Rückwärts verstehen, vorwärts leben (Jes 38 9-20)

Für nur drei Dinge des Tages
Gott dankbar zu sein
manchmal leicht
manchmal unmöglich
Krankheit, innere Not
werden zur Last der Seele

Gott aber
rührt den Menschen an
fragt dich und mich
willst du gesund werden
auch wenn das bedeutet
das Leben anders zu leben

Gott zeigt uns seinen Weg

Heile du mich, HERR
so werde ich heil;
hilf du mir,
so ist mir geholfen. (Jer 17,14)
***
Rückwärts verstehen, vorwärts leben.

Das Leben des lutherischen Theologen und Philosophen Søren Aaby Kierkegaard spielte sich außer in kurzen Berlin – Episoden fast ausschließlich in seiner Heimatstadt Kopenhagen ab. Das ist bis heute die einzige skandinavische Stadt mit wirklichem Großstadtcharakter. Anfang des 19. Jahrhunderts, also zur Zeit Kierkegaards, lebten hier gute einhunderttausend Menschen dicht gedrängt innerhalb der Stadtmauer.

Kierkegaards Leben war arm an äußeren Ereignissen und reich an inneren Konflikten. Als sehr religiöser Mensch hat er durchlebt oder besser durchlitten, was Paulus im Römerbrief theologisch durchdringt:

Das Scheitern der Institution Kirche an der Begegnung mit dem lebendigen Gott. Für Paulus zwangsläufig, ist seine „Kirche“ Israel doch ein Menschending, das zwar nach der Größe Gottes sucht, sie aber nicht fassen kann, nie fassen können wird. Weil der Menschen eben zeitlich und irdisch, Gott dagegen himmlisch, ewig und unendlich ist.

Paulus sieht darum auf die Geschichte Israels mit Gott zurück, um begreiflich zu machen, wo die Spuren des Handelns Gottes dort sichtbar sind und was sie für das Leben des Menschen in Gegenwart und Zukunft bedeuten.

Kierkegaard beschäftig sich mit der Existenz des Menschen und kommt zu einem ganz ähnlichen Ergebnis: Verstehen kann man das Leben nur rückwärts.

Das Leben als Mischung aus eigenem Wollen und der Begegnung mit Zufällen und Hindernissen zeitigt Ergebnisse, die den Menschen prägen und ausmachen.
Aber niemals gelingt es ihm, durch dieses Verstehen des Lebens seine eigene Zukunft beherrschen zu können. Sie bleibt ungewiss.

Wie gut, wenn der Mensch es vermag, in seiner Rückschau das Handeln Gottes zu entdecken, der es gut mit ihm meint: Schon immer, für immer.

Kierkegaard schreibt in sein Tagebuch: „Es ist ganz wahr, was die Philosophie sagt, dass das Leben rückwärts verstanden werden muss. Aber darüber vergisst man den andern Satz, dass vorwärts gelebt werden muss.“

Rückwärts verstehen:
Mit dem Blick auf das Bekannte, Erlebte, Gewusste große Zusammenhänge entdecken.
Vorwärts leben:
Mit dem Wissen um die großen Zusammenhänge, aber dem Blick auf das Unbekannte, Ungeahnte in das Heute als das große Ungewisse.
Das bleibt schließlich ein Dilemma.

Kierkegaard heißt übersetzt übrigens Kirchhof.
Und Kirchhöfe sind Friedhöfe.
Es scheint, dass dieser Name Sørens Leben beeinflusst hätte: Es ist wahrscheinlich die Folge von Tuberkulose, die ihn an einem Schlaganfall sterben lässt und auf den Friedhof bringt – in der scheinbaren Mitte seines Lebens plötzlich das Ende.

Als Søren Aaby Kierkegaard als letztes von sieben Kindern geboren wurde, war sein Vater 57 Jahre alt. So alt hat er selbst nicht werden dürfen: Er lebte von Mai 1813 bis November 1855, also nur 42 ½ Jahre.

Hiskia, König von Juda, wird todkrank. Auch er in der „Mitte seines Lebens“. Jesaja, der Prophet, Freund der klaren Worte, kommt zu ihm und sagt:

„Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben…“ (Jesaja 38,1). Wenn mir das passieren würde: Ich hätte mir einen anderen Seelsorger gewünscht. Aber das nur nebenbei.

Hiskia schiebt nun diesen Rat Jesajas beiseite. Stattdessen wendet er sich ab, weint bitterlich und betet. Und überlebt gegen alle Erwartung. Und als er wieder zu Kräften gekommen ist, schreibt er sich von der Seele, was er erlebt hat, und dichtet den Psalm, der heute Predigttext ist (Kap 38 ab V9)

9 Dies ist das Lied Hiskias, des Königs von Juda,
als er krank gewesen
und von seiner Krankheit gesund geworden war:

Und dann nimmt Hiskia uns mit in den Rückblick in seine Todesangst.

10 Ich sprach:
In der Mitte meines Lebens muss ich dahinfahren,
zu des Totenreichs Pforten bin ich befohlen
für den Rest meiner Jahre.
11 Ich sprach: Nun werde ich nicht mehr sehen den HERRN,
ja, den HERRN im Lande der Lebendigen,
nicht mehr schauen die Menschen,
mit denen, die auf der Welt sind.
12 Meine Hütte ist abgebrochen
und über mir weggenommen wie eines Hirten Zelt.
Zu Ende gewebt hab ich mein Leben wie ein Weber;
er schneidet mich ab vom Faden.

Hiskia will nicht sterben. Er hat nicht genug vom Leben. „In der Mitte“ seines Lebens fühlt er sich, zu jung und voller Pläne, sein Land braucht ihn ihm Krieg gegen die Assyrer. Die Krankheitsdiagnose aber reißt ihn aus allem heraus und stellt ihn an den Eingang zum Totenreich. Schon immer Land ohne Wiederkehr.

Denn der Tod ist unumkehrbar. Und nach all dem, was der Mensch über ihn zu wissen glaubt, beendet er all seine Beziehungen endgültig: „Zu Ende gewebt hab ich mein Leben wie ein Weber; er schneidet mich ab vom Faden.“

Hiskia erinnert sich, dass er sich nichts anderes hat vorstellen können als dieses Abgeschnittensein. Abgeschnitten von allem. Und darum betrifft das selbst seine Beziehung zu Gott, die ihm zeitlebens so wichtig ist:

„Nun werde ich nicht mehr sehen den HERRN, ja, den HERRN im Lande der Lebendigen…“ (11) Hiskia empfindet eine tiefe Einsamkeit. Sie lässt ihn starr werden vor Schreck und macht ihm große Angst. Angst vor dem Tod.

Im Rückblick erinnert Hiskia darum, dass er sich gerade von Gott vergessen und verraten fühlte. „Ich sprach …(10,11!):

Tag und Nacht gibst du mich preis;
13 bis zum Morgen schreie ich um Hilfe;
aber er zerbricht mir alle meine Knochen wie ein Löwe;
Tag und Nacht gibst du mich preis.
14 Ich zwitschere wie eine Schwalbe
und gurre wie eine Taube.
Meine Augen sehen verlangend nach oben:
Herr, ich leide Not, tritt für mich ein!
15 Was soll ich reden und was ihm sagen?
Er hat’s getan!
Entflohen ist all mein Schlaf
bei solcher Betrübnis meiner Seele.“

Tag und Nacht gibst Du, Gott, mich preis! klagte Hiskia.
Aber in seiner Not gab es niemand anderen, der helfen konnte; Gott ist letztlich der einzige, den er um Hilfe anrufen kann: Herr, ich leide Not, nicht einmal mehr schlafen kann ich, tritt für mich ein!

Was Hiskia in diesen Momenten der Angst vor dem Tod noch mehr sucht als Heilung, ist Trost. Trost für seine Seele vor dem endgültigen Verderben. Hiskia will nicht allein bleiben. Die Sünde, der „Sund“, die große Kluft zwischen Gott und Mensch: Nichts wünscht er sich mehr, als dass sie überwunden werden möge.

Er schreibt:
16 Herr, davon lebt man,
und allein darin liegt meines Lebens Kraft:
Das lässt mich genesen
und am Leben bleiben.
17 Siehe, um Trost war mir sehr bange.
Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen,
dass sie nicht verdürbe;
denn du wirfst alle meine Sünden hinter dich zurück.

Was Hiskia in seiner Todesangst sucht, hat Gott ihm schließlich gewährt. Die große Kluft zwischen Gott und Mensch – Gott wirft sie hinter sich zurück, Hiskia ist nicht mehr allein. Trost stellt sich ein. Kraft kehrt zurück. Hiskia wird gesund, bleibt am Leben.

Warum hat Gott ihn durch dieses Tal der Tränen gehen lassen? Hiskia findet eine Antwort, die auch sonst immer wieder in Psalmen zu lesen ist: Gott will das Leben der Menschen, damit sie froh sein können. Ein frohes Leben mit Gott rühmt Gott, es lobt Gottes Treue.

Das muss so sein: Wie sollten sonst die Menschen von Gottes Treue hören? Wie können die Kinder sonst lernen, worauf sie sich im Leben verlassen können? Das hören wir ab Vers 18:

18 Denn die Toten loben dich nicht,
und der Tod rühmt dich nicht,
und die in die Grube fahren,
warten nicht auf deine Treue;
19 sondern allein, die da leben, loben dich so wie ich heute.
Der Vater macht den Kindern deine Treue kund.

Das Leben im Rückblick verstehen:
Hiskia erkennt, dass Gott ihn gegen allen Schein weder vergessen noch allein gelassen hat. Er erkennt, dass allein Gott ihn in die Arme nahm und ihn hat leben lassen.

Das lässt ihn seines Lebens wieder froh werden. Und das behält er nicht für sich. Dazu schreibt er diesen Psalm, der mit den Worten schließt:

20 Der HERR hat mir geholfen,
darum wollen wir singen und spielen,
solange wir leben, im Hause des HERRN!

Meine Schwestern, meine Brüder:

Auch Menschen, die wie Hiskia und wie wir alle hier die Nähe Gottes suchen, müssen leiden und sterben. Auch „in der Mitte ihres Lebens“, also im menschlichen Ermessen „vor der Zeit“.

Aber wir haben es besser als viele andere, denn wir kennen Hiskia. Und nicht nur ihn, denn wir haben die Bibel. Und sie ist voller menschlicher Rückblicke auf das Leben, die entdecken: Gott wirft alle Sünde hinter sich zurück, ist dem Menschen nah, lässt seine Seele nicht verderben.

Und anders als Hiskia kennt UNSER Rückblick seit zweitausend Jahren sogar Jesus Christus. Der nicht müde wurde, sein Volk an die Gegenwart des ewigen Gottes im endlichen Menschenleben zu erinnern. Ja, der SELBST in EIGENER Person Gott den Menschen so nahe sein ließ, wie sie es nie zuvor erfahren hatten.

Darum kann ich kann es da noch deutlicher als Hiskia damals im Rückblick auf mein Leben erkennen: Gegen allen Augenschein nimmt Gott sich meiner Seele herzlich an. Was mich von ihm getrennt hält, wirft er durch Christus hinter sich. Ich kann das besser erkennen als je zuvor, weil mein Rückblick auch den Rückblick des Hiskia kennt – seinen und der „Wolke von Zeugen“, denen ich in der Schrift begegne.

Das Leben rückwärts verstehen: Hiskia kann helfen, die Spuren Gottes im Leben deutlicher zu erkennen. Und wer so Leben verstehen und den allmächtigen Gott finden kann, der kann mutiger als zuvor vorwärts gehen.

Wir werden mit Hiskia unseres Lebens froh werden können und sagen:
Der Herr hat mir geholfen, darum wollen wir singen und spielen, solange wir leben, im Hause des HERRN!

Dann werden wir, wenn wir diese Welt verlassen müssen, in der Gewissheit gehen:

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Gemeinschaft des heiligen Geistes

haben jeden Tag unseres Lebens begleitet
und werden uns niemals
einsam dem Totenreich überlassen.
AMEN

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