Unser Gottesdienst vom 1. Advent zum Nachhören
ist für vier Wochen hier zu finden. (Link folgt)
Johannes Jourdan
Gott kommt zu uns.
Wir müssen nicht mehr
zweifelnd nach ihm fragen.
Gott kommt zu uns,
um seine Gnade allen anzusagen.
Gott kommt zu uns
und lässt uns wieder hoffen;
denn sein Herz
ist für alle Menschen offen.
Gott kommt zu uns.
Siehe, dein König kommt zu dir,
ein Gerechter und ein Helfer.
Sach 9,9a
***
„Danke, Gott, dass Du bei mir bist!“ betet Hans.
„Bisher läuft der Tag heute recht gut:
Ich habe mich mit niemandem gestritten, war zu niemandem grob oder unfair. Ich habe niemandem etwas weggenommen, niemandem etwas zuleide getan, ich habe nicht nur an mich gedacht.
Aber gleich, mein Gott, gleich wird es ernst, da brauch ich deine Hilfe. Denn da muss ich aufstehen und Frühstück machen…“
Es geht natürlich auch kürzer, der Volksmund spricht:
Wer schläft, sündigt nicht.
Doch Hans schläft nicht mehr, er ist aufgewacht.
Nun stehen der Sünde Tor und Tür offen.
Es wird hart. Es wird ernst.
Das Leben IST hart, es IST ernst.
Darüber haben wir in den vergangenen Tagen immer wieder nachgedacht. Am Buß- und Bettag, am Volkstrauertag, der in unserem Kirchenjahreskalender der Sonntag des letzten Gerichtes ist, selbst am Ewigkeitssonntag hörten wir von der harten Seite des Lebens:
Zehn junge Frauen hatten ein gemeinsames Ziel; die Hälfte von ihnen erreichen dieses Ziel nicht. Und das nur, weil sie einmal unachtsam waren. Da half auch alle Mühe zur Schadensbegrenzung danach nicht: Sie waren draußen, sie blieben draußen. Das große Fest fand ohne sie statt. Und die Welt bezeichnet sie dann auch noch als „töricht“…
Sündigen, von Gott getrennt werden, draußen bleiben müssen, das große Fest verpassen:
All das sind Bilder für das Scheitern von Leben.
Und auch wenn jede und jeder damit etwas anderes meinen kann: Kein Mensch will das, kein Mensch will scheitern.
Auch Hans nicht.
Da ist es egal, was ihm wichtig war oder ist;
da ist es egal, was er erreichen wollte oder will:
Niemand will mit seinem Leben scheitern.
Möglichst vieles letztlich richtig gemacht zu haben:
Danach sehnen sich die Menschen.
Möglichst vieles – das sagt schon: Alles geht nicht, das schafft niemand. Irgendwas macht man irgendwo immer falsch. Der Heidelberger Katechismus formuliert das in Frage 114 so:
„Können aber die zu Gott Bekehrten diese Gebote vollkommen halten? Nein, sondern es kommen auch die frömmsten Menschen in diesem Leben über einen geringen Anfang dieses Gehorsams nicht hinaus“ (vorhin gehört).
Hans ahnt das auch. Er will vieles richtig machen, er weiß auch, wo die Fallstricke liegen. Solange er noch schlief, konnte ihm nichts passieren. Für Sachen, die vielleicht im Traum passiert sein könnten, kann er ja nun wirklich nichts. Wer kann sich seine Träume schon aussuchen?
Aber nun: Aus der Traum, vorbei der Schlaf. Und jetzt braucht Hans Hilfe, denn er muss aufstehen. Selbst am Sonntag, dem 1. Advent. Was soll er jetzt tun, wenn er möglichst wenig falsch machen will?
Paulus hätte die Antwort für ein gelingendes Leben für ihn, hört er mit einem halben Ohr im Evangeliums-Rundfunk. Römer 13, 1-8, da sei zu lesen:
8 Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt.
9 Denn was da gesagt ist (2.Mose 20,13-17): „Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren“, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst (3.Mose 19,18): „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ 10 Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.
11 Und das tut, weil ihr die Zeit erkannt habt, dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden.
12 Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.
Doch Hans ist ein Mensch unserer Zeit, und als Mensch unserer Zeit hat er es nicht ganz leicht mit diesem Lutherdeutsch. Ja, die letzte Revision soll ja von 2017 sein, wäre also gerade gute 8 Jahre alt. Aber leicht verständlich kommt ihm das trotzdem nicht vor.
Schon dieses geschraubte Deutsch: „So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung“ – wer redet denn so? Oder so: „Die Nacht ist vorgerückt… ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts“?
Das ist dann doch zu viel für Hans am frühen Morgen. Das kann ihm jetzt nicht helfen, wenn er nach dem Aufstehen möglichst viel richtig machen will. Also macht er den Radiowecker aus.
Da fällt ihm ein, dass er von seinem Kumpel Wilhelm zum letzten Geburtstag eine andere Bibel geschenkt bekommen hat. Die ist noch ungelesen in seinem E-Book-Reader. Und der liegt ja noch auf seinem Nachttisch, schließlich hat er gestern Abend noch darin gelesen.
Ja, von Mord und Totschlag, Neid und Missgunst – aber das war ja nicht in Echt, das war ja nur im Krimi vom italienischen Altmeister Andrea Camilleri. Hatte einen schönen Titel: „Die Rache des schönen Geschlechts – Comissario Montalbano lernt das Fürchten“.
Aber jetzt will Hans nicht das Fürchten lernen, das hilft ihm nicht. Er will die andere Bibel suchen, und dazu muss er zum Glück auch noch nicht aufstehen, denn sein E-Book-Reader liegt ja von gestern Abend noch auf dem Nachttisch.
Da ist sie ja, die „VOLX- Bibel 4.0.“. Und da gibt es ihn auch: „Ein Brief von Paulus an die Christen, die in Rom leben“. Und da steht in Kapitel 13:
Schulden sollt ihr immer zurückzahlen. Nur in einer Sache werdet ihr dem anderen immer was schuldig bleiben, das geht gar nicht anders: in der Liebe. Davon kann man nie genug geben. Wer andere liebt, hat begriffen, worum es Gott eigentlich geht. 9 Alle Gesetze sind in dem einen Ding enthalten. Nicht die Ehe zerstören, keine Leute ermorden, nicht klauen, nicht neidisch sein, (einfach alles an Regeln)… ist zusammengefasst in dem Befehl von Gott: „Liebe jeden, der in deiner Nähe ist, genau so, wie du dich selber liebst.“ 10 Die Liebe will dem anderen keinen Schaden zufügen. Alle Regeln von Gottes Programm sind in der Liebe zusammengefasst.
11 Seid immer so drauf, als wenn morgen der Tag der großen Abrechnung kommen würde. Scheiß-egal-Haltung ist echt nicht mehr angesagt. Jesus Christus feiert bald sein großes Comeback, dann sind wir endlich ganz frei. 12 Nach jeder Nacht kommt der Tag. Am Tag sind alle Sachen zu sehen, die wir lieber nur im Dunkeln machen würden, wo keiner zugucken kann. Also sollen wir jetzt immer so leben, dass es ruhig Tag werden kann und wir uns nicht für unser Leben und die Sachen, die wir so tun, schämen müssen.
Tatsächlich, denkt sich Hans, jetzt ahne ich, was der alte Paulus da meint. Mit der Selbstliebe hat Hans es nicht so, manchmal kann er sich nicht leiden. Vielleicht sogar meistens. Andererseits: Würde er jetzt hier liegen und darüber nachdenken, wie er möglichst vieles richtig machen soll, wenn er sich selbst nicht doch leiden könnte? Wenigstens ein bisschen?
Also wäre es doch gut, den Typen aus der Wohnung unter ihm, der ihm ständig unfair und blöd daherkommt und den er wirklich nicht leiden kann, also es wäre doch gut, netter zu dem zu sein als der zu ihm ist. Wäre da nicht schon viel gewonnen?
Ja, denkt Hans, der alte Paulus wird schon wissen, was er da schreibt. Schließlich war er ja selbst mal einer von denen, die andere hart rannahmen und sogar verfolgten, nur weil die anders glauben wollten als Paulus. So hat Hans das mal im Konfirmandenunterricht gehört. Wenn dieser Paulus jetzt schreibt, dass Liebe alles ist, worum es in Gottes Plan geht, dann sollte der wissen, wovon er redet.
Und wann der Tag der großen Abrechnung kommt, das kann ja wirklich niemand wissen. DASS er kommt, da ist Hans sich sicher. Denn so, wie die Welt jetzt ist, sollte sie schließlich nicht bleiben. Das große Comeback von Jesus: Daran glaubt er, denn auch Hans will etwas mit seinem Leben erreichen. „Endlich ganz frei“ sein – schöne Worte für das, was Hans will.
Darum ist „Scheiß-egal-Haltung“ auch nicht sein Ding. Hans will wenigstens versuchen, die Welt ein wenig freundlicher zu machen. Jedenfalls da, wo er selbst etwas freundlicher sein könnte. Also wird er jetzt wohl mal aufstehen, und einen Plan hat er auch:
„Liebe jeden, der in deiner Nähe ist, genau so, wie du dich selber liebst“.
Und mit letzterem wird er jetzt beginnen. Er wird sich selbst eine wunderbare, entspannende Dusche gönnen und sich dann Brötchen backen. Dazu einen Latte Macchiato aus der neuen Kaffeemaschine. Dann kann der neue Tag ruhig kommen.
Was heißt ruhig: Freundlich wird er werden.
Meine Schwestern, meine Brüder:
Heute beginnt die Adventszeit, die erste Buß- und Fastenzeit im neuen Kirchenjahr.
Bußzeiten sind, wie es der Name schon sagt, Zeiten der „Buße“, also der Richtungskorrektur. Das Leben neu auf Gott auszurichten: Darum geht es für „die zu Gott Bekehrten“, wie der Heidelberger es ausdrücken würde.
Früher hatten es die Menschen noch leichter, sich in diese Zeit „hineinzufühlen“. Als es noch keinen Strom aus der Steckdose gab, keine Straßenbeleuchtung, keine Bewegungsmelder mit Scheinwerfern, keine Lautsprecher.
Da spürte man noch deutlich: Die Tage werden kürzer und kürzer, drinnen in den Häusern wurde es dunkler und dunkler; die Zeit, wo man bei Tageslicht seiner Arbeit ordentlich nachkommen konnte, wurde immer knapper. Bis zum Weihnachtsfest nahm die Dunkelheit von Tag zu Tag zu. Genauso, wie die Ruhe von Tag zu Tag zunahm. Da war es noch leichter, sich Zeit zum Nachdenken zu nehmen.
Heute ist das weniger zu spüren. Die Straßen sind beleuchtet, zusätzlich funkeln Sterne und Lichterketten, die ersten Weihnachtsbäume werden schon im November aufgestellt, geschmückt und über und über mit Lichtern bedeckt.
Auch mit der zusätzlichen Ruhe ist es nicht weit her; schließlich gibt es Lautsprecher vom Nachttisch bis in die Einkaufsmeile. Weihnachtsmärkte und einkaufsoffene Sonntage sagen einem: Es ist ja noch so vieles zu tun bis Weihnachten!
Das macht es nicht wenigen von uns schwer, sich nicht anstecken zu lassen von dem Versuch, die stille Adventszeit zur hektischen Vorweihnachtszeit zu machen. So wird es denn auch schwerer, das eigene Leben neu zu justieren.
Hans macht das alles noch im Bett, also vor dem Aufstehen. Vielleicht ist das gar keine so schlechte Idee: Im Bett liegen, Paulus lesen und nachdenken.
Doch nach jeder Nacht kommt ein Tag. Im Sommer sind die länger, im Winter kürzer. Darum nutzt es nichts: Man wird aufstehen müssen, Morgen für Morgen, es sei denn, man ist krank. Das Tagewerk muss erledigt werden.
Und dann hat man Hilfe nötig, damit man sich nicht irgendwann, wenn alles ans Tages-Licht kommt, schämen muss.
Und diese Hilfe ist näher denn je:
EG 69, 3: Christus im Himmel wohl bedachte,/ wie er uns reich und selig machte/ und wieder brächt ins Paradies,/ darum er Gottes Himmel gar verließ. (So haben wir zum Anfang dieses Gottesdienstes gesungen).
Christus verlässt Gottes Himmel und legt sich in die Krippe, damit wir „reich und selig“ werden, das Paradies wiederfinden.
Der König aller Welten und Zeiten kommt zu dir, damit du sie finden kannst:
Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
haben Advent in unserem Leben. AMEN
EG 16: 1. Die Nacht ist vorgedrungen,
der Tag ist nicht mehr fern!
So sei nun Lob gesungen
dem hellen Morgenstern!
Auch wer zur Nacht geweinet,
der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet
auch deine Angst und Pein.
Römer 13,11.12
2. Dem alle Engel dienen,
wird nun ein Kind und Knecht.
Gott selber ist erschienen
zur Sühne für sein Recht.
Wer schuldig ist auf Erden,
verhüll nicht mehr sein Haupt.
Er soll errettet werden,
wenn er dem Kinde glaubt.
3. Die Nacht ist schon im Schwinden,
macht euch zum Stalle auf!
Ihr sollt das Heil dort finden,
das aller Zeiten Lauf
von Anfang an verkündet,
seit eure Schuld geschah.
Nun hat sich euch verbündet,
den Gott selbst ausersah.

