Ende eines Albtraums (Mk 1, 40-45)

Mancher Albtraum lastet auf unseren Tagen
Krankheit oder Bosheit
Überheblichkeit oder Ratlosigkeit
Gott
schenkt
Heil des Lebens.

Lobe den Herrn, meine Seele,
und vergiss nicht,
was er dir Gutes getan hat!
Psalm 103,2***

Heinz Rudolf Kunze: Im Sarg

Solang ich leb/ bin ich hier falsch/ gehör ich hier nicht hin/ es geht nicht an/ es passt nicht her/ dass ich bei Sinnen bin
An diesem Ort/ zwei Meter tief/ mit Erde frisch bedeckt/ von irgendwas/ aus tiefem Schlaf/ im Finstern aufgeweckt
Kein Klopfen hilft/ kein Stemmversuch/ kein Toben und kein Schrein/ ich bleibe doch/ im kühlen Loch/ gefangen und allein
Drum leg ich mich/ gelöst zurück/ und schließ die Augen fest/ mein Atem flacht/ ganz mählich ab/ was sich nicht ändern lässt
Solang ich leb/ bin ich hier falsch/ gehör ich hier nicht hin/ es geht nicht an/ es passt nicht her/ dass ich bei Sinnen bin
Ich weiß nicht wie/ doch ich geriet/ nun einmal hier hinein/ und eins ist klar/ man hat im Sarg/ gefälligst tot zu sein

An diesem Ort, zwei Meter tief, mit Erde frisch bedeckt. Kein Klopfen hilft, kein Stemmversuch, kein Toben und kein Schrein. Lebendig begraben. Der Albtraum schlechthin.

Auch ein Albtraum: Aussatz, vermutlich Lepra. Wahrscheinlich von den Soldaten Alexander des Großen aus Vorderasien eingeschleppt. Wer von Lepra befallen ist, lebt wie lebendig begraben. Kein Zuhause mehr. Keine Behandlung. Keine Nähe. Keine Liebe. Das Leben mitten im Leben zu Ende. Aus der Gemeinschaft der Reinen weggeschickt. Vom Volk Gottes ausgeschlossen. Ohne Hoffnung. Die Gelehrten sagen, eine Heilung sei genau so schwer wie einen Toten zu erwecken. Das kann nur Gott allein, niemand sonst.

Ich lese den Predigttext nach Markus 1, 40-45 (Neue Genfer Übersetzung):

Einmal kam ein Aussätziger zu Jesus, warf sich vor ihm auf die Knie und flehte ihn an: »Wenn du willst, kannst du mich rein machen!«
Von tiefem Mitleid ergriffen, streckte Jesus die Hand aus und berührte ihn. »Ich will es«, sagte er, »sei rein!« Im selben Augenblick verschwand der Aussatz, und der Mann war geheilt. Jesus schickte ihn daraufhin sofort weg. Mit aller Entschiedenheit ermahnte er ihn: »Hüte dich, mit jemand darüber zu sprechen! Geh stattdessen zum Priester, zeig dich ihm und bring für deine Reinigung das Opfer dar, das Mose vorgeschrieben hat. Das soll ein Zeichen für sie sein.«
Der Mann ging weg, doch er fing sofort an, überall zu erzählen, wie er geheilt worden war. Bald war die Sache so bekannt, dass Jesus in keine Stadt mehr gehen konnte, ohne Aufsehen zu erregen. Er hielt sich daher außerhalb der Ortschaften in unbewohnten Gegenden auf, aber auch dort kamen die Leute von überallher zu ihm.

Ein Kranker, der offen die Regeln missachtet. Aussatz oder Lepra sieht man dem Menschen schon von weitem an. Die Gesellschaft damals reagierte mit Ekel, Abwehr und Angst. Die Aussätzigen mussten die Wohnstätten der Gesunden verlassen und „Aussatz, Aussatz!“ rufen, wenn irgendjemand versehentlich in ihr Ghetto kam.

Aussatz war Provokation für das „gesunde Volksempfinden“, und eine Provokation ist es denn auch, dass dieser Aussätzige seine gesellschaftlich verordnete Quarantäne durchbricht. Er kommt auf Jesus zu, bittet, kniet. Er stellt sich Jesus nicht nur unübersehbar in den Weg, sondern bittet ihn, einen gesunden Fremden, um Hilfe. Er bettelt.

Hat er eine andere Chance heraus aus dem Sarg, in dem er liegt? Lebendig begraben? Der lebendig Begrabene stemmt sich an seinen Sargdeckel. Klopft, stemmt, ruft. Am Ende allen Lebens sucht er Leben. Er muss irgendwann vorher von Jesus gehört haben. Ein Gerücht auf Rettung.

Dieses Gerücht wird zu seinem letzten Strohhalm. »Wenn du willst, kannst du mich rein machen!« Rein: Nicht nur körperlich gesund. Rein: Wieder Teil der Gottesgemeinschaft sein. Versöhnt. Heil an Leib UND Seele.

Jesus: „von tiefem Mitleid ergriffen“. Unfassbar, wie dieser Kranke leben muss. Ein Mensch Gottes. Ohne jede Chance auf Leben. Unfassbar, wie hilflos die anderen, die „Gesunden“ sind. Menschen Gottes. Schützen Leben durch Entzug der Liebe. Unfassbar hilflos. Unfassbar grausam.

»Ich will es«. Jesus will diese menschliche Katastrophe beenden. Ich will es: Gott sein. Diesen Toten aus seinem Sarg befreien. Ich will es: Drei Worte, die wie Sprengstoff sind. Jesus streckte „die Hand aus und berührte ihn“.

Er tut das scheinbar Unnötige, Überflüssige, Gefährliche. Es hätte doch gereicht, wenn er nur gesprochen hätte: Ich will es! Sei rein! Das wäre „sicherer“ gewesen. Aber hier ist nicht nur Angerührtsein im übertragenen Sinne. Berührung ist das, was der Kranke als Letztes erwartet hat, aber am nötigsten braucht. Jesus will keine Sicherheit. Er ist berührt und er berührt den Unberührbaren. »Ich will es«. Der Kranke wird gesund.

Was Jesus nicht will: Zum Wunderheiler werden. »Hüte dich, mit jemand darüber zu sprechen!« Den Kranken gesund gemacht zu haben war allein Gottes Sache. In Jesus stand Gott neben ihm. Stand Gott ihm bei.

Reinheit aber müssen die anderen regeln. Für die anderen muss reichen, dass er zum Priester geht und sich ihm zeigt. Die Priester sind die, die über Unreinheit und Reinheit wachen. Sie entscheiden das, nicht Gott.

Für die Anderen muss also reichen, dass der mit priesterlichem Siegel wieder Reine die Opfer bringt, die das Gesetz des Mose fordert. Ein Zeichen dafür, dass der Albtraum ein Ende haben kann. Dass der Deckel vom Sarg kommt. Der Blick in den Himmel möglich.

Aber wie soll der Gesunde, der wieder Reine, wie soll er das schaffen? Wes das Herz voll ist, dem geht der Mund über. Sein Albtraum IST zu Ende. Der Deckel ist vom Sarg. Sein Blick in den Himmel ist frei. Wie kann er das für sich behalten? Wie soll der Priester verstanden haben, was seine Augen sahen? Wie die Menschen, die das miterlebten? Jetzt kennen sie es auch, das Gerücht vom Heilenden. Sie werden ihn finden, wo immer er auch ist. Selbst in der Wüste.

Meine Schwestern, meine Brüder,

vielleicht gehört ihr zu denen, die solche Heilungsgeschichten lieber beiseite legen. Die zu den eher Naturwissenschaftsgläubigen gehören. Denen ordentliche Physik allemal lieber ist als Psychotherapeuten, Heilpraktiker oder Bioresonanztherapie. Die sich ärgern, wenn Schulmediziner sich mit Psychosomatik herauszureden scheinen. Die Heilung der zehn Aussätzigen aus dem Tagesevangelium oder die des einen hier nach Markus sind dann eher Geschichten aus dem Herzkino.

Oder ihr seid auf der Seite der Frommen, die Jesus zutrauen, nicht nur jede Krankheit der Welt zu heilen, sondern wie im Falle des Lazarus sogar Tote aufzuwecken. Warum sollte Gott etwas unmöglich sein? Ja: Wieso eigentlich nicht auch Heilung der Lepra? Wer Jesus das nicht zutraut: Wer traut Gott dann zu, Gott zu sein?

Wie auch immer: Wir alle kennen den Albtraum, lebendig begraben zu sein. Bei vollem Bewusstsein, ohne irgendwelche Not erleben zu müssen: Der Deckel vom Sarg ist zu. Kein Fünkchen Hoffnung. Die Luft zum Atmen wird knapp. Der Blick in den Himmel verschlossen. Nur noch warten zu können auf ein Ende. „Ich weiß nicht wie/ doch ich geriet/ nun einmal hier hinein/ und eins ist klar/ man hat im Sarg/ gefälligst tot zu sein.“

Alpträume kennen wir alle. Da sind Populisten sind auf dem Vormarsch, die Angst vor Flüchtenden schüren oder Politikerschelte von den Stammtischen in den politischen Alltag tragen. Dieser Wahlsonntag heute wird zeigen, dass sie schon sehr weit gekommen sind.

Da sind Kinder, hilflos dem Cybermobbing in sozialen Medien ausgeliefert. Oder Erwachsene, ihrer Arbeit als großem Teil ihres Lebensinhaltes beraubt. Alte, denen von der großen Welt nur noch bleibt, was der Weg zwischen Bett, Sessel und Badezimmer übrig lässt. Hinterbliebene, die gemieden werden, weil Freunden und Bekannten vor Schreck die Worte fehlen. Kranke, die sich und anderen nichts mehr zutrauen können.

Angst und Schmerzen der Ausgrenzung: Wer kennt sie nicht. Und die oder der, der sich nähert, der nahe kommt, sich eingibt und sucht, was er tun kann, der anrührt und berührt, der nach reiflichem Überlegen etwas tut, was dem anderen – einem! anderen- gut tut: Genau der ist Mangelware, genau die fehlt am meisten.

Gott macht dem ein Ende. Setzt seinen Menschen das Gerücht in den Kopf, dass trotz allem Liebe nie am Ende ist. Ein Gerücht, das sie stark und mutig macht, mit allem, was sie bedrückt, zu ihm zu kommen.

Weil es sicher ist, dass Gott das Schicksal seiner Menschen mit tiefem Mitleid erfüllt. Dass er uns anrührt, und dass er sagt: Ich will es! Dieses Wort ist das Evangelium. Nimmt den Deckel vom Sarg. Hier in der Gemeinde, wo wir ihm begegnen. Macht den Blick in den Himmel frei. Draußen, wo immer wir leben.

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sind das Ende jedes Albtraums. Amen.

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