Der Herr ist nahe (Phil 4 4-7)

Ave
sei gegrüßt Maria
dein Sohn ist Gottes Sohn
und nichts wird mehr sein
wie es war

Ave Maria
dein Sohn unser Herr
Sein Advent
ist unsere Zuversicht
weit über alle Sicht der Welt

Sein Advent ist Frieden
im Krieg der Zeiten
sein Advent ist
Recht und Gerechtigkeit
alles ist gut
ER KOMMT

Freuet euch in dem Herrn allewege,
und abermals sage ich: Freuet euch!
Der Herr ist nahe!
Philipper 4,4.5b
***

Gut ging es Paulus gerade nicht. Wirklich nicht. Er saß im Gefängnis, und das war zu seinen Lebzeiten wirklich eine üble Sache. Hunger, miserable sanitäre Zustände, meist angekettet. Er erwartet dennoch, bald frei zu kommen.

Woher er diese Erwartung nimmt? An rechtsstaatlichen Zuständen kann es jedenfalls nicht liegen. Vielleicht an dem römischen Bürgerrecht, das er verliehen bekommen hat und dass ihn vor vielem Ungemach schützt. Doch wir wissen auch, dass ihn dieses Bürgerrecht sehr wahrscheinlich nicht vor der späteren Hinrichtung gerettet hat.

Auch der griechisch sprechende Gemeinde in Philippi ging es nach allem, was wir wissen, nicht gut. Von einem unbeschwerten Alltagsleben war sie sicher weit entfernt.

Philippi war eine auf den Namen Philipp II., des Vaters Alexanders des Großen, umbenannte Stadt. Jetzt aber war sie eine römische Kolonie. Achtzig Jahre zuvor hatte Augustus die griechisch-hellenistische Bevölkerung der Stadt enteignet.

So war Platz für die Ansiedlung von Kriegsveteranen aus allen Provinzen des Reiches. Die ehemaligen Bewohner von Philippi aber wurden zu Einwohnern ohne Bürgerrecht. Sie mussten ohne politische und eigene kultische Rechte außerhalb der Stadtmauern leben. Latein und nicht griechisch war offizielle Amtssprache.

In den Stadtrat gehörten nur Mitglieder der reichsten Familien, die über 300 Jahre lang fast alle politischen Ämter der „Colonia Julia Augusta Philippensis“ unter sich verteilten.

Paulus hatte die Gemeinde als erste Gemeinde auf europäischem Boden gegründet, musste die Stadt aber unter turbulenten Umständen wieder verlassen. Das kann man in der Apostelgeschichte ganz gut nachlesen (Apg 16, 16ff).

Doch Paulus und die Gemeinde blieben sich besonders eng und herzlich verbunden. Paulus im Gefängnis, die Gemeinde in politischer Unterdrückung: Beiden tat es weh, den jeweils anderen so zu sehen.

Dennoch strahlt der Brief des Paulus an die Gemeinde in Philippi eine Glaubenszuversicht aus, die ihresgleichen sucht. Vor allem der Abschnitt aus dem vierten Kapitel, der heute unser Predigttext ist.

Aber gerade das macht UNSEREN Umgang mit ihm heute nicht gerade einfacher. Er ist SO bekannt, dass einzelne Verse aus ihm nahezu eigenständig wichtig geworden sind.

Aus ihm stammt das nahezu geflügelte Wort des Wochenspruchs für diesen vierten Adventssonntag. UND eine Segensformel, die jedem von uns geläufig ist. In der Lutherübersetzung 2017 ist er sogar komplett fett gedruckt.

Darum lese ich heute den Text in der nicht ganz so bekannten Übersetzung der Elberfelder Bibel:

4 Freut euch im Herrn allezeit!
Wiederum will ich sagen: Freut euch!
5 Eure Milde soll allen Menschen bekannt werden;
der Herr ist nahe!
6 Seid um nichts besorgt, sondern
in allem sollen durch Gebet und Flehen mit Danksagung
eure Anliegen vor Gott kundwerden;
7 und der Friede Gottes, der allen Verstand übersteigt,
wird eure Herzen und eure Gedanken
bewahren in Christus Jesus.

Der Herr ist nahe! ruft Paulus den Philippern zu.
Dieser adventlich klingende Satz steht im Zentrum des Textes. Dabei ist offen, ob dieses „nahe“ zeitlich oder räumlich gemeint ist. Wir heute mögen es eher zeitlich hören – heute in einer Woche ist schließlich Weihnachten.

Aber angesichts der Situation, in der sich Paulus einerseits und die Gemeinde andererseits befinden, denke ich, dass dieses „nahe“ eher räumlich zu verstehen ist:

Auch wenn es euch so scheinen mag – der Herr ist nicht fern. Er ist nahe. Nahe bei dir, nahe bei Deinem Herzen, nahe in deinem Leben. Gott hat dich nicht vergessen, er wird dich nicht vergessen. Du bleibst ihm wichtig.

Dieser zentrale Satz ist für Paulus Begründung und Fundament für alles andere, was er hier schreibt. Insbesondere die durch Wiederholung unterstrichene Aufforderung: Freut euch IM HERRN. Nicht einfach ÜBER, sondern IM. Von ihm umfangen, umschlossen, behütet.

Freuet euch in Gott! Luther übersetzte dann aber nicht „allezeit“, sondern „allewege“.

Allewege – jeder weiß eigentlich, was das heißt:
Auf allen Wegen.
Den Wegen, die man jetzt geht, den Wegen, die man noch gehen wird. Aber HÖREN wir auch „auf all unseren Wegen, schon immer und für immer“? Oder ist „allewege“ nur noch Füllwort?

Auch in den Folgeversen unseres Wochenspruchs gibt es schwierige Worte. Luther übersetzte weiter: „Eure Güte lasst kund sein allen Menschen“.
Ach du meine Güte.
Was ist das denn: Meine. Güte.? Unsere. Güte.? Gütesiegel? Vergütung? Qualität? Wenn ja, welche genau?

Luthers ursprüngliche Übersetzung „Lindigkeit“ war dichter an der Sache. Weil dieses Wort aber niemand mehr nutzt, wurde es schon in der 84er Lutherfassung durch das Wort „Güte“ ersetzt.

„Milde“, wie es hier die Elberfelder versucht, ist ein guter Versuch darzustellen, worum es gehen soll, wenn man zum Herrn gehört und sich freuen kann – trotz aller Ungerechtigkeit.

Auch den anderen Menschen gegenüber soll diese Freude sich dadurch erweisen, dass man gelassen, großzügig, nachgiebig ist.

Doch wird man nicht hart und bitter, wenn einem das Leben hart und bitter mitspielt? Wo sollen die Philipper, an den Rand der Stadt und der Gesellschaft gedrängt, Gelassenheit, Großzügigkeit, Nachgiebigkeit hernehmen?

Der Herr ist dir doch NAHE und nicht fern. Deine Freude ist es, IM Herrn geborgen, umfangen, geschützt zu sein. Das macht der Glaube in dir möglich. Also kann dir nichts passieren, so lange du lebst. Und wenn du diese Welt verlassen wirst, bleibst du IM HERRN.

Also: „Seid um nichts besorgt.“ Man würde Paulus wohl absichtlich missverstehen, wenn man damit völliges Unbekümmertsein verbinden würde. Schließlich sind ja auch seine Briefe voller Ermahnungen, worauf man im Alltag zu achten hätte, wenn man ein gottgefälliges Leben führen will.

Selbst im glaubensfrohen Philipperbrief steht ja schon einen Vers nach unserem Text (V8): „alles, was wahr, alles, was ehrbar, alles, was gerecht, alles, was rein, alles, was liebenswert, alles, was wohllautend ist, wenn es irgendeine Tugend und wenn es irgendein Lob <gibt>, das erwägt!“

Also hat man wörtlich genommen genug, worum man sich zu sorgen hat. Paulus meint hier doch dasselbe wie später der Evangelist Matthäus, von dem wir in Jesu Bergpredigt lesen können (6,33f) „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit… sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“

Mit anderen Worten: Wenn man sich IM Herrn freuen kann, wem der Herr NAHE ist und nicht fern, dann hat man zwar in seinem Leben genug zu tun. Und genug Sinnvolles zu tun.

Aber ANGST vor morgen – die Sorge um den morgigen Tag, die verliert man.

Denn all das, was einen bedrückt, bringt man im Gebet vor den, der alles in der Hand hat. Weil man IN ihm lebt und und IN ihm Lebensfreude findet. Weil man IN ihm erkennt, dass das Leben mehr ist als Nahrung und Kleidung.

Freut euch im Herrn allewege, allezeit, was immer auch kommen mag. Das ist die Glaubens – Erinnerung daran, was dem Leben Inhalt, Sinn und Ziel gibt. Und so kann Paulus diesem Abschnitt die Krone aufsetzen mit einem großen Versprechen (V 7):

„der Friede Gottes, der allen Verstand übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken bewahren in Christus Jesus.“ Ja, so wird es sein. Luther entscheidet sich seinerzeit der lateinischen Bibelfassung zu folgen und damit eine Segensformel zu formulieren und übersetzt (V7) mit Worten, die wohl alle von uns kennen:

„Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“ Herzen und Gedanken, Leiber und Seelen, Körper und Gefühl werden in Schutz genommen, bewahrt, ja man könnte übersetzen: Versiegelt werden.

Ihr gehört doch schon Gott und niemandem sonst. Ihr gehört doch zu seinem Sohn Christus Jesus, in dem Gott euch so nahe gekommen ist. Zum Begreifen nahe!

Meine Schwestern, meine Brüder:

Heute in einer Woche ist Weihnachten. Das hebt kaum jemanden an, der jenseits der Dreißig ist. Oft, ja allzu oft hat man das erlebt, ich mindestens schon fünfzig Mal:

Alle Jahre wieder kommt das Christuskind auf die Erde nieder,
wo wir Menschen sind.
Und es ändert sich:
Nichts.

Obdachlose leben im strengen Frost dieses Dezembers auf unseren Straßen. Tier und Mensch hungern. Und Putin sorgt dafür, dass es eine Kriegsweihnacht geben wird. Mit Kanonen, Raketen und Drohnen. Ohne Wasser, Strom oder Wärme – Kiew liegt nicht am Ende der Welt.

Der Mensch als größte Bedrohung der Menschlichkeit. Von den Schlachtfeldern bis in den beruflichen oder gar familiären Alltag: Daran ändert sich –
nichts, auch nicht zu Weihnachten 2022.

Nichts? Berührt der Advent die Menschen heute tatsächlich nicht mehr? Dass Gott Mensch wurde, zu den Menschen kommt, so nahe, dass er die Menschen berührt? In ihrer Sorge, ihrer Angst um morgen: Anrührt?

Für mich ist das tatsächlich anders. Gott berührt mich, so wie er Paulus im Gefängnis berührt hat. Und das, obwohl mein Leben wesentlich entspannter und behüteter ist als das von Paulus oder das der Philipper.

Es berührt mich, dass es einen Glauben gibt, der Paulus im Gefängnis diese Worte schreiben lässt: Freut euch im Herrn. Das ändert alles.

Es berührt mich, dass Menschen immer wieder erlebt haben: Der Herr ist mir nahe! Als viele Jahre später Dietrich Bonhoeffer im Gefängnis sitzt, schreibt er an seine Braut, es ist in den Weihnachtstagen des Jahres 1943:

„Liebste Maria, … sei mit den anderen so froh wie man es nur Weihnachten sein kann. Male dir keine schrecklichen Bilder über mich in meiner Zelle aus, sondern denke nur daran, dass Christus auch durch die Gefängnisse geht und an mir nicht vorübergehen wird.“

Seit tausenden Jahren ist das so: „Der Herr ist nahe“.
Der Tod hat seinen Stachel und die Hölle ihren Sieg verloren. Denn der am letzten Tag kommen soll, ist schon da.
Neben, über, hinter mir, ich IN ihm.

Das sprengt die Dimensionen Zeit oder Raum.
Auch das ist: Höher als alle „Vernunft“.
Etwas, das „allen Verstand übersteigt“ (V 7).
Ich begreife, dass es kaum etwas gibt, was mich stärker von Gott zu trennen vermag als die Alltagssorge um den morgigen Tag.

Und kaum etwas, was mich näher zu Gott bringt als die Zwiesprache mit ihm im Gebet, die mich Freude, Geborgenheit und Frieden erleben lässt.
Ja, es ist der Advent Gottes 2022, und Luther übersetze schon 1545 wahrhaftig Wahrheit:

„Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christo Jesu.“
AMEN

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