Unser Gottesdienst vom Sonntag Okuli zum Nachhören
ist für vier Wochen hier zu finden.
Okuli: Augen
meine Augen sehen
Entscheidungen des Lebens
kosten
Kraft, Energie
Geld, Geduld
oft auch Tränen
Leben wird Last, bleischwer
Es ist genug
Misserfolg
wie viel ich auch arbeite
Gottes Augen sehen
mich
sein Engel sagt
komm
denn was du brauchst, ist schon hier
sieh nicht zurück
Wer seine Hand an den Pflug legt
und sieht zurück,
der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.
Lukas 9,62
***
GNADE SEI MIT EUCH und Friede von dem, der da ist,
der da war und der da kommt. Amen!
AUF DEM WEG
Für den Evangelisten Lukas bezeichnet das nicht nur den Weg der Leidenschaft Jesu, der ihn nach Jerusalem führt. DIESER Weg wird in seinem Evangelium über 10 Kapitel hinweg beschrieben. Er beginnt mit dem Aufbruch Jesu und seiner Jünger in 9,51 und endet mit der „Tempelreinigung“ 19,48. Das Ziel dieser Passionswanderung: Das Kreuz auf Golgatha.
AUF DEM WEG
sind für Lukas aber auch die, die Jesus nachfolgen. Auch in deren Zukunft: „Auf dem Weg“ wird es geschehen, dass sich der Auferstandene den Emmausjüngern zu erkennen gibt.
Und in seiner Apostelgeschichte wird „der Weg“ für Lukas zur gängigen Bezeichnung der frühchristlichen Bewegung: Die Jesusgemeinschaft ist eine auf ihr Ziel hinwandernde Kirche.
AUF DEM WEG
Was dort zu erwarten ist, hat Jesus deutlich ausgesprochen. Bevor er nach Jerusalem aufbricht, kündigt er der Jüngerschaft an, dass er sterben muss und auferstehen wird, und sagt über die Nachfolge auf dem Weg:
„….Wer mir folgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s erhalten. Denn welchen Nutzen hätte der Mensch, wenn er die ganze Welt gewönne und verlöre sich selbst oder nähme Schaden an sich selbst?“ (9, 23-25)
Dass Jesus Menschen BRAUCHT, die ihm folgen, daran lässt er keinen Zweifel. AUF DEM WEG sammelt er zu den Zwölfen darum noch sechs Mal so viele in seine Jüngerschaft, und zu den dann sieben mal zwölfen sagt er:
„Die Ernte ist groß, der Arbeiter aber sind wenige. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter aussende in seine Ernte.
Geht hin; siehe, ich sende euch wie Lämmer mitten unter die Wölfe. Tragt keinen Geldbeutel bei euch, keine Tasche, keine Schuhe… Und wenn ihr in eine Stadt kommt und sie euch aufnehmen, dann esst, was euch vorgesetzt wird, und heilt die Kranken, die dort sind, und sagt ihnen: Das Reich Gottes ist nahe zu euch gekommen.“ (10, 2-4; 8-9)
Damit ist das ZIEL des Weges Jesu deutlich:
Er wird sich den Menschen, die ihnen begegnen werden, voll und ganz zuzuwenden, die Kranken heilen und die Nähe des Reiches Gottes zu verkündigen. Nicht anders als seine Jüngerschaft:
AUF DEM WEG wird sie nichts brauchen, keinen Geldbeutel, keine Tasche, keine Schuhe. Nur sich selbst und ihren Einsatz für die Menschen und das Reich Gottes.
Dieser Weg Jesu benötigt maximale Freiheit, um ohne Bindungen an diese Welt den Beweis der Liebe Gottes am Kreuz unwiderruflich sichtbar zu machen.
Und genauso wird auch der Weg der Nachfolge vor allem dies brauchen:
Maximale Freiheit VON dieser Welt und FÜR Gottes Menschen.
Um klar werden zu lassen, was das für die Jesus Nachfolgenden bedeutet, schreibt uns Lukas drei idealisierte Szenen, auch Apophthegmata genannt, in sein Evangelium. Ein Apophthegma ist eine Szene, die wichtige Sprüche transportiert, deren Anlass und Sprecher zugleich mit erwähnt werden. So lässt sich durch die Szene der Spruch bildreich einprägen. Ähnlich wie in einem Witz, nur eben nicht lustig, sondern ernst
Diese drei Szenen sind heute unser Bibeltext.
Sie sind in Kapitel 9 ab Vers 54 nachzulesen.
AUF DEM WEG Szene 1:
Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm:
Ich will dir folgen, wohin du gehst.
Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. (57 f)
Ich will Dir folgen, wohin du gehst: Daraus spricht wahre Begeisterung. Der ist verliebt in die Sache, ja verliebt in Jesus. Seine Worte wären sogar an einem Traualtar angemessen.
Die Motivation sollte also stimmen, sollte man meinen.
Die Antwort Jesu sollte den Begeisterten dann aber doch eine Warnung gewesen sein. Dass Jesus von Ort zu Ort zieht, dass er darum keinen Ort hat, an dem er „zu Hause“ ist, keinen Fuchsbau, kein Hundekörbchen, kein Vogelnest: das dürfte dem Begeisterten allerdings schon vorher klar gewesen sein.
Jesus muss mit seiner Warnung also auf etwas anderes anspielen als auf „Obdachlosigkeit“.
Es kann auch nicht darum gehen, dass Jesus Tag und Nacht nicht schläft oder nicht schlafen muss. Natürlich findet Jesus Obdach und Schlaf, jetzt und später.
Es geht Jesus vielmehr um Weg und Ziel.
Es geht darum, dass es nichts und niemanden auf dieser Welt gibt, die Jesus binden und so von seinem Weg und seinem Ziel abbringen könnten.
Jesus ist also völlig frei VON Zwängen und Gütern durch Menschen oder Welt, er ist völlig frei FÜR ein Leben zugunsten der Menschen Gottes.
Die Warnung Jesu ist also:
Ist der Begeisterte wirklich so voller Vertrauen in Jesus, sich von ihm aus den Bindungen Welt wegführen zu lassen?
Ist er bereit zur Teilhabe an dieser maximalen Freiheit?
Diese Freiheit nämlich wird ihn binden:
Binden an die Menschen auf diesem Weg und die Situationen, in die er dadurch geraten wird.
Würde er von nun an also frei und täglich „sein Kreuz auf sich nehmen“?
AUF DEM WEG Szene 2:
Und Jesus sprach zu einem andern: Folge mir nach!
Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe.
Er aber sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! (59 f)
Angesichts dieser Forderung Jesu stockt einem der Atem. Das Totenbegräbnis gehört zu den unverzichtbaren Pflichten, schon im alten Israel: Die Herrichtung der Leiche hat sogar am Sabbat zu geschehen, das Studium der Thora wird unterbrochen, um einen Toten hinauszubegleiten. Ist es gar der eigene Vater, geht es zusätzlich noch um die Befolgung des fünften Gebotes.
Doch für Lukas verlangt Jesus hier keinen Bruch von Regeln und Geboten. Denn wenn wie hier der RUF GOTTES zu hören ist, wenn dieser Ruf das Herz des Gerufenen wirklich erreicht, DANN verwehrt dieser Ruf dem Gerufenen alles, was der gerade vorgehabt oder gewollt hat. Schon den Propheten Jeremia oder Ezechiel war das so gegangen, lest selbst bei Jeremia 16 (5,f) oder Ez 24 (15ff) nach, auch hier geht es um Totenbegleitung oder Trauerseelsorge, die verwehrt werden.
Für Lukas steht die Antwort Jesu in guter biblischer, also alttestamentlicher Tradition. Wenn GOTT ruft, sind alle Konventionen, alle Traditionen, alle Religionen bedeutungslos. Sie gelten nicht mehr. Gelten kann allein der Ruf GOTTES, für Lukas der Ruf Jesu.
Und wenn der so Gerufene nicht zum Hören bereit ist, verlässt er das Leben mit Gott, dann gehört er zu den lebendigen Toten, die nichts von Gott wissen oder wissen wollen.
Und dann hat er Zeit, dann kann er auch die toten Toten begraben.
Jesu Antwort sagt also: Willst Du gefangen an diese Welt zu den toten Toten gehören oder frei sein für das Reich Gottes, frei für den Weg Gottes?
AUF DEM WEG Szene 3
Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind.
Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. (61 f)
Auch das verständliche Vorhaben, sich ordentlich von den Seinen zu verabschieden, lässt Lukas mit tiefer biblischer Kenntnis durch Jesus kontern.
Jesaja 43: „Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht? Ich mache einen Weg in der Wüste und Wasserströme in der Einöde.“ (18 f)
Gottes Ruf in seine Nachfolge schließt es aus, das vor dem Antritt des Weges noch irgendetwas anderes getan oder erledigt werden müsse. Und damit wir Jesu Antwort (und damit unseren Wochenspruch) einmal neu hören, Vers 62 in der Übertragung der Volx-Bibel 4.0:
„Dazu sagte Jesus: „Wer beim Fahren nach hinten guckt, landet am Baum, und wer sich beim Arbeiten ablenken lässt, der taugt nicht für Gottes neue Zeit.“
Wer wüsste das besser als ein guter Motorradfahrer, der Spruch dazu lautet: „Guckst du scheiße, fährst du scheiße.“ Oder anders: Du fährst mit dem Bike immer dahin, wohin du siehst. Mit deinen Augen bringst du deinen Körper dazu, mit dem Motorrad dahin zu fahren, wo du hinwillst. Ein starrer Schreckensblick auf eine hohe Fahrbahnkante oder gar einen Baum sind da fatal.
Jesu Entgegnung sagt also: Wer Gottes Ruf hört und sich rufen lässt, der IST bereits auf den Weg gestellt. Und auf diesem Weg geht es um uneingeschränkte Aufmerksamkeit für das Ziel.
Meine Schwestern, meine Brüder,
Nachfolge heute bedeutet zunächst nichts anderes:
Die Christusgemeinschaft ist AUF DEM WEG.
WIR sind auf dem Weg zur Arbeit am Reich Gottes.
Nun mag man einwenden:
Den Weg der radikalen Nachfolge aber lebt doch kaum einer in der Kirche.
Die Barmer Theologische Erklärung zum Beispiel, vor knapp 92 Jahren beschlossen und die in unserem Gesangbuch* weit hinten unter Nummer 858 zu finden ist, ist genauso Geschichte wie die „Bekennende Kirche“, die einst aktiven Widerstand gegen das „Dritte Reich“ leistete. Wenn es radikale Nachfolge heute und hier überhaupt gibt, leben die doch in Klöstern.
Ich denke:
Auch in Klöstern gibt es Betten, die Mauern bieten Sicherheit, die Gemeinschaften in ihnen soft sehr irdische Beziehungen.
Auf mich hier und heute bezogen bedeuten diese drei Nachfolge-Szenen zuerst, dass ich in der Nachfolge in dieser Welt keine endgültige Heimat habe. Dass ich mich nicht nur dann und wann, sondern fast täglich so fühle, als ob ich hier nicht hingehöre, sondern so, als ob ich mit Jesus, meinem Herrn, in der Fremde unterwegs sind. AUF DEM WEG eben.
Christusgemeinschaft ist also Gemeinschaft unter Fremden, griechisch παροικία, Parochie. Im Deutschen wurde daraus irgendwann das Wort „Pfarrei“.
Egal, wo auf der Welt wir heute παροικία oder Pfarrei – Gemeinschaft bilden, egal ob wir auf der Straße sind oder uns in steinernen Häusern oder Kirchen treffen: Wir bleiben doch, was wir in Christus immer waren und bleiben;
Gemeinschaft der Fremden.
Dass wir hier keine bleibende Heimat finden, ist aber kein Lebensmangel. Das macht uns nämlich frei.
Frei VON Zwängen und Gütern durch Menschen oder Welt,
frei FÜR ein Leben zugunsten der Menschen Gottes,
frei, täglich unser Kreuz auf uns zu nehmen.
Wir sind nicht mehr gefangen an diese Welt gekettet, und egal wie alt wir sind oder wie lange wir noch leben werden:
Die toten Toten, das sind dann nicht wir.
Auf DEM Weg sind wir also. Und Lukas wird nicht müde zu betonen, dass dieser Weg durch irdisches Leiden hindurch in die Heimat bei Gott führt.
Das Leiden an den Zuständen dieser Welt, in meiner Kirche, auch am eigenen Menschsein, lässt mich öfters mal am Wegrand sitzen und darüber nachdenken, ob ich AUF DEM WEG bleiben sollte oder nicht.
Doch gibt es irgendeine Alternative zum Reich Gottes, die für mich erstrebenswert wäre? In DIESER Welt finde ich keine.
Erstrebenswert bleiben einzig:
Die Liebe Gottes,
die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes.
Sie führen unsere Christusgemeinschaft
diese Gemeinschaft unter Fremden,
sicher in die Heimat bei Gott.
AMEN
*(Ausgabe Rheinland/ Westfalen/ Lippe)
EG 360 1. Die ganze Welt hast du uns überlassen,
doch wir begreifen deine Großmut nicht.
Du gibst uns frei, wir laufen eigne Wege
in diesem unermesslich weiten Raum.
Kehrvers
Gott schenkt Freiheit,
seine größte Gabe gibt er seinen Kindern.
2. Du lässt in deiner Liebe uns gewähren.
Dein Name ist unendliche Geduld.
Und wir sind frei: zu hoffen und zu glauben,
und wir sind frei zu Trotz und Widerstand.
4. Wir richten Mauern auf, wir setzen Grenzen
und wohnen hinter Gittern unsrer Angst.
Wir sind nur Menschen, die sich fürchten können,
wir brachten selbst uns in Gefangenschaft.
6. Gib uns die Wege frei, die zu dir führen,
denn uns verlangt nach deinem guten Wort.
Du machst uns frei, zu lieben und zu hoffen,
das gibt uns Zuversicht für jeden Tag.

