Vorsicht: Ewigkeit (Lk 12, 42-48)

Unsere Zeit auf dieser Welt ist gemessen
gemessen zwischen Anfang und Ende
Geburt und Tod
Die Grenzen unserer Zeit
gehen auf in der Ewigkeit Gottes

Hier werden alle Tränen getrocknet
Leid und Geschrei werden nicht mehr sein.
bei Gott wird möglich sein
was in unseren Zeiten unmöglich ist

Aber der Blick in die Ewigkeit
darf dieses Leben nicht zur Nebensache machen
denn es ist Geschenk Gottes
an uns

Lasst uns daher
aufmerksam leben
mit wachsamen Blick für das
was wirklich wichtig ist

Lasst eure Lenden umgürtet sein
und eure Lichter brennen.
Lukas 12,35
***

Meine Mutter sagt immer, kein Ding sei so gut, dass es nicht auch eine schlechte Seite habe. Umgekehrt gelte natürlich dasselbe. Darüber denke ich immer dann nach, wenn ich wieder mal merke, wie recht sie hat. Dabei ist mir aufgefallen, dass die meisten Medaillen nicht nur zwei, sondern mindestens drei Seiten haben. Denken Sie an das deutsche Zwei- Euro- Stück: Das hat nicht nur Zahl und Bundesadler, sondern auch noch die spezifisch deutsche Randprägung.

Mit Gottes Ewigkeit ist das ganz ähnlich.

Einerseits:
Seine Ewigkeit ist unsere größte Hoffnung.
Am vergangenen Freitag hat mir in den Herrnhuter Losungen der Lehrtext aus 1.Thess 4 aus dem Herzen gesprochen, da schreibt Paulus zur Ewigkeit:

„Wir werden beim Herrn sein allezeit. So tröstet euch mit diesem Wort untereinander.“
Welch schöne Aussicht: Dass nach diesem Leben nicht alles aus ist, sondern dass wir „beim Herrn sein“ werden, ist meine Zuversicht: Und die möchte ich lebenslang nicht verlieren.

Ich weiß, dass viele Menschen durch diese Zuversicht
manches im Leben überhaut erst ertragen können.
Schwere Krankheiten zum Beispiel mit all ihren Einschränkungen, Ängsten und Schmerzen.
Die Ungerechtigkeit dieser Welt mit ihrer Scheinheiligkeit, ihrem Terror und ihrer offensichtlichen Unvermeidbarkeit.
Oder den Tod eines Menschen, der einem nahe stand mit all der Trauer, die sogar körperlich schmerzt oder den Verlust an Lebensqualität, den er für die Hinterbliebenen allzu oft mit sich bringt.

Andererseits:
Keiner hat „Ewigkeit“ je erlebt. Unser Leben hat Anfang und Ende. An den Anfang, die eigene Geburt, erinnert sich niemand. Und das Ende, den eigenen Tod, kennt niemand.

Und wenn wir miteinander reden, ist „ewig“ meist negativ besetzt: Wenn es an der Kasse ewig dauert, wenn man auf etwas ewig und drei Tage warten muss, wenn man einen Freund ewig nicht gesehen hat. Ewigkeit kann also auch ein Alptraum werden: Etwa so, als wenn man bei einer Klassenarbeit sitzt und die Klingel nicht mehr zur Pause läutet.

Und eine dritte Seite:
„Hoffen und Harren hält manchen zum Narren.“ Dieses Zitat stammt von Ovid, einem römischen Dichter, der um Christi Geburt herum gelebt hat. Und es ist ein Sprichwort geworden, und jedem fällt etwas ein, worauf es passt:

Da ist eine verliebt und hofft, dass er ihre Liebe erwidert – obwohl er mit einer anderen zusammen ist -und verwartet kostbare Zeit.
Da hofft einer auf Gnade und gibt einen schweren Fehler zu – obwohl er weiß, dass sein Chef keine Gnade kennt- und bereut das bitter.
Da hoffen viele auf das Himmelreich und wissen doch gar nicht, wie es da ist: Wunderschön oder Todlangweilig? – Und verschließen sich dem Hier und Jetzt.

Auf die schöne Medaille Ewigkeitshoffnung bezogen: Sie hat gleich mehrere nicht so schöne Seiten für die Menschen.
Die einen sind sich nicht sicher, weil sie die Katze im Sack kaufen müssen, weil sie die anders nicht bekommen.

Und wieder andere verlassen sich so fest auf den Himmel, dass sie das Leben auf der Erde vernachlässigen.
Die einen denken: Was kann mir schon passieren? Ich bin sowieso nur ein kleines Licht, und diese Welt ist nun einmal schlecht, und wenn Gott unendlich ist, ist sein Herz auch unendlich groß – da wird er mir meine kleinen und größeren Ausfälle schon verzeihen.

Bei anderen stellt sich ein großes Abwarten ein; sie warten heute auf Morgen und morgen auf Übermorgen. Beim Arbeiten warten sie auf den Urlaub oder auf die Zeit als Rentner. Manchmal geht das sogar bis in eine Todessehnsucht hinein: Sie sehnen sich nach der Zeit nach diesem Leben und verlieren so die Kraft für das Heute. Sie warten, dass es aufhört. Dieses Leben.

Nur hat Gott uns dieses Leben nicht aus Versehen geschenkt. Diese Welt ist nicht nur schön, wir haben auf ihr auch unsere Arbeit zu tun. Das sollten wir bei aller Freude über die Unendlichkeit unseres Gottes und seine Ewigkeit nicht aus den Augen verlieren. Das hat Jesus seinen Jüngern eingeschärft und dazu das Bild vom Verwalter benutzt, ich lese aus dem Evangelium nach Lukas, Kapitel 12 ab Vers 42:

»Woran erkennt man denn einen treuen und klugen Verwalter? Angenommen, ein Herr überträgt einem seiner Diener die Verantwortung, der ganzen Dienerschaft zur gegebenen Zeit das Essen zuzuteilen.
43 Wenn nun sein Herr kommt und ihn bei der Arbeit findet – wie glücklich ist da der Diener zu preisen!
44 Ich sage euch: Der Herr wird ihm die Verantwortung für seinen ganzen Besitz übertragen.
45 Wenn jener Diener sich aber sagt: ›Mein Herr kommt noch lange nicht!‹ und anfängt, die Knechte und Mägde zu schlagen, während er selbst schwelgt und prasst und sich volltrinkt,
46 dann wird sein Herr an einem Tag kommen, an dem er ihn nicht erwartet, und zu einem Zeitpunkt, an dem er es nicht vermutet. Er wird den Diener in Stücke hauen lassen und ihm dasselbe Los bereiten wie den Ungläubigen.«

47 »Der Diener, der den Willen seines Herrn kennt und sich nicht ´auf sein Kommen` vorbereitet und nicht tut, was sein Herr will, wird hart bestraft werden.
48 Wer hingegen den Willen seines Herrn nicht kennt und etwas tut, was Strafe verdient, wird weniger hart bestraft werden. Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel gefordert, und wem viel anvertraut wurde, von dem wird umso mehr verlangt.«

Vielleicht ist es euch beim Hören des Textes so gegangen wie mir beim Lesen. Einen Teil hatte ich schnell wieder vergessen, weil ein anderer Teil sich sehr in den Vordergrund drängte.

„Untergegangen“ ist bei mir der Teil über den Verwalter, den der Herr ordentlich bei seiner Arbeit findet, als er wieder nach Haus kommt, über den Jesus sagt: „Wie glücklich ist da der Diener zu preisen! Ich sage euch: Der Herr wird ihm die Verantwortung für seinen ganzen Besitz übertragen.“

Vorgedrängelt allerdings hat sich der Teil über die harte Strafe: Das Bild des in Stücke gehauenen Dieners ist schon schwerer Tobak in einem Gleichnis Jesu. Und man fragt sich: Was hat das mit der Liebe Gottes zu tun? Warum das am Ewigkeitssonntag?

Dazu muss ich aber zuerst feststellen: Es gibt keinen guten Grund, den Herrn des Knechtes mit Gott oder Jesus gleichzusetzen. Obwohl ich das in Auslegungen dieses Gleichnisses immer wieder höre oder lese. „Sein Herr“ ist der Herr des KNECHTES, nicht unser Herr. „SEIN Herr“ geht außer Landes, nicht UNSER Herr: Jesus nicht, Gott erst recht nicht.

Wenn Jesus von harten Strafen erzählt, die den Verwalter treffen, wenn er die Pflichten nicht erfüllen sollte, dann soll das seine Jünger aufschrecken. Und das wird auch passiert sein. So wie es uns erschreckt haben wird beim Hören. Es geht Jesus aber nicht darum, seinen Jüngern die Hölle auszumalen. Eine Hölle, in der es nicht nur das Fegefeuer gibt, sondern die Sünder nun auch noch in Stücke gehauen werden.

Es geht Jesus vielmehr um Ermahnungen zu Wachsamkeit und Treue. Ermahnungen zu Wachsamkeit und Treue sind durch die ganze Bibel hindurch ein Thema. Ermahnungen müssen offenbar sein, vor allem wohl aus pädagogischen Gründen. Es wäre doch für Gottes Volk eine Schande, wenn der Keim zum Guten, den Gott in die Menschen gelegt hat, verkümmern würde!

Schon der erste Teil der Bibel lässt daran keinen Zweifel. „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ So ist es beim Propheten Micha zu lesen (6,8). Gottes Volk IST also „viel gegeben“, weswegen Gott auch viel von ihm erwartet.

Und im Neuen Testament ist das nicht anders. Auf die Frage, was der Mensch denn tun müsse, das ewige Leben zu ererben, lautet die Antwort des Gesetzes: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst“.
Und Jesus sagt dazu: Genau! „Tu das, so wirst du leben.“ (Lk 10,25)

Juden und Christen gehen gleichermaßen davon aus, dass Menschen vernunftbegabte Wesen sind, dass sie LERNEN können und müssen. Wir können und müssen zur Rechenschaft fähig sein, wir können und müssen unser Handeln begründen. Gott HAT uns „viel anvertraut“ und WIRD daher auch umso mehr verlangen.

Es wäre also eine Schande, wenn wir das viele, das wir anvertraut bekommen haben, gering achten. Wenn wir unserem Auftrag, in Gottes Sinne zu leben, nicht gerecht würden. Es wäre nicht nur eine Schande, sondern es wäre MINDESTENS so „erschreckend“ wie die schreckliche Bestrafung des Knechtes.

Die Folge wäre ja gar nicht unbedingt, dass alle Versager in der Hölle schmoren müssten. Die Folge wäre zuallererst, dass diese Menschen das Richtige, das Gute, das Schöne in DIESEM Leben verpassen würden. Das, was DEN Verwaltern in Aussicht gestellt ist, die den Willen Gottes nicht nur kennen, sondern tun. Denn sie sollen ALLES erleben, was Gott ihnen zu bieten hat.

Meine Schwestern, meine Brüder,

Warum verhält sich der ungerechte Verwalter eigentlich so, wie er sich verhält?
Darüber kann man eigentlich nur spekulieren. Die Jünger werden sich ihren Teil dazu gedacht haben. Und auch unsere Lebenserfahrung gibt solcher Spekulation genug Nahrung.

Wir erleben um uns herum zum Beispiel immer wieder Menschen, die unter ständigem Erfolgsdruck stehen und dann irgendwann die Nerven verlieren. Sie leben dann immer öfter im Streit und schließlich in Angst und spüren, dass sie nicht mehr Herr der Lage sind. Dann verhalten sie sich aus lauter Unsicherheit oft wie Tyrannen und nicht selten kommt dann auch übermäßiger Alkohol-, Tabletten- oder gar Drogenkonsum dazu. Und schon gleichen sie dem ungerechten Verwalter in unserem Gleichnis wie ein Ei dem anderen.

Menschen wie dem treuen Verwalter begegnen wir aber auch: Sie verlassen sich in beneidenswerter Gelassenheit auf die Vorgaben ihres Herren und handeln so, als ob dieser da wäre. Weil sie in der festen Hoffnung leben, dass sein Herr wiederkommen wird.

Darum erzählt Jesus dieses Gleichnis. Damit wir begreifen, was auf dem Spiel steht. Auf dass wir klug werden. Einsicht gewinnen. Dass wir unser Leben nicht jetzt schon dem Tod hergeben.

Unser Leben hier und heute ist doch ein TEIL der Ewigkeit Gottes. Wenn wir aber aus der Ewigkeit Gottes herausfallen würden: Das wäre viel schlimmer als zerhackt zu werden. Jesus will uns wach halten, dass wir uns entscheiden, wie die treuen Verwalter zu leben.
Jederzeit und in die Ewigkeit.

So lasst auch uns in das neue Kirchenjahr gehen.

Was immer das alte Jahr uns brachte, Erfolg und Misserfolg, Kraft oder Schwäche, Freude oder Trauer: Wir können uns auf das Wort Gottes verlassen, dass uns alles wissen lässt, was wir wissen müssen, und uns seine Ewigkeit kennen lässt.

Wir wissen damit auch, was auf dem Spiel steht, was wir verlieren würden, wenn wir Gottes Liebe zu einer Einbahnstraße werden ließen.
Wenn wir zu denen gehörten, die ihre Zeit hier auf Erden lieber mit Warten als mit Leben verbringen.
Wenn wir so leben würden, als hätten wir keine Verantwortung für das, was wir tun oder lassen.
Aus Gottes Leben zu fallen- dieser Verlust wäre groß, zu groß.

Unser Leben wird gelingen, wenn wir als treue Verwalter Gottes leben.
Denn von ihm haben wir alles, was wir nötig haben, anvertraut bekommen:
Seine Liebe, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft seines heiligen Geistes.
Und all das für die Ewigkeit.
Amen.

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