Zehn? (2 Mose 20 1-17)

Unseren Gottesdienst am 18. Sonntag nach Trinitatis zum Nachhören finden Sie für vierzehn Tage hier.

Gott über alles lieben
und den Nächsten wie sich selbst
ein Lebenswerk
klare Aufgabe mit Hindernissen
Zweifel
Zweifel an Gott
Zweifel am Wohlwollen des Nächsten
Selbstzweifel
hindern lebenslang
doch es gibt die Alternative
die Liebe Gottes

Dies Gebot haben wir von ihm,
dass, wer Gott liebt,
dass der auch seinen Bruder liebe.
1 Johannes 4,21
***

1 Und Gott redete alle diese Worte:

2 Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.

3 Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

4 Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: 5 Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!

Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, 6 aber Barmherzigkeit erweist an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.

7 Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.

8 Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligst. 9 Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. 10 Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. 11 Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn.

12 Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird.

13 Du sollst nicht töten.

14 Du sollst nicht ehebrechen.

15 Du sollst nicht stehlen.

16 Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.

17 Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat.

„Nein, gewiss nicht; jedenfalls wollen wir darüber nicht streiten; ES IST EIN WEITES FELD. Und dann sind auch die Menschen so verschieden“…
„Ja, das sagt man immer, aber ich habe da doch so meine Zweifel. Das mit der Kreatur, damit hat’s doch seine eigene Bewandtnis, und was da das Richtige ist, darüber sind die Akten noch nicht geschlossen. Glaube mir, Effi, DAS IST AUCH EIN WEITES FELD.“…
„Ja, das tun sie, Effi. Aber darauf muss man’s ankommen lassen. Übrigens sage nichts darüber, auch nicht zu Mama. Es ist so schwer, was man tun und lassen soll. DAS IST AUCH EIN WEITES FELD.“…
Und Briest sagte ruhig: „Ach, Luise, lass … DAS IST EIN ZU WEITES FELD.“

Das für uns sprichwörtliche „weite Feld“:
Es stammt wohl aus diesem 1896 erschienenen Roman Theodor Fontanes „Effi Briest“, aus dem ich gerade ein paar Abschnitte gelesen habe.

Wer selbst irgendwann in seinem Leben so ein „weites Feld“ betritt, begreift schnell, warum die Akten über dieses oder jenes Thema noch nicht geschlossen sind. Es ist eben noch lange nicht alles gesagt, was zu sagen wäre.

Und nicht selten erkennt man auch, dass es Dinge gibt, die ein „ZU weites Feld“ sind – so ein Feld reicht weiter als der Horizont, viel weiter, so dass die Kraft nicht reicht, ans Ende zu kommen.

Ein zumindest SEHR weites Feld sind die Gebote in unserer Bibel. Denn es sind deutlich über 600, genau sollen es 613 sein. Für uns heute denn auch ein ZU weites Feld. Doch unser Bibeltext heute sind ja auch nur „Die zehn Gebote“.

Die-zehn-Gebote:
Drei Worte, große Wirkung.
Wer hat diese drei Worte „erfunden“?

In der Bibel stehen sie jedenfalls zunächst nicht. Zunächst – also weder im hebräischen noch im griechischen Teil. Dort stehen ja überhaupt keine Überschriften über den einzelnen Kapiteln oder Themen. Die haben ja erst unsere Übersetzer „erfunden“, damit unsereins bei den vielen Kapitel- und Versnummern überhaupt eine Chance hat, in diesem dicken Buch irgendetwas wiederzufinden.

Die-zehn-Gebote:
Alle verbreiteten deutschsprachigen Übersetzungen sind sich da sehr einig – die Zürcher, die Elberfelder und die Lutherbibel, ebenso die Einheitsübersetzung oder die Gute Nachricht. Doch schon beim Nachzählen der Gebote und der Frage, welches nun welches sei, ist es mit der Einigkeit bereits vorbei.

Die einen zählen das Bildergebot als zweites, die anderen lassen es weg; die einen fassen die Gebote zum Begehren zusammen, die anderen trennen sie in zwei… Also sind es genau genommen zwölf, manche zählen gar dreizehn Gebote.

Wie kommt es nun dazu, dass in der Überschrift nur zehn gezählt werden? Die Frage ist ja nicht unwichtig: Lassen wir einfach welche „unter den Tisch“ fallen?

Zuerst: Die Überschrift steht zwar nicht ursprünglich in unserer Bibel. Aber die Zehn-Zahl schon. In 5. Mose 4,13 (vor 8 Wochen Predigttext) ist von den „zehn Worten“ des Bundes Gottes mit seinem Volk die Rede, und gleich danach werden die Gebote noch einmal ins Gedächtnis zurückgerufen. Diese zentralen Gebote stehen also gleich zwei Mal in der Bibel: Hier in unserer Stelle 2. Mose 20 und dann 5. Mose 5.

Die zehn Worte: Diese Formulierung hatte wohl damals schon einen pädagogischen Grund. Der Mensch hat zehn Finger, zum Auswendiglernen sind also zehn Gebote besser als zwölf oder dreizehn. Dieser Überlegung haben sich später auch die christlichen Kirchen angeschlossen.

Ihr merkt: Schon die Zählung der Gebote ist „ein weites Feld“. Noch weiter wird dieses Feld, wenn man die Inhalte bedenkt. An drei Geboten will ich das zeigen:

Ist es z. B. richtig, das Bildergebot als eigenständiges zweites Gebot zu zählen? Oder gehört es inhaltlich zum ersten? Für beide Positionen gibt es gewichtige Argumente.

Zum Beispiel, dass der Mensch ja IMMER nur in Bildern denkt und darum wissen müsste, dass kein Bild – weder im Kopf noch auf dem Papier oder in Stein gemeißelt – je der Wirklichkeit entspricht. Die Bilder, die ich zum Beispiel von meiner Ehefrau oder meiner Tochter habe, entsprechen ebenso wenig der Wirklichkeit wie das Bild, das ich von Gott habe.

Aber schon dieses eine Argument kann ich für beide Entscheidungen bemühen: Wenn mir die Sache mit dem Bild sonnenklar ist, brauche ich keine Erinnerung daran – dann wird das Bildergebot Teil des ersten Gebotes.

Gehöre ich aber zu denen, die öfter einmal über dieses Bildthema nachdenken sollten, weil ich anderenfalls unliebsame Überraschungen erleben würde, wird es eben eigenständig. Auch das ein weites Feld.

Das nächste Beispiel: „Du sollst nicht töten“, das einige lieber mit „Du sollst nicht morden“ übersetzen. Ist damit dann schon die Sache zwischen Kain und Abel vielleicht nur Totschlag im Affekt und kein Mord? Und die Abholzung des Regenwaldes nicht gemeint, weil nur Pflanzen sterben?

Schließlich: „Du sollst nicht ehebrechen“: Über die Jahrtausende hindurch wird sich die Bedeutung dieses Gebotes zwangsläufig immer neu dargestellt haben. Unsere Ehen heute sind beispielsweise mit den Ehen König Salomos nun wirklich nicht zu vergleichen. Nach 1. Kön 11,3 hatte er siebenhundert Haupt- und dreihundert Nebenfrauen. Ehebruch: Was genau ist das also?

Sehen wir nur auf das Schicksal Effi Briests: Sie heiratet als siebzehnjähriges Mädchen auf Zureden ihrer Mutter den mehr als doppelt so alten Baron von Innstetten. Dieser behandelt Effi nicht nur wie ein Kind, sondern vernachlässigt sie zugunsten seiner karrierefördernden Dienstreisen.

Vereinsamt in dieser Ehe, geht Effi eine flüchtige Liebschaft mit einem Offizier ein. Als Innstetten Jahre später dessen Liebesbriefe entdeckt, ist er nicht in der Lage, Effi zu verzeihen. Er ist zwanghaft einem merkwürdigen Ehrenkodex verhaftet, fordert
den verflossenen Liebhaber zum Duell und tötet ihn. Auch das reicht noch nicht – er lässt sich von Effi scheiden.

Sie ist fortan gesellschaftlich geächtet und wird sogar von ihren Eltern verstoßen. Erst drei Jahre später sind sie bereit, Effi wieder aufzunehmen, vor allem weil sie inzwischen todkrank ist.
Wer hat hier die Ehe „gebrochen“? Instetten? Effi? Die Eltern?
Und war diese Ehe des Schutzes überhaupt wert?
Die Antworten auf all diese Fragen fallen mir schwer.

Neben der Auslegung der einzelnen Gebote bereiten mir auch noch formelle Dinge Kopfzerbrechen: Der Text der Gebote verbirgt nämlich nicht, dass er nicht aus einem Guss ist. Im Gegenteil, das fällt beim Lesen förmlich „ins Auge“:

So lautet der letzte Vers unseres Kapitels: „So stand das Volk von ferne, aber Mose nahte sich dem Dunkel, darinnen Gott war.“ Wie konnte dann jemals irgendjemand wissen, dass die Gebote von Gott selbst in die beiden Steintafeln gemeißelt worden waren?

Dann: Das Volk bekommt die Gebote „im dritten Monat nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland … (in der) Wüste Sinai“ (19,1). Fliehende Sklaven vor Pharao in der Wüste – sie besaßen überhaupt keine Häuser, Knechte, Mägde, Rinder und Esel besaßen, auf die doch im letzten Gebot Bezug genommen wird. Das sind also Regeln für Sesshafte, sicher aus späterer Zeit.

Die-zehn-Gebote:
Ein weites, sehr weites Feld. Doch offenbar kein ZU weites Feld. Also eines, das man nicht betreten möchte, weil die Kraft dazu nicht reicht.

Im Gegenteil: Seit tausenden Jahren werden sie weitergegeben. Von Mund zu Mund, von Generation zu Generation, von Volk zu Volk.

Die Israeliten leben sie als Kernstück ihrer Thora, gewissermaßen als ihre Verfassung, um die sie sich als Volk voller Stolz sammeln. Für Jesus sind die Gebote die Grundlage des Weges zu Gott – daran lässt er dem Mann gegenüber keinen Zweifel aufkommen, als der ihn fragt, wie er ewiges Leben finden könne (Evangelienlesung Mk 10, 17ff).

Sie fehlen weder im Katechismus der katholischen Kirche, auch nicht im kleinen oder großen Katechismus Luthers und genauso wenig – wenn auch in anderer Zählung – im Heidelberger Katechismus.

Sie gelten Juden und Christen gleichermaßen als DIE Grundlagen gelingenden Zusammenlebens, vielen als die Pfeiler christlicher Ethik und mancher staatlicher Gesetzgebung. Die Gebote werden sogar als die großen Freiheiten des Menschen beschrieben, einigen gelten sie gar als erste Menschenrechtserklärung.

Die-zehn-Gebote werden auch heute nicht selten sogar noch auswendig gelernt. Sie werden gelesen, bedacht, besprochen. Nicht nur in Synagogen und Kirchen, auch außerhalb, sogar in Kneipen.

Als ich vor ein paar Wochen im Pub war, gab es am Nebentisch eine Diskussion über die Rückständigkeit „der Kirche“. Und einer meinte dazu, die Kirche müsse doch endlich mal ihre zehn altertümlichen Verbote abschaffen müsse, wenn sie irgendwann noch einmal „einen Fuß auf den Boden bekommen“ wolle.

Das war der Moment, an dem ich mich einfach einmischen MUSSTE: Ich habe den Redner gefragt, ob er sich einmal über den Unterschied zwischen Verboten und Geboten Gedanken gemacht habe. Den gäbe es ja auch in der Straßenverkehrsordnung nicht grundlos. Und den oft kritisierten Satzanfang „du sollst“ brauchten doch auch Eltern in der Erziehung ihrer Kinder nicht selten:

„Auch wenn du auf einem Zebrastreifen die Straße überquerst, sollst du nach links und nach rechts und dann noch einmal nach links schauen, bevor du auf die Straße trittst.“ Bei so einem „du sollst“ geht es doch AUCH nicht um Reglementierung, sondern um Schutz und Fürsorge. Und der, der „du sollst“ in diesem Falle ausspricht, tut das doch nicht um Macht auszuüben, sondern aus seiner Mitverantwortung für den anderen Menschen heraus.

Und die Macht dazu habe man doch ohnehin nicht. Das Kind wird, wenn es allein über den Zebrastreifen geht, sich nur dann an das elterliche Gebot halten, wenn es selbst für sich begriffen hat, dass es richtig ist, was die Eltern sagten. Wenn das Gebot nicht nur in seine Ohren gekommen, sondern auch in seinem Herzen angekommen ist.

Tatsächlich blieben die am Nachbartisch eine Weile ganz still, bis der Redner dann meinte, darüber habe er tatsächlich noch nicht nachgedacht, und das müsse er wohl mal in Ruhe tun, und er sagte sogar Dank für meine Einmischung. Ja, ich weiß – das war mein Glück, sie hätte mir auch Ärger bringen können.

Meine Schwestern, meine Brüder:

„Die zehn Worte“ sind in unserer Welt und aus ihr nach menschlichem Ermessen auch nicht wieder weg zu bekommen. Denn sie sind uns Menschen ein Segen.
Weiten sie uns doch den Blick auf eine Welt, in der es endlich um das Sein und nicht mehr um das Besitzen geht.

Sie zeigen den Wert eines sinnerfüllten Lebens
in Liebe und ohne Sklaverei.
Ein Leben, in dem es endlich nicht mehr um den Wert der Dinge, sondern um den Wert des Menschen und damit ALLEN Lebens geht.

„Die zehn Worte“ lassen uns das Reich Gottes sehen und die Sehnsucht danach lebendig erhalten.

Wir KÖNNEN es wissen:
Das Erden-Leben kann gelingen, wenn wir uns an die Regeln der zehn Finger halten würden.
Wir können es WISSEN, dass das, was sich da z.B. seit gestern zwischen Palästinensern und Israelis abspielt, nicht das Leben der „zehn Worte“ sein KANN.

Denn das ist ein Leben in FREIHEIT, die Gott geschenkt hat, hier beispielhaft am Exodus aus der Sklaverei Ägyptens dargestellt. Freiheit von anderen Göttern – es gibt genügend Beispiele für Götzendienst moderner Menschen –
Freiheit vom Zwang der Leistung,
Freiheit vom Zwang des Habenmüssens,
Freiheit zur Liebe – Liebe zur Schöpfung und aller Geschöpfe Gottes.

Stellen wir die zehn Worte hinten an,
irgendwohin in die zweite oder dritte Reihe:
Dann wird der Sund zwischen uns und Gott größer und größer, wir würden andere Richtungen oder Gerechtigkeit suchen müssen – also in die Sünde hineinfallen.

Ein Mensch, der sich in seinem Leben mit ganzem Herzen an diesen Gott hält, der wird gerecht – auf diesen Gott ausgerichtet. Er kann an seinen zehn Fingern abzählen, wie er nicht nur befreit wird, sondern frei bleibt, wie er seinem Nächsten Nutzen und Stärkung bringt, wie er sich selbst entscheiden muss.

Darum haben die zehn Gebote ja auch in unseren Gottesdiensten ihren festen Platz: Sie lassen uns nicht nur Gottes Freiheit erkennen. Sie zeigen uns auch, wie schnell wir uns davon entfernen können und wie sehr wir darum darauf angewiesen sind, dass Gott uns wieder zu sich zurückholt – wieder und immer wieder sich unserer erbarmt.

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sind es nämlich,
die uns auf dem Lebens-Weg der „zehn Worte“ halten und bewahren. Kyrie eleison – für immer.
AMEN

Dieser Beitrag wurde unter Predigten abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.