Raus aus dem Gefängnis (Mt 28,1-10)

In der Nacht, da er verraten ward
setzte sich Jesus an einen Tisch
mit dem Verräter
mit dem Verleugner
mit den Ängstlichen
alle würden ihn verlassen

In der Nacht, da er verraten ward
feiern sie das Passamahl

Hier wird Brot und Wein
durch ihn zu Leib und Blut
für die am Tisch
die ihn so nötig hatten
und ihn doch verließen

am Ostertag  aber
steht er auf
wird wieder Brot und Wein
für uns ins Leben verwandelt
die wir es so nötig haben
auf IHN alle Hoffnung zu setzen

und ER spricht:
Ich war tot,
und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit
und habe die Schlüssel
des Todes und der Hölle.
Offenbarung 1,18
***
Etwas, was zunächst gar nichts mit Ostern zu tun hat, ist das Strafvollzuggesetz. Dort steht in § 22: »Im Vollzug der Freiheitsstrafe soll der Gefangene fähig werden, künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen«

In den wahrscheinlich allermeisten Fällen funktioniert genau das aber leider nicht. Ein ehemaliger Strafgefangener hat mir erzählt, wie er seine Zeit im Knast einordnet:

„Man kommt ins Gefängnis, weil man gegen das Gesetz verstoßen hat. Meist, weil man sich in irgend einer Weise an seinen Mitmenschen vergangen hat. In jedem Falle gegen die Regeln der Gesellschaft. Dafür wird man eingesperrt.
Das Problem scheint mir: Viele, die eingesperrt sind, vielleicht die meisten, haben in ihrem Leben vorher genau das gleiche Verhalten sich selbst gegenüber erlebt, weswegen sie nun in Haft gekommen sind.
Mir geht es jetzt nicht darum, alles auf eine schwere Jugend zu schieben. Aber wie soll man etwas leben, was man nicht kennt, weil man bisher nichts anderes erlebt hat? Und im Gefängnis ist es damit nicht zu Ende, sondern da setzt sich das fort. Denn da sind viele, die nie besseres erlebt haben. Wie soll man dann lernen, wie es „besser“ geht?
Also erfährt man im Gefängnis das eigene, gesellschaftsfeindliche Fehl-Verhalten an jedem Tag aufs Neue. Es wird gestohlen, betrogen, geschubst, geschlagen. Nur ist es bei diesem Mal staatlich geduldet. Bestenfalls lernt man, dem ein wenig gegenzusteuern. Indem man anderen hilft, sich gegen Übergriffe zur Wehr zu setzen. Bücher oder Zeitungen tauscht. Zigaretten teilt.
Aber viel mehr können die meisten gar nicht lernen, weil sie im Knast die Falschen treffen oder zu den Richtigen keinen Zugang finden. Dann kommen sie raus, und der Knast dient ihnen bestenfalls als Abschreckung: Da will keiner mehr rein.
Das kann es aber nicht sein. Ich hätte tatsächlich lernen wollen, „künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen“. Aber im Gefängnis war ich doppelt gefangen: Hinter Mauern und Gittern, in meinem alten Leben.“

Doppelt gefangen:
Viele sind das auch draußen, in vermeintlicher Freiheit. Gefangen in ihrem Leben auf Gleisen, von denen sie nicht so einfach herunterkommen wie sie das möchten.
Und gefangen in den eigenen Vorstellungen, die sie über das Leben haben.

Und genau da sind wir bei Ostern. In dieser doppelten Gefangenschaft ist Ostern für viele überhaupt nicht zu sehen. Denn sie haben nicht gelernt, Dinge wahrzunehmen, die nicht ganz offen vor Augen liegen.
Sie sagen „ich hoffe“ und meinen nur „ich wünsche“:
Ich hoffe, dass morgen gutes Wetter wird.
Sie sagen, „ich glaube“, und meinen nur „ich vermute“:
Ich glaube, dass das Bier ist alle.

Das Leben, doppelt gefangen:
Gefangen in den Gleisen der Wirklichkeit, wie sie nach bloßem Hinsehen erkennbar ist.
Gefangen in der Vorstellungskraft einer modernen Gläubigkeit, die alles auf naturwissenschaftlich Erklärbares reduziert.

Dann aber ist die Osterbotschaft sperrig und widerständig. Sie reißt nicht mehr mit. Sie stellt nur ein schweres Rätsel: Wie soll etwas geschehen sein, dass nach allen Regeln menschlicher Vernunft nicht geschehen kann? Und wenn einer doch meint, dass er eine Lösung mit vernünftiger Erklärung GEFUNDEN hat, merkt er schnell, dass aus seiner Erklärung eine NEUES Rätsel herauswächst.

Als wir noch als Kinder „Ich sehe was, was du nicht siehst“ spielten, waren wir noch eher geübt, Dinge zu entdecken, die man sonst eher übersieht. Den braunen Punkt in der ansonsten blauen Iris zum Beispiel. Den dunkelbraunen Hemdknopf neben dem schwarzen.

Ostern aber lässt noch mehr entdecken, lässt sehen, was viele GAR NICHT mehr sehen. Was die beiden Frauen damals sahen. Ich lese die Ostergeschichte nach Matthäus, Kapitel 28 (NGÜ):

1 Nach dem Sabbat, in der Morgendämmerung des ersten Tages der neuen Woche, kamen Maria aus Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen.
2 Plötzlich fing die Erde an, heftig zu beben. Ein Engel des Herrn war vom Himmel herabgekommen und zum Grab getreten. Er wälzte den Stein weg und setzte sich darauf.
3 Seine Gestalt leuchtete wie ein Blitz, und sein Gewand war weiß wie Schnee.
4 Als die Wächter ihn sahen, zitterten sie vor Angst und fielen wie tot zu Boden.
5 Der Engel sagte zu den Frauen: »Ihr braucht euch nicht zu fürchten. Ich weiß, ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten.
6 Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er es vorausgesagt hat. Kommt her und seht euch die Stelle an, wo er gelegen hat.
7 Und dann geht schnell zu seinen Jüngern und sagt ihnen, dass er von den Toten auferstanden ist. Er geht euch nach Galiläa voraus; dort werdet ihr ihn sehen. Ihr könnt euch auf meine Worte verlassen.«
8 Die Frauen waren erschrocken, aber doch voller Freude. So schnell sie konnten, verließen sie das Grab und eilten zu den Jüngern, um ihnen alles zu berichten.
9 Plötzlich trat ihnen Jesus entgegen. »Seid gegrüßt!«, sagte er. Da liefen sie zu ihm hin, warfen sich vor ihm nieder und umfassten seine Füße.
10 »Ihr braucht euch nicht zu fürchten!«, sagte Jesus zu ihnen. »Geht und sagt meinen Brüdern, sie sollen nach Galiläa gehen. Dort werden sie mich sehen.«

Jüdische Hoffnung ist:
Der Gott Israels hält seinem Volk die Treue, schenkt in allem Ungehorsam immer neu Vergebung und ermöglicht den Neuanfang, sogar bis zu einer völlig neuen Schöpfung.

Hesekiel 37,5 „So spricht Gott der HERR zu diesen Gebeinen: Siehe, ich will Odem in euch bringen, dass ihr wieder lebendig werdet.“ – Gott wird sogar die Toten aus den Gräbern holen!

Maria Magdalena und die andere Maria: Diese Hoffnung lebt auch in ihnen, als sie zum Grab gehen. Auch wenn sie im Moment verborgen ist hinter dem Stein, der vor das Grab gewälzt war. Unsere Ostergeschichte nach Matthäus erzählt nun die Geschichte dieser beiden Frauen als GEGENgeschichte zu der der Grabwächter.

Die Frauen brechen am Ende des Sabbat auf. Sie wollen nach dem Grab sehen, um dort in Trauer zu verweilen. Dort am Grab kommen sie an in der Dämmerung des Sonntag, des ersten Tages der Woche. Hier werden sie in ihren Gefühlen und Gedanken, die ganz auf den Tod ausgerichtet sind, jäh unterbrochen.

Ein Erdbeben geschieht. Wie im Moment des Todes Jesu am Kreuz. Wer ein Erdbeben erlebt, spürt etwas Großes, Unberechenbares, Unkontrollierbares. Ich habe das Erdbeben in Pakistan 2005 von Afghanistan aus erlebt und werde das Gefühl nie vergessen: Dort, wo man sonst sein Fundament spürt, wo man eben noch ganz sicher war, FEST stehen zu können, ist plötzlich eine Bewegung, der man wenig bis nichts entgegenzusetzen hat.

Für die Frauen am Grab bricht in ihre Wirklichkeit, die von Tod und Todeserfahrung geprägt ist, eine andere Wirklichkeit ein: Groß, unberechenbar, unkontrollierbar.  Im Erdbeben erscheint der Engel, wälzt den Stein vom Grab und setzt sich darauf.

Der Engel bringt die Licht- und Machtfülle Gottes zum Ausdruck: Strahlend wie der Blitz, weiß wie Schnee gekleidet. Vor den Augen der Frauen nimmt das Jen-Seitige, das ganz Andere eine Gestalt an. Das Verborgene erschließt sich. Auf dem Stein, dem sichtbaren Zeichen der durch den Tod verschütteten Hoffnung, bekommt die Herrlichkeit Gottes Gestalt in dem Engel.

Die Hüter des Todes, die Wachen, werden von diesem Einbruch anderen Lebens so erschreckt, dass sie selbst in einen todesähnlichen Zustand fallen. Sie ertragen die Übermacht des Lebens nicht.

Wie schon in der Weihnachtsgeschichte des Matthäus übernimmt der Engel jetzt erneut die Funktion eines Priesters. Der Engel erklärt, was geschehen ist, und weist an, was geschehen soll.

IHR braucht euch nicht zu fürchten. Überzeugt euch, dass er auferstanden ist, und dann geht. Das hier ist der Ort des Todes, hier braucht ihr nicht zu verweilen. Geht zu seinen Jüngern und sagt ihnen, dass er auferstanden ist. Sie werden ihn in Galiläa sehen können.

Galiläa: Nicht nur Ort, an dem Jesus heilsam wirkte, sondern auch heidnisches Land. Der Missionsbefehl wird eine neue Weite bekommen: Geht hin. Nicht nur nach Israel, sondern zu ALLEN Völkern.

Die Frauen brechen auf: So schnell sie können. Es ist keine Zeit mehr, um im Alten zu verweilen. Sie gehen, so wie der Engel es ihnen aufgetragen hat: Zwar immer noch erschrocken, aber voller Freude.

Darum zweifeln sie auch nicht mehr, als Jesus ihnen in den Weg tritt. In tiefer Verbundenheit und Ehrerbietung umfassen die Frauen Jesu Füße. Und Jesus nimmt ihnen den letzten Rest der Furcht. Wirklich – ihr braucht euch nicht zu fürchten. Geht zu den Jüngern. Wir treffen uns in Galiläa.

Die Frauen, die zum Grab gingen, weil sie vom Tod befangen waren, erleben die Osterbefreiung. Dort, wo ihre Sinne zunächst nur den Tod wahrgenommen hatten, sieht ihr Glaube das Leben hinter allem Leben.

Meine Schwestern, meine Brüder:

Wer Gott nicht zutraut, größer zu sein als alles, was wir uns vorstellen können, wird das Ostergeschehen kaum sehen können. Aber wer in Gott wirklich Gott sieht, wird zu Ostern einen neuen Blick in Gottes Himmel geschenkt bekommen. Für den wird die doppelte Gefangenschaft beendet werden.

Ostern beendet die Gefangenschaft in einer Wirklichkeit, die uns unentrinnbar scheint. Die Wirklichkeit dieser Welt, die gezeichnet ist von vielerlei Furcht und Schrecken.

Korruption, die nur die mächtig sein lässt, die viel Geld haben.
Populismus, der so tut, als ob er wisse, was für „das Volk“ und „die Menschen“ am besten sei, und dass sich der Einzelne einfach nur diesem Wissen unterordnen müsse.
Terrorismus, der mit dem Messer in der Hand, dem LKW oder dem Sprengstoffgürtel Tod und Verderben verbreitet.
Der Tod, der suggeriert, alles Leben finde in ihm sein Ende.

Christus, der Herr, ist auferstanden:
Gott war also auch im Terror des Todes seines Sohnes am Kreuz anwesend. Jesus hatte recht! Er hat alle Barrieren zwischen Gott und Mensch weggehoben. Die Sünde ist zwar noch da, aber sie hat keine Macht mehr über die, die zu Gott gehören wollen.

Ostern beendet die Gefangenschaft des Vorstellbaren.
Christus, der Herr, ist auferstanden: Der Tod ist nicht das Ende allen Lebens. Gott erträgt am Kreuz sogar das Nein der Menschen. Das Kreuz war nicht das Ende der Liebe Gottes. Jesus hatte recht: Liebe kennt keine Trennung. Sie bleibt, denn ihr Grund ist ewig, weil Gott ewig ist.

Ostern: Das Ende unserer doppelten Gefangenschaft.
Ostern hebt das Leben aus den eingefahren Gleisen und lässt Gottes Himmel sehen.
Hier ist niemand mehr gefangen in der Vorstellungswelt dessen, was Menschen begreifen, planen oder berechnen können.

Darum wird auch in unserem Leben Gottes Liebe die Oberhand behalten. Egal, was kommen wird, wir leben in der Zukunft Gottes.

Geht nach Galiläa, geht in die Zukunft. Es wird uns zwar niemand sagen, die die aussieht. Aber wir können hingehen, ohne Furcht, nicht allein, die Zusage des Engels wird uns begleiten:
Christus, der Herr, ist auferstanden.

Hier ist die Liebe Gottes,
die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes.
Denn: Er ist wahrhaftig auferstanden.
Amen.

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