Heilsmittel (Mt 3 13-17)

Unser Gottesdienst vom 1. Sonntag nach Epiphanias zum Nachhören
ist für vier Wochen hier zu finden.

Jesus
Kind aus der Krippe
erwählt in der Taufe
standhaft in der Versuchung
Mensch aus Gottes Geist

Die Weihnachtsbilder zeigen nicht
was sich außen abgespielt hat
sondern Verborgenes und Unsichtbares
ausgebreitet vor unser aller Augen.

Welche der Geist Gottes treibt,
die sind Gottes Kinder.
Römer 8,14
***
Warum ist die Taufe für uns zu einem Sakrament geworden?

Schon die Frage verlangt nach Erklärungen.
DIE Taufe meint natürlich unsere Christen-Taufe.
Das ist nicht selbstverständlich, gibt es doch viele Taufen, viele Tauch-Bäder.

Die jüdische Tradition kennt beispielsweise die Mikwe, das regelmäßige und vollständige Untertauchen in einem Tauchbad. Frauen nutzen es nach der Menstruation oder einer Geburt, Männer zur spirituellen Vorbereitung auf den Sabbat.

Für Menschen, die zum Judentum übertreten, gibt es eine besondere und einmalige Mikwe, in der sie mindestens ein Mal ganz und gar untertauchen müssen. Die Mikwe ist also eine Art Taufe.

Es gibt aber auch solche Taufen, die mit Glauben nichts oder nur wenig zu tun haben.

Da wären zum Beispiel die Feuertaufe, ein Name für eine schwere Bewährungsprobe, die ein Mensch in einer neuen Rolle oder einer neuen Situation bestehen muss. Ich zum Beispiel hatte mehrere Feuertaufen: Bei einer Beerdigung, während meines Afghanistaneinsatzes, während einer mit allen Mitteln geführten Auseinandersetzung in der Leitung einer Kirchengemeinde.

Oder Äquator- oder Bergtaufen, die Brauch unter Seeleuten oder Bergsteigern sind. Oder Flugzeug- oder Schiffstaufen, bei denen Flugzeuge oder Schiffe feierlich ihre Namen erhalten. Und diese Aufzählung ist lang noch nicht vollständig.

Solche Taufen haben zunächst nichts mit einem Glauben zu tun. Allen gemeinsam ist allerdings wie bei der Christen-Taufe das Wort „taufen“, das in seiner Herkunft eng mit dem Wort „tauchen“ zusammenhängt.

„Tauchen“ meint das Eintauchen in ein neues Element, eine neue Gemeinschaft, eine neue Lebensphase. Dieses Eintauchen verbindet all diese verschiedenen Taufen, wobei auch fast immer irgendwie Wasser im Spiel ist: Ozeanwasser bei Äquatortaufen, Schnee (also das weiße Wasser, was gerade überall sehr reichlich draußen herumliegt) bei Bergtaufen, Champagner (auch der besteht ja größtenteils aus Wasser) bei Flugzeug- oder Schiffstaufen. Und wenn einer seine Feuertaufe beispielsweise während einer Flutkatastrophe bestehen muss, ist selbst dort Wasser dabei.

Unsere Christen-Taufe ist deshalb besonders, weil sie für uns Sakrament ist. Auch das Wort Sakrament muss jetzt genauer betrachtet werden. Es kommt vom lateinischen sacramentum, was sich aus Wortstamm und Suffix zusammensetzt.

Wortstamm ist das Adjektiv sacer, das bedeutet „heilig“ oder „geweiht“, und das Suffix „mentum“ macht aus dem Adjektiv ein Substantiv, ähnlich wie im Deutschen die Endung „-mittel“. Sakrament kann man also wörtlich mit „Heilsmittel“ übersetzen.

All die „-mittel“ in unserer Sprache bewirken nun mehr, als dass man es ihnen von außen ansehen könnte: So sind die Kartoffeln ohne Zweifel ein Lebens-Mittel. Sie erhalten also Leben und sehen doch zunächst eher aus wie schmutzige Steine.

Und mit Arzneimitteln, Waschmitteln, Verkehrsmitteln, Zahlungsmitteln oder was es sonst noch an „Mitteln“ gibt sieht es kaum anders aus: Man sieht ihnen nicht an, was sie für uns bedeuten können.

Nun ist die Eingangs-Frage besser verständlich, denke ich, sie heißt genauer:
Warum ist unsere Christen-Taufe für uns zu einem Heils-Mittel geworden?

Bei einer Antwort auf diese Frage kann der Bibeltext für heute helfen, er kommt aus einer wichtigen, vielleicht DER wichtigsten Schrift des zweiten Teils unserer Bibel:
Dem Evangelium nach Matthäus.
Ich lese aus dem 3. Kapitel ab Vers 13:

13 Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe.
14 Aber Johannes wehrte ihm und sprach:
Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde,
und du kommst zu mir?
15 Jesus aber antwortete und sprach zu ihm:
Lass es jetzt zu!
Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.
Da ließ er’s ihm zu.
16 Und als Jesus getauft war,
stieg er alsbald herauf aus dem Wasser.
Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf,
und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren
und über sich kommen.
17 Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach:
Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.

Um Missverständnissen vorzubeugen:
Die Taufe durch Johannes ist nicht die Christen-Taufe.
Seine Tauf-Predigt ist in dem Satz zusammengefasst:
„Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ (3,2) Es geht Johannes um die Richtungskorrektur des Lebens angesichts des Gerichtes Gottes:
Einzig Gott soll euer Lebens-Ziel sein, nichts sonst!

Welchen Grund aber hätte Jesus haben sollen, seine Lebensrichtung zu korrigieren?
Diese Frage stellt Johannes sich hier im Matthäusevangelium auch. DARUM wehrt er sich, DARUM sagt er: „ICH bedarf dessen, dass ich von DIR getauft werde, und du kommst zu mir?“ (3,14)

Jesu Antwort sind seine ersten Worte überhaupt, die er in diesem Evangelium spricht: „Lass es jetzt zu! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.“ (3,15)

Oder anders: Zögere nicht, das ist es, was wir jetzt tun müssen.
WIR meint dabei Johannes und Jesus. Das, was Johannes zu tun hat, und das, was Jesus zu tun hat, gehört zusammen. Beide sind auf dem Weg zur Gerechtigkeit durch ihren Glauben an den Gott Israels.

Der Täufer bereitet „dem Herrn“ den Weg: Dieses Jesaja-Zitat, das beim Propheten auf Gott weist, dient hier bei Matthäus zur Ankündigung Jesu (3,3).

Matthäus erzählt also, dass in Jesus, diesem „Sohn Davids“ der Messias kommt, den Gott als seinen Sohn und Repräsentanten anerkennt.

„Lass es jetzt zu! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen“ – mit diesen Worten bringt Jesus seine Bereitschaft zum Ausdruck, ganz dieser Sendung Gottes zu genügen. So wie Johannes seinen Auftrag angenommen hatte, nimmt auch Jesus seinen an.

„Da ließ er’s zu“ – und BEI dieser Taufe geschieht nun völlig Neues, denn nichts von dem ist zuvor oder danach von den Taufen des Johannes berichtet:

UND SIEHE – hier sehen die Worte mehr als die Augen.
Jesus sieht über sich den Himmel offen. Ein Bild höchster Freude!
Und aus diesem Himmel sieht Jesus „den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen.“

In diesem Bild kann zweierlei stecken:
Ringel-Tauben haben ein charakteristisches Balzflugverhalten. Sie steigen steil auf, klatschen dann mit den Flügeln und gehen dann in gleitendem Sturzflug mit V-förmig angestellten Flügeln Richtung Erde, um ihre Artgenossinnen zu beeindrucken. Der Geist Gottes gleitet so beeindruckend auf Jesus zu, um eins mit ihm zu sein.

Es gibt auch Tauben, die bei einem Sturzflug bis zu 160 km je Stunde erreichen können, so die Adana-Wammen. Der Geist Gottes gleitet so in scheinbar unaufhaltsamer Höchstgeschwindigkeit auf Jesus zu, um eins mit ihm zu sein.

Wie man dieses Bild auch immer verstehen mag:
In jedem Fall macht es deutlich, dass der Geist Gottes hier genauso wirksam ist wie schon zuvor bei der Schwangerschaft der Maria (1,18). Matthäus erzählt, wie sehr Jesus und Geist Gottes zusammengehören – stetig, schön, unaufhaltsam.

Zum offenen Himmel und Taubenflug kommt ein Drittes:
„UND SIEHE, eine Stimme aus dem Himmel sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe“ (3,17) –
wieder sehen die Worte mehr als die Augen.
Ohne Zweifel ist hier die Stimme Gottes zu hören: Wo Jesus redet und handelt, redet und handelt Gott selbst.

Hier, bei dieser einen Taufe durch Johannes, wirken Vater, Sohn und Geist zusammen. Vater, Sohn und Geist beschreiben ab jetzt den Weg des Glaubens, der zur Gerechtigkeit führt:
Gerechtigkeit wird zum Ziel, zum Heil des Lebens.

Am Ende des Matthäusevangeliums nun trägt Jesus seinen Jüngern eine neue Art von Taufe auf:
Die Taufe auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Das ist nicht mehr die Taufe zur Buße des Johannes, sondern das ist jetzt die Christen-Taufe, UNSERE Taufe.
Durch sie wirken Vater, Sohn und Geist in unserem und für unser Leben.

Das ändert alles; denn der weitere Weg für die so Getauften wird der Lebensweg zur göttlichen Gerechtigkeit und somit zum Heil des Lebens.
Das „Sakrament der Taufe“ ist geboren:
Sie ist UNSER Schlüssel zum Weg, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.

Meine Schwestern, meine Brüder,

soweit die theologische Theorie in der Erzählung nach Matthäus.
Wie aber kann UNSERE Taufe UNS Gerechtigkeit finden lassen?

Für Gerechtigkeit auf dieser Welt zu sorgen – das ist doch eine nie endende Schwerstarbeit. Denn das heißt, sich für die gleichen Rechte und Pflichten ALLER Menschen einzusetzen, dafür einzutreten, dass es eine Verteilung der Güter gibt, die allen ein Auskommen ermöglicht, und die pausenlose Diskussion darüber zu ertragen, dass der eine etwas als gerecht empfindet, die andere aber nicht.

Gerechtigkeit bedeutet auch, die Lebens-Wunden der Vergangenheit anzusehen, zu heilen und zu trösten. Gerechtigkeit bedarf der Teilhabe und Mitsprache aller Menschen, auch derer, die sich lieber schweigend im Hintergrund halten. Wer könnte das schaffen!

Gerechtigkeit muss abgesichert werden durch klare Regeln und Gesetze, und diese müssen auch durchgesetzt werden, wenn nicht das Recht des Stärkeren gelten soll. Wie schwer das ist, sehen wir doch überall auf der Welt, gerade in der Ukraine, in Israel-Palästina, in den USA.

Für mich bedeutet das in der Konsequenz, dass ich mich lebenslang dafür einsetzen muss, dass die Demokratie gestärkt wird, ihre Grundlagen bestehen bleiben oder neu entstehen können.

Denn bei aller auch berechtigter Kritik an den existenten Demokratien auf der Welt: Eine gerechtere Form gesellschaftlichen Zusammenlebens kann ich nirgends entdecken.

Trotz aller Mühe: Gerechtigkeit auf dieser Welt wird also immer ein Ideal bleiben, dem man sich nur mit großer Anstrengung irgendwie annähern kann. Alles menschliche Tun ist Stückwerk und wird Stückwerk bleiben.

Dass Gerechtigkeit immer Stückwerk bleibt, würde mich also in heilloser Überforderung zurücklassen. Ich würde nie damit zufrieden sein können, dass ich bei meiner Arbeit für Gerechtigkeit zu lebenslangem Scheitern verurteilt bin.

Doch in meiner Taufe hat Gott mir meine einzigartige Würde zugesprochen: Ich bin von ihm bei meinem Namen gerufen, ich gehöre zu SEINEN Kindern und werde für immer Teil seiner Familie sein, AUCH WENN ich Gerechtigkeit niemals schaffen kann.

Durch die Taufe wirken Vater, Sohn und Geist in meinem Leben. Und wo der dreieine Gott wirkt, da IST Gerechtigkeit, die ich weder schaffen kann noch muss, denn sie ist Gottes Taufgeschenk:

Hier ist Liebe statt Lieblosigkeit
Gnade statt Gnadenlosigkeit
Gemeinschaft statt Einsamkeit.

Weil unsere Taufe all das zu schenken vermag, ist sie Heilsmittel, Sakrament des Lebens.
Wo sie wirkt, da steht der Himmel offen.

Hier sind die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes.

Hier ist Gottes Gerechtigkeit. AMEN

295
1. Wohl denen, die da wandeln
vor Gott in Heiligkeit,
nach seinem Worte handeln
und leben allezeit;
die recht von Herzen suchen Gott
und seine Zeugniss’ halten,
sind stets bei ihm in Gnad.
2. Von Herzensgrund ich spreche:
dir sei Dank allezeit,
weil du mich lehrst die Rechte
deiner Gerechtigkeit.
Die Gnad auch ferner mir gewähr;
ich will dein Rechte halten,
verlass mich nimmermehr.
3. Mein Herz hängt treu und feste
an dem, was dein Wort lehrt.
Herr, tu bei mir das Beste,
sonst ich zuschanden werd.
Wenn du mich leitest, treuer Gott,
so kann ich richtig laufen
den Weg deiner Gebot.
4. Dein Wort, Herr, nicht vergehet,
es bleibet ewiglich,
so weit der Himmel gehet,
der stets beweget sich;
dein Wahrheit bleibt zu aller Zeit
gleichwie der Grund der Erden,
durch deine Hand bereit’.

 

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