Leid, Sünde: Gnade (Hebr 4 14-16)

Die Werke des Teufels
sie zerstören das gottgewollte Leben
Die Werke des Teufels bringen
Tod mitten in das Leben

Gott sieht dem nicht zu
Christus tritt in die Wüste des Lebens
und widersteht dem Teufel
durchschreitet die größten Abgründe
voller Leidenschaft für die Menschen
um am Ende
dem Tod den Platz zuzuweisen
der ihm zusteht
Die Werke des Teufels enden da
wo das Leben mit Gott beginnt

Dazu ist erschienen der Sohn Gottes,
dass er die Werke des Teufels zerstöre.
1 Johannes 3,8b
***
Leid und Sünde sind zwei Schwerpunkte des Predigttextes für heute. Schwere Kost, zugegeben, aber die Passionszeit mutet uns diese schwere Kost zu. Denn Leid und Sünde gehören zum Leben wie Geburt oder Tod.

Aus dem Brief an die Hebräer (4, 14-16):
14 Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis.
15 Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde.
16 Darum lasst uns freimütig hinzutreten zu dem Thron der Gnade, auf dass wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden und so Hilfe erfahren zur rechten Zeit.

Hat das einen Sinn?

Diese Frage stellt sich jeder irgendwann. Vor allem, wenn irgendetwas anders gelaufen ist als man sich das gewünscht hat. Diese Frage stellt sich darum öfter, und man wird bemerken:

Die Antworten bleiben nicht immer die gleichen. Nicht einmal, wenn es um die gleiche Frage zum selben Moment im Leben geht. Denn mit der Zeit nimmt man auch andere Perspektiven ein. Das ändert den Blickwinkel, bereitet einem neue Einsichten.

Ein Beispiel: Als ich vor über 21 Jahren gefragt wurde, ob ich nicht
in der Seelsorge in der Bundeswehr arbeiten und dazu meine geliebte erste Pfarrstelle verlassen und umziehen wolle, da dachte ich noch:

Lieber Gott- was soll das? Habe ich nicht vor der Wende den Dienst in der NVA total verweigert? Was soll ich jetzt in der Bundeswehr? Und wenn wir schon den Möbelwagen packen müssen: Lohnt sich das überhaupt – für gerade einmal 32 Landstraßenkilometer?

Heute denke ich oft: Gott sei Dank! Einmal Seelsorger am Arbeitsplatz sein zu dürfen, dass ich also genau dafür bezahlt werde, wofür ich ausgebildet worden bin – das war eine gute Zeit in meinem Berufsleben. Und auch die damit verbundene Einsatzbegleitung der Soldaten nach Afghanistan gehört zu den wirklich wichtigen Erfahrungen, die ich in meinem Leben machen durfte und jetzt nicht missen will.

Und meine Neben- und ehrenamtliche Arbeit in der neuen Gemeinde: Ich hätte nie gedacht, dass lächerliche 32 km so große Unterschiede entstehen lassen können. Auch, dass ich so meine Lieblingskanzel in meiner Lieblingskirche gefunden hatte, dafür bin ich auch heute noch dankbar. (Nicht nur, wenn ich mir heute noch in Kirchhain die Haare schneiden lasse.)

Aber meine Mutter sagte ja schon immer: Es ist kein Ding so schön, dass es nicht auch eine hässliche Seite hätte. Und dass das natürlich auch umgekehrt gelte, also selbst bei den wirklich hässlichen Seiten des Lebens.

Zu diesen wirklich hässlichen Seiten des Lebens gehört allerdings auch das Thema „Leid“. Erdbeben, Tsunamis, Brände. Tote, Verletzte, Obdachlose. Ertrunkene Flüchtende im Mittelmeer, erschossene Menschen bei einer Demonstration, missbrauchte oder ermordete Kinder, sterbende Dialysepatienten durch dauernden Stromausfall in Venezuela.

Kein Tag ohne solche Meldungen in den Nachrichten, nicht selten mit so großen Zahlen, dass man sie zwar noch hört, aber nicht fassen kann, so sehr man sich auch müht.

Aber selbst überschaubareres Leid wiegt für den einzelnen Menschen nicht wirklich leichter: Tod, Trennung, Scheidung, Krankheit. Tage, ganze Monate des Lebens werden nicht genutzt, sondern verwartet – in der Hoffnung, dass morgen oder übermorgen alles anders und damit besser wird. Die Suche nach Partnerschaft und Nähe ist erfolglos und bleibt das, einer der größten Lebensträume zerbricht. Trotz großer Anstrengung und steter Mühe gelingt einem scheinbar nichts von Wert.

Wer darüber nachdenkt, wird erkennen, dass Leid zwar nicht immer, leider aber MEISTENS mit dem Fehlverhalten von Menschen zusammenhängt. Der Mensch könnte erdbebensichere Häuser bauen, tut es oft aber nicht. Er könnte dem Kranken, dem Obdachlosen, dem Einsamen, dem Hungernden beistehen, tut es aber oft nicht.

Die Folge: Leid wird größer gemacht als es sein müsste, oder es wird gar erst verursacht. Gründe dafür scheinen vielfältig: Der Mensch widersteht den Versuchungen nicht, die eigenes Überleben, eigener Wohlstand oder eigene Macht auf ihn ausüben. Oder er entzieht sich der Erkenntnis, was Liebe zum Nächsten, Respekt oder Toleranz von ihm fordern.

Warum? Was macht es für einen Sinn, dass Menschen leiden, und dass sie selbst dabei meist ursächliche oder verstärkende Rollen spielen? Gibt es auch hier eine „gute Seite“, die man sehen kann, wenn man die eigene Perspektive ändert?

Invokavit.
Der erste Sonntag in der Passionszeit. Jahr für Jahr neu stellen Christen sich die Frage nach dem Sinn, den der Weg Jesu ans Kreuz hat. Seit Jahrhunderten. Invokavit stellt uns durch auch heute seine Lesungen vor Augen, was reale Erfahrung von Sünde ist. Der Mensch hält Versuchungen nicht stand. Er ist korrumpierbar durch die Verlockungen der Macht, des Reichtums, seiner Geschlechtlichkeit.

Gibt er diesen Versuchungen des Lebens, der Welt, „der Gesellschaft“ nach, macht er eine vielleicht unerwartete Entdeckung: Das, was einem als Ziel aller Sehnsucht erscheint, entwickelt sich auch zur Belastung des Lebens. Des eigenen, das der Anderen.

In dem Film „Wie im Himmel“, der aus Schweden stammt, gibt es eine erhellende Szene. Eine Pfarrfrau wirft ihrem Mann in einem Ehestreit vor, dass die Kirchen die Sünde ERFUNDEN hätten, um Macht über Menschen ausüben zu können.

Denn wer die Menschen zu Sündern und somit klein macht, kann sie durch Vergebung der Sünden anschließend wieder etwas größer werden lassen und macht sich selbst wichtig.

Irrtum. Genau umgekehrt wird ein Schuh daraus. Der Mensch macht doch in seinem Leben fast täglich die Erfahrung, das fast alles, was er tut und vieles, was er lässt, sich für sein Leben zu einer ernsten Belastung entwickeln kann.

Vielen erscheinen feste Bindungen als verzichtbar. Heiraten, für Kinder sorgen: Wie soll man da etwas erleben, die Welt sehen, Karriere machen? „Ich will so bleiben wie ich bin“ ist nicht nur Werbeslogan, sondern das Lebensmotto vieler. Am Ende stehen einsame Leere, eigene Unbeweglichkeit, verpasste Bewegungschancen.

Viele leben einen Individualismus, der für sich entscheidet,
welche und wieviel Religion er braucht. Am Ende steht die verlorene Beziehung zu Gott und die Überschätzung der Möglichkeiten des eigenen ICH, die den Menschen gefangen und ihm die Freiheit nimmt.

Viele leben im täglichen Kampf und Krampf um die für sie richtige Form ihrer Unterhaltung. Am Ende steht die Lebensform des Freizeit- Zappers, der sich mit der Fernbedienung in der Hand
von Programm zu Programm schaltet. Der sich nicht mehr festlegen will – und das auch nicht mehr KANN in steter Angst,
irgendetwas wichtiges zu verpassen.

Viele meinen, dass sie ihr Geld zusammenhalten müssten, das sie natürlich nur deshalb haben, weil es ihnen doch zusteht, weil sie doch so tüchtig sind. Heraus kommt ein Leben der Missgunst und des Neides, in dem Fürsorge und Solidarität zu Unwörtern verkommen.

Das alles, liebe Gemeinde, sind keine Erfindungen der Kirchen. Es sind vielmehr echte Erfahrungen, die alle im Leben machen. Die Versuchungen, denen Menschen täglich erliegen, und deren negative Konsequenzen sind keine Erfindung, sondern alltägliche Realität.

Wer ihnen nachgibt – und wer täte das nicht – erlebt oft, wie ihm Stück für Stück die Freiheit des Lebens abhanden kommt, wie ihm Stück für Stück die Visionen vom lebenswertem Leben zur Dauerangst der verpassten Gelegenheiten verkommen.

Das Ergebnis ist ein immer breiter werdender Graben zwischen gottgewollter Lebensoffenheit einerseits und menschengeschaffener Engführung andererseits. Für diesen trennenden Graben haben die Küstenbewohner einen Namen: Sund. Strelasund, Fehmarnsund, Öresund. Einen diesen trennenden Graben zwischen Gott und Mensch hat auch die Bibel einen Namen, und der klingt ganz ähnlich wie Sund: Sünde.

Der Verfasser des Hebräerbriefes sagt: Jesus, der Sohn Gottes, überwindet für uns diesen Sund. Einerseits ist es ihm gelungen, zu zeigen, dass man den Versuchungen des Lebens widerstehen kann. Andererseits sieht man an seinem Leben, dass auch ihm die Erfahrungen großen Leides nicht erspart bleiben.

Damit lesen wir im Hebräerbrief genaugenommen das gleiche wie vorhin in der Versuchungsgeschichte des Matthäusevangeliums (4,1-11). Indem Jesus sich nicht vereinnahmen lässt, öffnet er uns die Augen für die Weite des Lebens, das Gott für uns möglich macht.

Doch Jesus muss dennoch Folter, Qual und frühen Tod auf sich nehmen, die Menschen für ihn bereit halten. Er tut das, obwohl Gott die Macht gehabt hätte, das zu verhindern.

Damit können wir die Bedeutung der Liebe Gottes für unser Leben entdecken. Leid, auch wenn es offenbar unvermeidlich ist, ist von Gott getragen. Er geht mit durch die Niederungen menschlicher Existenz. Das ist Liebe: So wie sie Jesus durch den Tod in die Auferstehung getragen hat, trägt sie auch uns.

Das haben wir nötig. Denn unser Dilemma bleibt die FREIHEIT, die Gott unserem Leben geschenkt hat und die das Leben zu dem macht, was es ist. Gott kennt unser Dilemma. Freiheit macht es nämlich ALLEN Menschen möglich, sich auch für Wege zu entscheiden, die von der Liebe und von Gott weg führen.

Und selbst, wenn wir lebenslang versuchen, diesen Wegen zu entgehen: Es gelingt uns nicht. Wir können zwar in fester Absicht leben, die Gebote Gottes zu erfüllen, wie es der Heidelberger Katechismus feststellt (Frage 114, vorhin gehört).

Gelingen wird uns das aber nur stückhaft. Denn es reicht schon, eine Tafel Schokolade oder Kaffee zu kaufen, in denen Kinderarbeit oder andere Ausbeutung stecken, um das Liebesgebot doch nicht zu erfüllen.

Meine Schwestern, meine Brüder:

Darum lasst uns „festhalten an dem Bekenntnis…, dass wir Gnade finden und so Hilfe erfahren zur rechten Zeit“. Gott kennt unser Dilemma. Und ganz offenbar ist er bereit, uns bei ihm GNADE finden zu lassen.

Die das Gute findet, weil es DA IST. Gnade, die den guten Willen in uns entdeckt. Die bereit ist, diesen guten Willen so groß zu machen, dass alles Fehlverhalten dahinter verblasst.

Gnade allein ist es, die es dem Menschen möglich macht, das tatsächlich Beste zu erkennen und zu leben. Und Gnade gibt es nur da, wo Liebe lebt. Nur die Augen der Liebe finden das Gute im anderen. Gnade ist eine Kraft, die aus der Liebe strömt.

Lasst uns festhalten am Bekenntnis zu Jesus, der uns gezeigt hat, dass Gnade möglich ist. Lasst uns festhalten an Gott, der uns durch Jesus gezeigt hat, wie groß die Kraft seiner Liebe ist: Sie kann GNADE wirken.

Gnade macht das Gute groß, Gnade gibt selbst dem Leid einen Sinn, denn es sieht das Leben aus der Perspektive der Liebe Gottes, der kein Leben verloren gibt.

Gnade überwindet den Sund zwischen der Freiheit Gottes und der Knechtschaft der Menschen. Das macht Jesus zum großen und letzten Hohenpriester: Zum großen Brückenbauer zwischen Gott und uns.

Dafür öffnet Jesu Leiden am Kreuz uns die Augen: Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes tragen uns auch in den dunkelsten Stunden unseres Lebens.
AMEN

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