Wer tat, was der Vater wollte? (Mt 21, 28-32)

Wer bin ich?
Der, der ich gerne wäre?
Der, den andere zu Recht erwarten dürfen?
Halte ich mehr von mir, als ich bin?
Traue ich mit weniger zu, als ich könnte?
Min ich hochmütig?
Bin ich Kleinmütig?
Oder beides?

Wer nicht für immer fallen will
braucht Mut
zum Gehen, auch zum Hinfallen,
zum Aufstehen, auch zum Siegen.

Mut zum Dienen,
Demut.

Gott widersteht den Hochmütigen,
aber den Demütigen gibt er Gnade.
1 Petrus 5,5b

***

Im Matthäusevangelium erzählt Jesus den Schriftgelehrten und Pharisäern ein Gleichnis kurz nach der Tempelreinigung und dem Fluch über den Feigenbaum – also kurz vor seiner Festnahme und Kreuzigung. Die skeptischen Gesprächspartner fragen Jesus, wer ihm das Recht und die Vollmacht zum Predigen und Heilen gibt.

Jesus reagiert mit einer Gegenfrage. Wir die Taufe Johannes des Täufers vom Himmel oder von der Erde? Gottgewollt oder Menschenwerk? Nach Gottes Recht oder Menschen Recht?

Sie überlegen hin und her. Sagen sie: Vom Himmel, wird Jesus sie fragen, warum sie ihr dann nicht geglaubt haben. Sagen sie: Alles Menschenwerk, wird es mit dem Volk Ärger geben: Fast alle halte Johannes für einen Propheten.

Darum sagen Sie: Wir wissen es nicht. Und Jesus sagt: Also sage ich euch auch nicht, woher meine Rechte, meine Vollmacht kommen. Und frag, und da sind wir beim Predigttext für heute Mt 21 ab Vers 28:

28 »Was sagt ihr ´zu folgender Geschichte`? Ein Mann hatte zwei Söhne. Er ging zu dem einen und sagte: ›Mein Sohn, geh und arbeite heute im Weinberg!‹ –
29 ›Ich will aber nicht‹, erwiderte dieser.
Später bereute er seine Antwort und ging doch.
30 Der Vater wandte sich mit derselben Bitte auch an den anderen Sohn. ›Selbstverständlich, Vater‹, erwiderte dieser,
aber dann ging er doch nicht.
31 Wer von den beiden hat nun getan, was der Vater wollte?« – »Der erste«, antworteten sie.
Da sagte Jesus zu ihnen: »Ich versichere euch:
Die Zolleinnehmer und die Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr.
32 Denn Johannes ist gekommen und hat euch den Weg der Gerechtigkeit gezeigt, und ihr habt ihm nicht geglaubt. Die Zolleinnehmer und die Huren dagegen haben ihm geglaubt.
Ihr habt es gesehen, und trotzdem wart ihr nicht einmal nachträglich bereit, eure Haltung zu ändern und ihm zu glauben.«

Es war die falsche Frage, die ihr gestellt habt, verdeutlicht Jesus mit diesem Gleichnis. Nicht Zeugnisse oder Dienstausweise sind wichtig. Denn in der Sache Gottes geht es um eine Wahrheit, die nicht auf ein Blatt Papier oder eine Rede zu fesseln ist. Es geht
um den GEIST, der von ihr ausgeht.

Wer den Himmel sucht, muss danach hören, was Gott will. Denn es ist sein Himmel, nicht der Himmel der Vögel und Astronauten. Der ist oft leer, oft dunkel und kalt.

Der Himmel Gottes aber ist schön, voller Licht und Wärme. Er gehört weder der Pilotenvereinigung Cockpit noch der NASA, nicht einmal irgendeiner Religionsgemeinschaft, und sei sie noch so groß. Vollmachten, die Menschen Menschen geben, helfen hier niemandem weiter. Wer den Himmel will, muss Gottes Geist nachspüren. Keine Menschenbeweise oder notarielle Urkunden können dabei helfen.

Darum erzählt Jesus von diesen beiden Söhnen. Ein Vater geht zu seinem ersten Sohn.

Jesu Zuhörer merken auf schon hier auf. Wenn der Vater nicht bettelarm war, und das war er nicht, denn er hatte einen Weinberg: Warum lässt er ihn nicht rufen? Der Sohn hat zum Vater zu kommen, ohne Zeitverzug, mit allem Respekt, so gehört es sich.

„Mein Sohn“, so spricht der Vater ihn an, liebevoll, geradezu zärtlich. Ein enges Band verbindet ihn mit seinem Kind. Das Glück, diesen Sohn zu haben, schwingt hörbar in dieser Anrede mit.

Der Auftrag des Vaters dann ist nichts Besonderes: Der Sohn soll in den Weinberg gehen und dort arbeiten. Vielleicht sind die Reben zu schneiden, vielleicht Wege zu pflegen, was auch immer: Der Sohn wird es sehen, er ist ja nicht zum ersten Mal im Weinberg des Vaters.

Die Antwort des Sohnes indes verblüfft schon wieder: „Nein, ich will nicht.“ Keine Anrede, keine Entschuldigung, nur schroffe Ablehnung.

Den Zuhörern damals wird der Atem stocken. Denn da kommt der Vater selbst zum Sohn. Da redet er ihn fast zärtlich an. Wie kann der auf das liebevolle Werben des Vaters so schroff und kalt reagieren? Das aber war nicht nur unverschämt, das war in jener Zeit sogar ein Vergehen. Wer dem Vater die Arbeit verweigert, so sagt Josephus, der verdient die Todesstrafe. Hat dieser Sohn nicht selbst sein eigenes Urteil gesprochen? Die Zuhörer damals sind sicher fertig mit ihm.

Der ungehobelte Sohn aber ist doch für eine Überraschung gut: Er überlegt es sich anders. Er geht hin und tut, was er gerade noch abgelehnt hat. Vielleicht war er noch in der Pubertät, wenn es die damals schon gegeben haben sollte. Sein Gewissen wird sich gemeldet haben und das Gewicht der Faulheit weggehoben haben.

Der Vater aber ist schon auf dem Weg zum zweiten Sohn. Er kommt zu ihm mit „derselben Bitte“, steht da, also wird auch die Anrede keine andere gewesen sein. Verschieden mögen sie sein, seine Söhne. Verschieden lieben aber tut er sie nicht.

Also bittet den zweiten ebenfalls um die Arbeit im Weinberg. Der weiß nun gleich, was sich gehört. Vielleicht ist er älter als sein Bruder. Er hält sich also an die Regeln. „Ja, Herr“, lautet seine Antwort. Respektvoll, korrekt in Form und Wortwahl. Er weiß, was er seinem Vater schuldig ist. Nur: Er tut es nicht.

Auch dieser Sohn ist also für eine Überraschung gut. Und die Zuhörer bleiben ratlos zurück. Damals wie heute. Was ist nun von diesem Sohn zu halten? Was ist zu beiden zu sagen? Was soll man über den Vater denken?

Jesus greift oft mitten ins Leben, wenn er erzählt. Vom Sohn, der sein Erbe verprasst und damit alles verliert, sogar das Recht auf seine Familie. Oder gleich nach unserer Stelle das Gleichnis von den bösen Weingärtnern, die ihre Pacht nicht zahlen wollen und dafür sogar den Sohn des Eigentümers umbringen.

Wie gut Jesus die Menschen doch kennt. Und immer fragten sich die Zuhörer gleich, wo sie selbst stehen würden in dieser Geschichte.  Armer Vater, denke ich zuerst. Einen dritten Sohn, der geradlinig etwas sagt und es dann auch tut – den hat er offenbar nicht.
Verlässlichkeit im Leben aber funktioniert nur so. Also wenn ich der Vater wäre, täte ich mir selber leid.

Aber dann hänge ich den beiden Söhnen nach. Welcher von beiden wäre ich? Die Antwort macht mich ratlos: Ich bin beide. Beides kenne ich von mir. Dass ich schroff Nein sage. Weil ich schlecht geschlafen habe, mein Terminkalender keine freien Stunden mehr hat oder ich einfach nur keine Lust habe zu dem, was da einer von mir will. Und dass ich es dann doch tue.

Das aber bin ich auch: Dass ich freundlich Ja sage. Weil das Erwartung und Formen von mir so wollen. Weil ich meine Ruhe haben will. Weil ich wirklich vorhabe, zu tun, was mein Gegenüber möchte. Dann aber mache ich es nicht: Weil ich schlecht geschlafen habe,
mein Terminkalender wirklich keine freien Stunden mehr hat, oder ich einfach keine Lust habe zu dem, was da einer von mir will: Ich verschiebe es von einem Tag auf den anderen, bringe es einfach nicht auf die Reihe, die Sache zu erledigen.

Jesu Frage nach der Erzählung aber beendet mein Grübeln. Er will gar nicht wissen, welcher der beiden Söhne ich wäre. Er lässt mich in meiner zweigeteilten Persönlichkeit. Welcher von beiden hat den Willen des Vaters getan?

Ach, so einfach ist das. Gar nicht so peinlich. Na das ist doch völlig klar. Der natürlich, der in den Weinberg ging, um zu arbeiten. Gibt es denn irgendwen, der wirklich anders antworten würde?

Die Zolleinnehmer und die Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr.
32 Denn Johannes ist gekommen und hat euch den Weg der Gerechtigkeit gezeigt, und ihr habt ihm nicht geglaubt. Die Zolleinnehmer und die Huren dagegen haben ihm geglaubt.
Ihr habt es gesehen, und trotzdem wart ihr nicht einmal nachträglich bereit, eure Haltung zu ändern und ihm zu glauben.«

Eine harte Ansage an Jesu Gesprächspartner. So richtig verwundert es keinen, dass sie nach diesem Gleichnis und erst recht nicht nach dem Folgenden von den bösen Weingärtnern seine Feinde wurden.

Und ich habe mal wieder Glück. Die Gnade der späten Geburt.
Ich komme ich ungeschoren davon. Ich lese die Geschichten vom Ende her. Ich weiß doch die Antworten, die Jesus hätte hören wollen. Die Taufe des Johannes war eine Gotteswahrheit, kein Menschenwerk. Ich hätte das gleich gewusst. Und ihr auch.

Aber habe ich dann nur deshalb über dieses Gleichnis nachgedacht, um zu begreifen, warum Jesus sich Feinde fürs Leben machte? Oder um mit euch über das Leben nachzudenken, so dass wir nachher alle sagen: Ja ja, so ist es: Neinsager oder Jasager, Wendeherzen oder Wendehälse: Die beiden auseinanderhalten kann schließlich nur der, der in den Weinberg geht um nachzuschauen, wer arbeitet und wer nicht. Ist es das, was wir jetzt tun sollten? Wo steckt hier die Botschaft, die uns alle zuversichtlicher und froher nach Hause gehen lässt, als wir hergekommen sind?

Meine Schwestern, meine Brüder:

Wir haben das Glück, dass wir Zeit haben. Wir müssen uns auf keine Seite schlagen, uns für den einen oder die andere entscheiden. Wir haben Zeit, um darüber nachzudenken, wie wir es selbst anpacken würden, in den Himmel zu kommen.

Jesus will doch sein Gegenüber aufwecken. Will ihnen deutlich machen, worauf es wirklich ankommt, wenn man den Himmel finden will.

Es kommt nicht auf Zeugnisse, Guthaben oder Beurteilungen an. Es kommt darauf an, nach Gott zu fragen, seinen Geist zu spüren. Gottes Willen zu erkennen und DANN in seinen Weinberg zu gehen. Wenn man den Himmel finden will. Aber dazu sind wir ja alle hier.

Und wer sich selbst in beiden Söhnen dieses Gleichnisses wiedergefunden hat, muss ja auch nicht falsch liegen. Denn so lange wir leben, werden wir es zwar versuchen, aufrichtig zu sein, geradlinig, Worte und Taten übereinstimmen zu lassen, Gottes Willen zu hinterfragen, und zu tun, was wir für richtig erkannt haben.

Aber kaum jemand wäre so vermessen, von sich zu behaupten, dass es ihm immer gelingt und immer gelingen wird. Nein sagen – und doch tun, Ja sagen – und doch nicht tun – so sind wir Menschen, hochmütig oder kleinmütig, aber nie unfehlbar.

Es würde mich darum sehr wundern, wenn der Vater in unserem Gleichnis dieses Verhalten seiner Söhne zum ersten Mal erlebt hätte. Das wäre lebensfern. Der Vater wird sie kennen, seine Söhne, wird sich nicht zum ersten Mal über ihre fehlende Geradlinigkeit oder ihre Unzuverlässigkeit zumindest wundern müssen.

Aber dennoch er kommt nicht gereizt oder übellaunig zu beiden. Seine Anrede ist die Liebe selbst. Er ist stolz auf beide Kinder. Auch wenn sie ihn immer wieder einmal enttäuschen: Er rechnet damit, dass sie lernen, dass sie seinen Geist erleben, und dass sie versuchen, es besser zu machen. Mut zum Dienen bekommen, demütig zu sein.

Gottes Anrede an UNS ist AUCH die Liebe selbst. Er lässt uns seinen Geist erleben, weil er mit uns rechnet. Er verspricht uns in der Taufe seine Liebe in die Hand, bleibt im Abendmahl an unserer Seite. Er kommt nicht gereizt oder übellaunig, obwohl er uns kennt und auf böse Überraschungen gefasst ist.

Er lässt uns Zeit, er lässt uns den Himmel offen sehen. Jeder Tag, an dem wir nach Gottes Willen fragen, wird uns dem Himmel ein Stück näher bringen.

Gott bleibt die Liebe selbst. Sein Friede, der größer ist, als all unser Denken es fassen lässt, bewahrt unsere Leiber und Seelen,
bis wir den Himmel erreicht haben. AMEN

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