Einfach himmlisch (Joh 17, 20-26)

40 Tage nach der Auferstehung zu Ostern:
Aufgefahren in den Himmel,
er sitzt zur Rechten Gottes.
Ein Abschied für immer
oder die Chance für alle?
Lasst uns hinsehen!

Christus spricht:
Wenn ich erhöht werde von der Erde,
so will ich alle zu mir ziehen.
Johannes 12,32

***

40 Wochen Schwangerschaft, dann wird ein Mensch geboren. 40 Jahre Wüste, dann wird das gelobte Land gewonnen. 40 Tage fasten, dann wird Jesus in der Wüste versucht. 40 Tage nach Ostern, da ist Himmelfahrt. Ein Abschied für immer oder ein Neuanfang für alle?

Gott ist nicht im Himmel.
Der Himmel ist da, wo Gott ist.

Dabei hat „Himmel“ im Deutschen dasselbe Problem wie „Schloss“: Die Mehrdeutigkeit des Wortes. Wenn ich ein Schoss kaufen will, gehe ich dann in den Eisenwarenladen oder zum Makler? Wenn ich Gott suche: In welchem Himmel sehe ich dann nach?

Gott ist nicht im Himmel.

Das hat sogar Juri Gagarin bestätigt, per Funkspruch, vom ersten bemannten Raumflug der Menschheit. Das ist auch gar kein Wunder. Er hat sich nämlich verflogen, war im falschen Himmel unterwegs.

Diesen Himmel, in dem Gott NICHT ist, bezeichnen die Engländer sicherheitshalber mit einem extra Namen, damit ein Verfliegen bei den diversen Himmeln nicht vorkommt. Sky heißt dieser Himmel.

Den Himmel Gottes findet man hier aber nicht. Auch nicht den siebente Himmel, in dem man angekommen ist, wenn man sich einfach himmlisch fühlt. Auch die Wolke Nummer Sieben, auf der man schwerelos über dem gewichtigen Alltag schweben kann, sucht man hier vergebens. Hier, in diesem irdischen Himmel, gibt es nur Sonne, Wolken, Gewitter, Flugzeuge, Raketen und immer mehr Weltraumschrott. Gott jedenfalls wohnt nicht im Sky.

Der Himmel ist da, wo Gott ist.

Wo es einfach himmlisch ist. Heaven nennen die Engländer diesen Himmel. Hier ist sicher auch der siebente Himmel. Der Ort, an dem die Wolke Nummer Sieben schwebt. Nichts engt ein, nichts belastet die Seele, alles ist leicht, ja nahezu schwerelos. Es grünt, blüht und duftet wie im schönsten Frühling. Selbst für Allergiker beschwerdefrei. Der Ort, wo Menschen sich daran freuen, dass das Leben himmlisch schön, einfach göttlich ist.

Gott ist nicht im Himmel.
Der Himmel ist da, wo Gott ist.

Sicher: Es gibt keinen Sky ohne den Heaven. Weswegen unsere deutsche Sprache gar nicht so falsch liegt damit, für alle Himmel nur einen Namen zu haben.

Nur vergisst ein Deutscher leichter, manchmal doppelt nachdenken zu müssen. Den Perspektivwechsel nicht zu vergessen. Den Wechsel der Perspektive, die Änderung der eigenen Blickrichtung, das muss man schon selbst in die Reihe bekommen. Sonst sieht man die anderen Himmel nicht, dann helfen auch keine eigenen Namen: Will man nicht nur Sky SEHEN, sondern Heaven ERLEBEN, muss man sich bewegen. Das kann einem niemand abnehmen.

Den Menschen 40 Tage nach Ostern fiel das offensichtlich viel leichter als den meisten Menschen heute. Egal, wo man liest, ob in den Evangelien oder wie vorhin in der Apostelgeschichte: Als Jesus vor ihren Augen im Himmel verschwindet, gehen sie ganz einfach zur Tagesordnung über. Zur kirchlichen Tagesordnung.

Kein Verwundern, kein Klagen, kein „Wie hat er das denn gemacht“ oder „wo ist er denn jetzt geblieben“, sondern: „Sie aber beteten ihn an und kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude und waren allezeit im Tempel und priesen Gott.“ Warum waren sie nicht enttäuscht, obwohl sie ab jetzt ohne den Auferstandenen weiterleben mussten, ihn nicht mehr einfach sehen, anfassen, fragen konnten?

Ein Predigttext für Himmelfahrt hilft uns zu einem klareren Blick in den Himmel Gottes. Abschnitte aus dem sogenannten hohepriesterlichen Gebetes Jesu im Evangelium nach Johannes, Kapitel 17.

Dieses Gebet macht uns zu Zeugen, wie Jesus vor seiner Hinrichtung am Karfreitag seine Gedanken sammelt und in die Zukunft sieht. Er bereitet sich/ und uns/ vor auf das, was jetzt kommen wird. Er tut das in einem intensiven Gespräch mit Gott.

Er beginnt dieses Gebet mit einem wortwörtlichen Blick in den Himmel:
„Und er hob seine Augen auf zum Himmel…“
Jesus sieht nicht nach dem Wetter, er sieht auf zu Gott. Diese Blickrichtung in den Himmel bestimmt die Richtung seines Denkens und Lebens.

Als Motorradfahrer habe ich gelernt, wie wichtig die Blickrichtung, der vorausschauende Blick ist. Weil man ganz schnell dahin fährt, wohin man sieht. Gerade in schwierigen Momenten muss man also dahin sehen, wohin man will – nicht zu den Baum, an den man nicht will.

Jesus ist es wichtig, Augen-Kontakt zu haben zu dem, auf den er hofft. In die Richtung zu sehen, auf die hin er lebt. Die Vision seines Lebens nicht aus den Augen zu verlieren. Dahin zu sehen, wohin er will. Dann spricht er:

„Vater… der du mir deine Macht gegeben hast, die Macht deines Namens, bewahre sie durch diese Macht, damit sie eins sind wie wir.“ (11).

Macht des Namens ist die Macht Gottes ist die Macht des Himmels. Diese Macht soll Jesu Jünger schützen.

Jesus bittet darum für seine Jünger, die er zurücklassen muss, dass ihnen der Himmel zeitlebens nahe sei. Die Einheit ihres Lebens mit Gott, weil diese Einheit alles ist, worauf es ankommt. Das Leben in Gottes Himmel ist alles, worauf es ankommt. Und dann bittet Jesus für die, die NACH den zwölf Jüngern kommen werden, also auch für uns (ab Vers 20):

„20 Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die / DURCH IHR WORT an mich glauben werden,
21 damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.“

Die Macht des Himmels ist die, die es möglich macht, dass alle, die wann auch immer wo auch immer Gottes Stimme hören und ihr vertrauen, ihren Anteil an Gott haben können. Egal wann und wo sie wohnen, egal, welche Sprache ihre Muttersprache ist.

Weil Himmel überall nah und mächtig ist. Ähnlich dem einfachen Himmel. Man geht hinaus und streckt die Hand aus, und kann ihn berühren. aber man kann ihn nie beherrschen. Gerade darum bleibt sein Faszination, seine Macht, seine Anziehungskraft. Überall auf der Welt und für alle.

Was Jesu Jünger damals nicht ahnen konnten: Von ihrer kleinen Gruppe ausgehend werden von Gottes Himmel Menschen auf der ganzen Welt erfasst werden. Heute ist knapp ein Drittel der Weltbevölkerung Christen, etwa 2,2 Milliarden Menschen.

Die Macht des Himmels Gottes wird Menschen also immer und überall in seinen Bann ziehen. Und gerade dadurch wird der Gottes-Himmel alle zusammenführen: „damit sie alle eins seien“. Wie Vater und Sohn eins sind, soll wird auch die Jüngerschaft eins sein.

Mancher wird hier zu Recht stutzig werden. Das Christentum mag derzeit vielleicht die größte der Weltreligionen sein. Aber dass sie alle Eins seien? Kaum dass Kirche entstanden war, spaltete sie sich auch schon, und diese Geschichte von allzumenschlichem Zank und Streit durchzieht die Jahrtausende der Kirchengeschichte wie ein roter Faden. Wer wüsste das besser als wir, 500 Jahre nach dem Thesenanschlag Luthers in Wittenberg. Wo also ist die Einheit der Jünger?

Wieder sind wir bei einer Frage der Perspektive. Was diese Welt für uns Menschen so unsagbar schön und spannend macht ist doch nicht, dass sie überall gleich aussieht, gleich riecht und gleich schmeckt.

Hier gleicht nicht ein Tag dem anderen, sondern jeder Tag, jeder Moment besticht durch seine Einzigartigkeit. Wir lieben dieses Leben doch, weil jeder Tag ein neuer Tag ist, weil wir nie wissen, was kommt.

Wenn Kirche nun überall dasselbe sagen, dasselbe Leben führen würde: Wie könnte sie dann so viele Menschen nicht nur ansprechen, sondern ihre Herzen erreichen? Kirche ist deshalb so groß geworden, weil seit dem Pfingstfest jeder Mensch überall auf der Welt in seiner Muttersprache von den großen Taten Gottes hören kann. So bunt wie die Menschen sind, so bunt sind die Kirchen, müssen die Kirchen sein.

Bei aller Verschiedenheit aber, auch bei allem Streit, der nicht ausbleiben kann: Alle sehen denselben Gottes-Himmel, alle finden HIER den Herrn ihres Lebens. Dieser Himmel ist Heimat der Christenheit, denn er ist der Ort ihrer aller Sehnsucht.

Jesus betet darum weiter (24):

„Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast; denn du hast mich geliebt, ehe der Grund der Welt gelegt war.“

Wer eins ist in Christus, lässt andere die Herrlichkeit Gottes sehen, hält ihnen den Blick in den Himmel offen. Kein Mensch muss nach Jerusalem pilgern oder nach Mekka oder nach Fatima oder wer weiß wohin, nur weil er nur dort die Größe und Herrlichkeit Gottes sehen. Am Himmel wird sich niemals je satt sehen können. Gottes Nähe, seine Herrlichkeit – wer würde sie missen wollen?

Das ist der Himmel Gottes. Hier ist Gott. Hier ist alle Herrlichkeit, der König der Könige. Würde der auferstandene Jesus heute noch irgendwo in Jerusalem und Palästina herumlaufen, wäre er weit weg, für die meisten unerreichbar und innerlich fern. Nun aber ist er da, wo er hingehört. Dort, wohin jeder sich sehnt, der Gott schauen möchte. Dort, wo ihn jeder finden kann, der Gott sucht. Er sitzt zur Rechten Gottes.

Liebe Sabine, lieber Michael, und auch die anderen sollten jetzt nicht weghören. An den beiden kann man sehen, wie wichtig Gottes Himmel für unser Leben ist.

Ihr beide seid ja fast jeden Sonntag hier im Gottesdienst. Heute aber seid ihr auch deshalb hier, weil ihr dankbar auf 25 Jahre und einen Tag gemeinsamer Ehe zurücksehen könnt und wollt.

Ihr habt euch einmal vor dem Gesetz für die Ehe entschieden, weil euch eure Liebe zueinander ein gemeinsames Leben wagen ließ.
Und ihr habt euch euer Ja- Wort auch vor dem Trau- Altar gegeben, weil ihr den Segen Gottes für Eure Ehe nicht missen wolltet.

In diesen Jahren habt ihr gemeinsam manchen Tag erlebt, an dem ihr dem Himmel nahe wart. An dem eure Welt ganz und gar in Ordnung war.

Und es ist genauso sicher wie das Amen in der Kirche: Es waren auch andere Tage dabei. Solche, an denen der Haussegen schief hing und die Eheflagge auf Halbmast wehte.

Gott aber ließ und lässt euch nicht allein. Er spannt seinen Himmel aus über Euch, damit ihr wisst, wo der Ort eurer Sehnsucht ist. Er lässt euch wissen, wohin ihr euch wenden müsst, wenn ihr euer Ziel aus den Augen zu verlieren droht, wenn ihr dem Baum näher seid als dem Asphalt. ER zieht euch in seinen Himmel.

Gott zeigt euch dort den Ort,
an dem die Liebe über alles siegt, was sie bedroht.
Er zieht euch dort an den Ort,
an dem Gnade vor Recht waltet, Vergebung größer ist als alle Rechthaberei.
Er schenkt euch dort Wohnung in seinem Zuhause. Hier beendet die große Gemeinschaft in Christus alles Leid dieser Welt. Alles wird dort schöner sein, als Menschen es sich je vorstellen können.

Weil ihr den in Himmel Gottes seht, werdet ihr ihm nahe sein können. An jedem Tag, den Gott für euch beide werden lässt. ER wird euch diesen Blick nie verschließen, sein Himmel wird euch lebenslang offen stehen, wird euren Blick UND eure Herzen gefangen nehmen:

Gefangen für die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes.
Und was für euch beide gilt, gilt für alle unter dem Segen Gottes.
AMEN

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