Gottesbegegnungen (Apg 10 21-35)

Unser Gottesdienst vom 3. Sonntag nach Epiphanias zum Nachhören
ist für vier Wochen hier zu finden.

Nicht nur wenige, sondern alle.
Nicht nur hier, sondern überall.
Nicht nur etwas, sondern alles.
Gottes Epiphanie – Heil für alle.

Die Weihnachtsbilder zeigen nicht
was sich außen abgespielt hat
sondern Verborgenes und Unsichtbares
ausgebreitet vor unser aller Augen.

Und es werden kommen
von Osten und von Westen,
von Norden und von Süden,
die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.
Lk 13,29
***

Aus der Apostelgeschichte nach Lukas Kapitel 10
ab Vers 21:

21 Da stieg Petrus hinab zu den Männern und sprach: Siehe, ich bin’s, den ihr sucht; aus welchem Grund seid ihr hier?
22 Sie aber sprachen: Der Hauptmann Kornelius, ein frommer und gottesfürchtiger Mann mit gutem Ruf bei dem ganzen Volk der Juden, hat einen Befehl empfangen von einem heiligen Engel, dass er dich sollte holen lassen in sein Haus und hören, was du zu sagen hast. 23 Da rief er sie herein und beherbergte sie. Am nächsten Tag machte er sich auf und zog mit ihnen, und einige Brüder aus Joppe gingen mit ihm.
24 Und am folgenden Tag kam er nach Cäsarea. Kornelius aber wartete auf sie und hatte seine Verwandten und nächsten Freunde zusammengerufen.
25 Und als Petrus hereinkam, ging ihm Kornelius entgegen und fiel ihm zu Füßen und betete ihn an.
26 Petrus aber richtete ihn auf und sprach: Steh auf, auch ich bin ein Mensch. 27 Und während er mit ihm redete, ging er hinein und fand viele, die zusammengekommen waren.
28 Und er sprach zu ihnen: Ihr wisst, dass es einem jüdischen Mann nicht erlaubt ist, mit einem Fremden umzugehen oder zu ihm zu kommen; aber Gott hat mir gezeigt, dass ich keinen Menschen gemein oder unrein nennen soll. 29 Darum habe ich mich nicht geweigert zu kommen, als ich geholt wurde. So frage ich euch nun, warum ihr mich habt holen lassen.
30 Kornelius sprach: Vor vier Tagen um diese Zeit betete ich um die neunte Stunde in meinem Hause. Und siehe, da stand ein Mann vor mir in einem leuchtenden Gewand 31 und sprach: Kornelius, dein Gebet ist erhört und deiner Almosen ist gedacht worden vor Gott. 32 So sende nun nach Joppe und lass herrufen Simon mit dem Beinamen Petrus, der zu Gast ist im Hause des Gerbers Simon am Meer. 33 Da sandte ich sofort zu dir; und du hast recht getan, dass du gekommen bist. Nun sind wir alle hier vor Gott zugegen, um alles zu hören, was dir vom Herrn befohlen ist.
34 Petrus aber tat seinen Mund auf und sprach: Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht; 35 sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und Recht tut, der ist ihm angenehm.

I) Ob Petrus anklopfen musste,
als er vor der Tür des Kornelius stand, steht nicht in der Apostelgeschichte. Vielleicht haben das die Boten getan, die Kornelius zu Petrus geschickte hatte, vielleicht auch diejenigen, die Petrus aus Joppe begleitet hatten, um ihm zur Seite zu stehen, falls es jetzt oder später nötig werden sollte.

Mir scheint aber sicher, dass Petrus es in jedem Fall selbst gemacht hätte. Wenn auch mit einem Herzen, das lauter in seinen Ohren klopfte als sein Klopfen an der Tür. Anderenfalls hätte Petrus sich wohl kaum auf den Weg gemacht.

Denn der war nicht gerade kurz. Mit dem Taxi hätte Petrus von Joppe, heute Tel-Aviv Jaffa, bis nach Caesarea 44 Minuten gebraucht, meint mein Routenplaner. Damals aber waren die gut 60 km eine beschwerliche Reise zu Fuß über zwei Tage. Und die geht man nicht, wenn man am Ende nicht anklopfen wöllte.

Warum das Herz des Petrus sicher lauter klopfte als ein Knöchel an der Tür, liegt auf der Hand: Bis heute hatte er um Personen wie Kornelius einen großen Bogen gemacht. Der war Offizier der römischen Besatzungsmacht und Chef einer bedeutenden Einheit; heutzutage sicher im Rang eines Majors.

Dazu kommt: Kornelius war kein Jude, auch wenn er denen gegenüber als aufgeschlossen und freundlich galt. Wenn Petrus nun in sein Haus ging, hätte er nach damals geltenden jüdischen Regeln dort weder essen noch trinken dürfen. Das aber war nach einer so langen Reise ein wirklich schwieriges Unterfangen.

In den Personen Petrus und Kornelius treffen Welten aufeinander, wie wir sagen würden, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Doch beide wollen dieses Aufeinandertreffen, wir habe es in der Lesung gehört, und so geschieht es denn.

Petrus hatte vorher eine Vision, in der ihm drei Mal unreine Tiere zum Schlachten und Verzehr an einem Tuch aus dem Himmel gereicht wurde. Jedes Mal lehnt er ab und hört dann eine Stimme: „Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht unrein!“

Und Petrus erkennt jetzt, durch diese Begegnung mit dem Römer Kornelius und den Menschen um ihn, dass es bei dieser Vision nicht ums Essen ging, sondern um Menschen, ja um sein ganzes bisheriges Leben. Er begreift: Jeder Mensch ist Gottes Geschöpf, niemand unrein, darum gilt das Evangelium Jesu Christi von der Gnade und Liebe Gottes jedem, auch Kornelius. Und er, Petrus, bekommt die Chance, es weiterzusagen.

Und Kornelius und alle, die bei ihm waren, erleben den Heiligen Geist bei diesem Zusammentreffen und lassen sich taufen, wie man später lesen kann.

So geschah es, dass sich das Leben änderte.
Das Leben des Kornelius ebenso wie das des Petrus.
Durch das überraschende Aufeinandertreffen von Menschen, die so nie damit gerechnet hätten.

II) Ich musste nicht anklopfen,
als ich 1997 zum ersten Mal in meinem Leben eine Kaserne der Deutschen Bundeswehr betrat. Ich wurde von einem Hauptmann am Tor äußerst höflich in Empfang genommen und in das Stabsgebäude geleitet.

Ich schwitzte, und das lag weder am Sommerwetter noch am zügigen Tempo, mit dem ich dem Hauptmann in den vierten Stock folgen musste, sondern an dem Gespräch, das vor mir lag.

Oberstleutnant Vollmer, später einmal vier-Sterne-General, erwartete mich in seinem Büro des Kommandeurs des Fallschirmjäger-Bataillons 373 , das damals bei Doberlug-Kirchhain stationiert war.

Er wollte mich sprechen, weil er einen Pfarrer suchte. Eigentlich suchte er einen Militärpfarrer, aber die gab es damals auf dem Territorium der ehemaligen DDR noch nicht, und so traf er mich, einen Gemeindepfarrer aus Dahme in der direkten Nachbarschaft.

Und ich erzählte ihm nun, warum ich der denkbar ungeeignetste Kandidat für eine Arbeit in der Bundeswehr sei: Ich hatte „Schwerter zu Pflugscharen“ nicht nur an der Jacke getragen, sondern es war zum Teil meiner Glaubens-DNA geworden.

Es war erst genau zehn Jahre her, dass ich nicht nur Waffendienst-Verweigerer, sondern totaler Wehrdienst-Verweigerer geworden war. Dass ich dafür zu DDR-Zeiten nicht ins Gefängnis gekommen war, war purer Zufall gewesen.

Ob er das für eine gute Idee hielte, wenn er mit einem in der Sache beinahe Vorbestraften gewissermaßen den Bock zum Gärtner machen würde?

Vollmer ging zunächst gar nicht darauf ein, sondern erzählte mir seine Geschichte. Dass er nie vorgehabt hatte, Berufs-Soldat zu werden, sondern erst als junger Grundwehrdienstleistender mit der Bundeswehr in Kontakt kam. Dass er trotz Gewissenskonflikten blieb, weil er letztlich zu der Überzeugung gekommen war, dass man eigentlich nur als Christ mit einer Waffe der Obrigkeit in der Hand wirklich verantwortungsvoll umgehen könne.

Und dass er es von daher durchaus begrüßen würde, einen Pfarrer in seiner Kaserne Dienst tun zu sehen, der eine gesunde Distanz zur Waffe und eine begründete pazifistische Position hätte. Auch wenn es für ihn ein Wagnis wäre, weil ich der erste Kriegsdienstverweigerer wäre, mit dem er zusammenarbeiten würde.

So geschah es, dass sich das Leben änderte.
Seines ebenso wie meines.
Durch ein überraschendes Aufeinandertreffen von Menschen, die so nie damit gerechnet hätten.

III) Die Mutter von Ruth musste anklopfen.
Zumindest musste sie sich irgendwie bemerkbar machen, vielleicht hatte das Pfarrhaus ja auch eine Klingel.

Ruth Klüger erzählt in ihrem Buch „weiter leben“, wie sie als jüdisches Mädchen mit zwölf Jahren von September 1942 bis Februar 1945 Häftling in den Konzentrationslagern Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau und Christianstadt war und schließlich mit Mutter und Freundin in Niederschlesien von einem Häftlingsmarsch fliehen konnte.

Nach Tagen der Flucht entschloss sich die Mutter schließlich, zu einem evangelischen Pfarrer zu gehen und ihn um Papiere zu bitten. Tochter Ruth hielt das für eine ausgesprchen schlechte Idee. Ich lese mal einen Abschnitt aus dem Buch:

„Doch meine Mutter war der Ansicht, dass die Kirche und die Nazis Feinde seien, und hatte außerdem die Auffassung, die Protestanten seien aufgeschlossener als die Katholiken, wohl weil die Christen, unter denen sie vor dem Krieg gelebt hatte, Katholiken waren. Sie meinte, auf keinen Fall würde ein Pfarrer uns ausliefern, ob er nun willens sei zu helfen oder nicht.

Ich hatte den Verdacht, sie hätte wohl einmal einen Roman gelesen, in dem ein Pastor eine positive Rolle spielte.
Es war eine ausgefallene, wenn nicht verrückte Idee und – wie sich herausstellte – die einzig richtige. Der Geistliche, dem sie sich anvertraute, war wirklich ein Christ, wie die Christen sagen würden. Die Juden würden sagen, er war ein Zaddik, ein Gerechter. Es hat ihn gegeben.

Sie war selber erstaunt über den Eindruck, den sie gemacht hatte, und kam mit zitternden Händen zurück, in denen sie die Papiere hielt (›Schaut, was ich da hab!‹), die uns offiziell zu einer deutschen Familie machten und die dann bis Kriegsende unsere Identität sicherstellten …

Sie erzählte, dieser Pfarrer sei vor Aufregung praktisch sprachlos gewesen, als sie ihm sagte, wer sie sei, und hätte sich ihr Anliegen keinen Augenblick überlegt. Dass er sich strafbar machte, rührte ihn überhaupt nicht, er wollte nur wiedergutmachen.

Er sei zu seinen Karteien gestürzt, um das Richtige für uns auszusuchen. Er hatte Taufscheine und andere Dokumente von Leuten, die schon weitergezogen waren, und er stattete uns aus: eine Mutter mit zwei Töchtern. Die Jahrgänge stimmten halbwegs.

Ich denke oft an diesen Unbekannten, der für mich gesichtslos blieb, dem meine Mutter ins Haus geschneit kam, und der die Weichen stellte für unser weiteres Durchkommen….“

So schreibt Ruth Klüger –
über das überraschende Aufeinandertreffen zweier Menschen, die so nie damit gerechnet hätten.
Auch sie erlebten, wie sich ihr Leben änderte.

Meine Schwestern, meine Brüder,

drei Begegnungen, bei denen Welten aufeinandertrafen.
Zu verschiedenen Zeiten dieser Welt.
Ein römischer Besatzer mit einem Juden.
Ein Berufssoldat mit einem Pazifisten.
Eine Jüdin mit einem Pfarrer.

Drei Begegnungen, eher wie aus einem Roman oder einem Film-Drehbuch. Denn keiner der Menschen, die sich da trafen, hätte so etwas erwarten oder gar planen können. Drei Treffen, die Menschen hinterließen, deren Leben sich verändert hatten.

Warum aber kam es zu diesem Aufeinandertreffen von „Welten“?

In unserem Bibeltext aus der Apostelgeschichte müssen himmlische Botschaften dafür herhalten. Herhalten deswegen, weil sie einerseits nur von Kornelius und andererseits nur von Petrus wahrgenommen werden konnten: Ein durchaus probates Mittel damals, für uns heute eher schwierig als Beleg nutzbar.

Dafür gibt es zu viele Engel heute von Schutzengeln bis zu gelben Engeln, die nur wenig oder nichts mit den Engeln der Bibel zu tun haben. 2005 waren immerhin 66 % der Deutschen davon überzeugt, dass es Schutzengel gäbe; nur 64 % glaubten an eine Existenz Gottes. Und wer Visionen hat, wird heute eher zum Arzt geschickt als ernst genommen.

In meinem Fall war es der damalige Cottbuser Generalsuperintendent Rolf Wischnath, der in einem Gespräch mit mir meinte, ich solle ruhig einmal in die Kaserne gehen. Denn das, was ich da tun solle, sei eigentlich nichts anderes als Jugendarbeit, wenn auch nicht auf einem Landesjugendcamp, sondern nebenan in einer Kaserne.

Im Fall der Mutter von Ruth war es im Überlebenskampf die blanke Not, die sie ins evangelische Pfarrhaus trieb. Zumindest von außen gesehen gab es also bei allen drei Aufeinandertreffen von Welten gewisse Anstöße oder Notwendigkeiten von außen.

Für mich selbst allerdings kam spätestens bei dem Treffen mit Vollmer Gott selbst im Spiel. Unsichtbar, aber mächtig in seiner Präsenz. Ich habe das Wehen von Gottes Geist gespürt, bei diesem Oberstleutnant im Kasernen-Büro.
Und ich bin mir ziemlich sicher: Auch die Mutter von Ruth hat ihn gespürt, da in diesem namenlosen Pfarrhaus irgendwo in Niederschlesien. Und auch der römische Soldat Kornelius, als er den Juden Petrus in seinem Hause traf.
Deswegen wohl warf sich der Römer dem Juden vor die Füße.

Deswegen wohl ist diese Geschichte von Kornelius und Petrus auch eine Weihnachtsgeschichte, denn durch Weihnachten treffen überall Welten aufeinander, unerwartet und ungeplant, und ändern Leben:
Die Menschen und Gott selbst treffen aufeinander.

Maria auf den Engel,
die gesellschaftlich am Rande stehenden Hirten auf das Gotteskind in einer Krippe,
die Gelehrten aus dem Osten mit ihren königlichen Geschenken auf ein armes jüdisches Kind mit seinen einfachen Eltern.

Für die beteiligten Menschen sind all diese Treffen überraschend und nicht geplant. Für sie treffen Welten aufeinander: Menschenwelt und Gotteswelt. Und das ändert das Leben, denn Gott selbst ist im Spiel.
Unsichtbar, aber mächtig in seiner Präsenz.

Und wo immer das geschehen ist, geschieht oder geschehen wird, und wo immer dabei Menschen ihre Augen und Herzen offen halten, sind sie zu spüren:

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes.
Sie begegnen dieser Welt
und ändern das Leben.
AMEN

EG 72: 1.4-6
1. O Jesu Christe, wahres Licht,
erleuchte, die dich kennen nicht,
und bringe sie zu deiner Herd,
dass ihre Seel auch selig werd.
4. Den Tauben öffne das Gehör,
die Stummen richtig reden lehr,
die nicht bekennen wollen frei,
was ihres Herzens Glaube sei.
5. Erleuchte, die da sind verblend’t,
bring her, die sich von uns getrennt,
versammle, die zerstreuet gehn,
mach feste, die im Zweifel stehn.
6. So werden sie mit uns zugleich
auf Erden und im Himmelreich
hier zeitlich und dort ewiglich
für solche Gnade preisen dich.

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