Grenzen fallen (Mt 8 5-13)

Nicht nur wenige, sondern alle.
Nicht nur hier, sondern überall.
Nicht nur etwas, sondern alles.
Gottes Liebe – Heil für alle.

Die Weihnachtsbilder zeigen nicht
was sich außen abgespielt hat
sondern Verborgenes und Unsichtbares
ausgebreitet vor unser aller Augen.

Und es werden kommen
von Osten und von Westen,
von Norden und von Süden,
die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.
Lk 13,29
***

GRENZEN. Ähnlich wie die Zeit ein Hilfsmittel der Menschen zur Organisation des Lebens. Sie werden gezogen, verschoben, eingerissen, neu gezogen. Gestern, heute, morgen. Sie sind einfach da oder werden aufgebaut. Sie sollen das Drinnen schützen vor dem Draußen.

Manchmal bewirken sie Gutes: Freie Autofahrt für freie Autobürger endet auf dem Gehweg oder der Fußgängerzone. Oft bewirken sie Schlechtes, wie der „eiserne Vorhang“, der willkürlich Menschen trennte bis hinein in die Familien.

Grenzen machen das Leben manchmal unerträglich. Grenzen zwischen politischen Lagern sorgen für Unsachlichkeit und emotionale Gereiztheit.
Grenzen zwischen Andersdenkenden und Nochandersdenkenden schaffen Hass, Gewalt und Ausgrenzung. Ihr müsst nur an das Wort „Impfgegner“ denken und wisst, wovon ich spreche.

Um Grenzen geht es im Predigttext aus dem Evangelium nach Matthäus Kapitel 8, ab Vers 5 in der Neuen Genfer Übersetzung.

5 Als Jesus nach (Kafarnaum) Kapernaum kam, trat der Hauptmann einer dort stationierten Einheit an ihn heran und bat ihn um Hilfe. 6 „Herr“, sagte er, „mein Diener liegt gelähmt und mit furchtbaren Schmerzen bei mir zu Hause.“ 7 Jesus erwiderte: „Ich will kommen und ihn heilen.“ – 8 „Herr“, sagte daraufhin der Hauptmann, „ich bin es nicht wert, dass du mein Haus betrittst; doch sprich nur ein Wort, und mein Diener wird gesund. 9 Ich unterstehe ja selbst dem Befehl eines anderen und habe meinerseits Soldaten unter mir. Wenn ich zu einem von ihnen sage: Geh!, dann geht er, und wenn ich zu einem sage: Komm!, dann kommt er; und wenn ich zu meinem Diener sage: Tu das und das!, dann tut er es.“
10 Diese Antwort erstaunte Jesus, und er sagte zu denen, die ihm folgten: „Ich versichere euch: In ganz Israel habe ich bei keinem solch einen Glauben gefunden. 11 Ja, ich sage euch: Viele werden von Osten und Westen kommen und sich mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch setzen. 12Aber die Bürger des Reiches werden in die Finsternis hinausgeworfen, dorthin, wo es nichts gibt als lautes Jammern und angstvolles Zittern und Beben.“
13 Hierauf wandte sich Jesus zu dem Hauptmann und sagte: „Du kannst nach Hause gehen. Was du geglaubt hast, soll geschehen.“ Und zur gleichen Zeit wurde der Diener gesund.

Jesus lebt in einer Zeit, in der sein Geburts-Land politisch zur Bedeutungslosigkeit verdammt ist. Denn Israel lebt unter der Besatzung der Römer. DIE haben die Macht, Freiheiten zu nehmen und zu lassen. Das war so ähnlich wie beispielsweise die Zeit in Deutschland zwischen 1945 und 1990. Hier bestimmten letztlich die vier Siegermächte des zweiten Weltkrieges, welche Freiheiten die Menschen hatten und welche nicht. Im Osten waren es eher wenige.

Der Soldat, der zu Jesus kommt, ist ein Zenturio, das meint vom Wort her Führer über Einhundert. Heute wäre das Führer einer Kompanie, ungefähr Hauptmann oder Major. Der Zenturio befehligt die Soldaten der Besatzungstruppe in der kleinen Stadt Kapernaum. Er ist hier der Ortskommandant, eine Respektsperson. Einer, der nicht nur von seinen Soldaten, sondern auch von den Leuten in der Stadt Respekt erwarten kann und erwartet.

Was hier von ihm erzählt wird, zeichnet ihn als einen integeren Soldaten aus. Er erwartet nicht nur von seinen Untergebenen sich selbst gegenüber Respekt, sondern erweist diesen Respekt auch ihnen. Er sorgt sich um seine Soldaten. Und das tut er persönlich: „Herr, … mein Diener liegt gelähmt und mit furchtbaren Schmerzen bei mir zu Hause“. Der Zenturio kommt also persönlich zu Jesus und bittet ihn, sich um seinen Diener zu kümmern.

Indem er das tut, muss er in doppelter Weise Grenzen ÜBERSCHREITEN. Nicht nur, dass er als Offizier der Besatzungsmacht einen Zivilisten aus dem besetzten Gebiet bittet. Er muss auch eine religiöse Grenze überwinden, wenn er sich als Nichtjude an den jüdischen Wanderprediger Jesus wendet.

Dass diese doppelte Grenze durch den Hauptmann schon mit der Bitte an Jesus überschritten IST, spürt Jesus sofort, ebenso wie er die tätige Liebe des Soldaten seinem Diener gegenüber gespürt haben wird. Darum zögert er nicht. „Ich will kommen und ihn heilen.“

EINE DRITTE GRENZÜBERSCHREITUNG. Die allerdings scheint dem Soldaten nicht recht zu sein. Er scheint nicht zu wollen, dass Jesus sein Haus betritt, vielleicht weil er weiß, dass Jesus sich damit in Schwierigkeiten bringt. Es würde Jesus nach jüdischem Verständnis nämlich unrein machen, wenn er das Haus eines Nichtjuden beträte.

JETZT ABER ZUR WOHL WICHTIGSTEN GRENZÜBERSCHREITUNG DIESER GESCHICHTE. Der Soldat sagt etwas, das genau betrachtet kaum zu verstehen ist: „Ich bin es nicht wert, dass Du mein Haus betrittst“ – und das, obwohl er sich SEINER Würde durchaus bewusst gewesen sein dürfte. Er ist schließlich der Stadtkommandant, die Bedeutung seines Titels ist sogar von Rom gesetzlich geschützt. Warum also stapelt er so tief? Kann es ihm nicht eigentlich egal sein, wenn ein Jude unrein wird, wenn seinem Diener dabei geholfen wird?

Und er redet ja noch weiter. Er lässt jeden der dabei steht hören, dass er sich auch SEINER Grenzen bewusst ist. Er weiß, dass er angesichts der Krankheit seines Dieners als Soldat nichts ausrichten kann. Und argumentiert dann nur auf den ersten Blick schlüssig:

„ Sprich nur ein Wort! …Ich unterstehe ja selbst dem Befehl eines anderen und habe meinerseits Soldaten unter mir. Wenn ich zu einem von ihnen sage: Geh!, dann geht er, und wenn ich zu einem sage: Komm!, dann kommt er; und wenn ich zu meinem Diener sage: Tu das und das!, dann tut er es.“

Befehl und Gehorsam – anders hat der Beruf des Soldaten noch nie funktioniert. Irgendwo zwischen Kadavergehorsam und den Prinzipien der „inneren Führung“, die heute die Bundeswehr zu einer durchaus fortschrittlichen Armee machen.

„Befehl und Gehorsam“ – genau so aber KANN die Heilung seines Dieners nicht funktionieren. Und das muss der Soldat eigentlich auch begriffen haben. Indem er das sagt, verlangt er also Unmögliches von Jesus. Er tut das trotzdem, ohne Androhung von Waffengewalt, über die er ja verfügt, auch ohne Häme nach dem Motto: Nun zeig mal, was Du drauf hast!

Damit lässt Matthäus UNS erkennen:
GOTT hat in diesem Augenblick die Grenze zum ZENTURIO überschritten. Er hat ihn im wahrsten Sinne des Wortes ERKENNEN lassen, wer Jesus wirklich ist. Gott bringt den Zenturio zu der Überzeugung: Jesus hat Gottesmacht. Und so setzt der Soldat seine neu gewonnene Hoffnung auf eben diesen Jesus. „Sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund.“

Er erkennt in Jesus den GOTTGLEICHEN. Darum erstaunt diese Antwort Jesus, und er sagte zu denen, die ihm folgten: „Ich versichere euch: In ganz Israel habe ich bei keinem solch einen Glauben gefunden.“

Weder der Soldat Naaman, den sein Glaube vom Aussatz heilt (2. Kön 5), noch der Soldat aus Kapernaum, dessen Glaube es möglich macht, dass sein Diener gesund ist, waren Juden. Das lässt uns sehen: Noch NIE war Glaube an Menschen – Grenzen gebunden, weder an staatliche noch an religiöse. Im Gegenteil: Der Glaube an den „Gott Israels“ ÜBERWINDET Grenzen. Solche, die Menschen das Leben schwer machen.

So kann Jesus den Juden seinen Jüngern diesen ausländischen Besatzer als Vorbild im Glauben vor Augen stellen. Ja, ich sage euch: Viele werden von Osten und Westen kommen und sich mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch setzen. 12Aber die Bürger des Reiches werden in die Finsternis hinausgeworfen, dorthin, wo es nichts gibt als lautes Jammern und angstvolles Zittern und Beben.

Und die Jünger werden verstanden haben: Wer den Glauben als einen Besitz betrachtet und dann versucht, um ihn herum Grenzen aufzubauen, die andere ausschließen: Der ist in Gefahr, alles zu verlieren. Weil er Gott Grenzen zu setzen versucht. Weil er sich weigert, gerade im ANDEREN Menschen ein Ebenbild Gottes zu sehen. Weil er so nie begreift, dass Gottes Liebe KEINE Grenzen kennt.

Meine Schwestern, meine Brüder:

Manche Grenzen nutzen. Autos auf Fußwegen, ständige persönliche Erreichbarkeit für den Arbeitgeber, persönliches Erleiden von Übergriffen oder Gewalt – an vielen Stellen sind Grenzen nötig. Geschützte Grenzen, die sichtbar sind und die bei Überschreitung auch spürbare Konsequenzen haben.

Aber in der wichtigsten Sache des Lebens, in der Liebe, schaden sie uns. Lasst uns darum nicht müde werden, unser Leben daraufhin abzuklopfen, ob es Grenzen gibt, die unserem Nächsten und schließlich uns selbst Schaden zufügen.

Die Geschichte der Grenzüberschreitungen rund um den Zenturio, der erleben darf, dass sein Diener gesund wird, weil GOTTES Liebe keine Grenzen kennt: DAS ist die Geschichte des Glaubens, aus dem wir leben. Die Geschichte, wie aus Grenzüberschreitungen HEILUNG geschieht.

Nicht ohne Grund sprechen unsere katholischen Geschwister bei jeder Eucharistiefeier die Worte des Zenturios als PERSÖNLICHES Bekenntnis neu: „Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.“

Ein Wort GOTTES genügt, und die Grenzen fallen, die uns schaden. Dann erleben wir

die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes

– und sie machen das Leben gesund. AMEN

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