Das Unmögliche ist möglich (Jon 2 3-10)

In der Nacht, da er verraten ward
setzte sich Jesus an einen Tisch
mit dem Verräter
mit dem Verleugner
mit den Ängstlichen
alle würden ihn verlassen

In der Nacht, da er verraten ward
feiern sie das Passamahl
Hier werden Brot und Wein
durch ihn zu Heil und Leben
für die am Tisch
die ihn so nötig hatten
und ihn doch verließen

Am dritten Tage aber
am Ostertag
gibt sich der
Auferstandene

wird wieder Brot und Wein
verwandelt für uns das Leben
weil wir es so nötig haben
auf IHN alle Hoffnung zu setzen,
und ER spricht:

Ich war tot,
und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit
und habe die Schlüssel
des Todes und der Hölle.
Offenbarung 1,18
***

Der letzte Vers im Evangelium nach Markus war ursprünglich in Kapitel 16 Vers 8: „Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich.“

Ostern: Das war noch nie etwas für schwache Nerven. Und die lagen nach der Folterung und Kreuzigung Jesu seinerzeit ganz sicher blank. Nach seinem Tod hatte nach diesem Bericht der angesehene Ratsherr Josef von Arimathäa den Leichnam in seiner eigenen Grabkammer bestattet und einen schweren Stein vor den Eingang gewälzt.

Zwei Frauen, beide Maria mit Namen, wussten das. Nach dem Sabbat kauften sie Öle und Salben, um Jesus einen letzten Dienst zu erweisen und gingen zum Grab. Und konnten ihren Augen nicht trauen: Der Stein war weggewälzt, und in der Grabkammer saß ein junger Mann mit weißem Kleid und redete davon, dass Jesus auferstanden sei.

„Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich.“ Kein Wunder: Uns wäre es vermutlich nicht besser ergangen. Darum wäre das auch ein guter Schlusssatz des Evangeliums gewesen, finde ich.

Aber die Gemeinde damals war ziemlich schnell unzufrieden mit diesem Schluss und fügte noch ein paar Verse über Erscheinungen des Auferstandenen und seine Himmelfahrt an. So schnell übrigens, dass selbst älteste Zusammenstellungen des Neuen Testaments das Markus-Evangelium nur mit seinem neuen Schluss kennen – so wie wir heute.

Aber: Ob es den beiden Marias tatsächlich geholfen hat, Auferstehung zu begreifen, nur wenn man die Erscheinungen des Auferstandenen und seine Himmelfahrt dazu erzählt? Hat es denn jemals geholfen, etwas Unerklärliches durch etwas Unerklärliches zu erklären? Also: Wenn man einen anderen mit seinem Problem nicht wirklich ernst nimmt?

Ein Gespräch im Flugzeug fiel mir ein. Ein Mann sitzt neben einer Frau, die Bibel liest, und fragt: Warum lesen sie hier im Flugzeug ausgerechnet die Bibel? Und sie: Ich habe ein wenig Flugangst, und da hilft es mir, in der Bibel zu lesen. Er: Aber sie glauben doch nicht, was da drinsteht? Sie: Doch, es ist die Bibel.

Er: Und was ist mit dem Typen, der vom Wal verschluckt wurde? Sie: O, Jona. Ja, das glaube ich. Es ist schließlich die Bibel. Er: Und wie hätte der die ganze Zeit im Wal überleben sollen? Sie: Das weiß ich nicht. Ich werde ihn fragen, wenn ich ihn im Himmel treffe. Er: Und was, wenn er nicht im Himmel ist? Und sie: Dann können SIE ihn ja fragen.

Ich musste zunächst lachen, weil ich sie schlagfertig fand. Aber das Lachen hielt nicht lange. Denn genau besehen machen die beiden sich lustig ÜBEREINANDER, zumindest nehmen beide den anderen nicht wirklich ernst.

Er macht sich über ihre Bibeltreue lustig, sie sich über seine enge Sicht, die nicht einmal für die Schönheit alte Texte zur reichen scheint. Ob sie schließlich beide darüber lachen können (das wäre schön) oder sich vielmehr über den anderen ärgern (das wäre wirklich schade…)?

Apropos Jona:
Jesus selbst soll die Jona-Geschichte nicht nur gut gekannt, sondern auch (wahrscheinlich sogar mehrfach) auf sein eigenes Schicksal bezogen haben. Als beispielsweise einige Pharisäer und Schriftgelehrten von ihm ein Zeichen sehen wollen, er damit seine Autorität legitimiere, weigert sich Jesus und sagt, ihnen würde -bestenfalls!- das Zeichen des Jona zuteil werden:

„Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte bim Herzen der Erde sein.“ (Mt 12,40; später auch 16,4)
Die Frauen und Männer in Jesu Nachfolge haben das dann auf die Zeit zwischen Karfreitag und Ostern bezogen.

Ich habe die Jonageschichte schon als Kind geliebt. Vor allem im gereimten Text von Klaus Peter Hertzsch, der auch mit Klavier und Schlagzeug wunderbar jazzig vertont ist: „Wie schön war aus der Fern und Näh, /wie schön war die Stadt Ninive!/Sie hatte Mauern stark und dick. /Die Wächter machten Blasmusik./ Ein Stadttor war aus blauen Ziegeln /mit schwerer Tür und goldenen Riegeln,/ davor zwölf bärtige Soldaten /von einem Bein aufs andre traten….“

Ihr hört: Eher lustig als ernst. Und dich war Jona zunächst mit Zittern und Entsetzen geflohen, denn der Auftrag Gottes, Ninive den Untergang anzukündigen, überforderte ihn völlig. Und das nicht nur wegen des langen Fußweges dahin.

Mir war schon als Kind sonnenklar, dass es diesen Jona, besonders diesen Wal als Taxi-U-Boot für einen widerspenstigen Propheten, nie wirklich gegeben hatte. Aber die Geschichte war spannend.
Und ihre Botschaft – die WAR es auch und IST es für mich noch heute.

Und ich denke auch, dass Jesus und die Menschen damals sich den Jona ebenfalls schmunzelnd weitererzählt – und dabei vielleicht irgendwann den pädagogischen Zeigefinger erhoben haben:
Da seht ihr mal, wohin es führt, wenn man vor Gott und seinem Plan wegzulaufen versucht.

Nach Jesu Tod am Karfreitag werden sich Jüngerinnen und Jünger wohl an Jona erinnert haben, denn Jesus WAR nun „im Herzen der Erde“.

Und sie werden sich auch ähnlich GEFÜHLT haben wie Jona. Alle Flucht vor dem harten Gottes-Plan des Lebens war umsonst und zum Scheitern verurteilt; die vor ihnen liegenden Aufgaben erschienen übergroß und nie zu schaffen, und um sie herum versank die Welt in kalter Dunkelheit.

Was tat Jona in dieser Situation? Als der Wal ihn verschluckt hatte und er in dessen Magen denken musste, das alles aus war?

Hertzsch: „dort saß er glitschig, aber froh, denn nass war er ja sowieso. Da hat er in des Bauches Nacht ein schönes Lied sich ausgedacht – das sang er laut und sang er gern, er lobte damit Gott den Herrn“…

Den Text dieses Liedes kennen wir ja noch, er steht im 2. Kapitel des Jonabuches ab Vers 3 und ist der Predigttext für heute:

Ich rief zu dem HERRN in meiner Angst,/ und er antwortete mir./ Ich schrie aus dem Rachen des Todes,/ und du hörtest meine Stimme. Ps 120,1
4 Du warfst mich in die Tiefe, mitten ins Meer,/ dass die Fluten mich umgaben./ Alle deine Wogen und Wellen/ gingen über mich, Ps 42,8
5 dass ich dachte, ich wäre von deinen Augen verstoßen,/ ich würde deinen heiligen Tempel nicht mehr sehen. Ps 31,23
6 Wasser umgaben mich bis an die Kehle,/die Tiefe umringte mich, Schilf bedeckte mein Haupt. Ps 18,5; 69,2
7 Ich sank hinunter zu der Berge Gründen,/ der Erde Riegel schlossen sich hinter mir ewiglich. Aber du hast mein Leben aus dem Verderben geführt, HERR, mein Gott! Ps 103,4
8 Als meine Seele in mir verzagte,/ gedachte ich an den HERRN,
und a mein Gebet kam zu dir/in deinen heiligen Tempel. Ps 142,2-4
9 Die sich halten an das Nichtige,/verlassen ihre Gnade. Ps 31,7
10 Ich aber will mit Dank/ dir Opfer bringen./ Meine Gelübde will ich erfüllen./ Hilfe ist bei dem HERRN. Ps 50,14; 116,17-18; Ps 3,9

„Ausgedacht“ hat Jona sich dieses Lied allerdings nicht wirklich. Unsere Alten würden vielleicht sagen: Jona muss guten Konfirmandenunterricht gehabt haben.

Denn aus dem Kopf trägt er im dunklen Fischmagen Verse aus den Psalmen zusammen, die seine Situation treffen. Wenn ich mich nicht verzählt habe, sind es zehn verschiedene Psalmen, aus denen er da zitiert.

Natürlich klagt Jona zuerst sein Leid.
Er ist tief gefallen, vom Propheten mit göttlichem Auftrag bis zum über Bord geworfenen Passagier. Nun steht ihm das Wasser mindestens bis zum Hals, wenn die Wellen ihn denn leben lassen. Jetzt hat er Todes-Angst, spürt die Enge der eigenen Ohnmacht. Also singt er von der Tiefe des Meeres, von Wogen und Wellen, von Angst.

Doch auch wenn kein Ausweg aus dem tödlichen Fischbauch erkennbar ist, singt Jona GOTT dieses Lied. Und singt Verse, die davon handeln, dass Gott Klagen erhört und aus dem Verderben errettet: Ich rief zu dem Herrn in meiner Angst, UND ER ANTWORTETE MIR. Ich schrie aus dem Rachen des Todes, und du HÖRTEST MEINE STIMME. Du hast mein Leben aus dem Verderben geführt…

Es klingt genau so, als sei im dunkelsten Moment seines Lebens die Erinnerung an die Glaubensgewissheit seiner Mütter und Väter zum Leben erwacht. „Du hast mein Leben aus dem Verderben geführt, Herr, mein Gott!“ (V 7)

Jona hält mit einem Mal das Unmögliche für möglich. Sein altes Verhalten wird für ihn das Halten am Nichtigen, in dem keine Gnade liegt.
Und das wohl Wichtigste: Hilfe kann selbst hier geschehen, denn sie kann durch Gott geschehen, der alle Macht dazu hat, JEDES Leben aus dem Verderben zu führen. Auch Jonas Leben im Fischmagen.
Die Alten wussten das.
Jona lernte das.

Jetzt. Denn die Geschichte erzählt, dass Gott genau das geschehen lässt. Das Wal-U-Boot-Taxi speit Jona an Land. Der hält sich an sein Versprechen („meine Gelübde will ich erfüllen“ V 10) und geht nach Ninive, hält seine Predigt „kurz und gut… Noch vierzig Tage, spricht der Herr, dann gibt es Ninive nicht mehr, die Stadt ist groß, die Stadt ist schön, doch was böse ist, muss untergehn“ dichtet Hertzsch.

Dann lernt Jona Gott von einer Seite kennen, die ihm gerade nicht wirklich lieb ist. Anstelle der bösen Stadt und ihren Bewohnern die angekündigte Strafe zukommen zu lassen, die sie schließlich mehr als verdient hatten, lässt Gott sich erweichen:

„Und Gott sah aus von seiner Höh/ und sah auf die Stadt Ninive/
und sah die traurigen Gestalten/ und sprach: Ich will die Stadt erhalten./ Da waren alle Leute froh/ und ihre Tiere ebenso.

Nur Jona nicht. den packt’ die Wut./ Er sprach zu Gott: Du bist zu gut!/ Das hab ich nun von meiner Predigt:/ Die böse Stadt bleibt unbeschädigt./ Ich hatte mir das gleich gedacht,/ mich deshalb aus dem Staub gemacht. Gott aber sprach und wundert’ sich:
Mein lieber Jona, ärgert’s dich?…

Und sprach zu ihm ein gutes Wort: (Ja) sollte ich nicht traurig werden,/ wenn meine Kinder hier auf Erden/ verderben und zugrunde gehn,/ weil sie mein Wort nicht gut versteh’n?…

(ja) sollte ich die Stadt nicht schonen,/ in der so viele Menschen wohnen,/ so viele Eltern, viele Kinder,/ so viele arme dumme Sünder,/ so viele fröhliche Gesellen-/ dazu die Tiere in den Ställen!…“

Die Liebe Gottes zu seinen Menschen – hundertmal größer als der Zorn des Jona. Schon wieder lief es anders als der Mensch Jona es gedacht hatte. Seine Lehrzeit war noch nicht zu Ende. Sie würde mit diesem Gott wohl lebenslang dauern.

Meine Schwestern, meine Brüder:

Die niedergeschlagene Gemeinde des Karfreitag ist vielleicht gerade durch das „Zeichen des Jona“ daran erinnert worden, dass die Macht Gottes unvorstellbar viel größer ist als Hölle, Tod und Teufel je sein können.

Und daran, dass das schon ewig so war. Schon, bevor Gottes Hände die Himmel werden ließ und diese Erde formte. Sie ist daran erinnert worden, dass das liebende Herz Gottes Platz für tausende Ninives Platz bereit hält. Und dass weder Walfischmagen noch Kreuzestod der Kraft Gottes je überlegen sein konnten.

Und weil Gott seine Menschen, ihre klugen Köpfe und ihre großen Ängste ernst nahm und sich nicht lustig über sie machte, ließ er es dann geschehen:

Nach „Zittern und Zagen“ wurden ihnen die Augen geöffnet, dass sie ihn erkannten. Aus Angst und Zorn wurden Freude und Zuversicht. Aus dem Tod des Karfreitag wurde das Leben des Ostertages:

Christus, der Herr, ist auferstanden.
Er ist wahrhaftig auferstanden.

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sind größer als der Tod.

Halleluja! AMEN.

 

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