Das Ziel vor Augen? (Offb 1 9-18)

Unser Gottesdienst vom Letzten Sonntag nach Epiphanias zum Nachhören
ist für vier Wochen hier zu finden.

Das Kind in der Krippe
die Gelehrten aus dem Osten
die einem Stern folgen
die Jünger auf dem Berg der Verklärung
Licht der Schöpfung
Licht der Welt:

Die Weihnachtsbilder zeigen nicht
was sich außen abgespielt hat
sondern Verborgenes und Unsichtbares
ausgebreitet vor unser aller Augen.

Über dir geht auf der HERR,
und seine Herrlichkeit erscheint über dir.
Jesaja 60,2
***

GNADE SEI MIT EUCH und Friede von dem, der da ist,
der da war und der da kommt. Amen!

Dieser Gruß am Predigtanfang stammt übrigens aus der Offenbarung des Johannes, gleich der 4. Vers im ersten Kapitel.

Im Vers 9, das ist der erste Vers unseres heutigen Bibeltextes, kommt dieser Johannes auf seinen Auftrag zu sprechen. Da steht:

9 Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen.

Johannes schreibt zuerst, wie er sich selbst sieht:
Als „Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus“.
Ich weiß zwar nicht ganz genau, ob er das wirklich so meint, wie ich es verstehe, aber ich fühle mich als Christ auch heute noch so:

Als BRUDER unter Geschwistern weltweit;
als BEDRÄNGTER, zumindest aber als „Paradiesvogel“ unter den meisten meiner Mitmenschen, die meinen Glauben belächeln oder gar nicht beachten;
als MITERBE des Reiches Gottes als Inhalt meines Lebens;
mit täglich neu strapazierter GEDULD, spätestens bei der Bitte des Unservaters „dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden“.

Ja, ich glaube, ich fühle mich genauso wie Johannes damals. Und dann schreibt Johannes, wo er ist und aus welchem Grund: Er
„war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen“.

Auf der griechischen Insel Patmos war ich noch nie. Sie liegt im Mittelmeer zwischen Griechenland und der Türkei. Heute eine autofreie Insel, ähnlich wie Hiddensee, und dort war ich schon.

Obwohl beide Inseln geografisch weit auseinanderliegen – die eine in der glitzernden Ägäis, die andere in der rauen Ostsee –, und obwohl Patmos fast doppelt so groß ist wie Hiddensee:

Der Charakter der beiden Inseln ist, bei allem was man lesen kann, offenbar ähnlich: Patmos und Hiddensee haben eine fast magische Anziehungskraft auf Suchende und Ruheliebende, auf Menschen, die Natur, Kunst und Entschleunigung lieben.

Während Hiddensee allerdings flach und sandig ist, ist Patmos felsig und trocken. Der Januar ist zwar auch auf Patmos der kälteste Monat des Jahres, nur lagen dort die Temperaturen gestern zwischen 15 und 19 Grad und auf Hiddensee zwischen -7 und -2 Grad.

Beide Inseln erreicht man auch heute noch nur mit Boot oder Schiff, es gibt hier aber einen wichtigen Unterschied: Nach Patmos ist man stundenlang, nach Hiddensee nur ein paar Minuten unterwegs.

(Ich erinnere mich noch sehr gut an die Bootsfahrt Anfang der 90er Jahre nach Hiddensee, weil wir da mit einem Boot der Bundeswehr auf Grund liefen und es einige Geduld und Kraft kostete, unser Boot wieder flott zu bekommen…)

Warum nun ist Johannes ausgerechnet auf dieser Insel Patmos? Im Konfirmanden-Unterricht habe ich mal gelernt, er soll dort in der Verbannung gewesen sein, weil ein römischer Kaiser diesen Christen mundtot machen wollte.

Doch lese ich seine Offenbarung weiter, wäre diesem Kaiser das nicht gelungen. Außerdem finde ich kein Wort über irgend eine „Verbannung“. Anders als bei Paulus zum Beispiel, der durchaus klar und offen über seine Gefängnisaufenthalte schreibt.

Es gibt andererseits tatsächlich historische Belege dafür, dass die Römer diese Insel auch als Verbannungsort genutzt haben. Doch wenn Johannis tatsächlich aus der Provinz Kleinasien stammt, die im Westen der heutigen Türkei liegt – schließlich schreibt er seine Offenbarung an Gemeinden dort und belegt damit, dass er diese Gemeinden sehr gut kennt –

also: Wenn Johannes aus Kleinasien stammt, hätten ihn die Römer dann nicht weit weg in die Verbannung gebracht anstatt auf eine Insel so dicht an seinem Zuhause, wo er hätte einfach zurücktrampen können? Das hat Paulus auf seinen Reisen schließlich auch gemacht: Den Daumen heben und mit irgendwelchen Schiffen mitfahren…

Je länger ich darüber nachdenke: Ich halte es für durchaus wahrscheinlich, Johannes könnte sich auf Patmos eine Auszeit genommen haben, gewissermaßen seinen „Urlaub auf Hiddensee“.

Denn Patmos hatte auch zu seinen Zeiten einiges zu bieten:

Patmos hatte mehrere Häfen, die vor Wind und Stürmen schützten.
Auf dem Berg Kastelli befand sich eine befestigte Akropolis mit Garnison zum Schutz der römischen Handelswege vor Piraten.
An der Stelle des heutigen berühmten Johannes-Klosters gab es einen Tempel für die Göttin Artemis. Auch für Apollo und vermutlich Aphrodite gab es Tempel auf der Insel, also ein vielfältiges religiöses Leben.

Archäologische Funde belegen außerdem die Existenz eines Gymnasiums, also einer Bildungsstätte, und eines Hippodroms, also einer Rennbahn, was auf eine sesshafte Bevölkerung mit griechischem Lebensstil hindeutet.

Also: Angenehmes Klima und kleinstädtisches Leben.
Hier lässt es sich doch eine Weile aushalten; hier konnte man sicher schon zu Zeiten des Johannes ausspannen und Ruhe zum Nachdenken finden.

Und über das „Zeugnis Jesu“ wird Johannes nachgedacht haben MÜSSEN.
Jede Predigt braucht Ruhe für ihre Vorbereitung, Gottes Wort fällt einem nicht einfach aus dem Mund, jedenfalls nicht, wenn es andere Menschen auch erreichen soll.
Und die Offenbarung des Johannes erreicht ja sogar uns, fast zweitausend Jahre später.

Die Idee zu seiner Predigt folgt denn ja auch auf dem Fuße:

10 Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune,
11 die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea.

Am „Tag des Herrn“, einem Sonntag also, kommt ihm die Idee.
Er hat eine große Vision in dramatischen Bildern vom Wort Gottes. Die erfassen ihn mit der Wucht einer Posaune, die bekanntlich schon die Mauern von Jericho zum Einstürzen bringen konnte, völlig überraschend, gewissermaßen „von hinten“, wie ein Überfall.

Mit so einer Vision ist Johannes nicht in schlechter Gesellschaft: Schon Mose hatte so eine, wir hörten es vorhin (Lesung Ex 3, ab V2), wo ein Engel als Flamme aus einem Busch lodert, der nicht verbrennt, und Mose selbst dann Gott zu sehen bekommt, obwohl den doch niemand sehen kann.

Oder später der Prophet Daniel, der ganz ähnliche Bilder mit der Größe des Gotteswortes verbindet wie Johannes hier in der Offenbarung; lest mal parallel zur Offenbarung zum Beispiel Daniel 7!

Und diese dramatische Vision, die ihm da durch den Geist einkommt, soll Johannes aufschreiben und an sieben Gemeinden schicken. Sieben ist dabei sicher ein Zahl von tiefer Symbolik. Die Woche hat sieben Tage, eine Tonleiter sieben unterschiedliche Töne, der Regenbogen hat sieben Farben.

So steht die Sieben für die Ganzheit: Sieben Tage für die Erschaffung der Welt im ersten Schöpfungsbericht, auch in Märchen die sieben Raben oder sieben Geißlein.

Selbst in der Psychologie spielt die Sieben ihre Rolle als „Millersche Zahl“, die die Kapazität unseres Kurzzeitgedächtnisses zu beschreiben versucht: Wir sollen im Durchschnitt 7+-2 Informationen verarbeiten und im Gedächtnis behalten können.

Sieben Schreiben sollen es hier also werden, und wie dann in den sieben Sendschreiben in den Kapiteln 2 und 3 der Offenbarung nachzulesen ist, kennt Johannes die Verhältnisse in diesen Gemeinden genau.

Ein Beleg nicht nur dafür, dass er zumindest in der Nähe dieser Gemeinden zuhause ist, sondern auch dafür, dass er mit seiner Offenbarung etwas in diesen Gemeinden erreichen will, denn sonst würde er ihnen ja keine Post schicken:
Er wird mit Lob, aber auch mit Kritik an ihnen nicht sparen.

Lob und Kritik übt Johannes allerdings nicht in eigenem Namen:

12 Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter
13 und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, der war angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel.
14 Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme
15 und seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen durch Feuer gehärtet, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen;
16 und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht.
17 Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte
18 und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

Dramatische Bilder beschreibt Johannes in dieser Vision; Bilder, die nicht so recht zusammenpassen wollen.
Haupt UND Haar dieses menschenartigen Gebildes waren weiß: Wie soll man sich das vorstellen, wenn außerdem sein Angesicht mit der Kraft der Sonne leuchtet, von der doch jeder weiß, dass man nicht mit bloßem Auge hineinsehen kann?
Oder dieses scharfe, zweischneidige Schwert, dass dem dort aus dem Mund heraus kommt: Soll das seine Zunge sein?

Nicht verwunderlich also, dass diese Vision Johannes so erschreckt, dass er „wie tot“, also bewegungsunfähig, zu Boden geht.
Aber auch hier ist Johannes nicht in schlechter Gesellschaft:
Mose oder Daniel erging es ja auch nicht viel besser.

Diese furchterregende Menschengestalt beruhigt nun Johannes. Sie legt ihm die RECHTE, die richtige, die starke Hand auf, sie berührt ihn, richtet ihn auf.

Und dann spricht sie Worte, die klar machen, WER hier spricht: „Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“

Der Christus selbst ist es, der hier spricht.
Der Sohn Gottes, der schon immer war und immer sein wird:
Der Erste und der Letzte.
Der Gekreuzigte, der auferstanden ist:
Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig.

Damit wird die höchste Autorität beim Namen genannt, die denkbar ist. Gott selbst spricht. Er ist nicht nur Herrscher über diese Welt, sondern auch über Hölle und Tod. Hier spricht der, der über alle und alles herrscht. Nicht nur über die sieben Gemeinden, nicht nur über das römische Reich, nicht nur über diese Erde, sondern über ALLE und ALLES.

Meine Schwestern, meine Brüder:

indem Johannes seine Offenbarung so beginnen lässt, macht er deutlich, das er für sich erkannt hat, was ihm das Wichtigste im Leben ist. Er hat erkannt, dass GOTT für ihn über allem steht.

Und Johannes wird das mit weiteren Bildern beschreiben. Er wird das mit Worten untermauern, deren Wahrheit er niemals anzweifeln wird, weil sie für ihn von Gott selbst stammen.
Kein Mensch: Kein Kaiser, kein König, auch kein Präsident oder Kanzler kann für seine Worte solche Wahrheit beanspruchen.

Wenn wir das, was Johannes hier geschrieben hat und dann noch schreiben wird, auf unser Leben übertragen, bedeutet das:
Alles, was unser Leben beherrscht oder zu beherrschen versucht, sollten wir an der Autorität der Wahrheit Gottes messen.

Vielfältige Werkzeuge dafür liefert Johannes schon hier in unserem Text:
Sieben Sterne, sieben Leuchter, scharfes zweischneidiges Schwert, Worte, die selbst die Hölle sprengen könnten.

Johannes beschreibt in der Offenbarung, wie diese Werkzeuge auch zum Einsatz kommen. Und er fügt denen noch etliche dramatische Bilder hinzu; die wohl bekanntesten sind das Buch mit den sieben Siegeln, das Lamm auf dem Thron, die sieben Posaunen, die sieben Schalen des Zorns oder die vier apokalyptischen Reiter.

Ja, man mag sich über manche Position dieses Johannes heute trefflich und christlich streiten können. Und doch will Johannes den sieben Gemeinden mit seinen Bildern keine Angst machen, sondern ihnen zeigen, worauf es im Christen-Leben auf dieser Erde wirklich ankommen sollte.

Und diese Fragen nach dem, worauf es wirklich ankommt, stellen sich doch auch für uns an jedem Tag unseres Lebens:
Was sollten wir annehmen, wovon sollten wir uns fernhalten? Was müssen wir tun, wie und wofür sollten wir leben, um unser Lebensziel zu erreichen?

Und für den Fall, das ein Christenmensch das Ziel der Wiederkunft Christi aus den Augen verloren haben sollte, schreibt Johannes es im vorletzten Vers seiner Offenbarung (Kap 22) für alle zum Nachlesen auf:

20 Es spricht, der dies bezeugt: Ja, ich komme bald.
Und die Herzens-Antwort des Johannes: Ja,
…, komm, Herr Jesus!

SO geleitet werden auch wir ans Ziel kommen:

GNADE SEI MIT EUCH
und Friede von dem,
der da ist,
der da war und der da kommt.
AMEN!

EG 263: 1.6.7.
1. Sonne der Gerechtigkeit,
gehe auf zu unsrer Zeit;
brich in deiner Kirche an,
dass die Welt es sehen kann.
Erbarm dich, Herr.
6. Lass uns deine Herrlichkeit
ferner sehn in dieser Zeit
und mit unsrer kleinen Kraft
üben gute Ritterschaft.
Erbarm dich, Herr.
7. Kraft, Lob, Ehr und Herrlichkeit
sei dem Höchsten allezeit,
der, wie er ist drei in ein,
uns in ihm lässt eines sein.
Erbarm dich, Herr.

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