Keine Talfahrt (Mt 10 26b-33)

Wer will, dass unsere Kirche bleibt, wie sie ist,
will nicht, dass sie bleibt.
Kirche – sie steht in der Brandung kurzlebiger Zeit
NICHT wie ein Fels.
So wie ich lebe, so wie du lebst,
so ist Kirche
LEBENDIG.
An jedem Tag der Welt.

Und doch gilt dies:
Einen andern Grund
kann niemand legen als den,
der gelegt ist,
welcher ist Jesus Christus.
1 Korinther 3,11
***
Gedenktag der Reformation.
An DIE Reformation, die am Vorabend von Allerheiligen 1517 in Wittenberg an Fahrt gewann – durch die Veröffentlichung der 95 Thesen Martin Luthers gegen den Ablasshandel seiner katholischen Kirche. An einem 31. Oktober wie heute, der in diesem Jahr zum Bedauern vieler Berufstätiger auf einen Sonnabend fällt. Naja, so kommen wir auch mal wieder zu einem Gottesdienst am Sabbat.

Diese Reformation war ja nicht der erste. Und zum Glück auch nicht die letzte. Aber es war die, die unser kirchliches Leben hier in Deutschland und auch anderenorts in Europa bis heute prägt.

So wurde sie vor drei Jahren zum Stoff für ein ganzes Reformations-Gedenkjahr. Von Kartenspielen bis zu Spielfilmen, von Kirchentagen bis zu Schildern an der Autobahn, von Luther-Bier oder Luther-Schnaps bis zu Luther-Musicals. Ein ganzes Kalenderjahr von Geschichtsfeiern in allen denkbaren Formen.

Aber ist Reformation auch Stoff für unser Leben?
Unser Leben als Christen in diesem Land?
Unser Leben als Christen unserer Kirche?
Was bedeutet Reformation heute?

Als CHRISTEN IN UNSEREM LAND sind wir für nicht wenige unserer Zeitgenossen flüssiger als Wasser. Also überflüssig.
Ein Linkenpolitiker aus Berlin nannte im Inforadio gerade unsere Gottesdienste in einem Atemzug mit Partys in der Rubrik Corona-Hotspots, auf deren Besuch wir in der nächsten Zeit alle besser verzichten sollten.

Für andere dagegen ist das Programm von Kirche so spannend wie eine komplette halbe Stunde „Aktuelle Kamera“ aus dem Jahr 1979, aber OHNE „Angelika vom Fernsehn in der DDR“. Also die totale Langeweile – für sie verkörpert Kirche all das, was die Welt nicht braucht.
Das ist gar nicht abwertend gemeint:
Sie fühlen sich wirklich glücklich, auch OHNE theologische Erkenntnisse und die Sicht auf Unendlichkeit oder Ewigkeit.

Was der GRUND des Lebens ist, WARUM wir hier sind, was uns FREIHEIT bedeutet, wohin wir NACH diesem Leben einmal gehen werden: Für sie gibt es hier nur Antworten auf Fragen, die eigentlich keiner stellt.
Zumal ihnen die Antworten ohnehin niemand beweisen kann.

Altbischof Huber sagte schon vor Jahren: „Die Menschen haben vergessen, dass sie Gott vergessen haben.“ Wenn er recht hat und die Gottesvergessenheit heutzutage nicht nur einfach, sondern sogar doppelt auf uns zukommt:

Wie sollen wir ihr begegnen? Was können wir noch sagen?
Wie können wir überhaupt noch jemanden locken, wenn es um das Evangelium geht?
Das kann einem schon die Furcht in die Glieder fahren lassen.

Als CHRISTEN IN UNSERER KIRCHE geht es uns da auch nicht viel besser. Seit Jahrzehnten erleben wir alle nur noch Kirche auf Talfahrt. Sinkende Gemeindegliederzahlen, immer schmaler werdende Haushalte, immer dünner werdende Personaldecken.

Talfahrt. Egal, wohin man schaut. Nicht nur hier im Osten, wo ja Christen schon lange nur noch eine Minderheit darstellen. Längst auch schon im Westen. In gefühlten 90 Prozent aller kirchlicher Verlautbarungen geht es nur noch um Krisenmanagement.
Und im Reformierten Kirchenkreis Berlin Brandenburg geht es inzwischen schon seit Jahren um die Krise des Krisenmanagements.

Wohin sollten wir unsere Kirche eigentlich reformieren?
Welche Ideen kann man überhaupt noch entwickeln, um endlich diesen Krisenmodus verlassen zu können?

Und die Furcht, die ohnehin schon in den Gliedern steckt, wird noch größer.

Jesu Jüngern muss es ähnlich gegangen sein. Anders kann ich den Predigttext vom Anfang nicht hören. Drei Mal sagt Jesus ihnen „fürchtet euch nicht“. Und das hat gute Gründe. Auch die Jüngerschaft Jesu lebt in gesellschaftlicher und „kirchlicher“ Anfechtung.

Jesus sendet seine Jünger in eine gesellschaftliche Realität, die von Hoffnungslosigkeit und Zukunftsangst gezeichnet ist. Kurz vor unserem Text ist zu lesen: „Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren geängstet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben.“ (9,36)

In diese Not schickt Jesus seine Jünger.
Dabei trägt er ihnen nichts anderes zu tun auf, als was er selbst getan hat. An seinem Auftrag sollen sie an der Not der Menschen Anteil nehmen, als seine Mitarbeiter sollen sie Heil wirken.

Aber was wird sie da erwarten? Werden sie in der Lage sein, den Belastungen standzuhalten? Werden sie etwas ausrichten können, etwas Positives zustande bringen?
Oder einfach nur scheitern?

Auch die „kirchliche“ Realität sieht nicht besser aus. Schließlich ist Jesus im besten Sinne Reformator. Alles, was er tut oder sagt, dient der Erneuerung des Glaubens seines Volkes. Er will sie zu Gott zurückführen, sie vom Weg der Buchstabentreue auf den Weg der Herzensangelegenheit bringen.

Das lässt ihn Anfeindung und Verfolgung erfahren, und seine Jünger erfahren das mit ihm. Und wir wissen, dass Jesus nicht wie Luther irgendwann alt sterben kann, sondern nach guten dreißig Lebensjahren am Kreuz endet.

Seine Jünger werden zu seinen Lebzeiten sicher gespürt haben, wie groß die Liebe der Menschen zu Jesus war, denen er hat helfen können. Aber genau so haben sie auch die Ablehnung, Ausgrenzung und den Hass empfunden, die Jesus von vielen „Kirchenvertretern“ seiner Zeit entgegenschlug. Vor allem von denen, die Macht und Einfluss hatten.

So lagen die Möglichkeiten des eigenen Scheiterns und der offenen Verfolgung offen vor den Jüngern. Und es ist kein Wunder, dass ihnen die Furcht in den Knochen steckte.

Und Jesus sagt:
Darum fürchtet euch NICHT vor ihnen.
Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird,
und nichts geheim, was man nicht wissen wird.
27Was ich euch sage in der Finsternis,
das redet im Licht;
und was euch gesagt wird in das Ohr,
das verkündigt auf den Dächern.

Wahrheit kann nicht verborgen bleiben. Sie wird in jedem Fall beim Namen genannt und von vielen begriffen werden. Man kann sie nicht auf Dauer unterdrücken. Aus dem Verborgenen, aus der Dunkelheit wird sie heraustreten.

Und ihr sollt darum mutig die Wahrheit in das Volk tragen: Sichtbar vor aller Augen. Und nicht leise, hinter vorgehaltener Hand, sondern für alle hörbar. So wie die Spatzen es von den Dächern pfeifen: Wer hören kann, wird es hören.
Fürchtet euch nicht.

Und Jesus weiter:
28Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten,
doch die Seele nicht töten können;
fürchtet viel mehr den,
der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.
29Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater.
30Bei euch aber
sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt.

Natürlich geht diese Sichtweise vom unerschütterlichen Glauben an Gott aus. Davon, dass Gott es ist, der alles Leben schafft und erhält, Tag für Tag. Aber dieser Glaube ist ja unter den Jüngern UNSTRITTIG. Sie GLAUBEN Gott. Sie GLAUBEN Jesus.

Wer Gott GLAUBT, weiß:
Kein Mensch ist in der Lage, einen Menschen wirklich zu töten. Man kann sie umbringen, um dieses Leben auf dieser Erde bringen, ja.
Aber die Seele zu töten, den Geist unschädlich zu machen, das konnten nicht einmal die Römer mit ihrem Kreuz.

Wer Gott glaubt, weiß auch:
Nicht einmal Sperlinge fallen vom Himmel, ohne dass Gott das übersehen würde. Und Sperlinge ist das damals billigste Geflügel auf dem Teller der Leute.
Daran können sich sicher die unter uns noch gut erinnern, die sich kurz nach dem letzten Krieg ihr Essen organisieren mussten: Sperlinge standen da noch hoch im Kurs.
Wenn selbst sie in Gottes steter Beachtung stehen, wie sehr dann erst die Jünger selber!

Und die Jünger wissen damit auch, was Gottesferne für sie bedeutet: Ihre Seele wäre verloren. Das wäre die Hölle. Niemand von ihnen will das. Darum gehen sie doch mit Jesus, weg aus ihrem alten Leben in ein neues.
Mit dem Sohn Gottes, der niemanden von ihnen in der Hölle lassen wird.
Verliert euren Gottes-Glauben nicht! Fürchtet euch nicht!

Und Jesus schließt:
31Darum fürchtet euch nicht;
ihr seid kostbarer als viele Sperlinge.
32Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel.
33Wer mich aber verleugnet vor den Menschen,
den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel.

Ihr seid nicht nur mindestens so beachtet wie die Sperlinge, sondern Gott noch viel kostbarer als sie.
Das wisst ihr nicht nur, das glaubt ihr auch.
Darum seid ihr ja schließlich hier.

Also geht es um nicht weniger, aber eben auch nicht um mehr als euer Bekenntnis: Das Bekenntnis zu Jesus Christus als dem Sohn Gottes. Das Bekenntnis zu seinem Wort, das Wahrheit, Liebe und Freiheit bedeutet.

Wer bekennt, wird zu Gottes Familie gehören. In dieser Zeit und in Gottes Ewigkeit. Alles, was euch hier wichtig ist, wird sich dort erfüllen. Wenn ihr bekennt.

Und zum Schluss ein Szenario wirklichen Scheiterns: Dass sie am Ende vor Gott stehen und nicht zu ihm gehören könnten. Von Jesus verleugnet würden, weil sie ihn verleugnet haben. Dieses Szenario ist das einzige, vor dem sich die Jünger wirklich fürchten müssen.

Aber die Gefahr besteht ja nur auf dem Papier: Denn wer WEIß, wie kostbar er für Gott ist, der BEKENNT sich zu seinem Wort, das Wahrheit, Liebe und Freiheit bedeutet.
Bekennt sich zum fleischgewordenen Wort Gottes, zu Jesus Christus.

Liebe Schwestern, liebe Brüder:

Reformation ist nichts anderes als das klare Bekenntnis zum Dreieinen Gott. Natürlich nicht einfach ins Blaue hinein. Auf das Dach steigen und das Glaubensbekenntnis sprechen – so einfach wird das nicht gehen.

Bekennen bedeutet zuerst:
Das Hören auf den Nächsten. Ihn kennenzulernen, seine Bedürfnisse und Nöte zu sehen und zu begreifen.
Denn man kann niemandem beistehen, wenn man nicht weiß, was ihm wirklich fehlt.

Und Bekennen bedeutet: Hören auf Gott. Sein Wort zu durchdenken, seinen Geist wirken zu lassen. Gottes Willen zu erkennen und ihn zu tun
Denn man kann seinem Nächsten nicht beistehen, wenn man nicht weiß, wie.

Reformation bedeutet dazu beizutragen, dass Kirche Kirche des Hörens wird. Mehr haben wir nicht zu tun, mehr können wir nicht tun.

Und fürchtet euch nicht:
Gott wird sich finden lassen in seiner Liebe, in der Gnade unseres Herrn Jesus Christus und in der Gemeinschaft des Heiligen Geistes.
Diese Kirche kennt keine Talfahrt.
AMEN

Dieser Beitrag wurde unter Predigten abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.