Singen in der Schubkarre

(Mt 11, 25-30)

An einer Wand ein großes Poster. Aus einer leicht verbeulten Schubkarre, die auf einer Wiese steht, sehen zwei Beine heraus.  Beine in Bluejeans und ohne Schuhe, den Rest des Menschen am Ende der Beine sieht man nicht. Wohl aber eine leuchtend gelbe Butterblume zwischen zwei Zehen. Und dann ist da zu lesen:
Gott hat uns Zeit gegeben. Von Eile war keine Rede.

Ein Soldat sitzt in einer Besprechung in unseren Dienstzimmer in der Kaserne und starrt immer wieder auf dieses Poster. Am Gespräch beteiligt er sich eher fahrig. Als die anderen aufstehen und einer nach dem anderen den Raum verlässt, sagt er beim Hinausgehen: Ich komme nachher noch mal wieder. So was hab ich noch nie gesehen. Eine Kameradin steht neben ihm und quittiert:
Kein Wunder. Du kannst ja auch nie still sitzen.

Nie still sitzen können: So geht es vielen. Ganz wörtlich, aber auch im übertragenen Sinn. Irgendwie immer müde, weil man zu wenig Schlaf hatte oder Alltags –Alpträume. Immer hat man etwas, was zu tun bleibt: Viel zu tun, nur Zeit zum Verschnaufen, aber nicht  für wirkliche Pausen. Das Pensum, das es zu bewältigen gilt, ist viel größer, als dass es abzuarbeiten wäre.

Aber versuchen muss man es – wenigstens das wichtigste muss man schaffen. So setzt man auf Bewegung. Man bewegt sich selbst, läuft schneller und schneller. Innen und außen.

Aber das Leben ist wie der Abwasch in der Küche: Kaum ist man fertig, kommt irgendwer und bringt neues Geschirr. Natürlich schmutzig. Das ist deprimierend, für viele eine Last – und diese Last kommt dann zu den anderen Lasten, die man zu tragen hat, dazu. Je länger man lebt, desto mehr bleibt unerledigt.

Diese Lasten mutieren irgendwann zur steten Sorge, dass man seiner Verantwortung nicht gerecht werden könnte. Da gibt es so viele Dinge, die sein „müssen“ , und dann noch die vielen Erwartungen von allen Seiten. Das nennt sich dann „Alltag“.

Wer kennt es nicht, dieses Gefühl, das alles nicht mehr zu schaffen? nicht mehr genau sagen zu können, was nun wirklich wichtig war und was nicht? Und man schafft es ja tatsächlich nicht. Man bleibt etwas schuldig. Man wird schuldig. Nahe daran, dass Müdigkeit und Lebenslast überhand nehmen.

Kein Wunder. Du kannst ja auch nie still sitzen.

Ich lese aus dem Predigttext Mt 11 ab Vers 25:
25 Zu der Zeit rief Jesus aus: »Ich preise dich, Vater, du Herr über Himmel und Erde, dass du das alles den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast. 26 Ja, Vater, so hast du es gewollt, und dafür preise ich dich…
28 »Kommt zu mir, ihr alle, die ihr euch plagt und von eurer Last fast erdrückt werdet; ich werde sie euch abnehmen. 29 Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir, denn ich bin gütig und von Herzen demütig. So werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. 30 Denn das Joch, das ich auferlege, drückt nicht, und die Last, die ich zu tragen gebe, ist leicht.«

„Kommt her zu mir … so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen“.
Ruhe für die Seele. Genau dass wäre es. Ausruhen, verweilen bei ihm. Aber selbst für viele in der Kirche läuft das Leben wie bei Martha.

Maria: Sie setzt sich, nimmt sich Zeit, um Jesus zuzuhören. Fast jeder wünscht sich, so sein zu können wie sie: Wenn ein Gast kommt, sich mit ihm zu setzen. Wenn er etwas zu sagen hat, ihm zuzuhören. Wieder und wieder nimmt man es sich vor.

Aber dann kommt die Martha in ihnen durch. Getrieben von irgendwas, nach irgendwohin. Sorge, Mühe, Aufwand. Saubermachen, bedienen. Dem Gast soll es an nichts fehlen. Er soll keinen schlechten Eindruck bekommen.

Kein Wunder, du kannst ja auch nie still sitzen.

„Ich will euch erquicken“ – schön hört sich an, wie Luther diese Stelle übersetzt. Mehr noch als das Abnehmen von Lasten: Eine Art Wiederbelebung. Nicht nur Erleichterung, sondern Auftanken. Wie ein tiefer, gesunder Schlaf. Wie ein erfrischendes Bad im Hochsommer. Wie ein Urlaub, ohne Stress, wirklich erholsam, der alle Lebenslast vergessen ließe.

Pause./Kommt her, her zu mir.
Jesu Worte sind verlockend.
Sie ziehen an. Nahezu magisch.

Wie schön muss es sein, bei IHM Ruhe zu finden. Erquickt zu werden. Einen leichten Wind über der Haut zu spüren, Sonne, Schönheit, Kraft zu tanken. Wie kann das wirklich werden? Wie kann ich das schaffen?

Wie ging der Text doch weiter?

„Nehmt mein Joch auf euch!“

Vorbei. Vorbei mit Ruhe, Entspannung, Erfrischung.  „Joch“ – allein das Wort lässt Widerstand wachsen. Es ist hart, es drückt auf die Schultern. An seinen Enden hängen Wassereimer oder Kartoffelkörbe.

Oder ich werde gar „vor den Karren gespannt“. Wie Ochsen oder Brauereipferde. Wer will sich schon vor einen Karren spannen lassen? Ich nicht.

Ein Joch – an ihm hängt sie doch, die Lebenslast, die viele so stöhnen lässt. Befreiung wäre doch, das Joch endlich abzuwerfen. Aber doch nicht ein neues aufzunehmen.

Andererseits: Ein Leben ohne Joch, wäre das nicht ein Leben  ohne Aufgaben, ohne Lasten, ohne Arbeit? Wäre das nicht der Frühling ohne Sonne, ein Film ohne schöne Handlung – ja, wie Töne ohne Melodie?

Nein, das will ich auch nicht. Schließlich will jeder zu irgendetwas gut sein am Tag, nützlich, gebraucht sein. Will am Abend das Gefühl haben, etwas geschafft zu haben, das sich lohnt. Genau das will ich auch.

Also ist es wirklich nicht die Frage, wie man das Lebens-Joch loswerden kann. Es ist die Frage, welches Joch man tragen muss, tragen will. Das Joch, das man sich in der Welt schnell auflegt, ist das der üblichen Verpflichtungen und Erwartungen. Das, was die Menschen von einem erwarten. Und je mehr Menschen man trifft, abhängig auch von politischer Lage und Wohlstandsgefälle, wird es schwer und schwerer. Denn man hängt sich immer Neues an sein Joch.

An seinen Enden hängen bereits die Gesetze, denen man zu folgen hat. Dann noch die Erwartungen der Anderen, denen man genügen will oder muss. Jeden Tag kommen neue hinzu. Sie werden zu den Normen der sogenannten Gesellschaft, was immer „Gesellschaft“ auch heißen mag. Aber auch die persönlichen Ziele, die Zeit- und Kraftopfer fordern, werden dazugehängt.

Was man da nicht alles zu hören bekommen kann:
Ich muss alles tun, um Arbeit zu haben. Notfalls ziehe ich ans Ende der Welt.
Ich muss besser als meine männlichen Kollegen. Sonst ziehe ich als Frau stets den Kürzeren.
Ich muss möglichst viel Geld verdienen, damit ich mithalten kann und im Alter nicht abhängig werde von der Gnade meiner Kinder.
Ich muss jung und dynamisch wirken, damit ich anerkannt werde.
Ich will perfekte Hausfrau, fürsorglicher Vater, anziehende Geliebte, interessanter Partner sein.

Das muss man wirklich gesehen haben. Dort muss man gewesen sein, wenigstens ein Mal im Leben. Der Garten des Nachbarn ist immer in Ordnung. Das kannst du doch nicht machen, was werden die Leute von dir denken. Die Liste der Verpflichtungen, Erwartungen, Eigenverbote wird lang und länger.

Diese Ansammlung von Gesetzen, Erwartungen, Normen und Ziele ist es, die das Joch für nicht wenige drückend schwer werden lassen.  Ohne dass sie dabei merken würden, dass die meisten Lasten nicht von ANDEREN ans Joch gehängt werden.

Jesus aber sagt: Kommt her zu mir!  Versucht es mit meinen Verpflichtungen, meinen Normen, meinen Zielen! Lernt von mir!

Jesus hängt Sanftheit und Demut an das Joch. Er strebt nicht nach vermeintlich hohen Zielen, nicht nach Stolz, Ruhm, Anerkennung. Es geht ihm nicht darum, der Größte zu sein. Er will nicht über, sondern neben den Menschen stehen, ihnen zur Seite sein.

Weil er Gott nahe sein will, die Verbindung zu ihm halten will, im Gespräch mit ihm bleiben, ihn kennen will.

Das ist sein Joch: Es ist ein Joch ohne.

Ohne Reichtum, ohne Erfolg, ohne Absicherungswahn, ohne Gewaltandrohung, ohne Machtbesessenheit.
Sein Joch ist das, an dessen Enden die Lasten dieser Welt fehlen.
Darum drückt es nicht. Darum ist es leicht, es ist sanft.

Das soll Leben erfüllen? Das soll zum Glück reichen? Und wenn: Könnte das nicht jeder einfach tun? Und warum tut es denn kaum einer, wenn das so einfach ist?

Weil nur die kleinen Leute es können, sagt Jesus. Die, die klug sein wollen, vermögen es oft nicht, es zu fassen, denn DEMUT ist es, was das Joch Jesu leicht macht. Der Mut, anderen zu dienen und sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Sich neben sie, nicht über sie zu stellen.

Die Unmündigen können das, sagt Jesus. Die, denen klar ist, dass sie abhängig sind. Nicht nur gelegentlich, sondern immer, an jedem Tag, von morgens bis abends. Die begriffen haben, dass sie ihr Leben niemals in die eigene Hand bekommen werden, so sehr sie sich auch darum mühen.

Meine Schwestern, meine Brüder:
Wer dies erkennen kann, der findet plötzlich Zeit, weil er entdeckt, dass Gott sie ihm schenkt – an jedem Tag neu. Der lässt sich keine Eile mehr auflegen. Zumindest keine unnötige. Macht die Schubkarre zur Gartenliege und genießt, was Gott verschenkt.

Der kann sich neben seine Nächsten stellen und den Mut fassen, ihnen zur Seite zu sein. Und dabei KANN man gar nichts verpassen, was wichtiger wäre.

Der kann die Töne sammeln und zur Musik werden lassen. Sogar Töne, die er selbst macht, so wie er es eben vermag: Der kann Singen.

Für die übergroße Mehrheit der Träger des Weltjoches ist Singen die reinste Zeitverschwendung. Was schafft einer, der singt? Wenn er nicht einmal Geld dafür bekommt? Oder zumindest im Fußballstadion steht?

Wir aber können singen, aus voller Kehle, ohne falsch und richtig. Weil wir abhängig sind, ohne darunter zu leiden. Dienen können, ohne etwas zu verpassen.

Denn wir sind abhängig von einem, der einfach verschenkt, was wir brauchen: Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sind das Joch, das uns erquickt. Lebenslang.

Dieser Beitrag wurde unter Predigten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.