Aufstand gegen den Tod (1. Kor 15 54-58)

In der Nacht, da er verraten ward
setzte sich Jesus an einen Tisch
mit dem Verräter
mit dem Verleugner
mit den Ängstlichen
alle würden ihn verlassen

In der Nacht, da er verraten ward
feiern sie das Passamahl
Hier wird Brot und Wein
durch ihn zu Leib und Blut
für die am Tisch
die ihn so nötig hatten
und ihn doch verließen

Am dritten Tage aber
am Ostertag
gibt sich der
Auferstandene

wird wieder Brot und Wein
verwandelt für uns das Leben
weil wir es so nötig haben
auf IHN alle Hoffnung zu setzen,
und ER spricht:

Ich war tot,
und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit
und habe die Schlüssel
des Todes und der Hölle.
Offenbarung 1,18

Halleluja! Der Herr ist auferstanden, Halleluja;
er ist wahrhaftig auferstanden, Halleluja.
***

Osterwetter fällt in diesem Jahr aus. Dafür lässt es Paulus für uns Ostern werden. Ich lese aus seinem ersten Brief an die Korinther, Kap. 15 ab Vers 54:

54 Wenn aber dies Verwesliche anziehen wird die Unverweslichkeit und dies Sterbliche anziehen wird die Unsterblichkeit, dann wird erfüllt werden das Wort, das geschrieben steht (Jesaja 25,8; Hosea 13,14): „Der Tod ist verschlungen in den Sieg.
55 Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“
56 Der Stachel des Todes aber ist die Sünde, die Kraft aber der Sünde ist das Gesetz.
57 Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus!

„Der Tod ist verschlungen in den Sieg“ – diese Worte bleiben wohl jedem im Kopf hängen. Was von Jesaja für die Zukunft ankündigt wird, hat für Paulus bereits Unterschrift und Siegel Gottes. „Gott aber sei Dank, der uns den Sieg GIBT durch unsern Herrn Jesus Christus!“ Denn er IST auferstanden.

„Der Tod ist verschlungen VOM Sieg“ – so steht es noch in der Lutherübersetzung 1984, auch als Spruch auf vielen Tauf- oder Konfirmationsurkunden. Aber egal, ob „vom“ Sieg oder „in den“ Sieg: Es bleibt beim Ende der Macht des Todes.

Ein Jubelruf des Ostertages, den wohl jeder von Herzen mitsprechen möchte. Dass der Tod nicht endgültig ist, wird seit Ostern nicht nur gedacht oder besprochen, sondern laut bejubelt und besungen. Der unschuldig gemordete Jesus hat das Grab, das unser aller Ende auf dieser Welt ist, verlassen. Die Grenze des Todes, uns allen gesetzt, ist gesprengt. Wann könnten wir diese Hoffnung tiefer spüren als zum Osterfest!

Wie aber leben wir in unserem Alltag?

Da steht es österlich an dem Giebel einer Friedhofskapelle: „Der Tod ist verschlungen vom Sieg!“ Der Alltag aber stellt unermüdlich einen Grabstein nach dem nächsten auf, direkt daneben, in Sichtweite, ohne jedwelchen Oster-Respekt.

Da liegt die 89 jährige Frau, die nach 70jähriger Ehe ihren Ehemann allein zurückgelassen hat. Trauer und Hilflosigkeit bleiben für seinen Alltag, und da hilft es wenig, wenn der Sohn mal wieder mit Familie herüberkommt aus dem endlos fernen Stuttgart.

Da liegt Robert, gleich daneben. Mit 37 musste er gehen, Krebs. Da redete niemand mehr von einem gesegneten Alter. Seine Frau hatte sich bei der Hochzeit nicht träumen lassen, nach gerade 10 Ehejahren Witwe zu sein – und die beiden Kinder ohne Vater aufziehen zu müssen. Auch die Freunde waren sprachlos, sieht man mal von dem Standartspruch „das Leben muss doch weitergehen“ ab.

Und dann ist da der weiße Granitstein, zwar kleiner als die meisten anderen, dafür aber mit dem wohl stärksten Angriff auf die Kapellenwand: Das Kind, das seinen ersten Geburtstag nicht erlebte. Plötzlicher Kindstod, sagte die Notärztin. Niemand konnte es fassen, niemand konnte es erklären.

Weiße Sachen haben die Eltern angehabt, als sie zur Beerdigung gingen. Weißer Sarg als Trotz gegen die Wahrheit des Alltags. Die Leute haben sich darüber die Münder zerrissen, sie waren sich einig: Was ist das für ein Gott, der solches zulässt!?

Der Tod ist verschlungen vom Sieg. Das steht immer noch da an dem Kapellengiebel im Halbrund. Darunter ein Jesusrelief mit Siegeshand. So hat man gebaut im 19. Jahrhundert. Heute würde man anders bauen. Schmucklos- schlichter, ohne viele Schnörkel, ohne bärtige Männerschönheit.

Bestenfalls ein Kreuzsymbol würde da sein: So wie an dem Baum kurz vorm nächsten Dorf, wo die junge Frau ihrem Auto und sich selbst das Leben genommen hat, weil sie in dieser Nacht nicht mehr klar kam damit, dass ihr Freund eine andere hat.

Muss man sich darum gleich umbringen? Und so schmerzvoll?
Nein, muss man nicht. Man kann es auch so machen wie die am Ende der Straße, die seit Jahren nicht mehr miteinander reden, und immer noch im selben Haus wohnen.

Den Tod gibt es auch ohne das Sterben.

Bei dem Ehepaar, dass sich seit fast zwei Jahren kaum noch aus der Wohnung traut, weil sie beide keine Arbeit mehr haben. Worüber sollen sie reden mit den anderen, wenn sie sich treffen? Wie geht’s? Gut? Das wäre mehr als gelogen.

Oder bei der Frau, die sitzt – in ihrem neugebauten Haus, ein Blickfang für jeden, der daran vorbeifährt – und erst recht für jeden, der eintreten darf. Sie sitzt – und ihr Mann ist weg. Nicht für immer, nur den ganzen Tag. Er geht früh, kommt spät. Auch Sonnabends, oft auch Sonntags.
Meine Firma läuft nur, wenn ich da bin, sagt er.
Workaholic, arbeitssüchtig, sagt der Psychiater.

Ja, heute würde man anders bauen, schlichter, schnörkelloser, mit einem leeren Kreuz, ohne ein Wort, dass wirklich Trost birgt.

Heute muss man mit dem Osterfeuer auch nicht mehr bis zur Osternacht warten, man kann es auch Karfreitag schon anzünden. Oder besser noch am Gründonnerstag: Dann ist man wieder fit bis zum Wochenende.

Heute braucht man auch den Karsamstag nicht mehr: Stiller Samstag, das ist was für die Friedhofskapelle. Aber nicht für die Jugendweihefeier. Oder die Großtanzveranstaltung. Unsere Zeit will keine Privilegien der Kirche. Und verspielt die eigenen Privilegien, ohne es auch nur zu ahnen. Sie muss ja auch nichts fürchten von den alltagsgeplagten und geschwächten Sonntagschristen.

Der Tod ist verschlungen vom Sieg! flüstert die Giebelwand der Friedhofskapelle immer noch.

Aber wo ist er denn, dein Sieg? Das ist alles umsonst! Schreit der Alltag. Der Stachel des Todes: Unbeirrt spielt er die Karte des Todes. Tag um Tag neu. Das ist Gesetz: Am Ende geht es auf den Friedhof. Bis dahin herrschen die, die immer herrschen. Und sie herrschen so, wie sie immer herrschen. Da kann man froh sein, wenn sie einen ausleben lassen – ohne Druck oder Terror, bis man wirklich alt geworden ist.

Was ist das für ein Gott, der so was zulässt? sagen die Leute.
Und zeigen auf die Grabsteine. Hier, im Gaza- Streifen, in Venezuela. Was ist das für ein Gott?

Gott, dem all eben nicht fremd ist. Der den Tod im Leben, der das Sterben am eigenen Leib erlebt hat. Der weiß, wie es ist, angenagelt zu sein am Kreuz, mal an den Nägeln unter den Handwurzelknochen hängend, mal auf den durch die Füße geschlagenen stehend, mal so, mal so, bis es da ist, das Herzversagen.

Herzversagen: Das steht auch heute noch auf den meisten Totenscheinen. Herzversagen am Karfreitag. An diesem Tag hätte selbst Gott kein Abendmahl gefeiert, glaube ich. Herzversagen ist der Kreislauf des Todes.

Dieser Kreislauf muss durchbrochen werden! Es ist der Teufelskreislauf.
Gegen den Tod mitten im Leben!
Gegen den Sieg der Sinnlosigkeit!
Gegen das Sterben ohne Hoffnung!

DAS ruft Gott.
Gott liebt seine Menschen. Er will lebendiges Leben, das sich nicht Angst machen lässt vor dem Sterben. Gott kann nicht nur Leben NACH dem Tod. Er will Leben VOR dem Tod.

Das aber ist vielen Zeitgenossen ZU viel. Vor allem den Wissenden, Abgeklärten, Aufgeklärten.

Viele von den Korinthern waren nicht weniger aufgeklärt. Sie wussten vielleicht nicht, wie ein Smartphone funktioniert. Aber auch sie wussten auch Bescheid. Kannten sich aus im Leben. Leeres Grab? Klar. Weil nichts drin war. Leibliche Auferstehung? Das glaube, wer nicht Bescheid weiß. Über das Leben. Die Sache Jesu geht weiter – das ja, das VIELLEICHT noch. Aber dass Gott kann was ich nicht kann? Außerirdische, die nachts auf unseren Feldern landen; Supermänner, die die ganze Menschheit retten; Star Treck – das alles mag oder wird es geben.

Aber Auferstehung – das nicht. Der Alltag – er schreit dagegen.
Ostereier: Ja.
Osterbotschaft: Nein.

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

Wer wälzt uns den Stein!?
Doch das Grab ist leer.

Nicht, weil die Jünger die Leiche gestohlen hätten. Sonst hätten die Frauen ja den Engel nicht gehört, als sie ihn trafen. Sonst hätten die Jünger den Wanderer bei Emmaus nicht erkannt, als er mit ihnen das Brot brach. Sonst würde sie heute nicht mehr sein, die Kirche, die die aufgeklärten Zeitgenossen längst totsagen.

Doch das Grab Jesu bleibt leer, den Aufgeklärten zum Trotz und unserem Alltag zum Trotz. Denn Menschen, die von der Auferstehung wissen, haben einen anderen Alltag.

Paulus schreibt noch einen Satz. Dass der Tod verschlungen ist, muss doch Konsequenzen haben:

58 Darum, meine lieben Brüder und Schwestern, seid fest und unerschütterlich und nehmt immer zu in dem Werk des Herrn, denn ihr WISST, dass eure Arbeit nicht vergeblich ist in dem Herrn.

Wir wissen: Christus, der Herr, ist auferstanden.
Wir wissen: Unser Alltag wird anders sein!

Wir begegnen dem Auferstandenen im Abendmahl, er begegnet uns in unserem Leben. Das ändert alles. Nichts muss so bleiben wie es heute ist. Gegen die Grabsteine auf den Friedhöfen, den sinnlosen Tod in Gaza, Venezuela oder gar den mitten im Leben: Die Macht des Todes ist gebrochen!
Ostern ändert alles!

Darum schreibt Dietrich Bonhoeffer:

Wo erkannt wird
dass die Macht des Todes gebrochen ist
dort verlangt man/ vom Leben keine Ewigkeiten
dort nimmt man/ vom Leben was es gibt
nicht alles oder nichts
sondern
Gutes und Böses/ Wichtiges und Unwichtiges
Freude und Schmerz

Dort hält man das Leben/ nicht krampfhaft fest,
aber man wirft es auch nicht/ leichtsinnig fort,
dort begnügt man sich/ mit der bemessenen Zeit
und spricht nicht/ irdischen Dingen/ Ewigkeit zu

dort lässt man dem Tod/ das begrenzte Recht
das er noch hat.

Den neuen Menschen/ und die neue Welt aber
erwartet man allein/ von jenseits des Todes her
von der Macht/ die den Tod überwunden hat.

Gott sei Dank, dass wir wissen, dass all unsere Arbeit nicht vergeblich ist, weil der Tod nicht das Ende ist. Gott sei dank, dass er es jedes Jahr Ostern werden lässt und uns so erinnert, dass die Macht des Todes gebrochen ist.

Denn die Liebe Gottes ist größer, als es alles Menschendenken fassen kann. Sie schafft Leben gegen den Tod und bewahrt unsere Herzen und Sinne durch Christus Jesus, der auferstanden ist von den Toten. AMEN

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