Das Skalpell (Heb 4 12f)

Worte und Wörter
werden Gerede
werden zur Last
nehmen Freude
machen das Hören schwer

Das Wort Gottes aber ist
Oase in jeder Wüste
Quelle lebendigen Wassers
selbst
in der Dürre menschlicher Unzulänglichkeit

Das Wort Gottes
ändert alles
schafft neues Leben
wer Ohren hat, der höre

Heute, wenn ihr seine Stimme hört,
so verstockt eure Herzen nicht.
Hebräer 3, 7f/15/ 4,7
***

Es muss dem Menschen, der den „Hebräerbrief“ im zweiten Teil unserer Bibel verfasst hat, wichtig gewesen sein: „Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verstockt eure Herzen nicht.“

Denn dieser Vers, der auch der Spruch für die heute beginnende Woche ist, ist nicht nur EIN Mal im Hebräerbrief zu lesen, sondern drei Mal. Genau genommen sogar vier Mal, zählt man eine leichte Abwandlung dieses Verses noch dazu (Heb 3,7f+13+15 und 4,7). Hier geht es um die Beobachtung oder besser die Befürchtung, dass es Menschen gibt, bei denen das Wort Gottes auf Dauer keine Frucht tragen könnte.

Davon spricht ja auch das Gleichnis vom „viererlei Acker“ nach Lukas 8, das heute Tagesevangelium ist. Während die Saat auf dem Weg, unter den Dornen und auf dem Fels verkümmert und verloren ist, bringt sie auf dem „guten Lande“ vielfältig Frucht.

Das KANN Menschen wie uns, die wir an Gott glauben, nicht kalt lassen. Wir hätten für uns doch gern das, was in EG 166.4 so gedichtet ist:
Mache mich zum guten Lande,/ wenn dein Samkorn auf mich fällt./ Gib mir Licht in dem Verstande/ und, was mir wird vorgestellt,/ präge du im Herzen ein,/ lass es mir zur Frucht gedeihn.

Denn wir glauben doch fest daran, dass es etwas Besseres als solche Frucht im Leben nicht geben kann – darum sind wir schließlich hier im Gottesdienst. Und was wir für uns selbst wünschen, das wünschten wir uns für alle in unseren Familien, für unsere Freunde, Kollegen, Bekannten. Genau genommen für alle Menschen. Denn ich denke, auch da sind wir uns einig: Dann wären wir auf dieser Erde dem Reich Gottes deutlich näher als heute.

Aber mit den Worten ist das eben nicht so einfach. Ob sie bei denen, die wir ansprechen, auch ankommen, wissen wir ebenso wenig wie, ob sie auch so ankommen, wie wir sie denn gemeint haben.

Und es scheint offenbar der Preis der Freiheit zu sein, die Gott uns Menschen geschenkt hat, dass es auch mit der Stimme Gottes und seiner Sprache nicht anders ist: Bei einem Menschen fällt sie auf fruchtbaren Boden, beim anderen nicht.

Lukas und der Hebräerbrief sind sich dabei einig: Frucht des Gotteswortes zu tragen – das lohnt sich. „Frucht“ ist nach Lukas Teil im „Reich Gottes“ zu sein; der Hebräerbrief spricht hier von der „Ruhe“.

Gemeint ist die Ruhe des siebenten Schöpfungs-Tages, die von aller Geschäftigkeit, aller Sorge, aller Mühe frei ist. Eine Ruhe, die wohl jeder Mensch zu Lebzeiten zwar ersehnt, aber nie erreicht. Selbst bei ernstester Befolgung der Sabbatregeln nicht:

Irgendwas muss der Mensch irgendwann am Sabbat tun, und wenn es nur das Trinken oder der Gang auf die Toilette ist. Und dann sollte er vorher etwas zum Trinken besorgt und die Toilette in Ordnung gebracht haben.

Die absolute und endgültige Ruhe des siebenten Tages ist darum im Hebräerbrief eine Verheißung des Himmels, auf die der sorgende Mensch all seine Hoffnung legen kann. Diese Ruhe zu finden, sich um nichts sorgen zu müssen, ganz nah bei Gott und damit bei seinen eigenen Wurzeln, also bei sich selbst zu sein: Das ist „Reich Gottes“ in der Sprache des Hebräerbriefes.

Während allerdings bei Lukas das „Heft des Handelns“ bei dem Sämann und damit letztlich bei Gott selbst liegt, legt der Hebräerbrief sein Augenmerk auf das Handeln der Menschen: Er sieht darauf, dass auch der Mensch seinen aktiven Teil daran hat, ob die Saat des Wortes Gottes aufgeht oder nicht.

Verstockt eure Herzen nicht.
Heute, wenn ihr Gottes Stimme hört.

Und dann wirbt er weiter für das Wort Gottes und schreibt (4,12+13):

12 …das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.
13 Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft geben müssen.

Ich habe diese beiden Verse über lange Zeit eher als Bedrohung denn als Werbung gehört. Grund ist wohl vor allem dieses Schwert, das an Schärfe alles übertrifft. Da denkt man schnell nicht nur an Krieg, Richter und Rechenschaft, sondern auch an einen Henker und seine Mordwaffe.

Das hat beim Kirchentag in Köln 2007 auch dazu geführt, dass aus dem netten Fisch, den man als Aufkleber am Auto oder als Bild auf der Kaffeetasse hat, ein netter Fisch mit leuchtend oranger Haifischflosse wurde:

Christen seien heutzutage eben eher als Haie denn als Zierfische gefragt. Nikolaus Schneider, der damals Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland war, sprach sogar von einem „ausgeprägten Partisanenbewusstsein“ der Protestanten.

Und um diesen Fisch aus unserem Predigttext abgeschrieben das Kirchentagsmotto: Lebendig und kräftig und schärfer. Mit dem Verweis auf diese Bibelstelle Hebräer 4,12.

Inzwischen glaube ich aber, dass es hier weder um einen Hai noch einen Henker geht. In einem Nachschlagewerk ist zu lesen, dass man das griechische Wort, dass fast alle Bibelübersetzungen mit „Schwert“ übersetzen, auch mit „Skalpell“ übersetzen kann. Und damit wird es vom Werkzeug des Soldaten oder eines Henkers zu einem chirurgischen Werkzeug.

Chirurgen arbeiten nun aber nicht, um hinzurichten, sondern um zu retten. Nimmt man dann noch die verschiedenen Bedeutungen von „richten“ dazu, das nicht nur „urteilen“ oder „verurteilen“, sondern eben auch „ausrichten“ bedeutet, dann liest sich der Text so:

Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes auch noch so gut geschliffene Skalpell. Es kann alles voneinander trennen, auch Seele und Geist, sogar Mark und Bein. Und damit richtet es selbst unsere geheimsten Gedanken und unsere Sinne neu aus – nämlich so, dass wir Gottes Handeln erkennen können.

Vor seinen Augen kann sich niemand verstecken – auch die nicht, die sich zu verstecken suchen. Denkt an die versprochene Ruhe. Hört, was Gott zu sagen hat. Denkt größer, als ihr selbst seid. Versucht, durch Gottes Augen zu sehen. Das Wort Gottes will eure Ant-Wort.

Meine Schwestern, meine Brüder:

Wir haben ja nur unsere Sprache, wenn wir uns über Gott austauschen. Aber durch diese Sprache kann Gott uns nahe kommen, gelegentlich sogar bedrohlich nahe. Also so nahe, dass wir uns von lieb gewordenen Gedanken und Ansichten, die wir von ihm hatten, trennen müssen. Schmerzlich trennen müssen.

Das ist, zumindest in meiner Wahrnehmung, auch immer wieder einmal beim Bibelkreis passiert, bei dem wir freitags im Moment den Römerbrief durch die Augen von Karl Barth lesen.

Gelegentlich mussten wir lachen, wenn wir an eine Anfangsepisode dachten: Da fragte jemand aus einer Nachbargemeinde, was wir denn derzeit beim Bibeln lesen? Na, wir lesen den Römerbrief. Komplett. Ach, den Römerbrief. Der ist ja einfach.

Einfach: Genau das aber ist er nicht, für niemanden. Immer wieder gab es beim Lesen und Reden Augenblicke, in denen durch die Worte des Paulus die Größe Gottes und die Beschränktheit meines eigenen Denkens geradezu mit meinen eigenen Händen greifbar wurde.

Augenblicke, in denen ich SEHR deutlich spürte, dass mein Bild von Gott eben das ist: Ein Bild, das mir beim Denken nicht nur hilft, sondern mich nicht selten am Denken hindert.

So aber wird aus dem liebenden Gott ein „Lieber Gott…“.
So verliere ich ihn.
Gerade auch dann, wenn meine eigene Rede von Gott ihre Klarheit, ihre Schärfe vermissen lässt.

Da spricht mir das „Gebet um wahrhafte Liebe“ aus dem Herzen, das im Buch „Gebete für mein Dorf“ zu finden ist (S.22). Ein französischer Pfarrer formuliert hier so:

„Herr,… behüte mich davor,
an die Stelle Deines Erbarmens meine Gutmütigkeit,
an die Stelle Deiner Versöhnung
meinen Hang zur Nachgiebigkeit zu setzen.
Erhalte dem Salz der Erde seine Schärfe! …
Dulde nicht diese fade Freundlichkeit, … die nur nach dem Munde redet, doch auf keinen Fall befreit …
Die wahrhafte Liebe, die Deine,
ist nicht Salbe, sondern Operation,
kein warmer Umschlag, sondern Eingriff,
nicht Notlösung,
sondern Erlösung!“

Erlösung.
Reich Gottes.
Ruhe.
Verstockt eure Herzen nicht.
Heute, wenn ihr seine Stimme hört.

Selbst wenn es schmerzt:
Gottes Wort hat die Kraft, euer ganzes Leben zu ändern und neu auszurichten.
Selbst euer Sterben.

Auszurichten auf die Liebe Gottes,
die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes.

Sie werden euch
Erlösung.
Reich Gottes.
Ruhe.

AMEN

 

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