So fließt Gerechtigkeit (Am 5, 21-24)

Gerechtigkeit:
Eine Säule gelingenden Miteinanders.
Aber stets bleibt man ihr etwas schuldig,
so sehr man sich auch müht,
gerecht zu sein
oder Gerechtigkeit zu erlangen

Der Dienst am Recht,
das Tun im Auftrag der Gerechtigkeit:
Wir sind es einander dennoch schuldig,
auch wenn wir uns damit nicht entschulden können.

Esto mihi – sei mir, Gott
ein starker Fels!

Gottes-Dienst ist der Fels, das Fundament,
auf dem die Säule Gerechtigkeit stehen kann.
Gottes-Dienst ist
Dienst Gottes an uns Menschen,
Dienst der Menschen im Sinne Gottes

Von dem und für den,
der alles für uns gegeben hat:

Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem,
und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist
durch die Propheten von dem Menschensohn.
Lukas 18,31
***

Freche Zungen nennen es ja das Mercedesfahrerlied („Stern, auf den ich schaue“), ich finde es immer wieder anrührend, und eigentlich hätte man es im Stehen singen sollen:                                     „Alles, Herr, bist Du!
Ohne dich, wo käme/ Kraft und Mut mir her?
Ohne dich, wer nähme /meine Bürde, wer?
Ohne dich zerstieben würden mir im Nu/
Glauben, Hoffen, Lieben – alles, Herr, bist Du!“ (aus EG 407)

Ohne diesen Herrn:
Für uns kein Glauben, Hoffen, Lieben.
Ohne diesen Herrn:
Alle Last dieses Lebens bliebe auf unseren Schultern.
Ohne diesen Herrn:
Kraft und Mut kämen nur von dieser Welt, in der man sich
– wie der legendäre Baron von Münchhausen-
schließlich selbst an den eigenen Haaren
aus dem Sumpf ziehen müsste.

Wohl dem, der diesen Herrn kennt. Nicht nur von ihm gehört hat.
Nicht nur etwas von ihm weiß. Ihn nicht nur hin und wieder trifft.

Wohl dem Menschen, der diesen Herrn kennt. Der nach ihm fragt, die Sprache lernt, in der er spricht, seine Zeichen in dieser Zeit sieht und zu verstehen sucht, seine Weisungen mit offenem Herzen hört und mitnimmt auf seinen Lebens- Weg, auf den Weg durch diese Zeit.

Zum Kennen reicht es nicht, ein guter Mensch sein zu wollen. Es ist nicht genug, Brot für die Welt oder Geld für die Stadtmission zu spenden. Es ist nicht genug, Wächter von Werten und Moral zu sein.

Wer diesen Herrn kennen will, muss sich von ihm ansprechen lassen, hören, was er zu sagen hat, nehmen, was er zu geben hat, mit ihm das besprechen, was man auf dem Herzen hat.

Wer diesen Herrn kennen will, muss nicht nur bereit sein, ihm zu dienen, sondern auch, sich von diesem Herrn dienen zu lassen. Ein Dienst nicht auf Augenhöhe, aber ein Dienst in Einvernehmen und auf Gegenseitigkeit.

Gottesdienst: Gott kennen lernen, sein Diener werden, in seinem Dienst bleiben. Gottesdienst, in welcher Form auch immer, an welchem Ort auch immer, nie nur ein Mal für alle Male, immer und immer wieder nicht nur Heiligabend, seit und so lange diese Welt sich dreht.

Genau darum treffen wir uns hier: Um unseren Gott zu treffen, uns von ihm dienen zu lassen, ihn kennenzulernen. Ihn auch UNSERE Sprache hören zu lassen in Gebet und Lied.

„Alles, Herr, bist Du“: Darum treffen wir uns zum Gottesdienst, hier, anderswo, gestern, morgen. Immer. Was kann daran falsch sein?

Aus dem Buch des Propheten Amos 5 21-24:

Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie
und mag eure Versammlungen nicht riechen.
Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert,
so habe ich kein Gefallen daran
und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen.
Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder;
denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!
Es ströme aber das Recht wie Wasser
und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

Was soll uns dieser Predigttext angehen? Fette Dank- und Speiseopfer haben weder in christlichen Gottesdiensten noch gesunden Ernährungsplänen Platz. Brandopfer gibt es bestenfalls in der Weihrauchdose unserer katholischen Geschwister oder im Amtszimmer des Pfarrers, der seine Pfeife raucht. Beim Singen geben wir uns redlich reformierte Mühe, außerdem haben wir extra Stefan bestellt, der keine Harfe spielt. Alles im grünen Bereich also, keine Gefahr, also getrost weg damit, einfach in den Papierkorb knüllen?

Und doch stellt sich irgendwie das ungute Gefühl ein, es könnte einem Leid tun, und dass man doch noch in der blauen Tonne wühlen muss, um ihn wiederzufinden und glattzustreichen, diesen Amostext, auch wenn schon fast 3000 Jahre vergangen sind, seit er aufgeschrieben wurde. Was hat Gott so aufgebracht, dass er Amos diese Worte eingab?

760 Jahre vor Christi Geburt: In Nord- Israel regierte König Jerobeam II., ein Erfolgsmensch, der an der Spitze seines Staatswesens stand. Drei Jahrzehnte lang. Nicht lächerliche 12 Jahre und knapp drei Monate wie unsere Kanzlerin, von der manch einer jetzt schon genug haben will.

Es herrschte Wohlstand. Der positive Ausgang eines Krieges mit Damaskus und Syrien hatte zur Folge, dass der Norden verlorene Gebiete im Osten jenseits des Jordan zurückerhielt. Israel gewann außenpolitisch wieder Ansehen. Die Grenzen waren befriedet. Die Wirtschaft verbuchte einen Aufschwung.

Die in Israel fühlten sich als die Gottestreuen. in Juda ging man seine eigenen Wege; vom gemeinsamen Gott Israels war keine Rede. Das gab den Nordstaatlern das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen, man fühlte sich auf der sicheren Seite, weil man in guter alter Tradition zusammenstand.

Gottesdienste gehörten einfach zum guten Ton, bildeten einen kulturellen Schwerpunkt des Lebens. Feiertage gehörten zum festen Kulturgut. Die Kirchenlieder sang man aus voller Kehle,  die Posaunen- und Harfenbegleitung war professionell. Die Opferriten alter Zeiten hatte man bewahrt; die Priester verfuhren nach allen Regeln überlieferter Kunst, um Gott gnädig zu stimmen.

GOTT gnädig zu stimmen? Wirklich: Gott? Amos sieht: Es geht vielmehr um die Befriedigung kultureller und politischer Bedürfnisse. Um den Dienst an einem Zeitgeist, der im gewissenhaft vollzogenen Kultus einen Garant für die Erhaltung von Wohlstand und politischer Bedeutung sah.

Gott die Ehre NEHMEN – das tat zwar kaum keiner. Aber sie ihm wirklich zu GEBEN – das taten die Wenigsten. Man war sich selbst offenbar genug: Wirtschaftlicher und außenpolitischer Erfolg bestätigten das. Der Weg ist richtig! Weiter so!

Kampf für Gerechtigkeit, innerhalb der Gesellschaft ebenso wie in der Außenwirkung Israels: Fehlanzeige. Wenn es im Kultus wirklich um den Gott der Bibel gegangen wäre, wäre die aber sichtbar gewesen.

Darum gebraucht Amos das schöne Bild im letzten Satz: Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. Denn Gerechtigkeit, die wie ein Fluss stetig fließt, also aus einer Quelle immer neuen Ideen und Anstrengung kommt, die findet ihren Weg zum Ziel, wie jeder Bach, jeder Fluss sein Ziel findet.

Sicher: Recht und Gerechtigkeit als höchste Güter menschlichen Miteinanders sind auf dieser Welt nicht überzeugend für alle herzustellen. Man teilt nicht automatisch einen Apfel gerecht unter zwei Menschen auf, wenn man ihn halbiert und jedem einfach eine Hälfte gibt.

Manchmal ist es eben gerecht, wenn einer nichts und der andere alles bekommt: Wenn einer beispielsweise schon satt ist, der andere dagegen noch hungrig. Gerechtigkeit allein durch Recht oder Vorschrift zu regeln ist letztlich unmöglich, weil es letztlich unmöglich ist, alle Lebenssituationen durch Gesetz vorab zu regeln. Regeln entstehen ja im Nachgang, nicht im Vorgriff.

Aber für Amos liegt das Problem woanders. Am wachsenden Wohlstand Israels haben immer weniger Menschen überhaupt einen Anteil. Die Schere zwischen Reich und Arm wird stetig größer. Diejenigen, die von den günstigen Bedingungen profitieren, geben ihrem Wohlstand sichtbaren Ausdruck in Gestalt von schönen Häusern und üppigen Festen.

Gottesdienste sind die Versammlungen der Erfolgreichen geworden und derer, die mit zu den Erfolgreichen gehören wollen. Harfen, Lieder und Opfergaben als kulturelle Höhepunkte der Selbstdarstellung für die, die es sich leisten können. GOTTESnähe dagegen sucht kaum jemand. Genau das sind Gottesdienste, die ihren Namen nicht verdienen.

Manchem mögen nun die Zeiten sehr verschieden scheinen-
leere Kirchen heute, volle Synagogen vor knapp 3000 Jahren.
Doch das Grundproblem scheint mir dasselbe geblieben.

„Kirche“, also die Gemeinschaft mit Gott und aus Gott, ist für viele zu anstrengend geworden. Denn wer die Größe eines Gottes preist, bringt Menschen auf ihr Normalmaß.
Wer die Geheinisse des Lebens und unserer Welt als Wunder Gottes beschreibt, nimmt Politik und Naturwissenschaft ihre Heiligkeit.

Darum verlegt man heutzutage die Feste der Selbstdarstellung einfach an andere Orte: In Fußballstadien, Event- Arenen, Einkaufstempel. An Wahlurnen, Verhandlungstische über politische Koalitionen, Ewigdiskussionen in Presse, Radio und Fernsehen.

Wer etwas auf sich hält, trifft sich da: In gemeinschaftlicher Erregung an überdimensionalen Stammtischen, auf roten Teppichen mit goldenen Tränen der Rührung oder zum Shoppen für eigenes Wohlbefinden und die Augen des Nachbarn.

Wesentlich effektiver als das System zu Amos Zeiten. Das Ergebnis aber ist damals und heute das gleiche: Der Geist des Wohlstandes regiert, nicht das Streben nach Wohlfahrt. Recht und Gerechtigkeit fehlen nur dann, wenn man sich SELBST ungerecht behandelt fühlt.

Meine Schwestern, meine Brüder:
Erleben wir nicht dieser Tage genau das? An politischen Koalitionen, Ämterverteilungen oder der möglichst kompromisslosen Durchsetzung der eigenen Positionen scheint das Heil des ganzen Landes zu hängen. Immer mehr Menschen sehen mit immer größerem Neid darauf, was andere bekommen. Nach den „Harzern“ vergangener Jahre werden jetzt die Flüchtlinge zu Sozialschmarotzern erkoren, die NOCH mehr bekämen als die „Harzer“ bekommen haben.

Selbst die USA, die einmal aus dem Zusammenleben der verschiedensten Nationalitäten, Religionen und Kulturen entstanden und wirklich groß geworden sind, ziehen sich auf das Niveau eines Donald Trump zurück. Und die Europäer, auch wir Deutschen, sind gerade auch nicht mehr sehr weit von diesem Niveau entfernt. Zuallererst ich, meine Familie, meine Sippe, mein Wohlstand. Gerechtigkeit – vielleicht noch für das „deutsche Volk“. Aber wer vor Armut, Hunger oder Krieg seine Heimat aufgibt, gar noch Teil an unserem Wohlstand sucht- für den kommt das Mittelmeer gerade recht.

Und immer mehr Menschen, die den Untergang des „christlichen Abendlandes“ kommen sehen oder die Gefahren „des Islam“ an die Wände malen, habe jede Ahnung von Werten des Christentums verloren, wissen gar nicht, wie Gottesdienst abläuft, geschweige denn, wie er funktioniert.

Wenn man Recht und Gerechtigkeit nicht per Gesetz so verordnen kann, dass sie alle erreichen, liegt es doch an jedem einzelnen, sie zu leben. Recht und Gerechtigkeit hängen gerade NICHT an unserem gesellschaftlichen Wohlstand, sondern an unseren persönlichen Beziehungen.

An unseren Beziehungen zu Gott und SEINEN Menschen, unseren Nächsten. Daran, dass wir diese Welt und ihre Geschöpfe als Wundertaten Gottes erkennen und darum IHM die Ehre geben.

Wie aber gibt man Gott die Ehre? Wie feiert man wirklich GOTTESdienst? Wie kann Gerechtigkeit fließen?

Indem Gott ERNST genommen wird als der, der er sein will. „Gott ist die Liebe“ (1. Joh. 4, 16), und was genau diese Gottes-Liebe ausmacht, hat uns die Brieflesung vorhin in Erinnerung gebracht
(1. Kor 13, NGÜ):
4 Liebe ist geduldig, Liebe ist freundlich. Sie kennt keinen Neid, sie spielt sich nicht auf, sie ist nicht eingebildet.
5 Sie verhält sich nicht taktlos, sie sucht nicht den eigenen Vorteil, sie verliert nicht die Beherrschung, sie trägt keinem etwas nach.
6 Sie freut sich nicht, wenn Unrecht geschieht,
aber wo die Wahrheit siegt, freut sie sich mit.
7 Alles erträgt sie, in jeder Lage glaubt sie,
immer hofft sie, allem hält sie stand.

Wo Selbstsucht die Nächstenliebe ersetzt, stirbt Liebe und lebt Selbstüberhebung, wachsen Misstrauen, Neid und Eifersucht. Schlechte Laune bestimmt den Alltag, die das Herz hart und die Augen trüb macht.

Wo LIEBE ist, wie Paulus sie beschrieben hat, kann man der Schönheit Gottes begegnen. LIEBE wächst aus dem Gottesdienst. LIEBE ist die ewige Quelle der Gerechtigkeit, die wie Wasser fließt und ihren Weg finden wird.
Weil sie das Herz weitet und die Augen klar macht für das, was der Nächste nötig hat.

Aus Liebe geht Jesus nach Golgatha. Lasst uns aus dieser Liebe Gottes unser Leben leben -„dann wird der Frieden Gottes, der weit über alles Verstehen hinausreicht, über euren Gedanken wachen und euch in eurem Innersten bewahren – euch, die ihr mit Jesus Christus verbunden seid.“ (Phil 4,7 NGÜ)
AMEN

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