ER hat etwas verloren (Luk 15 1-10)

Wie weit entfernt der Mensch auch ist
einen Augenaufschlag weit
oder am Ende der Welt
Gott ist nahe
denn Christus geht ihnen nach

Sein Ruf ist hörbar
unser Blick frei
auf seine Gerechtigkeit
am letzten Tag der Welt
Er sucht die Verlorenen
wirbt um Rückkehr
schon heute

Der Menschensohn ist gekommen,
zu suchen und selig zu machen,
was verloren ist.
Lukas 19,10
***

Dieser Tage in einer Brandenburger Kleinstadt: Ein Vierjähriger Junge wird von der Polizei aufgegriffen. Er hat sich in einem Supermarkt die Hosentaschen mit lebenswichtigen Dingen vollgestopft – medizinische Masken, Kaugummi und genug Eis für den Weg. Letzteres hatte er natürlich nicht in den Hosentaschen, sondern in der Hand. Und bezahlt hatte er seinen Einkauf auch nicht.

Als die Polizei den jungen Herren bei seiner Mutter auf deren Arbeitsstelle abliefert, fällt die fast vom Bürostuhl vor Schreck. Was hätte nicht alles passieren können!

Aber die, die diese Geschichte im Radio erzählten, waren durchaus amüsiert: Was für ein Pfundskerl! Mit vier Jahren! Sogar an die Corona-Masken hat er gedacht! Ob wir das auch gemacht hätten? Wir mit vier?

Ich lache zunächst mit und denke dann: Wie gut, dass ich eine Tochter habe. Die wäre auf solche Idee niemals gekommen. Anders als meine beiden Neffen, die zumindest auf dem Fußballplatz kaum eine Katastrophe ausließen, die ihren Eltern dann die Haare zu Berge stehen ließ.

Später aber musste ich an den Kindergarten denken. Der war Ausgangspunkt dieses Knabenausflugs. Irgendwie war der Junge beim Spielen ausgebüchst und auf direktem Wege in den immerhin tausend Meter entfernten Markt zum Einkauf losgezogen.

Wenn das in der Kita in „meinem“ Diakonischen Werk passiert wäre … ich möchte das nicht erleben müssen.

Ich möchte auch nicht in der Haut dessen stecken, der für die Aufsicht auf dem Spielplatz verantwortlich war. Das Wetter ist schön, ein paar Kinder zanken sich und müssen beruhigt werden, einer pinkelt sich in die Hose und braucht neue Sachen, ein Mädchen holt sich eine Schramme am Sandkasten und muss ein Pflaster kriegen, und wenig später … fehlt ein Kind.

Alle Sorge und Mühe um die Kinder – vergebens, denn ein Kind ist verloren, und guter Rat teuer. Der größte anzunehmende Unfall dieser Berufskarriere – ein Kind verloren. Mit unangenehmen Folgen – so sicher wie das Amen in der Kirche.

Damit das hier niemand falsch versteht, sage ich besser: Todsicher. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Eltern des Jungen richtig Ärger machen, liegt bei deutlich über 90 %. Und wird ein Fehler nachgewiesen, steht der in der Personalakte und wird die nächsten Berufsjahre bestimmen.

Verloren: Eigentlich ist das in dieser Geschichte nicht das Kind, sondern der Mensch, der im Kindergarten diesen Ausflug hätte verhindern müssen. Der Junge dagegen hat sich wahrscheinlich auf seinem Ausflug ziemlich glücklich und kaum verloren gefühlt.

Sich verloren fühlen. Nicht nur, wenn einem so etwas Schlimmes passiert. Wenn man nach jahrzehntelanger Partnerschaft plötzlich allein dasteht, weil der andere stirbt oder geht. Wenn alle Mühen, sein Leben so in den Griff zu bekommen, dass man sich in ihm wohlfühlen kann, scheitern.

Das hat nicht immer mit eigenem Versagen oder Schuld zu tun. Auch Fremdverschulden ist nicht immer die Ursache. Manchmal ist es einfach das Leben. Es ist manchmal einfach zu unsicher und zu lebensgefährlich. Es hat viele Momente zwischen Geburt und Tod, in denen wir verloren gehen könnten. Uns selbst, unserem Leben.

Der Akademiker, den das Gefühl in Fesseln legt, umsonst jahrelang studiert und sich beworben zu haben, weil niemand seine Arbeitskraft zu brauchen scheint.
Der Obdachlose, der auf der Parkbank oder unter der Brücke schlafen muss.
Der Alkoholiker, der nicht von seiner Droge loskommt und spürt, wie er mehr und mehr im Nichts versinkt.
Die über 500.000 Menschen, denen allein in Brasilien der Coronavirus den ganz sicher nicht leichten Tod brachten.
82,4 Millionen Menschen, die im vergangenen Jahr auf der Flucht waren. Die vielen Kinder und Jugendlichen unter ihnen, die dabei ums Leben kamen, die meisten von ihnen ertrunken im Mittelmeer.
Der Glaubende, dessen Zweifel so groß werden, dass er seinen Glaubensverstand zu verlieren droht.

Es ist schon etwas anderes, ob man ETWAS verliert oder sich selbst. Ich merke, dass ich gerade eine andere Perspektive beim Nachdenken über das Verlorene eingenommen habe als sonst.

Sonst habe ich meist über das nachgedacht, was verloren ging: Schlüsselbund, Ausweis, Geldbörse. Und hier in der Kirche über das verlorene Schaf, den verlorenen Denar, den verlorenen Sohn.

Aus der Perspektive dessen, der nun suchen gehen muss. Das ist schon aufregend, ärgerlich und anstrengend genug. Man stelle sich vor, man will nach Schweden in den Urlaub, die Fähre fährt in acht Stunden und der Ausweis ist weg… Doch die Lage eines Menschen, der SICH verloren weiß oder auch nur fühlt, ist ungleich schlimmer.

Jetzt der Predigttext, es sind die ersten zehn Verse aus Lukas 15.

Oft kamen irgendwelche Geldeintreiber und andere Leute, die überall total unbeliebt waren, zu Jesus, um ihm zuzuhören. Die Pharisäer und die Theologen fanden es total uncool, dass er sich mit so einem Pack überhaupt abgab. Deshalb brachte Jesus mal wieder einen Vergleich:

„Mal angenommen, jemand hat zwanzig Katzen, und eine davon würde aus dem Fenster springen und weglaufen, dann würde er sofort die neunzehn Kätzchen alleine zuhause lassen, um das eine Kätzchen zu suchen!

Wenn er es schließlich auf einem Baum gefunden hat, wird er sich tierisch freuen, es auf den Arm nehmen, lange streicheln und es dann wieder nach Hause bringen. Zu Hause wird er erst mal ein paar Freunde anrufen und die Nachbarn einladen, um jedem diese gute Nachricht zu erzählen: ‚Ich hab mein Kätzchen wiedergefunden!‘

Genauso steigt eine große Party im Himmel wegen jedem verlorenen Menschen, der zu Gott zurückfindet – im Gegensatz zu den neunzehn anderen, die es nicht nötig hatten umzudrehen.

Noch ein anderes Beispiel: Eine Frau hat tausend Euro gespart und in einem Umschlag irgendwo versteckt. Plötzlich ist das Ding weg. Wird sie da nicht alle Lampen anmachen und die Schränke durchwühlen, bis sie die tausend Euro wiedergefunden hat?

Und wenn sie die dann wiederfindet, wird sie nicht vor Freude total abgehen, ihre Freundin anrufen, damit die sich mitfreuen kann, weil das Geld wieder da ist? Ganz genau so freut man sich im Himmel, wenn auch nur ein Mensch, der nicht an Gott geglaubt hat, damit anfängt, sein Vertrauen auf ihn zu setzen.“

Das kam heute einmal in ungewohnter Form aus der Volxbibel von Martin Dreyer (2. Auflage). Für mich sehr anregend:

Einmal NICHT nachdenken über das verlorene Schaf. Oder den verlorenen Denar, der zum Groschen und damit für uns heute zum Kleingeld wurde.

Denn jedes Mal, wenn es in Gesprächen um diesen Text geht, geht es zuerst um Fragen wie: Das alles für einen Groschen? War der damals mehr wert als heute? War die Frau nicht zu leichtsinnig?

Oder: Hat der Schäfer denn seine Arbeit ordentlich gemacht? Lässt der die 99 Schafe einfach zurück, nur um Nummer 100 zu suchen? Ist das nicht verantwortungslos?

Zwanzig Katzen aber oder tausend Euro muss man nicht weiter hinterfragen, selbst wenn man selbst nie zwanzig Katzen in seiner Wohnung haben oder tausend Euro im Briefumschlag verstecken würde.

WENN einer zwanzig Katzen hat, dann, weil er Katzen liebt.
Und wenn einer tausend Euro lieber im Schrank versteckt als auf der Bank deponiert, kann man sich viele gute Gründe dafür vorstellen.

Hier aber rückt in jugendlicher Alltagssprache vor allem die FREUDE in den Vordergrund, die das Finden auslöst. Und der Suchende. Wie er sein Kätzchen auf den Arm nimmt und erst einmal lange streichelt. Viel Trost und Zärtlichkeit liegen in diesen Worten. (Ausnahmsweise mal mit Wegen und dem Dativ.)

Und die Party, die dann stattfindet, passiert NICHT einfach zum Zeitvertreib oder um Spaß zu haben. Nicht so wie die nächtlichen Partys von Freitag bis Sonntag an der Jahrtausendbrücke, wo man sich dieser Tage trifft, um gemeinsam zu feiern, dass der Alltag Wochenend – Pause machen muss und man bei der Hitze in die Havel springen kann.

Diese Party aber ist eine Feier, bei der es etwas zu feiern gibt: Einer hat etwas wiedergefunden. SEINEN SCHATZ. Oder zumindest einen wichtigen Teil davon. DAS feiert er. Und seine Gäste wissen und spüren das. Und lassen sich von dieser Freude anstecken. Und feiern mit.

So wird das Thema dieses Sonntages transparent, ja es leuchtet auf: „Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ Das steht auch im Lukasevangelium, etwas später in Kapitel 19 (V 10).

Nicht die Arbeit steht hier nämlich im Vordergrund, die das Suchen macht. Und jeder weiß, wovon ich hier rede. Ausweise, Schlüssel oder Geld zu suchen macht keine Freude. Und verlorene Kinder suchen zu müssen macht nicht nur keine Freude, sondern ist eine Katastrophe.

Im Vordergrund steht vielmehr eine große Leidenschaft. Gott kommt auf diese Erde, um zu suchen. Er, der ewige, unendliche, allmächtige hat offenbar nichts besseres zu tun, als sich selbst zu kümmern.
Er sucht die, die sich nicht mehr helfen oder helfen lassen können, um sie zurückzuholen: Zu sich. Um denen, denen das Leben nichts mehr zu bieten hat, neues Leben für ihr Leben zu geben.

SO haben Menschen den Allmächtigen durch die Jahrtausende hindurch erlebt. Der, der Himmel und Erde geschaffen hat, gibt seine Geschöpfe nicht preis. Der, der Macht über alles hat, lässt uns nicht hängen. Nicht einmal den Brudermörder Kain – selbst er bekommt die Chance für einen Neuanfang.

Meine Schwestern, meine Brüder:

Freude ist ein, vielleicht DAS Lieblingsthema des Lukas. 20mal Kommt das Wort in seinem Evangelium vor: Von der Geburt des Johannes über das Magnificat der Maria, den Wundertaten Jesu, Gottes grundloser und barmherziger Annahme der Sünder bis hin zur Apostelgeschichte, überall schreibt Lukas von der Freude.
Überraschende, große Freude, die Gott für das Leben bereit hält.

Niemand von uns hat die Macht, seinen Lebensplan selbst zu schreiben und dann auch umzusetzen. Es gibt genug Ritzen oder Abgründe, in denen uns die Freude am Leben ein für alle Mal abhanden kommen kann.

Aber wer Gott begegnet, dem wird die Lebensfreude erhalten oder zurückgegeben. Darum erinnert Lukas hier an die Gleichnisse Jesu vom suchenden Gott.

Denn wenn Gott selbst in Christus sich dem Suchen von Menschen verschrieben hat, wenn Gott die Freude des Wieder – Findens wichtiger ist als alle Mühen davor: Dann KANN niemand verloren sein, nicht heute, nicht morgen, niemals.
Auch ich nicht.
Wer auf Christus sieht, weiß: Die große Leidenschaft Gottes ist diese Erde, ihre Menschen und das Suchen nach jedem, der ihm verloren zu gehen droht.

Gott findet uns.
Seine Liebe, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes gehen uns nach.

Sie finden uns und feiern mit uns voller Freude die Schönheit des Lebens. Und diese Freude steckt an. AMEN

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