Seid ausgeschlafen! (Mk 13 28-37)

unsere Zeit auf dieser Welt
gemessen
zwischen Anfang und Ende
Geburt und Tod

die Grenzen unserer Zeit aber
lösen sich auf
in die Ewigkeit Gottes

alle Tränen werden getrocknet
kein Leid, kein Geschrei
bei GOTT wird sein
was in UNSEREN Zeiten
nicht sein kann

Zeit des Lebens
im Angesicht der Ewigkeit
braucht
den wachsamen Blick für das
was wirklich wichtig ist

Lasst eure Lenden umgürtet sein
und eure Lichter brennen.
Lukas 12,35
***
Markus 13
28 An dem Feigenbaum aber lernt ein Gleichnis: Wenn seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, so wisst ihr, dass der Sommer nahe ist.
29 Ebenso auch, wenn ihr seht, dass dies geschieht, so wisst, dass er nahe vor der Tür ist.
30 Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht.
31 Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen.
32 Von jenem Tage aber oder der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.
33 Seht euch vor, wachet! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist.
34 Es ist wie bei einem Menschen, der über Land zog und verließ sein Haus und gab seinen Knechten Vollmacht, einem jeden seine Arbeit, und gebot dem Türhüter, er sollte wachen:
35 So wacht nun; denn ihr wisst nicht, wann der Herr des Hauses kommt, ob am Abend oder zu Mitternacht oder um den Hahnenschrei oder am Morgen,
36 damit er euch nicht schlafend finde, wenn er plötzlich kommt.
37 Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Wachet!

Jeder von Euch hat sicher seinen Lieblingsmonat im Jahr. Oder zumindest seine Lieblingsjahreszeit.

Manche lieben ja die knackige Kälte und den blauen Himmel und Spaziergänge in frisch gefallenem Schnee, die Januar oder Februar bereithalten können. Aber vielen ist der Winter an sich zu ungemütlich und kalt.

Ich liebe den Mai, seine vielen Farben und die wärmenden Sonnenstrahlen dieses „Wonnemonats“. Wenn der Frühling richtig in Fahrt gekommen ist.

Wenn das Wetter es mir endlich erlaubt, tags über mal wieder in der wärmenden Sonne sitzen und nachts in kühlen Nächten noch ordentlich schlafen zu können. Wenn ich wieder Motorrad fahren kann, ohne mir Zwiebelhaut über Zwiebelhaut anziehen zu müssen, damit ich unterwegs nicht friere.

Fast alle, die ich kenne, lieben den Mai und damit die Zeit, „wenn der Sommer nahe ist“ (V28).

Ich kenne allerdings niemanden, der ernstlich sagt: Ich liebe den November. Sicher, in diesem Jahr hatten wir schöne Tage Anfang des Monats.

Aber in den vergangenen Woche war er wie er sprichwörtlich ist: Neblig, grau, nasskalt. Die Bäume lassen ihre letzten Blätter fallen und sorgen für matschige und schmierige Wege. Der Rückweg gestern von der Synode: Es hat geschneit von Eberswalde bis hinter Nauen. Man bleibt am besten im Haus und legt sich in die Badewanne.

Es ist sicherlich kein Zufall, dass gerade der heutige Tag über Kirchengrenzen hinweg dazu genutzt wird, der Toten zu gedenken.

Jeder hat wohl irgendwo ein Grab, um das er sich in den letzten Tagen gekümmert hat. Ein frisches oder eines, dass schon länger da ist. Und da kommt einem der November irgendwie entgegen: Er verbreitet eine Stimmung und ein Gefühl für das Ende. Das glatte Gegenteil vom Mai, „wenn der Sommer nahe ist“. Das Ende liegt in der Luft, es ist geradezu zum Anfassen nah.

Auch für Jesus und seine Jünger liegt das Ende in der Luft, und das gleich in zweifacher Hinsicht. Jesus hat seinen Jüngern seinen Tod angekündigt, sie sind schweren Herzens mit ihm nach Jerusalem gezogen und ahnen, dass das nicht gut ausgehen wird. So auch der Bericht im Evangelium nach Markus.

Für die Jünger-Gemeinde zur Zeit des Markus (knappe 40 Jahre nach Jesu Hinrichtung) kommt dazu, dass ein Krieg in der Luft liegt: Der jüdisch-römische Krieg, der nur kurze Zeit nach Abfassung des Markusevangeliums Jerusalem und auch den Tempel in Schutt und Asche legen wird.

Für beide Gruppen waren das schlimme Einschnitte in ihr Leben. Die Jünger Jesu hatten ihr Leben darauf ausgerichtet, dem Menschen zu folgen, der ihr Leben geändert und ihre Sicht auf Gott geweitet hatte. Nie waren sie jemandem begegnet, dem sie lieber gedient hatten: Jesus war für sie über jeden Zweifel erhaben, und damit hatte ihr Leben Inhalt, Ziel und Sinn.

Nun aber sollte ihnen ihr Herr genommen werden. Sie wollten und konnten das nicht glauben: Mitten aus ihrem Leben sollte er verschwinden?
Das Ende naht…

Für die Jünger-Gemeinde des Markus war Jerusalem DIE heilige Stadt. Nirgends sonst auf der Welt konnte man Gott so nahe sein. Der Ort, an dem das Grab ihres Herrn gelegen hatte, dass jetzt leer war, weil Ostern Jesu Auferstehung bedeutete. Der Ort, an dem die Apostel nach Ostern ihr Leben geändert und ihre Sicht auf Gott geweitet hatten. Der die Depression, in die der Karfreitag ihr Leben gestürzt hatte, beendet hatte. Der ihr Leben neu mit Inhalt, Ziel und Sinn erfüllte.

Nun sollte ihnen Jerusalem genommen werden? Mitten aus ihrem Leben sollte es verschwinden?
Das Ende naht…

Stellvertretend für so viele:
Vier Jüngern bereitet das besonderes Kopfzerbrechen (13,1). Petrus und Jakobus und Johannes und Andreas sind es, die mit Jesus „unter zehn Augen“ in eine Art Gesprächskreis gehen: „Sage uns, wann wird das geschehen?“ (13,4).

Und jeder, der sich in sie hinein versetzt weiß, wieviele Fragen sich hinter dieser Frage verstecken:
Was sollen wir machen ohne Dich, ohne Jerusalem?
Was sollen wir tun, wenn uns Inhalt, Ziel und Sinn genommen werden? Wenn das Leben plötzlich seinen Sinn verliert?
Wie lange müssen wir warten, bis Du, Jesus, wiederkommst?
Wie lange auf das himmlische Jerusalem?
Das Ende: Wie nur sollen wir damit umgehen?

Es IST nicht das Ende, sagt Jesus. So sicher, wie ihr am Feigenbaum erkennen könnt, dass der Sommer kommt, so sicher ist er nahe vor der Tür. Der Sommer Gottes. Der Tag, an dem Inhalt, Ziel und Sinn sich vollenden. Der Tag des himmlischen Jerusalem. Der Tag, an dem der Menschensohn wiederkommen wird. Der Tag des letzten Advent.

Und wie ihr sicher am Feigenbaum erkennt, dass es schöner wird, weil der Sommer kommt, so könnt ihr sicher sein, dass das Leben neu wird, weil dieser große Tag Gottes kommt. Das Ende des Lebens, selbst das Ende dieser Welt: Es ist nicht das Ende. Nicht das Ende Jesu, nicht das Ende Jerusalems, nicht das Ende von Inhalt, Ziel und Sinn.

„Himmel und Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nicht vergehen.“ (V 31) Das ist keine Drohung, das ist ein Versprechen. Das Versprechen, dass das Wort Gottes das bleiben wird, was es jetzt schon ist und was es immer schon war.

Das Wort, das Gott spricht und das Himmel und Erde, Mensch und Tier erschafft. Aus dem Nichts. Das Wort, von dem Johannes sagt, dass es der Anfang von allem ist (Joh 1,1ff). Das Wort Gottes, von dem bei Jesaja zu lesen ist (55, 10f):

„Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.“

Es ist also das Wort Gottes, das Leben aus dem Nichts schafft und erhält. Das tun wird, was Gott gefällt. Dieses Wort ist es, das bleibt, selbst wenn Himmel und Erde nicht bleiben. Das ewig ist, auch wenn alle Zeit ihr Ende haben wird. Meine Zeit, Deine Zeit, die Zeiten dieses Kosmos.

Und weil die Ewigkeit Gottes so sicher kommt wie die Sommer unseres Lebens bisher gekommen sind, weil Gottes Wort bleiben wird, weil es Heil für die Menschen bedeutet hat und immer bedeuten wird: DESHALB behält auch die Zeit, die bleibt, Inhalt, Ziel und Sinn.

Genau so sicher, wie die Sommer Eures Lebens gekommen sind und bis zum Ende Eures Lebens kommen werden, genau so sicher wird auch Jesus wieder kommen, genau so sicher wird auch Gott einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, wie wir es vorhin in Jesaja 65 gelesen haben, und ein neues Jerusalem dazu:

„Schaue auf Zion, die Stadt unsrer Feiern! Deine Augen werden Jerusalem sehen, eine sichere Wohnung, ein Zelt, das nicht mehr abgebrochen wird. Seine Pflöcke sollen nie mehr herausgezogen und keines seiner Seile zerrissen werden.“ (Jes 33,20)

„Himmel und Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nicht vergehen.“ (V 31) Damit sagt Jesus aber auch: Genau so sicher, wie Gottes Heil für Euch kein Ende kennt, genau so sicher werde ich wiederkommen.

So sicher, wie der Hausherr wiederkommen wird, der doch nur „über Land zog“, nur sein Haus (V34) verlassen hatte, nicht aber die Welt. Ein Hausherr, der seinen Knechten nicht nur ARBEIT hinterlassen hat, sondern der ihnen VOLLMACHT gegeben hatte.

Der also seinen Knechten Macht über sein Vermögen gelassen hatte. Weil er wusste: Sie setzten auf ihn, verließen sich auf ihn und seine Entscheidungen, sie würden ihn nie und nimmer enttäuschen wollen. Und auch er würde sie nicht enttäuschen, nicht für immer „über Land ziehen“, sondern wiederkommen.

Wie also weiterleben angesichts des Endes? WACHSAM, sagt Jesus. Wie der Türsteher, dessen Arbeit nicht gelingen kann, wenn er müde ist und einschläft.

Wachsamkeit rechnet mit dem Leben, das Überraschungen bereit hält: Schlechte und schöne. Wachsamkeit prüft das Leben: Ob es mir gerade Gutes widerfahren lässt oder doch eher schadet. Wachsamkeit rechnet mit dem Herrn des Lebens: Er WIRD wiederkommen, das ist noch sicherer als das Amen in der Kirche, sicherer als der Tod, sicherer als totsicher.

Wachsamkeit wird die Grenzen erkennen und sich schlafen legen, weil ohne Schlaf keine Wachsamkeit ist. Auch der Türhüter wird schlafen müssen und seine Aufgaben an einen anderen weitergeben, solange er schläft. Denn Wachsamkeit braucht allen Verstand, aber auch alle Sinne. Nur wachsam kann der Türhüter seinem Herrn von Nutzen sein.

Und was Jesus Petrus und Jakobus und Johannes und Andreas sagt, das sagt er allen. Also auch uns: Wachet! Lasst Euch nicht vom Ende der Zeit schrecken und lebensunfähig machen. Denn „Himmel und Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nicht vergehen.“

Meine Schwestern, meine Brüder:

Auch uns droht das Ende. Daran erinnern uns die Gräber auf unseren Friedhöfen, alte und frische. Unser eigenes Grab ist das letzte, das uns auf dieser Welt erwartet.

Und auch unser „Jerusalem“ ist nicht von Dauer. Egal, ob es unsere Gemeinde oder unsere persönliche Zukunft meint: Auf dieser Welt ist nichts, an dem nicht der Zahn der Zeit nagen würde. Daran ändern alle Neubauten, alle Renovierungen und jeder Denkmalschutz nichts.

Daran erinnern uns nicht nur unsere Häuser, um die wir uns in jedem Jahr kümmern müssen, weil Fenster neu gestrichen, Türen erneuert oder Feuchtigkeit im Mauerwerk bekämpft werden müssen. Daran erinnern uns auch dieser unselige Krieg in der Ukraine oder der immer noch totbringende Coronavirus oder unsere Knochen, die im Alter ihren ordentlichen Dienst versagen.

Der Geburt des Heiligen Abends droht der Tod des Karfreitag. Doch dieses Ende auf dieser Welt ist nicht das Ende der Möglichkeiten Gottes. Das zeigt uns Ostern, wenn – ja wenn wir WACHSAM darauf sehen.

Wachsam sein bedeutet auch: Das eigene Leben zu prüfen. Die Zeichen der Zeit erkennen. Das Leben nicht einfach laufen zu lassen, sondern es aufmerksam zu analysieren. Es zu ändern, wenn es nötig wird.

Wachsam sein bedeutet aber vor allem: Augen und Ohren offen halten, trotz allem. Und damit zu begreifen, dass Gottes Wort eben KEIN Vertrösten aufs Jenseits ist, sondern dass es die Macht Gottes ist. Die Macht Gottes, die diese Welt und auch unser Leben aus dem Nichts werden zu lassen.

Wachsamkeit bedeutet also nicht nur Mühe und Arbeit für unser Leben. Sondern sie bedeutet zu erkennnen, dass wir VOLLMACHT bekommen haben, unser Leben mit Inhalt, Ziel und Sinn zu füllen.

Denn so sicher, wie nach den Novembern des Lebens der Mai folgt, so sicher gilt: „Himmel und Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nicht vergehen.“

Am Ende steht die Ewigkeit Gottes, nicht die begrenzten Möglichkeiten dieser endlichen Welt. Bei Gott ist ALLES möglich, was in dieser Welt unmöglich ist.

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes:

Sie sind Gottes Wort an uns, und sie werden nicht vergehen.
AMEN

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