Das Ende des Sündenbocks (Hebr 9, 25-28)

Karfreitag
Der Tod greift in das Leben
ein Tag wie so unendlich viele
Menschen opfern Menschen
für ihr Leben
oder das, was sie dafür halten

Und doch
KEIN Tag wie irgend-ein anderer
der Mensch greift nach dem Liebsten Gottes
Gott lässt es zu
aus Liebe
Gabe an die Menschen
für die Ewigkeit

So sehr
hat Gott die Welt geliebt,
dass er seinen eingeborenen Sohn
gab,
damit alle, die an ihn glauben,
nicht verloren werden,
sondern das ewige Leben haben.
***

Ein sechsjähriger Pfarrerssohn sieht sich mit seiner Mutter eine illustrierte Kinderbibel an. Die Seite mit der Kreuzigung Jesu aber mag er nicht sehen. Er schimpft erregt:

„Ich hasse diesen Gott, weil er seinen Sohn schlachten lässt! Als Abraham Isaak schlachten wollte, schickt Gott seinen Engel. Aber bei seinem eigenen Sohn tut er nichts. Ich hasse ihn!“
Betretenes schweigen die Eltern. So laut, dass wir es bis hierher hören können. Was sollen sie auch sagen, was ihren Sohn umstimmen könnte?

Gott sieht zu, wie sein Sohn geschlachtet wird. Zuerst haben das die Frauen und Männer mit ansehen müssen, die als Jesu Jünger lebten. Sie hatten ihr altes Leben verlassen, mit Jesus ihr neues begonnen. Wirklich kein Wunder, dass sie jetzt der Lebens-Mut verließ.

Doch wie ist es mit uns? Wir genießen die Gnade der späten Geburt. Wir mussten nicht dabei sein. Wir wissen davon, weil wir davon gelesen haben. Unser Karfreitag lebt aus der Tradition. Nur hält die Tradition noch Betroffenheit wach? Schürt unsere Tradition die Glut oder bewahrt sie nur die Asche?

Wir bekennen: „Am dritten Tage auferstanden von den Toten…“ . Schon übermorgen begehen wir zwei Osterfeiertage, feiern das heilige Abendmahl mit dem, der das Grab verließ und von dem wir glauben, dass er mit uns lebt.

War das nicht schon immer so? Nach Karfreitag kommt der Ostertag, nach diesem Tod die Auferstehung im Frühling. Alles nur halb so schlimm, auch wenn in diesem Jahr das Wetter nicht mitspielen will. Karfreitag im Schatten des Osterfestes.

Das Kind nimmt ihn wahr, den ungeheuren Skandal der Hinrichtung Jesu. Viele andere machen lieber Ferien, fahren in den Urlaub und meiden auch dort heute die Kirchen. Sicherheitshalber.

Die Gräuel des letzten Krieges hängt in unserem kollektiven Gedächtnis. Die Abscheu gegen jede Art blutiger Riten steckt tief in uns, völlig fremd ist uns der Gedanke stellvertretender Sühne. Die Todesstrafe haben wir Europäer abgeschafft, und sehen befremdet nach Amerika oder China. Dass das Leiden und Sterben eines anderen „für uns“ Erlösung oder auch nur Genugtuung bringen sollte, liegt jenseits unseres Begreifens.

Jesu Tod als Opfer für unsere Sünden? Was ist das für ein Gott, der erst Blut sehen muss, ehe er sich versöhnen lässt? Haben wir das nötig? Wer hält das aus? Hat der Junge nicht völlig recht?

Der Brief an die Hebräer versucht eine Erklärung. Aus Kapitel 9 (25+26):
25 Der ´levitische` Hohepriester betritt das Heiligtum viele Male ´im Lauf seines Lebens` – Jahr für Jahr von neuem -, und immer mit dem Blut eines Tieres, nicht mit seinem eigenen Blut. Christus hingegen brachte sich selbst als Opfer dar, und er brauchte das nur ein einziges Mal zu tun.
26 Andernfalls hätte er ja seit der Erschaffung der Welt schon viele Male leiden ´und sterben` müssen. Tatsache jedoch ist, dass er nur einmal in die Welt kam – jetzt, am Ende der Zeiten -, um uns durch das Opfer seines eigenen Leibes von der Sünde zu befreien.

Als Opfer gab es ja nicht nur Tieropfer auf dem Altar des Tempels. Da ist auch noch das Sündenbockritual. Die Israeliten laden einem Bock symbolisch ihre Sünden auf den Rücken und jagen ihn in die Wüste. Aber sie kommt doch immer wieder, die Sünde. Jedes Jahr neu, sogar jeden Tag neu. Darum jagen sie den nächsten Bock in die Wüste, wieder und wieder, Jahr um Jahr.

Sündenböcke und die Wüste – wer kennt sie nicht, zumindest sprichwörtlich. Vor allem in der Politik funktioniert das heute noch ganz fantastisch: Geht etwas schief, fordert man einen Kopf. Degradierung oder Rücktritt.

Die Gesellschaft opfert einen Politiker, den sie vorher beauftragt hat, für sie die Arbeit zu machen, die sie sich selbst nicht zutraut oder die sie nicht machen will. Sie opfert ihn, damit sie selbst rein dastehen kann. Und dann besinnen sich alle neu auf die Werte, die das soziale Leben tragen. Bis zur nächsten Panne.

Im eigenen Leben funktioniert das nicht. Denn Sündenböcke für eigene Verfehlungen sind teuer. So teuer, dass das Ersparte nicht reicht. Sie sind ein Himmelfahrtskommando. Denn der Bock verhungert in der Wüste. Da redet man Schuld lieber klein oder versucht, sie auf einen Anderen zu schieben.

Beziehungs- Schwarzer – Peter. Ein trauriges Spiel. Wer ihn zuletzt hat, verliert. Nur: Das ist kein Spiel. Es war das Leben.

Das „Ende der Zeiten“ ist gekommen, in denen der Sündenbock den Menschen noch irgendwie helfen konnte. Schuld gefährdet das Leben tiefer als der Sündenbock sie tragen könnte. Schuld zerstört Beziehungen, bedroht die Existenz. Unser Leben, unsere Existenz.

Gott aber liebt nicht nur seinen Sohn, er liebt uns alle wie seine eigenen Kinder. Wir sind seine eigenen Kinder. Er will unsere Beziehungen lebendig erhalten, unsere Existenz ist für ihn Chefsache. Also: Wer nimmt sie, die letzte Karte?

Gott macht Christus zum Opfer. Schuld kann eben nicht einfach übergangen werden kann, als wäre sie nie geschehen. Sie muss irgendwann gezahlt werden, sonst gerät das Leben aus den Fugen. Wer so tut, als sei nichts Schlimmes geschehen, gerät aus dem Gleichgewicht. Das Gegenteil ist ja der Fall. Der schwarze Peter liegt auf dem Tisch, offen. Der letzte muss ihn endlich wegnehmen, sonst hat das nie ein Ende, dieses Spiel, das blutiger Tod ist. Christus nimmt ihn, den Schwarzen Peter.

Hebräer 9 Vers 28:
…Wenn …(Christus) wiederkommt, kommt er nicht mehr wegen der Sünde, sondern um denen Rettung zu bringen, die auf ihn warten.

Christus hat den schwarzen Peter weggenommen. Er ist ans Kreuz genagelt, ganz oben, wo keiner rankommt. Was immer wir selbst oder andere gegen uns als Anklage erheben, Christus macht es zu seinem Problem. Wo immer Leben durch die Schuld beschädigt wurde, wo immer Leben durch Schuld beschädigt wird: Es zerbricht am Kreuz. DAFÜR ist er am Kreuz zerbrochen.

Und Gott fügt die Teile des Zerbrochenen zu einem neuem Leben zusammen. Wer dem Christus am Kreuz begegnet, begegnet Gott, der die Sünde auf seinen Rücken nimmt und für immer in die Wüste trägt. Unsere Sünde dorthin, wo nichts anderes rettet als das Erbarmen Gottes. In der Wüste des Lebens schafft Gott Gärten, von denen wir nicht einmal träumen können. Denn es sind Gärten hinter dem Tod.

Menschen wollten den Tod des Schuldlosen am Kreuz. Gott aber ließ dort das Heil wachsen für jeden, der da steht unter dem Kreuz. Und darauf wartet, das Christus wiederkommt am Ende aller Zeit, am Ende dieser Welt.

So gelingt heute ein Neubeginn. Nicht GOTT braucht das Opfer seines Sohnes. Die Menschen brauchen es. Das lösende Opfer der Liebe Gottes durchbricht den Teufelskreis, indem Schuld nach Vergeltung schreit und alte Schuld zu neuer Schuld wird.

Neue Opfer braucht es nicht. Nie wieder. Alle bleiben zwar Täter. Aber alle bekommen sie geschenkt, die Chance, auf Jesus zu warten und neu zu leben, ohne dass die Schuld verdrängt oder klein geredet werden muss. Niemand wird jemals ohne Schuld leben. Aber jeder wird mit der Schuld leben können, der auf Jesus wartet. In dem Garten Gottes, jenseits der Wüste.

Meine Schwestern, meine Brüder:

„O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn…“ dichtete Paul Gerhardt 1656 nach einer Vorlage, die auch schon 400 Jahre alt war. Seit dem ist dieses Lied aus den Gottesdiensten der Passionszeit nicht mehr wegzudenken.

Das gilt für evangelische Christen wie für katholische. Es macht Ernst damit, das Leiden am Kreuz ernst zu nehmen. Ein Ende damit, den Karfreitag auf die leichte Schulter zu nehmen, weil ab Sonntag Ostern gefeiert wird.

Und ganz im Sinne des Hebräerbriefes heißt es in der vierten Strophe: „Nun, was du, Herr, erduldet, ist alles meine Last;/ ich hab es selbst verschuldet, was du getragen hast./ Schau her, hier steh ich Armer, der Zorn verdienet hat./ Gib mir, o mein Erbarmer, den Anblick deiner Gnad.“

Jeder, der das mitsingt, kann spüren, dass Paul Gerhard diese Worte aus der Tiefe des Herzens kommen. Jeder, der darüber nachdenkt, kann ahnen: Jemand, der die Grauen des dreißigjährigen Krieges miterlebt hat, dem diese Last zentnerschwer auf der Seele liegt, dem ist die Gnade des Karfreitages zum Garten seiner Seele geworden.

Nur: Könnte das den Sechsjährigen irgendwie beeindrucken? Dazu bringen, Gott nicht zu hassen, sondern gern zu haben? Kann es auch andere Menschen heute dazu bewegen, am Karfreitag keinen Bogen um die Kirchen zu machen, sondern hineinzugehen und mitzufeiern?

Es gibt sie nicht, „DIE“ Sicht auf den Karfreitag, die alle Fragen beantwortet, alle Zweifel klärt. Auch die Sicht des Hebräerbriefes ist nicht die einzige Perspektive, die uns das Neue Testament auf das Kreuz Christi eröffnet.

Genauso wenig gibt es „DIE“ Menschen, die allesamt einen gleichen Blickwinkel auf das Kreuz hätten. Die Sicht des Hebräerbriefes oder die des Paul Gerhard wird vielen Menschen unserer Zeit fremd sein und bleiben. Sie würden ja auch auf das Sündenbockritual sehen und verständnislos die Köpfe schütteln.

Und wer sollte es ihnen verdenken? Das waren andere Zeiten. Und andere Menschen. Die vieles anders dachten als viele heute. Es ist nicht leicht, sich in sie hineinzuversetzen. Und unmöglich, ihre Lösungen zu den eigenen Lösungen werden zu lassen.

Da liegen uns andere Perspektiven näher. Zum Beispiel die des Johannesevangeliums. Da sagt Jesus (Kapitel 15, 12+13):
12 Liebt einander, wie ich euch geliebt habe; das ist mein Gebot.
13 Niemand liebt seine Freunde mehr als der, der sein Leben für sie hergibt.

Und er SAGT es nicht nur. Jesus lebt für die Liebe, Jesus stirbt für die Liebe unter den Menschen. Das ist seine Passion, nicht einfach sein Leiden, sondern seine Leidenschaft. Gott liebt uns so, dass er sogar bereit war, für uns zu sterben.

Wer das mitdenkt, dem fällt es vielleicht irgendwann leichter, auch die Aufhebung der Schuld der Menschen vor Gott am Kreuz zu entdecken. Zu sehen, dass es zu Gottes Liebe gehört, die Lasten mitzutragen, die das Leben jedem von uns auflegt. Von denen die Sünde die ist, die am schwersten wiegt.

Gott liebt uns so, dass er sogar bereit war, für uns zu sterben. Darum geht es heute, am Karfreitag. Nicht übermorgen. Denn Ostern ist ein ganz anderes Thema.

Ein Tod, der es vermag, neues Leben zu stiften für das Leben derer, die das Kreuz sehen und auf Jesus warten:

Das ist die Glut des Karfreitags, die die Tradition wahren muss. Das Kreuz des Herrn birgt einen großen Frieden für die, die darunter stehen können.

Frieden, der größer ist, als alles Denken es je fassen kann. Auch Ostern wird keinen größeren bringen. Die Liebe des Kreuzes rettet Leiber und Seelen. Jetzt, in aller Zeit und in Ewigkeit. Amen.

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