Über den Jordan gehen (Jos 3 5-11 17)

Die Kraft Gottes verändert die Wirklichkeit.
Sie gilt allen, die getauft sind.
Der Himmel geht auf, und Gott sagt:
Du bist mein liebes Kind. Auf ewig.

Jesus
Kind aus der Krippe
erwählt in der Taufe
standhaft in der Versuchung
Mensch aus Gottes Geist

Die Weihnachtsbilder zeigen nicht
was sich außen abgespielt hat
sondern Verborgenes und Unsichtbares
ausgebreitet vor unser aller Augen.

Welche der Geist Gottes treibt,
die sind Gottes Kinder.
Römer 8,14
***
Ulrich Plenzdorf zitiert in seiner Erzählung „Die Leiden des jungen W.“ seinen jugendlichen Helden Edgar, der durch Stromschlag ums Leben kam, mit einer Bemerkung aus dem Jenseits: „Dass ich dabei über den Jordan ging, ist echter Mist. Aber wenn das einen tröstet: Ich hab nicht viel gemerkt. 380 Volt sind kein Scherz, Leute. Es ging ganz schnell. Ansonsten ist Bedauern jenseits des Jordan nicht üblich.“

Mercedes Bunz schrieb einmal in der TAZ über Firmen im Internet: „…Nicht nur weil das Unternehmen Facebook sich … den Profiten der Börse verschrieben hat, auch die Konkurrenz ging sang- und klanglos über den Jordan.“

Und in einem Spiegel- Artikel mit dem schönen Titel „Choleriker erschießt Computer“ war zu lesen: „Auch Festplatten können über den Jordan gehen, wenn man den PC fest genug schlägt, tritt oder umwirft…“

Über den Jordan gehen. Der Jordan ist nicht die Havel. Obwohl sie etwas gemeinsam haben. Auch die Havel fließt von Norden nach Süden, wenn auch nur in ihrem ersten Teil. Aber die Havel fließt in Deutschland, der Jordan weit weg, irgendwo im Nahen Osten.

Und doch weiß wohl jeder hier, was gemeint ist, wenn jemand oder etwas „über den Jordan geht“. Da hat sich niemand auf eine Reise nach Israel gemacht oder etwas dorthin im Postpaket verschickt.

Sondern: Da drückt jemand aus, dass etwas kaputtgegangen ist und weggeworfen wurde. Oder man redet von einem Menschen, der umgekommen und gestorben ist.

Woher kommt diese Redewendung? Wieder einmal sind wir da bei der vielzitierten „jüdisch-christlichen Tradition“. Ihren Anfangspunkt hat die Rede vom Jordan im Buch Josua, das die Geschichte der Landnahme durch das Volk Israel erzählt.

Die Israeliten sind nach vierzig Jahren Wüstenwanderung bis an das Ufer des Jordan gekommen. Sie sehen auf den über die Ufer getretenen Fluss und wissen nicht, wie es jetzt weitergehen soll. Ein Zurück gibt es nicht. Stehen sie jetzt im wahrsten Sinne des Wortes vor ihrem Untergang?

Das Volk ist nicht Kopf- und Führerlos. Da sind seine Priester, die die Bundeslade tragen. Die Lade, in deren Innern sich die Tafeln mit den zehn Geboten befinden. Sie ist den Israeliten heilig, Siegel des Bundes mit dem Gott ihrer Mütter und Väter.

Und da ist Josua, der nach dem Tod des Mose die politische Führung übernommen hat. Sein Wort hat Gewicht im Volk. Und er sagt, ich lese den Predigttext Josua 3 ab Vers 5:

5 … Heiligt euch, denn morgen wird der HERR Wunder unter euch tun. 6 Und Josua sprach zu den Priestern: Hebt die Bundeslade auf und geht vor dem Volk her! Da hoben sie die Bundeslade auf und gingen vor dem Volk her. 7 Und der HERR sprach zu Josua: Heute will ich anfangen, dich groß zu machen vor ganz Israel, damit sie wissen: Wie ich mit Mose gewesen bin, so werde ich auch mit dir sein. 8 Und du gebiete den Priestern, die die Bundeslade tragen, und sprich: Wenn ihr an das Wasser des Jordans herankommt, so bleibt im Jordan stehen.
9 Und Josua sprach zu den Israeliten: Herzu! Hört die Worte des HERRN, eures Gottes! 10 Daran sollt ihr merken, dass ein lebendiger Gott unter euch ist und dass er vor euch vertreiben wird die Kanaaniter, Hetiter, Hiwiter, Perisiter, Girgaschiter, Amoriter und Jebusiter: 11 Siehe, die Lade des Bundes des Herrn der ganzen Erde wird vor euch hergehen in den Jordan.
17 Und die Priester, die die Lade des Bundes des HERRN trugen, standen still im Trockenen mitten im Jordan. Und ganz Israel ging auf trockenem Boden hindurch, bis das ganze Volk über den Jordan gekommen war.

Das alles geschah in Zeiten, in denen es kaum persönliches Eigentum an Grund und Boden gab, auch keine fest gezogenen Grenzen von politischen Staaten. Ein Grundbuchamt war noch nicht erfunden.

Eine Landnahme durch nomadisch lebende Völker war an der Tagesordnung, nicht die Ausnahme. Und das Versprechen der Vertreibung der anderen Völker durch Gott für die Israeliten, das in unseren Ohren wie ein Kriegsverbrechen klingt, war damals keines.

Ganz anders als heute. In einem großen Teil seines Verlaufes bildet der Jordan die Grenze zwischen Israel und Jordanien. Im nördlichen Bereich fließt er entlang der israelisch besetzten und von Syrien beanspruchten Golanhöhen, die ebenso wie das Westjordanland und der Gazastreifen Zeugnis eines scheinbar ewigen Konfliktes mit Not und Elend, Krieg und Terror sind.

Damals aber geht das Volk über den Jordan und betritt das ihm versprochene Land. Trockenen Fußes. Niemand stirbt, niemand erleidet einen Schaden, auch die Lade des Bundes nicht. Im Gegenteil: Das Volk verlässt nach vierzig Jahren die Wüste. Es betritt das Land, in dem Milch und Honig fließen.

„Daran sollt ihr merken, dass ein lebendiger Gott unter euch ist“! Die alte Geschichte vom Jordanwunder erzählt von Gott als einem solidarischen und aktiven Gott. Und von einem Volk, das sich die Wege durch seine Geschichte immer wieder neu suchen muss.

Die Aufbrüche und Übergänge begleitet der lebendige Gott auch durch solche wunderbaren Taten. Durch sie erweist er sich als machtvoll, als wahrhaft göttliches Gegenüber. Und dann ist da noch die Bundeslade, das Symbol des Bundes zwischen Israel und Gott, der hier als Herr „der GANZEN Erde“ bezeichnet ist.

Aber was ist diese Bundeslade? Ist das nicht nur eine Holzkiste? Was ist an der so heilig? Gott jedenfalls ist nicht in der Holzkiste. Er passt da noch weniger hinein wie später in den Tempel zu Jerusalem.

Menschenworte sind in dieser Kiste. Menschenworte über Gott und für Gott. Und über das, was Gott für das Leben der Menschen will.

Das sind ewige Wahrheiten. Wahrheiten, die sich nicht abnutzen und die nach tausenden von Jahren immer noch Wahrheit sein werden. Gottes Geist ist in dieser Kiste. Frei und ungefangen, kraftvoll und wahrhaftig.

Denn wenn diese Gebote verletzt werden, dann ist Gefahr in Verzug. Dann stehen die Beziehungen des Lebens auf dem Spiel: Die Beziehungen des Menschen zu Gott ebenso wie die Beziehungen der Menschen untereinander.

Das wird sich niemals ändern. Man kann die Steintafeln mit den Geboten zerschlagen, die Bundeslade verbrennen, den Tempel zerstören: Der Geist Gottes, der aus seinen Geboten spricht, ist weder zu vertreiben noch zu töten.

Damals geht das Volk durch die Kraft des Geistes Gottes über den Jordan und betritt das ihm versprochene Land. Trockenen Fußes. Niemand stirbt, niemand erleidet einen Schaden. Woher also die heutige Deutung des „über den Jordan gehen“ als Tod oder Zerstörung?

Damals geht das Volk über den Jordan und betritt das „Gelobte Land“. Der Jordan schied die Wüste von dem Ort, an dem „Milch und Honig fließen“. Das war für das Volk wie der Eintritt in das Reich Gottes. Der Übergang über den Jordan wurde gleichbedeutend mit dem Ende des alten Lebens in der Wüste und dem Einzug in das verheißene Landes des Friedens. SO wurde er zum Symbol des Sterbens, aber auch des Lebens nach dem Tod.

Und wenn Christen später über ihre Hoffnung des ewigen Lebens sprachen, dann redeten sie symbolisch über den Zug durch den Jordan. Wie man die Wüste des Lebens mit all den Enttäuschungen und Entbehrungen, mit allem Elend und Tod hinter sich lässt. Wie man das gelobte Land Gottes betreten wird.

Das „über den Jordan gehen“ ist also Symbol dafür, wie im wahrsten Sinne des Wortes „das Zeitliche gesegnet“ werden wird. Für die, die Gott kennen, der Eintritt ins Himmelreich. Kein Ort des Scheiterns, und sicher kein Platz für kaputte Festplatten.

Dazu kommt, dass der Jordan Symbol der Einheit der Menschen Gottes geworden ist. Josua hat die Nachfolge des Mose angetreten. Ein schwieriges Amt. Er weiß schon, was es mit dem gelobten Land auf sich hat.

Er hat es im Auftrag des Mose schon als Kundschafter gesehen. Kanaan: Ein Land, in dem Milch und Honig fließen, das Land der überreichen Ernte, der Weintraube, welche die jungen Kundschafter Josua und Kaleb kaum zwischen sich tragen können, so groß ist sie.

Hinter Josua soll sich nun das Volk Israel sammeln, wie es sich zu Zeiten des Mose hinter ihm gesammelt hat. Und sie werden trockenen Fußes über den Jordan ziehen, in das Land ihrer Hoffnungen.

Dabei sitzt Josua immer zwischen den Stühlen, zwischen Gott und dem Volk. Er lebt Tag um Tag im Schatten seines Vorgängers, des großen Mose. Er erlebt mit Israel Spannungen, Ungeduld, Missverstehen und noch Schlimmeres.

Aber das ist nichts Neues in Amt der politischen Leitung eines Volkes. Josua trägt EIN Zeichen seiner schwierigen Würde schon in seinem Namen.

Eigentlich ist es ein Allerweltsname. Viele tragen ihn, durch die Jahrhunderte hindurch. Er bedeutet übersetzt „Gott ist Hilfe“ oder „Gott hilft“.

Hört man aber die ALTEN Übersetzungen dieses Namens, erleben viele einen Aha-Effekt. Denn aus „Josua“ oder Joschua wird im Griechischen das „Iesous“ und im Lateinischen dann „Jesus“. Und wer sich bis jetzt gefragt haben sollte, warum wir mitten in der Epiphaniaszeit mit Josua„über den Jordan gehen“, bekommt hier seine Antwort:

Lange Zeit später übernimmt Jesus aus Nazareth die Führung des Volkes aus DEN Menschen, die sich nach dem gelobten Land Gottes sehnen. Er wird sich dazu „mit allen Wassern“ waschen lassen: Jesus wird von Johannes dem Täufer in eben diesem Jordan getauft, um „Gottes Gerechtigkeit zu erfüllen“ und alle Menschen „über den Jordan“ zu führen, die den Eintritt ins Himmelreich suchen.

Meine Schwestern, meine Brüder:

Der Hohenbrucher Pfarrer Hartmut Grüber hat, wenn ich mich recht erinnere, zumindest seinen jüngsten Sohn Jochen mit Wasser getauft, dass er vorbei an allen zollrechtlichen Bestimmungen noch zu DDR- Zeiten aus dem Jordan schöpfte und mit nach Hause gebracht hatte.

Daran ist für mich sichtbar verdeutlicht, dass sich unser Taufwasser, geistlich verstanden, immer aus dem Jordan speist. Jeder Mensch, der auf den Namen des Dreieinen Gottes getauft wird, zieht mit Jesus „über den Jordan“, lässt die Wüste hinter sich und betritt das Gelobte Land Gottes, in dem Milch und Honig fließen.

Und so klingt in der Taufe der Ruf des Josua nach: „Daran sollt ihr merken, dass ein lebendiger Gott unter euch ist“. Der Geist Gottes begleitet das weitere Leben. Wie zur Taufe Jesu, bei der der Geist GESTALT annimmt, wie eine Taube über dem Wasser fliegt. Lebendig.

Epiphanias bedeutet „Erscheinung“. Wir feiern die Erscheinung des Lichtes Gottes in Jesus aus Nazareth, der uns durch unsere Taufe „über den Jordan führt“.

Das macht die vierzig Jahre des Lebens in der Wüste nicht ungeschehen. Hunger, Durst, Krankheit und sonstige Gefahren des Lebens stecken in unseren Knochen und werden unsere Tage begleiten, so lange wir leben. Sie werden unsere Gedanken und Gefühle nicht loslassen und uns Schmerzen bereiten. Wir werden den Moment nie vergessen, wie es war, am Ufer des Jordan zu stehen und auf die andere Seite zu müssen.

Aber wir haben DURCH den Jordan trockenen Fußes das Gelobte Land erreicht. Wir können sehen, schmecken und fühlen, „wie freundlich der Herr ist“. Die Wüste beginnt, ihre Macht über unser Leben zu verlieren. Wir werden sie immer weiter hinter uns zurücklassen können um das Leben zu führen, das Gott für uns gedacht hat. Durch den Tod hindurch, den wir alle sterben müssen, in die Ewigkeit.

Epiphanias feiert das Wunder, dass ein lebendiger Gott unter uns ist und uns in der Taufe bei unsrem Namen ruft.
Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
führen uns über den Jordan
in das ewige Licht des Reiches Gottes.
AMEN

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