Das Fundament (Joh 1 29-34)

Jesus
Kind aus der Krippe
erwählt in der Taufe
standhaft in der Versuchung
Mensch aus Gottes Geist

Die Weihnachtsbilder zeigen nicht
was sich außen abgespielt hat
sondern Verborgenes und Unsichtbares
ausgebreitet vor unser aller Augen.

Welche der Geist Gottes treibt,
die sind Gottes Kinder.
Römer 8,14
***

Was war zuerst? Das Ei oder die Henne?
Ein Streit über diese Frage lohnt sich nicht, denn niemand kann wissen, wie das war. Selbst Herr Darwin nicht.

Wer hat zuerst Gott als Gott bezeichnet?
Auch hier ist ein Streit sinnlos, da das kein Mensch wissen kann. Auch ob die ägyptische Sklavin Abrahams mit Namen Hager diejenige war, die Gott als erste einen Namen gab – Ihr erinnert Euch vielleicht an die Jahreslosung: „Du bist ein Gott, der mich sieht“ – also: Ob sie wirklich die erste war, die Gott einen Namen gab, nur weil sie der erste Mensch in der Bibel ist, von dem das erzählt wird – auch das weiß niemand.

WAS wir wissen:
Sehen wir ein Ei, kommt es aus einer Henne.
Sehen wir eine Henne, kommt sie aus einem Ei.
Und reden wir von Gott, so tun wir das, wie und weil viele vor uns von Gott geredet haben. Unsere Mütter und Urgroßmütter, Romane und Filme, Frauen und Männer im Buch der Bücher, unserer Heiligen Schrift.

In allem, was wir glauben, sind wir geprägt von denen, die vor uns geglaubt haben. Und wir merken uns von ihnen, was uns besonders wichtig ist. Und sagen irgendwann anderen, was UNS besonders wichtig ist. Ohne zu wissen, wer vor uns das auch oder gar als erster gesagt hat.

Nehmen wir nur einmal Weihnachten: Da gibt es viele Bilder, die uns wichtig und lieb geworden sind. Das Kind, die Krippe, der Stall, Ochs und Esel, die Engelschar, die Hirten, die Weisen aus dem Morgenland, die Flucht nach Ägypten…

Und da ist es nicht verwunderlich, dass sie alle in Holz geschnitzt an den Weihnachtskrippen unserer Wohnzimmer landen. Und das,
obwohl die Hirten nach Lukas
niemals die Weisen nach Matthäus
zu Gesicht bekommen haben dürften.

Niemand von uns wird Weihnachten ohne die Weisen mit voll beladenen Kamelen an der Krippe denken. Selbst wenn sie da nie gewesen sind, gehören sie da hin. Denn sie haben dem neugeborenen König der Welt ihre Aufwartung gemacht und Geschenke gebracht und damit gezeigt, dass dieses Kind ein bedeutendes Kind ist.
Ob das Kind dabei in einem Stall nach Lukas oder in einem Haus nach Matthäus gelegen hat, ist völlige Nebensache.

Auch, ob es zwei, vier oder fünf waren, auch wie sie hießen, auch welche Hautfarbe sie hatten. Aber zu all dem wird uns irgend etwas einfallen, was uns wichtig oder einfach nur schön erscheint: Also werden aus den Weisen die drei Könige Kaspar, Melchior und Balthasar.

Wer das Johannesevangelium liest, muss sich diesen „Mechanismus“ klar machen. Johannes geht nämlich davon aus, dass man weiß, was Weihnachten ist. Und er will seiner Gemeinde nichts erzählen, was sie schon weiß. Schließlich will er sie nicht langweilen.

Was er aber selbst begriffen hat, was ihm klar geworden ist, was ihm jetzt wichtig ist – DAS erzählt er seiner Gemeinde: „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ (1, 14)
Für mich einer der schönsten und präzisesten Sätze über Weihnachten, den ich kenne.

Johannes hat auch eine besondere Sicht auf Johannes den Täufer. Für ihn ist unwichtig, ob Jesus und der Täufer Verwandte waren oder vielleicht als Kinder miteinander gespielt haben, ob der Täufer ein Kleid aus Kamelhaaren trug oder Heuschrecken aß. Auch, dass der Täufer Buße gepredigt haben oder der erste Soldatenseelsorger gewesen sein soll, ist ihm unwichtig. Auch ob sein Kopf für einen Tanz vor einem Kleinkönig auf einem Silbertablett serviert worden war.

WAS ihm allerdings wichtig war, ist zum Beispiel in Kapitel 1 ab Vers 29 zu lesen.

29 Am nächsten Tag sieht Johannes, dass Jesus zu ihm kommt, und spricht: Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!

Was man heute nur noch schwer verstehen kann, ist damals wie ein Werbeslogan gewesen, um dessen Brillanz ihn die Werbestrategen von heute beneiden müssten. Mit nur einem Satz hat Johannes in denen, die das hören, eine ganze Flut von Bildern geweckt.

Jesus – Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt. Jeder hörte damals sofort: Jesus, der unschuldig geschlachtet wird wie das Passalamm.

Das Blut des Passalamms an den Türpfosten in Ägypten hatte einmal gezeigt: Hier leben Menschen, die zu Gott gehören. Hier leben Menschen, die das Passalamm im Mahl miteinander teilen, sich seine Kraft einverleiben. Der Engel, der Tod und Verderben nach Ägypten bringt, geht an so einem Haus vorüber. Und die IM Haus sind verschont und bekommen Kraft, in ihre Freiheit aufzubrechen.

Jesus selbst wird einmal zu der Zeit sterben, zu der im Jerusalemer Tempel die Passalämmer geopfert werden. Für die Gemeinde des Johannes gibt es den Tempel seit Jahrzehnten nicht mehr, aber die Erzählungen davon sind noch lebendig.

So wird das Passafest als Fest der Befreiung aus der Sklaverei Ägyptens, als Fest des Aufbruchs zu einem neuen Leben
durch Jesus zu einem neuen Fest des Aufbruchs in die Freiheit.
Zu einem Leben in Freiheit von der Sünde, die Trennung zwischen Mensch und Gott bedeutet.

Der Täufer weiter:

30 Dieser ist’s, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der vor mir gewesen ist, denn er war eher als ich.
31 Und ich kannte ihn nicht. Aber damit er offenbar werde für Israel, darum bin ich gekommen zu taufen mit Wasser.

Altersunterschied oder Verwandtschaft: Beides spielt für Johannes keine Rolle.
Aber dass Johannes in Jesus Gott selbst erkennt, DAS ist wesentlich.
Obwohl Jesus jünger war als der Täufer, obwohl Jesu Mutter Maria mit der Mutter des Täufers Elisabeth verwandt war: „Er war eher als ich. Und ich kannte ihn nicht.“

„Manchmal habe ich den Eindruck, ich kenne dich gar nicht“ – so etwas hat sicher auch jede von uns schon einmal gedacht oder auch laut gesagt. Manchmal, weil man sich ärgert, manchmal aber auch, weil einen das Gegenüber in Erstaunen versetzt.

In dieses Staunen ist der Täufer versetzt, als er begreift: Jesus war schon vor ihm da. Er war vor Allen und vor Allem da. „Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort“ (1,1). Und genau dieses Wort „ward Fleisch und wohnte unter uns“.

Nun kann der Täufer auch erkennen, warum er selbst sich berufen fühlte, die Menschen zur Taufe, zu einer rituellen Waschung aufzufordern.

Er sollte die Menschen sensibel machen für die Last, die Sünde für ihr Leben tatsächlich bedeutet. Die Sünden der Tat, die das Miteinander der Menschen vergifteten. Die Sünde des Herzens, die den Menschen weiter und weiter von Gott entfernten – und damit von seiner Herkunft, die nichts oder nur wenig mit menschlicher Verwandtschaft gemein hat.

Damit Menschen ihre Befreiung von der Sünde erleben konnten. Das also war seine Lebensaufgabe. Johannes schreibt weiter:

32 Und Johannes bezeugte es und sprach: Ich sah, dass der Geist herabfuhr wie eine Taube vom Himmel und blieb auf ihm.
33 Und ich kannte ihn nicht. Aber der mich gesandt hat zu taufen mit Wasser, der sprach zu mir: Auf welchen du siehst den Geist herabfahren und auf ihm bleiben, der ist’s, der mit dem Heiligen Geist tauft.

Noch einmal dieses: Ich kannte ihn nicht. Jetzt aber begreife ich, wer er ist. Ich habe etwas gesehen, was niemand mit bloßem Auge sehen kann. Und jetzt bezeuge ich, dass alle es hören können: Der Geist Gottes kam über ihn – und er BLIEB auf ihm.

Jetzt tauft Jesus „mit dem Heiligen Geist“.
Viele denken, wenn sie das lesen, dass hier von der „Heiligen Taufe“ die Rede ist. Aber ist das so? Reden wir hier nicht von der Taufe, an die ich mich nicht einmal mehr erinnern kann, weil ich ein Säugling war?

Erinnern kann ich mich allerdings an die Taufe meines Bruders. Vor allem allerdings deshalb, weil er dabei versucht hat, in das Gesangbuch zu beißen und sich lauthals beschwert hat, dass Mutter es ihm wegzog. Der Geist Gottes hatte es sichtbar schwer mit ihm.

Mit mir aber auch. Ich erlebe zwar immer wieder, dass er mich ergreift und formt. Genauso aber auch, dass er mir fern ist, gerade wenn ich ihn dringend nötig habe. Er ist und bleibt für mich unverfügbar.

Auf Jesus aber BLEIBT der Geist. Und nun tauft Jesus mit diesem Geist: Wer ihm begegnet, begegnet dem Geist Gottes, begegnet Gott selbst. Dazu braucht der Christus keine Schale mit Wasser. Darum zieht der Täufer schließlich sein Fazit:

34 Und ich habe es gesehen und bezeugt: Dieser ist Gottes Sohn.

Über den Täufer würde hier bei uns ziemlich sicher niemand mehr sprechen, wenn unsere Evangelien nicht von ihm reden würden. Während wohl jeder Mensch schon einmal von einer Religion gehört hat, die als „Christentum“ bezeichnet wird und sich auf Jesus bezieht, ist das bei den Mandäern, die ihre Gründung auf Johannes den Täufer beziehen, anders.

Von ihnen gibt es auf der Welt ungefähr 100.000, die meisten Menschen haben nie von ihnen gehört, selbst mein Rechtschreibprogramm kennt die Mandäer nicht und muss das Wort erst „lernen“.

In unseren Kirchen aber wird der Täufer nicht vergessen. Vielleicht hat er ein Kleid aus Kamelhaaren getragen, Heuschrecken gegessen und die letzte Chance zur Buße gepredigt. Vielleicht hat er Jesus getauft. Vielleicht waren die ersten Jünger, die Jesus hatte, vorher Jünger des Täufers. Vielleicht.

Aber gerade Johannes hat über die besondere religionsgeschichtliche Bedeutung des Täufers nachgedacht. Johannes ist sich sicher, dass der Täufer einer der ersten Menschen war, der die THEOLOGISCHE Bedeutung des Jesus aus Nazareth erkannt hat.

Der die Unmöglichkeit für möglich gehalten hat, dass der unendliche, ewige Gott ein kleiner Mensch geworden war. Um den Menschen so nahe zu kommen, dass er ihnen unter die Haut gehen konnte.

Meine Schwestern, meine Brüder:

Die Begegnung mit Jesus ist die Begegnung mit dem Heiligen Geist. Die Begegnung mit dem Heiligen Geist ist die Begegnung mit Gott selbst. Das ist die Wahrheit, die zur Weihnacht gefeiert wird, und das zu Recht.

Denn wer das glauben kann, es für die Wahrheit halten kann, steht damit eben NICHT allein. Jeder von uns ist in dem, was er glaubt, geprägt von denen, die vor uns geglaubt haben. Wer aber erkennen kann, was andere vor ihm bereits erkannt haben, der spürt, dass der Grund, auf dem sein Glaube steht, kein Morast ist. Er ist ein Felsen.

Das aber ändert und trägt ein ganzes Leben. Das zeigt, dass man kein Fantast, kein Schwärmer, kein Wolkenschieber ist. Auch Paulus beschreibt das: „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder“ (Wochenspruch Römer 8,14).

Egal, wer wir sind oder was wir haben,
egal, wie alt wir sind oder werden,
egal, ob wir eine große Familie haben oder nicht,
egal, mit wem wir verwandt oder verschwägert sind,
egal, was wir tun oder lassen, ob wir uns dabei mit Ruhm bekleckern oder ins Abseits stellen:

GOTTES KINDER waren, sind und bleiben alle,
die erkennen, was schon der Täufer erkannt hat.
Sie alle gehören in SEINE, GOTTES Familie.
Diese Kindschaft ändert, prägt und trägt das Leben.

Denn die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes

sind ein Fundament für ein ganzes Leben,
das nichts erschüttern kann.
Für Jede und Jeden von uns.
AMEN

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