Ich schwör dir dass man hier verzweifeln kann (Joh 17 1-8)

Palmsonntag
so ist diese Welt
gestern, morgen
Hände
schwingen Palmzweige
ballen sich zur Faust
Münder
rufen Hosianna
schreien kreuzige ihn
Jesu Weg in das Dunkel
Weg zum Licht der Welt

Der Menschensohn muss erhöht werden,
auf dass alle, die an ihn glauben,
das ewige Leben haben.
Joh 3,14b.15
***
Schluss mit dem Gebet im stillen Kämmerlein! Ja, wir haben heute Palmarum und nicht Rogate. Aber man wird ja wohl auch außer der Reihe mal über das Gespräch mit Gott reden können. Also: Schluss mit dem Gebet im stillen Kämmerlein!

Wenn das alle so machen würden:
Irgendwann würde doch niemand mehr wissen, ob und wie man überhaupt beten soll. Außerdem hat Jesus selbst doch laut gesagt, wie wir beten sollen: Unser Vater im Himmel… Und wenn er das im stillen Kämmerlein gesagt hätte, also so, dass niemand hätte mithören können: Dann würde es ja niemand jemals gelernt haben. Und das wäre doch ein herber Verlust für uns alle.

Denn: In manchem Gebet steckt Großes, steckt Wahrheit, steckt Gottes Wort. Gehört sowas in das stille Kämmerlein? Nein! Sowas gehört laut gesprochen, vor allen. So, dass es alle hören können. MitDENKEN können. MitBETEN können.

Jaja, ich weiß:
Manch lautes Gebet im Gottesdienst hätte lieber doch im stillen Kämmerlein und nicht laut vor allen gesprochen sein sollen. Weil es einen geärgert hat, weil es einem zu banal war, weil man in den vielen Formeln keinen Sinn mehr gefunden hat.

Aber es ist doch immer SO im Leben:
OB und WIE etwas wirkt, was man laut spricht, das kann man vorher nie so genau wissen. Das weiß man erst, wenn man sein Gegenüber beim Sprechen ansieht, am besten wenn man ihm in die Augen sieht.

Dann erst kann man ahnen:
Kommt das an, was ich sage? Oder wird meine Rede zum Redeschwall, der untergeht in dem allgemeinen Gerede und Geplapper all derer, die denken, dass sie etwas zu sagen hätten? Das man tagtäglich über sich ergehen lassen und ertragen muss: Vom Aufwachen bis zum Einschlafen?

Schluss mit dem Gebet im stillen Kämmerlein!
Das meint auch Johannes, also der Johannes in seinem Evangelium. Das Gebet hier sollten alle hören können. Alle sollten mitdenken, mitbeten. Da steckt Großes drin, Wahrheit, Wort Gottes. Johannes 17 ab Vers 1:

Jesus … hob seine Augen auf zum Himmel und sprach:
Vater, die Stunde ist gekommen:
Verherrliche deinen Sohn, auf dass der Sohn dich verherrliche;
2 so wie du ihm Macht gegeben hast über alle Menschen, auf dass er ihnen alles gebe, was du ihm gegeben hast: das ewige Leben.
3 Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.
4 Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tue.
5 Und nun, Vater, verherrliche du mich bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war.
6 Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie waren dein, und du hast sie mir gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt.
7 Nun wissen sie, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir kommt.
8 Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie glauben, dass du mich gesandt hast.

Woher Johannes weiß, dass Jesus so gebetet hat?
Selbst dabei gewesen war er kaum, wenn die klugen Leute Recht haben, die sagen, dass sein Evangelium das jüngste und erst gegen Ende des ersten oder Anfang des zweiten Jahrhunderts geschrieben worden sei. Ob es ihm jemand berichtet hat? Oder hat er es selbst Jesus in den Mund gelegt?

Letztlich ist das allerdings egal. Nicht egal ist: Steckt in diesem Gebet Großes drin? Wahrheit? Wort Gottes? Ist es mehr als Redeschwall? Und kommt an bei denen, die es hören oder lesen?

Die Gemeinde des Johannes hat die zweite große Katastrophe innerhalb eines Jahrhunderts zu überstehen. Die erste war die Kreuzigung ihres Messias Jesus Christus, sie mag sechzig oder meinetwegen achtzig Jahre her gewesen sein. Die Alten hatten es noch selbst in den Ohren gehabt, das „Hosianna!“ des Einzuges in Jerusalem und das „kreuzige ihn!“ wenige Tag danach. Eine traumatische Erfahrung, die sie an ihre Kinder, Enkel und Urenkel weitergegeben hatten.

Nun war die zweite Katastrophe in vollem Gange: Ihre Kirche setzte sie vor die Kirchentüren. In dem Ort, in dem sie sich zu Hause wussten, sollten sie Hausverbot bekommen. Die Theologen in den Synagogen konnten nicht glauben, dass einer, der am Kreuz verendet war, der Messias Israels sein sollte.

Daran änderte auch die Hartnäckigkeit seiner Anhänger nichts, die seither etwas von „am dritten Tage auferstanden von den Toten“ redeten. Das sollte doch glauben wer will: Diese Sektierer hatten in ihrer Synagoge nichts mehr zu suchen.

Das aber war für die Gemeinde des Johannes kein einfaches Hausverbot. Das war schlimmer. Das war ungefähr so, als wenn meine Eltern nie mehr mit mir hätten reden wollen und mir ihr Haus verboten hätten. Das wäre für mich keine Kleinigkeit a la: Dann suche ich mir eben ein eigenes Haus gewesen. Nein, das hätte sehr weh getan, weil mir ein Teil der eigenen Wurzel abgeschnitten worden wäre.

Und die Menschen zur Zeit des Johannes werden nicht anders gefühlt haben. Vor siebzig, achtzig Jahren erst das Kreuz, und als ob die Menschen nichts daraus gelernt hätten, jetzt die nächste Heimsuchung. Vielen von ihnen wird ihr Glaube an die Lernfähigkeit der Menschheit abhanden gekommen sein.

Hier aber sie hören den, an den sie glauben, sagen: „Vater, die Stunde ist gekommen!“ (V 1) Diese Stunde war noch NICHT da, als Jesus Wasser zu Wein machte und die Hochzeitsfeier rettete. Auch nicht, als Jesus den Blindgeborenen heilte. Oder Lazarus von den Toten auferweckte. JETZT war sie da, diese Stunde. Jetzt, auf dem Weg nach Golgatha.

Und sie hören, dass das, worauf es ankommt, die Herrlichkeit Gottes ist: Das ewige Leben (V 2). Dieses Leben, das mit Jesu Auferstehung für sich sichtbar und spürbar begonnen hatte.

Das hatte die Kreuzigung nicht ungeschehen gemacht. Aber ihnen wurde klar, dass da mehr war als der Augenschein. Mehr, als auf dem Boden der harten Tatsachen zu sehen war. Sie beginnen zu sehen: Ewiges Leben bedeutet, Gott zu erkennen (V 3) und Jesus als Sohn Gottes. Gott hatte den Glauben an die Lernfähigkeit der Menschheit nicht verloren. Am Anfang war sein Wort, jetzt war sein Wort, und am Ende würde sein Wort sein.

Das Wort, das nicht untergehen würde im Redeschwall dieser Welt. Das Wort, das sich nicht hatte aufhalten lassen durch das Kreuz. Das seit Ostern lebendig war. Das Wort der Liebe Gottes zu seinen Menschen.

Dieses Wort hatten sie nicht nur gehört, sondern es war für sie zum Lebensinhalt geworden. Sie hatten es angenommen, hatten es also bewahrt wie einen kostbaren Schatz (V 6). Gott würde nicht einen seiner Menschen preisgeben.

Selbst am Kreuz hatte er seinen Sohn nicht preisgegeben. Menschen hatten sich Jesus entledigen wollen, um damit zu demonstrieren: Diesen Liebes- und Dienergott wollen wir nicht. Den wollen wir loswerden. Wir wollen einen gewaltigen, starken Gott. Einer, der sich durchsetzt und über die Menschen herrscht.

Aber indem diese Menschen IHRE Macht demonstrierten, sich Jesus aus ihrem Leben fortschafften, konnten sie doch nicht verhindern, dass Gott SEINE Macht demonstriert. Diese Menschen hatten die Macht, einen Unschuldigen zu foltern und zu töten.

Gott aber hatte die Macht seiner Liebe, die es Ostern werden ließ. Die den Tod auf den Platz verwies, der ihm zusteht, und das auf ewig. Nicht der Tod, Gott setzte sich durch: Allerdings anders, als diese Menschen es sich gewünscht hatten.

Und diese Macht Gottes würde die Gemeinde des Johannes auch diese Katastrophe überstehen lassen. So wie vor siebzig Jahren galt auch jetzt: Ewiges Leben in der Liebe Gottes würde auch nicht daran scheitern, dass die einen Menschen andere Menschen entwurzeln wollten.

Nach den Jüngern Jesu wurden nun sie selbst Zeugen der unlösbaren Verbindung zwischen Sohn und Vater, selbst angesichts des Todes. „Auf dass er ihnen alles gebe, was du ihm gegeben hast: das ewige Leben“ (V 2): Das wurde GEGENWART. Für die, die die zweite Katastrophe zu überstehen hatten. „Die Stunde Jesu“ würde ihre Stunde werden können, sein Wort würde ihr Wort, sein Leben ihr Leben.
Kein Redeschwall, sondern Wahrheit Gottes.

Meine Schwestern, meine Brüder:

Hat Jesus diese unsere Welt verändert?
Daran hatten Menschen schon immer ihre Zweifel. In einem Lieblingslied meiner Jugendtage sang Stefan Sulke, und der Refrain ist so einfach, dass ihr ihn mitsingen könnt:

Du Lieber Gott/ Komm doch mal runter und schau Dir die Bescherung selber an/ Du Lieber Gott/ Komm doch mal runter. Ich schwör Dir, dass man hier verzweifeln kann

Der Pfarrer sagt, dass Du inkognito willst bleiben
Und Dich versteckst im Sonnenlicht
Doch der kann ja nur übertreiben
Und unter uns, ich glaub ihm nicht

Du Lieber Gott/ Komm doch mal runter und schau Dir die Bescherung selber an/ Du Lieber Gott/ Komm doch mal runter. Ich schwör Dir, dass man hier verzweifeln kann

Doch bitte schick uns diesmal nicht den Junior her
Das ging beim letzten Mal schon schief
Du solltest ’s machen so wie vorher
Als Moses durch die Wüste lief

Du Lieber Gott/ Komm doch mal runter und schau Dir die Bescherung selber an/ Du Lieber Gott/ Komm doch mal runter. Ich schwör Dir, dass man hier verzweifeln kann

Die gute Erde ist zwar noch in vollem Gange
Doch gibts hier viel Allotria
Drum warte bitte nicht zu lange
Sonst is se plötzlich nicht mehr da

Du Lieber Gott/ Komm doch mal runter und schau Dir die Bescherung selber an/ Du Lieber Gott/ Komm doch mal runter. Ich schwör Dir, dass man hier verzweifeln kann

Ich schwör dir, dass man hier verzweifeln kann. Tag für Tag. Mobbing von der Schule bis ins Altersheim, zerplatzte Lebensträume und gescheiterte Beziehungen, schwere Krankheiten wie das Coronavirus und das heillose Durcheinander bei seiner Bekämpfung.

Und nach dem Ende des bisher schlimmsten Krieges der Menschheit vor knapp siebenundsiebzig Jahren treiben die Putins aus Russland ihre Bauern von ihren Feldern und jagen sie in einen Krieg gegen andere Bauern auf deren Feldern in der Ukraine. Hinterlassen Massengräber und schießen Granaten auf voll besetzte Bahnsteige.

Ich schwör dir, dass man hier verzweifeln kann.
Aber ich habe schon früh begriffen: Als Moses durch die Wüste lief, ist es ja auch nicht besser geworden. Jesus kam ja, um das gerade zu rücken.

Und für mich hat er das tatsächlich getan. Meine Welt hat er verändert. Seit er für seine Jünger gebetet hat, betet er auch für mich. Sie haben gelernt, dass es im Leben nichts Größeres gibt, als das ewige Leben zu finden. Gott zu kennen. Mit Christus zu leben und von ihm zu wissen: Gott gibt keinen Menschen auf.

Mich nicht, euch nicht:

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
SIND mit uns. In dieser Erden-Zeit und in Gottes Ewigkeit.

AMEN

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