Bezug auf die Religionsfrage bekenne ICH, dass ich glaube, mein Leben an den Gott zu hängen, der Himmel und Erde und auch mich geschaffen hat.

Doch was GENAU ich damit meine – wenn ich das beschreiben sollte, füllt das sicher ein ganzes Buch. Und wenn IHR das für EUCH beschreiben solltet, wäre das ziemlich sicher NICHT dasselbe Buch. Mein Bekenntnis ist MEINES, nicht unseres, nicht eures. Vielleicht sind sie sich ähnlich, dann könnten wir uns unter dem Bekenntnis „evangelisch-reformiert“ versammeln und gemeinsam weiter über Gott nachdenken.

Unsere Voraussetzungen sind dann vielleicht ähnlich – aber ganz sicher nicht dieselben. Umgangssprachlich aber redet man von „Weltreligionen“, meint aber Bekenntnisgemeinschaften. Man redet von „Konfessionen“, meint aber eigentlich kleinere Gruppen innerhalb von Bekenntnisgemeinschaften.

Wenn man sich all dessen bewusst ist, ahnt man auch, dass es mit dem Gesetz genau so kompliziert ist wie mit „Religion“ und „Konfession“. Und „Gesetz“ ist ja eines der Schlüsselworte, um das es im Predigttext geht. DIE Propheten sind da auch genannt, die lasse ich heute mal beiseite, ihr ahnt: Ich würde morgen noch hier stehen und reden, und ihr wäret alle längst nach Hause gegangen.

Wovon redet Jesus, wenn er vom Gesetz mit seinen kleinsten Buchstaben und Tüpfelchen redet? Redet er von den zehn Geboten? Oder von allen Geboten, die in seiner Heiligen Schrift, also dem ersten Teil unserer Bibel stehen?

Jemand hat sich die Mühe gemacht, sie einmal durchzuzählen, und ist auf die stolze Zahl von 613 Geboten gekommen. Da ist mir die Lust vergangen nachzuzählen, ob das stimmt. Denn jeder von uns weiß doch, wie schwer es im Alltag ist, allein die zehn Gebote zu befolgen. „Keine anderen Götter haben neben“, „nicht falsch Zeugnis reden“, „nicht begehren“ – wer von uns hat nicht schon mal eines übertreten? Und da ist es völlig unerheblich, ob man das Bildergebot mitzählt oder nicht.

Mir fällt der reiche junge Mann ein, der zu Jesus kommt und sagt, er habe alle Gebote gehalten „von meiner Jugend auf“. Jesus widerspricht ihm nicht. Aber ist es möglich, dass der reiche junge Mann sich NICHT irrte? Und wenn tatsächlich nicht: Dann bleibt ihm der Zugang ins Gottesreich doch versperrt, weil ihm sein Reichtum im Weg liegt und eben NICHT das mangelhafte Befolgen aller Gebote: Eher kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr, „als dass ein Reicher in das Reich Gottes komme“ (Mk 10, 25 par)…

Und kurz nach unserem Predigttext sagt Jesus z.B: „Ihr habt weiter gehört, dass zu den Alten gesagt ist (3.Mose 19,12; 4.Mose 30,3): Du sollst keinen falschen Eid schwören und sollst dem Herrn deine Eide halten.“ Ich aber sage euch, dass ihr überhaupt nicht schwören sollt (33f)… Ist Jesus selbst dann nicht auch einer, der „das Gesetz“ aushebelt, SELBST WENN er es einfach nur verschärft?

Oder wenn man Jesus so versteht, dass Ehebruch schon mit dem WUNSCH zum Ehebruch beginnt und „was Gott verbunden hat, das soll der Mensch nicht scheiden“: Was ist dann mit den Menschen, die in ihrer Ehe endgültig scheitern, die leiden unter Lieblosigkeit oder gar Gewalt? Wie soll sich das mit „Liebe“ vereinbaren lassen?

Und das haben wir doch zu Beginn nach Markus 12 gehört, wo Jesus sagt: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft (5.Mose 6,4-5). Das andre ist dies: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst (3.Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese. Wie also verträgt sich das Doppelgebot der Liebe mit einer solchen gescheiterten Ehe?

Was also meint Jesus, wenn er kein Tüpfelchen vom Gesetz verloren geben will? Ist das Reich Gottes dann in letzter Konsequenz: LEER? Weil es niemanden mehr gibt, der die Einlasskontrolle übersteht?

Jesus KANN weder Buchstaben noch Menschen-Worte meinen, wenn er das sagt. Es MUSS um etwas anderes gehen. Und ich glaube, dass das Doppelgebot uns da weiterhelfen kann.

Jesus und der Schriftgelehrte sind sich nämlich in dieser Frage EINIG. Das Doppelgebot der Liebe IST das größte unter allen Geboten. Darum sagt Jesus am Ende dieses Gespräches zum Schriftgelehrten: „Du bist nicht fern vom Reich Gottes.“ (Mk 12, 34).

Und das heißt doch:
Die Liebe ist alles, ohne Liebe ist alles nichts.
Durch die vielen menschlichen Wörter von Gesetzen, Geboten und Ordnungen scheint der Geist des Wortes Gottes, der sich in der Liebe manifestiert. Bei dem „Tüpfelchen“ geht es also um den Kern, den Geist HINTER den Worten. Das Himmelreich gehört also denen, die vom Geist der Liebe Gottes ergriffen werden.

Wenn Matthäus in unserem Predigttext von der „Gerechtigkeit der Schriftgelehrten und Pharisäer“ redet, spricht er von einer Gerechtigkeit, die von diesem Geist WEGFÜHRT. Von einer Gerechtigkeit, die sich an Wörtern, Ausführungsbestimmungen und Formeln festhält.

Auch das ist eine Konfession: Der Glaube daran, dass Buchstabentreue zu Gott führen muss. Aber dieser Glaube verkennt, dass jedes Wort, auch jedes Wort der Bibel, MENSCHENWORT ist. Nicht einmal die zehn Gebote sind vom Himmel gefallen, kommen direkt aus dem Mund Gottes.

Nicht umsonst beschreibt die Bibel, dass die Gesetzestafeln zunächst zerbrochen wurden und schließlich sogar die Abschriften verloren gingen: Kein Mensch kann heute also wissen, was je auf ihnen zu lesen gewesen sein soll. Selbst wenn er die Bibel auswendig kennt.

Aber wir können mit Jesus und dem Schriftgelehrten sagen: Ich glaube fest daran, dass es keine größeren Gebote Gottes als das Doppelgebot der Liebe gibt.
Das ist die Konfession Jesu.
Das ist die Konfession des Schriftgelehrten nach dem Markusevangelium.

Das ist MEINE Konfession, MEIN Bekenntnis. Daran hänge ich mein Herz, daran hängt mein Leben: Das Tüpfelchen des Gesetzes, auch das Tüpfelchen der Propheten, alles, was in der Bibel steht, muss sich messen lassen am höchsten der Gebote: Dem Doppelgebot der Liebe.

Meine Schwestern, meine Brüder:

Jesus sagt, er sei nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. WARUM sagt Jesus das? Ja, sicher will er mit einem Gerücht aufräumen, dass er gekommen sei, die Tora aus den Angeln zu heben oder madig zu machen.

Aber das ist nur ein historisches Gezänk an der Oberfläche. Jesus will damit ganz offenbar weg von jeder Wortklauberei und hin zum Kern: Der LIEBE ZU GOTTES GESETZ.

Es ist diese Liebe zum Gottesgesetz,
von der wir in Psalm 119 lesen können:

89 HERR, dein Wort bleibt ewiglich, so weit der Himmel reicht;
90 deine Wahrheit währet für und für.
92 Wenn dein Gesetz nicht mein Trost gewesen wäre,
so wäre ich vergangen in meinem Elend.
93 Ich will deine Befehle nimmermehr vergessen;
denn du erquickst mich damit.
97 Wie habe ich dein Gesetz so lieb! Täglich sinne ich ihm nach.
105 Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.
106 Ich schwöre und will’s halten:
Die Ordnungen deiner Gerechtigkeit will ich bewahren.

Wort, Gesetz, Ordnung, Befehle: Solange all das von Gott kommt, ist es dem Psalmisten Balsam auf seiner Seele. Trost in allem Elend. Darum kommt es aus seinem Herzen: Wie habe ich dein Gesetz so lieb, Gott!

Ich glaube: Diese Liebe bei seinem Volk wieder zu erwecken und wach zu halten – darum geht es Jesus in allem, was er lehrt oder tut. Darum glaube ich, dass er der Messias Israels ist. Gottes Sohn, der mir den Weg zum Gott Abrahams und Saras nicht nur zeigt, sondern öffnet.

Und ich hoffe und bete, dass er in mir diese Liebe zu Gott wach hält, so lang ich lebe. So, wie er sie in mir geweckt hat. Und ich wünsche und bete, euch solle es genauso gehen, dass ihr euer Herz an den Geist des Gesetzes Gottes hängt.

Dann wird es uns allen so gehen wie so vielen vor uns:

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes

macht uns zu einem KÖNIGREICH von Priestern,
zu EINEM heiligen Volk,
zu GOTTES Eigentum.

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