Gott ist nahe (Mt 26 36-46)

ein Leben ohne Leiden
nicht auf dieser Welt
ist das anders zu ertragen
als mit dem Glauben
an das Mitleiden Gottes

doch Glauben ist
den klugen Menschen unklug geworden
weggeschoben aus dem selbstbestimmten Leben
hingeschoben in die Welt der Klöster und Kirchen
gestrig schon immer
der Sund immer größer

doch wer GOTT Glauben schenkt
kann sie finden
Heimat in seiner ewigen Stadt
und Gerechtigkeit für alle
durch seine Leidenschaft für unsere Welt.

Gott erweist seine Liebe zu uns darin,
dass Christus für uns gestorben ist,
als wir noch Sünder waren.
Römer 5,8
***
Aus dem Evangelium nach Matthäus
Kapitel 26 jetzt den Predigttext:

Jesus kam nun mit seinen Jüngern an eine Stelle ´am Ölberg`, die Getsemane genannt wird. Dort sagte er zu ihnen: »Setzt euch hier ´und wartet`! Ich gehe noch ein Stück weiter, um zu beten.« Petrus jedoch und die beiden Söhne des Zebedäus nahm er mit.
Traurigkeit und Angst wollten ihn überwältigen, und er sagte zu ihnen: »Meine Seele ist zu Tode betrübt. Bleibt hier und wacht mit mir!«
Er selbst ging noch ein paar Schritte weiter, warf sich zu Boden, mit dem Gesicht zur Erde, und betete: »Mein Vater, wenn es möglich ist, lass diesen bitteren Kelch an mir vorübergehen! Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst.«
Als er zu den Jüngern zurückkam, schliefen sie. Da sagte er zu Petrus: »Ihr konntet also nicht einmal eine einzige Stunde mit mir wach bleiben? Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet! Der Geist ist willig, aber die menschliche Natur ist schwach.«
Jesus ging ein zweites Mal weg und betete: »Mein Vater, wenn es nicht anders sein kann und ich diesen Kelch trinken muss, dann soll dein Wille geschehen.«
Als er zurückkam, waren sie wieder eingeschlafen; sie konnten die Augen vor Müdigkeit nicht offen halten. Er ließ sie schlafen, ging wieder weg und betete ein drittes Mal dasselbe Gebet.
Dann kehrte er zu den Jüngern zurück und sagte: »Wollt ihr noch länger schlafen und euch ausruhen? Seht, die Stunde ist da, in der der Menschensohn in die Hände der Sünder gegeben wird.
Steht auf, lasst uns gehen!

SELIG sind, die das Wort Gottes hören und bewahren. AMEN

Als Glaubenszeugnis ein Gebet
aus dem Frauenkonzentrationslager Ravensbrück

Friede den Menschen, die bösen Willens sind,
und ein Ende aller Rache
und allen Reden über Strafe und Züchtigung.
Die Grausamkeiten spotten allem je Dagewesenen,
sie überschreiten die Grenzen menschlichen Begreifens,
und zahlreich sind die Märtyrer.
Daher, o Gott,
wäge nicht ihre Leiden auf den Schalen
Deiner Gerechtigkeit,
fordre nicht grausame Abrechnung,
sondern schlage sie anders zu Buche:
Lass sie zugute kommen allen Henkern,
Verrätern und Spionen
und allen schlechten Menschen,
und vergib ihnen
um des Mutes und der Seelenkraft der andern willen.
All das Gute sollte zählen, nicht das Böse.
Und in der Erinnerung unserer Feinde
sollten wir nicht als ihre Opfer weiterleben,
nicht als ihr Alptraum und grässliche Gespenster,
vielmehr ihnen zu Hilfe kommen,
damit sie abstehen mögen von ihrem Wahn.
Nur dies allein wird ihnen abgefordert,
und dass wir, wenn alles vorbei sein wird,
leben dürfen als Menschen unter Menschen,
und dass wieder Friede sein möge auf dieser armen Erde
den Menschen, die guten Willens sind,
und dass dieser Friede auch zu den andern komme.
AMEN (nach EG 94 als Zwischentext EG Rheinland/Westphalen/Lippe/Reformierte Kirche)

Ferner Gott? Naher Gott?
Was für einen Gott haben wir?

Natürlich geht diese Frage an uns und nicht an die, die beschlossen haben, Gott in ihrem Leben keine Rolle spielen lassen zu wollen. Es ist die Frage an uns, die wir hier im Gottesdienst sitzen und auf unser Leben in der Vergangenheit und Gegenwart sehen. Und wahrscheinlich werde ich kaum Widerspruch ernten, wenn ich sage: Mal fühlt man, dass Gott nahe ist, und mal ist er einem unendlich fern.

FERN ist er einem meist dann, wenn einem das Leben übel mitspielt. Wenn man z.B. im Krankenhaus arbeitet und mit ansehen muss, wie und wann Menschen leiden oder sterben müssen. Oder wenn einem Menschen weggenommen werden, die man doch liebte, egal ob durch Tod oder Trennung. Oder auch, wenn man mit ansehen muss, wie ein Herr Putin sich die verschenkte Krim einfach zurücknimmt, ohne viel zu fragen. In der Ostukraine Staatsterror betreibt und so tut, als ob er nichts damit zu tun hätte. Und jetzt den Rest der Ukraine mit Panzern und Bomben „entnazifiziert“.

FERN ist er auch, wenn man selbst krank wird, ohne Aussicht auf Besserung. Wenn einem etwas, worin man sein Herzblut investiert hat, nicht gelingen will. Wenn man keine Arbeit findet, die einen erfüllt oder ausfüllt. Wenn man einen Partner für sein Leben sucht und niemanden findet, der es mit einem teilen will.

NAH ist er, wenn man die Augenblicke des Lebens erlebt, an denen einem klar wird: Gott ist bei mir. Er kennt, der sieht, er hört mich. Er macht aus meinem Leben ein erfülltes, liebevolles Leben, voller Zuwendung, Gnade und – vor allem – voller Wahrheit, die Bestand hat vor den Lügen der Welt.

Das klingt vielleicht sehr nach frommen Allgemeinplätzen. Aber ich glaube, ihr wisst, was ich meine. Die Macht der Wahrheit habe ich zum Beispiel gespürt, als ich vor ein paar Tagen dieses Gebet aus dem Frauenkonzentrationslager Ravensbrück im Gesangbuch (als Zwischentext nach WLied 94) gelesen habe. Ihr habt es vorhin nach der Schriftlesung gehört.

In den Worten dieses Gebetes habe ich den Atem Gottes gespürt. Er muss an diesem Ort des Terrors und der Vernichtung geweht habe. Gott muss an diesem Ort der Gottesferne nahe gewesen sein.

Ferner Gott, naher Gott: Beides scheint zu stimmen, beides gehört zu unserem Glauben, und beides scheint mir wichtig.

Der ferne Gott:
„Er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters. Von dort wird er kommen…“
– so das apostolische Glaubensbekenntnis. „Kommen“ kann ja nur jemand, der gerade nicht da ist.

Der ferne Gott: In seinem Reich umgeben von Engeln, Cherubim, himmlischen Heerscharen. In sicherer Entfernung von den Katastrophen unserer Erde. Unverfügbar für menschliche Angriffe und menschliche Übergriffe. Sicher vor jedem Versuch eines Überfalls der vielen Putins dieser Welt.

Ein Gott, dessen Zorn überirdisch sein kann, auch wenn viele ihn sich lieber als den „lieben Gott“ ins Bücherregal stellen wollen. Der seinen Willen durchsetzen kann, auch wenn viele meinen, dass sie es besser wüssten, wie diese Welt zu funktionieren habe. Ein Gott, der mit seiner unendlichen Ewigkeit jede menschliche Endlichkeit aufwiegen – und auffangen kann.

Der nahe Gott:
„und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn…“
Eingeboren – hineingeboren in diese Welt. Lebenslang angewiesen auf andere Menschen wie wir alle. Auf Mutter und Vater, auf Freunde und Verwandte, auf seine Mitarbeiter bei seinem Lebenswerk. Ungeschützt vor den Übergriffen der ewigen Putins – wie die Menschen in der Ukraine heute und jetzt.

Der nahe Gott, der unter seinen Menschen lebt und wirkt. Maßstäbe für das Leben auf dieser Welt setzt, die Wahrheit werden und sich vor keiner Lüge fürchten müssen.

Reminiscere: Gedenke.
„Gedenke, HERR, an deine Barmherzigkeit
und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind.“ (WPs 25,6). Oder anders: Ferner Gott, gedenke Deiner Nähe zu uns. Bleib in unserem Leben auf dieser Erde. Lass uns nicht allein.

Die Gliedkirchen der EKD nutzen darum diesen Sonntag, um Jahr für Jahr an verfolgte Christen auf der Welt zu erinnern. Als man für dieses Jahr Belarus als Land des Gedenkens auswählte, konnte man nicht wissen, dass Machthaber Lukaschenko nicht nur die Gegner in seinem Land mit Füßen tritt und mit Stöcken schlägt, sondern an Putins Seite Kriegspartei gegen die Ukraine werden würde.

Wissen konnte das keiner. Ahnen aber schon. Und so rücken Christen, die unter Lukaschenko nichts zu lachen und viel zu fürchten haben, in ein anderes, noch grelleres Licht.

Sie werden von den Machthabern dieser Welt gezwungen, selbst Kriegspartei zu werden. Als Teil der ehemaligen Sowjetunion in einen Bruderkrieg gegen einen anderen Teil der ehemaligen Sowjetunion zu ziehen. Die christlich orthodoxe Welt durchzieht ein tiefer Riss. Die orthodoxen Kirchen in Kiew und anderen Orten der Ukraine geraten unter Bomben und Beschuss anderer orthodoxer Christen.

Und der russische Patriarch in Moskau? Er schweigt dazu zunächst. Und als sein Schweigen zu laut wird, nennt er den Krieg einen metaphysischen Kampf gegen westliche Pseudo-Werte, die den traditionell russischen Werten der Menschen in der Ukraine aufgezwungen würden. Als Beispiel dafür nennt er die Homosexualität, die Sünde sei. Er schreibt ab. Aus der Rede Putins vom ersten Kriegstag.

Und Millionen Menschen, viele Glieder ihrer orthodoxen Kirche, packen unter Beschuss ihre sieben Sachen, lassen Hab und Gut und Heimat zurück und fliehen. Irgendwohin, Hauptsache weit weg. Bis zu uns kommen sie mit Zügen oder ihren Autos, viele mit zerschossenen Fensterscheiben, notdürftig mit Folie zugeklebt, anzutreffen auf unseren Autobahnen.

Ihre Männer, Väter und viele Großväter müssen sie im Krieg zurücklassen.

Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit.
Was kann hier helfen?
Wer kann hier helfen?
Wir Menschen mit Waffenlieferungen, Aufnahmeaktionen für Flüchtende, Demonstrationen? Wie können sich Krieger und Bekriegte je wieder in die Augen sehen?

Gott kann helfen. Wenn der ferne Gott seine Nähe zeigt, seine Passion für seine Menschen.

Jesus weiß, was ihm blüht. Er weiß, dass es Teil seiner Mission ist. Das erfüllt werden muss, was bei den Propheten über ihn zu lesen ist. Gott hält sein Wort. Nichts davon geht verloren. Jedes hat seinen Sinn.

Aber das kann Jesus nach dem letzten Abendmahl mit seinen Jüngern, dass er am Gründonnerstag gefeiert hat, nicht die Angst nehmen. „Meine Seele ist zu Tode betrübt…“ Die Angst vor den Übergriffen der Mächtigen, vor Folter, Schmerz und Tod. Jetzt braucht er Hilfe. Die Hilfe seiner Freunde, die Hilfe Gottes.

Die Hilfe seiner Freunde aber bleibt ihm versagt. Sie beten nicht mit ihm, sie schlafen ein. Das gute Essen, der schwere Wein, die aufwühlenden Worte Jesu über Verrat und Tod – all das schlägt ihnen auf die Augen, so dass sie sie nicht mehr aufhalten können.

Und es kommt noch schlimmer. Nach Jesu Gefangennahme ist zu lesen: „Da verließen ihn alle Jünger und flohen“. (Mt 26,56) Vertrieben von den Mächtigen und der Angst um das nackte Leben.

Im Gebet aber begegnet Jesus dem nahen Gott. Dem, der den bitteren Kelch des Leides von ihm nehmen könnte. Dem, der ihm letztlich Gewissheit gibt: „Mein Vater, wenn es nicht anders sein kann und ich diesen Kelch trinken muss, dann soll dein Wille geschehen.“ (26, 42)

Mit dieser Gewissheit wächst Jesu Vertrauen darauf, dass das, was kommt, Wille Gottes ist und darum nicht vergebens sein KANN. Das Gott ihn nicht allein lässt, sondern MITLEIDET. Bis zum Ende auf dieser Welt.

Meine Schwestern, meine Brüder:

Ich weiß, dass nicht wenige Menschen kein „Mitleid“ wollen. Was für die einen eine emotionale Unterstützung ist, ist für sie peinlich und unangebracht und macht die „Niederlage“, die sie gerade erleiden müssen, erst sichtbar und groß.

Doch die Wahrheit Gottes ist größer als jede persönliche Niederlage. Sie ist stärker als der Tod. Würden die Gesetze der Mächtigen Wahrheit werden: Rache, Strafe und Züchtigungen würden auf immer regieren. Die Grausamkeit des Krieges das letzte Wort haben.

Bevor aber einer auf die Idee käme, die Ewigkeit ginge ihn und sein Leben nichts an, weil Gott zu fern ist und bleibt – bevor einer auf diese Idee käme, steht da die Passion Gottes. Die Leidenschaft unseres Herrn Jesus Christus für das Gelingen unseres Lebens. Friede für die Menschen bösen Willens, ein Ende aller Rache und aller Grausamkeit.

Dafür ist Gott naher Gott. Erleidet am Kreuz, was Menschen leiden müssen in Gaskammer, Folterkammer und unter fallenden Bomben.

Sein Mitleiden, seine Nähe allein können es schaffen, dass Krieger und Bekriegte einander wieder in die Augen sehen können. Dass wir, „wenn alles vorbei sein wird, lebend dürfen als Menschen unter Menschen, und dass wieder Friede sein möge auf dieser armen Erde den Menschen, die guten Willens sind, und dass DIESER Friede auch zu den anderen komme.“

Dieser Friede ist höher, als all unser Denken es fassen kann, und er wird unsere Leiber und Seelen bewahren in unserem Herrn Jesus Christus.
In Gott, der uns nahe ist.
AMEN

 

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