Die Weisheit steht kopf (1 Kor 1 18-25)

Sie predigen Heil
predigen Gesundheit und Schönheit
Reichtum und Erfolg,
Selbstfindung und Autonomie
oder eine verbesserte Welt

Was predigt die Kirche Jesu Christi?
Wo liegt ihre Wahrheit sinnvollen Lebens?

Aus Gnade seid ihr gerettet
durch Glauben,
und das nicht aus euch:
Gottes Gabe ist es.
Eph 2,8
***
Wir Menschen sind von Gott mit einem klugen Kopf ausgestattet worden. Manch einer von uns mag da zwar immer wieder Zweifel anmelden, wenn er sieht, auf welche Ideen seine Mitmenschen gelegentlich so kommen. Oder wenn er an den eigenen Fähigkeiten zum Denken oder Erinnern zweifelt. Aber grundsätzlich ist es wohl unstrittig: Wir Menschen haben einen klugen Kopf.

Wir halten kluge Reden, schreiben kluge Bücher und erfinden „kluge Dinge“, obwohl letzteres ja ein Widerspruch in sich ist. Aber wer sich die Zeit nimmt, in Ruhe ein Fahrrad oder ein Auto, ein Computer oder ein Smartphone, einen Trecker oder eine Erntemaschine anzusehen: Da stecken schon viele sehr kluge Ideen drin, die das Leben prägen und auch schöner machen können.

Wie sehr wir kluge Köpfe nicht nur haben, sondern auch brauchen, ist gerade dieser Tage unübersehbar. So macht es unsere Wissenschaft möglich, einer Pandemie weitgehend sachlich auf die Spur zu kommen und ihr wirksam zu begegnen.

Gerade haben die klugen Köpfe der STIKO neue Datensätze final ausgewertet und herausbekommen:
Wer nach einer Erstimpfung mit AstraZeneca eine Kreuzimpfung mit einem anderen mRNA- Impfstoff bekommen kann, ist nicht nur bestens geschützt, sondern muss zwischen erster und zweiter Impfung auch nur vier statt zwölf Wochen verstreichen lassen.

Ob die klugen Köpfe der STIKO weise waren, das gleich an die ganz große Glocke zu hängen, ist allerdings fraglich. Den Hausärzten wird die Impf-Bude eingerannt, viele zwei mal mit AstraZeneca Geimpfte fragen sich, ob sie einen Fehler gemacht haben, und die Impfzentren klagen über immer mehr Leute, die einfach nicht zur Zweitimpfung erscheinen und nicht einmal absagen.

Weisheit:
Das ist offenbar noch eine andere Größe. Sie hängt sicher irgendwie mit Klugheit zusammen, ist aber nicht dasselbe.

Sonderlich klug wird es zum Beispiel nicht gewesen sein, dass Abraham und Lot Sack und Pack und komplettem Hausstand zusammenpackten und ihre Heimat verließen (heutige Lesung, 1. Mose 12, 1ff).

Abraham war immerhin schon 75 Jahre alt und damit auch nach biblischen Maßstäben nicht mehr der Jüngste. Und wenn jemand nach dem Grund für seinen Aufbruch fragte, wurde er auf ein Gotteswort verwiesen, das Abraham erhalten hatte.
Oder erhalten haben sollte – je nach dem, wie der Fragende die Antwort Abrahams wertete.

Abraham fehlte es in seiner Heimat inmitten seiner Familie an nichts, wenn man mal von eigenen Kindern absah. Die waren aber in seinem Alter nun aber auch nicht mehr unbedingt zu erwarten.

Besonders klug war es also wohl nicht, in der Heimat alle Zelte abzubrechen und mit unbekanntem Ziel loszuziehen.
Aber vielleicht war es trotzdem weise?

Weisheit.
Einsicht zu haben in tiefere Zusammenhänge des Lebens.
Klugheit allein reicht da nicht aus, dazu müssen auch Lebenserfahrung und Fähigkeiten zu vertiefender Analyse und systematischem Denken kommen.

Von Augustin, der im Jahr 354 im heutigen Algerien geboren wurde, weiß man, dass ihm Weisheit sehr wichtig war. Schon als er noch jung und kein „Kirchenvater“ war. Er war zwar von seiner Mutter, die Christin war, mit christlichen Werten erzogen worden. Aber mit Menschen, die fanden, in der Bibel sei Weisheit zu entdecken, konnte er nichts anfangen.

Was er bei seinen Studien der Rhetorik und Philosophie gelernt hatte, war für ihn deutlich vielversprechender, wenn es um das Ziel von Weisheit ging. Die Bibel zog ihn nicht an, im Gegenteil. Mit weiten Stücken des Alten und auch des Neuen Testaments, zum Beispiel mit dem Stammbaum Jesu, konnte er überhaupt nichts anfangen.

Doch wohin er sich auch wandte, auf welche anerkannten Weisen seiner Zeit er auch immer traf, nie wurde seine Suche nach Weisheit zufriedengestellt. Den „Stein der Weisen“ – den konnte er einfach nicht finden.

Bis er dann auf Paulus stieß. Vielleicht gerade auf den Text, der für heute als Predigttext vorgeschlagen ist. Ich lese aus dem ersten Brief an die Gemeinde in Korinth, Kapitel 1 ab Vers 18:

18 Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es Gottes Kraft.
19 Denn es steht geschrieben (Jesaja 29,14): „Ich will zunichtemachen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.“
20 Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht?
21 Denn weil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die da glauben.
22 Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit,
23 wir aber predigen Christus, den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit;
24 denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit.
25 Denn die göttliche Torheit ist weiser, als die Menschen sind, und die göttliche Schwachheit ist stärker, als die Menschen sind.

Paulus scheint hier einfach die Welt auf den Kopf zu stellen. Aus der Weisheit der Menschen wird Torheit vor Gott. Und Gott lässt zu, dass die Weisheit der Welt die Menschen von Gott trennt. Und all das durch die Torheit des „Wort vom Kreuz“.

Das Kreuz:
Für die meisten Menschen um uns herum Symbol des Todes. Auf Grabfeldern für Soldaten stehen sie dicht an dicht, an Alleebäumen erzählen sie von schweren Unfällen, auch auf Grabsteinen findet man das Kreuz oft.

Für uns ist das Kreuz DAS Symbol der Christenheit. Zur Zeit des Paulus aber war das noch nicht so. Da war das Kreuz noch der Galgen, an dem das römische Imperium Menschen so hinrichtete, wie es Jesus von Nazareth hingerichtet hatte: Das Kreuz war einfach nur ein Zeichen der Schande. Verlorener, menschenvergessener, gottvergessener als am Kreuz konnte kein Mensch sein.

Das ändert sich erst, als das Christentum immer verbreiteter und irgendwann Staatsreligion wird. Kaiser Konstantin, der 312 seinen Gegner Maxentius im Zeichen des Kreuzes besiegte, machte das Kreuz zum zentralen Symbol kaiserlicher Ideologie und Herrschaft.

Die Kaiserinmutter Helena findet 328 das vermeintliche „wahre Kreuz Christi“ und verteilt in unzähligen Holzsplittern die Kreuzreliquie als Siegeszeichen Christi über die römische Welt.

Im 5. Jahrhundert schließlich gab es die Kreuzesstrafe nicht mehr. Wohl als Abwehr gegen den Versuch, die Jesus Christus das Menschsein abzusprechen, entstehen in Syrien des 6. Jahrhundert die ersten uns bekannten Darstellungen des gekreuzigten Jesus.

Im 8. Jahrhundert hat sich die Entwicklung vom einfachen Kreuz zum Kruzifix in den Kirchen durchgesetzt. Seitdem hängt der Gekreuzigte, der zugleich den Auferstandenen repräsentiert, am Kreuz, und das an zentralen Stellen der Kirchenräume oder ganz oben auf der Kirchturmspitze.

Zum Triumphkreuz gewandelt, mit Gold und Edelsteinen geschmückt, geht das Kreuz den Christen voran und begleitet ihren Lebensweg auf Bergen, an Wegen oder Stränden. Es schmückt als Ornament Häuser der Christen, wird zum Grundriss von Kathedralen und Kirchen, wird verziert und vergoldet, verehrt und geküsst.

Alt ist die Sitte, durch das mit der Hand geschlagene Kreuzeszeichen zu segnen.
Gaben, Gegenstände, Räume oder Personen werden so Christus geweiht.
Der einzelne Mensch schützt sich oder andere mit der Geste des Bekreuzigens vor bösen Mächten.

So zieht sich das Kreuzzeichen durch das christliche Leben von der Taufe bis zum Tod. In Form eines kleinen oft goldenen Anhängers dient es als Schmuck, in der koptischen Kirche ist es nicht selten als Tätowierung zu finden.

Aber nichts von dem weiß Paulus.
Wer also verstehen will, was Paulus hier sagen will, darf nicht vergessen: Für seine Zeit, seine Gemeinde ist das Kreuz der Römergalgen und ein gesellschaftliches Symbol für endgültiges Scheitern.

Wenn Paulus von der Botschaft des Kreuzes schreibt, redet er von der Unmöglichkeit, dass der Verbrechertod Jesu am Kreuz die Predigt Gottes ist, die für uns Menschen das Heil ist, weil sie in uns Glauben schafft.

Weil das keinem Gesetz der Logik folgt,
weil Zeichen und Wunder nicht helfen,
weil das niemand irgendwie beweisen oder erklären kann, und das bis heute und auch in Zukunft nicht,
darum ist diese Predigt für den klugen Kopf der Menschen und ihre Weisheit nichts als Schwachsinn. Torheit eben.

Und trotzdem lebt Kirche, seit über zweitausend Jahren. Trotzdem finden Menschen zum Glauben an Gott, gegen alles Leid und Elend der Welt. Trotzdem erkennen Menschen Gott nicht als den Sterbenden am Kreuz, sondern den allmächtigen Schöpfer des Himmels und der Erde.

Weil es Gott ganz offenbar so geschehen lässt.

Meine Schwestern, meine Brüder:

Vielen ist das Symbol des Kreuzes auch IN der Kirche nicht geheuer. Sie hätten gern ein anderes Symbol für die christliche Weltgemeinschaft. Den Fisch zum Beispiel. Oder die Taube, mit oder ohne Ölzweig. Oder das alte Chi-Ro, das Abkürzung für die griechische Schreibweise „Christus“ ist und schon der Urchristenheit als Erkennungszeichen gedient haben soll.

Aber nirgendwo als in der törichten Predigt des Kreuzes wird sichtbarer, klarer, erkennbarer, dass Gott selbst es ist, der Kirche schafft und lebendig hält. Kein Mensch, auch nicht alle Menschen zusammen, wären dazu in der Lage.

Dass wir glauben können,
dass Gott das Kreuz vom Symbol der Schande zum Zeichen des Sieges über den Tod gemacht hat;
dass wir glauben können,
dass der Verbrechertod Jesu Christi am Kreuz Gott uns Menschen so nahe gebracht hat wie noch niemals zuvor;
dass wir glauben können,
dass das eine Hoffnung in sich birgt, die selbst die dunkelsten Stunden und sogar den Tod ertragen lässt:

All das sind Geschenke Gottes, die er uns in der Taufe macht.

Die Folgen: Wer mit Gott rechnet, der sogar aus dem Kreuz das Heil macht, wird die Fesseln des Menschseins sprengen können. Der wird zu einem Leben finden, dem ALLES, auch Schaden, Spott und Schande zum Guten gereicht. Der wird Leben finden, das auch die Grenzen der Zeit hinter sich lassen und ewiges Leben bei Gott wird.

Lasst uns den Glauben als Gottesgeschenk in Ehren, lasst uns dieses Geschenk heilig halten.

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sind es,
die uns der dreieine Gott im Glauben schenkt.
Sie sind Weisheit und Kraft Gottes.
AMEN

LIED O Durchbrecher aller Bande EG 388
1. O Durchbrecher aller Bande,
der du immer bei uns bist,
bei dem Schaden, Spott und Schande
lauter Lust und Himmel ist,
übe ferner dein Gerichte
wider unsern Adamssinn,
bis dein treues Angesichte
uns führt aus dem Kerker hin.
2. Ist’s doch deines Vaters Wille,
dass du endest dieses Werk;
hierzu wohnt in dir die Fülle
aller Weisheit, Lieb und Stärk,
dass du nichts von dem verlierest,
was er dir geschenket hat,
und es aus dem Treiben führest
zu der süßen Ruhestatt.
3. Ach so musst du uns vollenden,
willst und kannst ja anders nicht;
denn wir sind in deinen Händen,
dein Herz ist auf uns gericht’,
ob wir wohl von allen Leuten
als gefangen sind geacht’,
weil des Kreuzes Niedrigkeiten
uns veracht; und schnöd gemacht.

4. Schau doch aber unsre Ketten,
da wir mit der Kreatur
seufzen, ringen, schreien, beten
um Erlösung von Natur,
von dem Dienst der Eitelkeiten,
der uns noch so hart bedrückt,
ob auch schon der Geist zu Zeiten
sich auf etwas Bessers schickt.
7. Liebe, zieh uns in dein Sterben;
lass mit dir gekreuzigt sein,
was dein Reich nicht kann ererben;
führ ins Paradies uns ein.
Doch wohlan, du wirst nicht säumen,
lass uns nur nicht lässig sein;
werden wir doch als wie träumen,
wenn die Freiheit bricht herein.

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