Nicht neben, mit ihnen (Joh 1,14)

Joseph oder Rut, Daniel oder Paulus: Sie alle spielten eine Rolle in unserer Gebetswoche. Und auch wenn hunderte, vielleicht tausende Jahre zwischen diesen Menschen aus der Bibel liegen mögen: Eines war ihnen allen gemeinsam. Ihr Lebensweg führte sie weg von dem Ort, den sie ihr Zuhause nannten.

Und der Ort, an dem sie dann ankamen, den sie als Fremde erfuhren, an dem sie sich einrichteten oder einrichten mussten: Dieser neue Ort ließ sie eine wichtige Wahrheit begreifen. Auch dieser neue Ort war ein Ort Gottes. Egal ob in Ägypten oder Bethlehem, in der Löwengrube oder in Korinth: Gott war nirgends fern.

Gottesnähe, Gottesferne: AUCH eine Frage der Perspektive. Zum Beispiel in der Geschichte von Joseph. Als er aus dem Brunnen geholt und in die Sklaverei nach Ägypten verkauft wurde, wird der Beobachter von AUßEN sagen: Sein Gott hat ihn verlassen.

WIR können aber eine andere Blickrichtung einnehmen, weil wir die ganze Geschichte kennen. Wir können sagen: Gott hat Joseph nie verlassen, sondern hat alles wunderbar zu einem guten Ende kommen lassen.

Gottesnähe, Gottesferne: In jedem Falle eine Frage der Existenz für den, der glaubt. Denn wenn wir als Christen leben wollen, oder ich formuliere vorsichtiger: Wenn wir Christen werden wollen, BRAUCHEN wir die Nähe Gottes. Wir müssen Gott fühlen, erleben, verstehen.

Fühlen, erleben, verstehen wir Gott nicht: Dann leben wir in der Gefahr, dass der Glaubenszweifel den Glauben so klein werden lässt, dass Gott keine Rolle mehr zu spielen scheint. Und das, obwohl er der Regisseur ist.

Was man daran sehen kann: Der Wechsel der Perspektive ist wichtig. Gerade für den Glauben. Für unseren, damit wir Glaubenszweifel als CHANCE begreifen, an der wir wachsen können.

Wichtig aber auch für die Menschen, denen Gott fern zu sein scheint. Durch den Perspektivwechsel können wir sehen lernen, was es denn ist, was sie glauben lässt, dass sie nicht glauben. Was sie davon ABHÄLT, ihren Lebens-Weg als Weg MIT Gott zu leben.

Der Bibeltext für den Abschluss unserer Allianzgebetswoche ist der 14. Vers aus dem 1. Kapitel des Johannesevangeliums:

14 Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

Diesen Vers kennt wahrscheinlich jeder von uns. Denn zu Weihnachten wird dieser Text oft gelesen. In meiner Gemeinde gehört er fest in die Gottesdienste am 2. Weihnachtstag. Da wird er oft aus der Neuen Genfer Übersetzung gelesen:

14 Er, der das Wort ist, wurde ein Mensch von Fleisch und Blut und LEBTE unter uns. Und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit voller Gnade und Wahrheit, wie nur er als der einzige Sohn sie besitzt, er, der vom Vater kommt.

Die Änderung der Blickrichtung. Gerade macht das Weihnachtsfest ja so besonders. Hier wechselt kein MENSCH den Ort, sondern Gott selbst. Gott steigt herab vom Thron der Himmel und wird zum Kind in der Krippe.

Das ewige Wort, das das Universum schuf, wird ein Wesen aus Fleisch und Blut, schlägt sein Zelt unter uns auf, BLEIBT unter uns, lebt mit uns. Und DARIN wird sie sichtbar: Die Herrlichkeit Gottes. Gnade und Wahrheit. Voller Liebe, Wärme und Zuwendung. In Verlässlichkeit, Integrität und Konsequenz des Lebens Jesu Christi. Bis zu seinem Tod am Kreuz.

Gott wechselt FÜR die Menschen nicht nur den Ort, er lebt mit ihnen. Näher kann Gott ihnen nicht kommen. Deutlicher kann er nicht zeigen, wie wichtig ihm die Menschen sind. Das ist Weihnachten- zumindest in der Perspektive derer, die Jahr für Jahr wieder voller Entzücken lesen:

14 Er, der das Wort ist, wurde ein Mensch von Fleisch und Blut und LEBTE unter uns. Und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit voller Gnade und Wahrheit, wie nur er als der einzige Sohn sie besitzt, er, der vom Vater kommt.

Wie ist es aber in der Perspektive derer, die nur am Heiligen Abend in die Kirche gehen? Oder derer, die überhaupt noch keine Kirche von innen gesehen haben? Wir wissen ja, dass es diese Menschen gibt. Und wir werden nicht müde, sie zu zählen und festzustellen, dass sie in der Mehrheit seien. Auch und gerade in unserer Stadt.

Immer wieder höre ich unter uns die verärgerte Rede von den U-Boot- Christen, die einmal im Jahr auftauchen, nur um dann wieder bis zum nächsten Weihnachtsfest unterzutauchen. Immer wieder höre ich unter uns das Argument, dass nur die freie Tage über Weihnachten bekommen sollten, die auch wüssten, was da gefeiert werde. Immer wieder erlebe ich unter uns die, die sich selber im Licht wähnen und „die anderen draußen“ im Dunkel.

Nur: KENNEN wir die, die mit Weihnachten und in der Folge mit Gott nichts anfangen können? WISSEN wir um ihren Blick auf die Dinge? BEGREIFEN wir, warum ihnen der Blick auf die „Herrlichkeit voller Gnade und Wahrheit“ versperrt ist? Es gibt nicht den einen Grund. Jeder Mensch hat SEINEN Grund.

Denn das Weihnachts- Problem ist groß. Alle Jahre wieder erscheint der Engel und schreit, Gott sei Mensch geworden, hier und dort, in den Ländern des Elends und auch bei uns in Europa, die Menschen aber sind entzückt vom Christbaum und hören nicht.

Das ist unsere Realität. „Gott ist Mensch geworden, damit die Menschen vergöttlichen würden“ – das ist zwar theologisch eine große Sache. Aber es ist kein Thema für die Vielen. Die weihnachtliche Annäherung der Qualitäten von Gott und Mensch IST nicht anrührend, vielleicht nicht MEHR.

Denn die Qualitäten des menschlichen Daseins haben sich mit steigendem Wohlstand und Hochleistungs-Medizin mehr und mehr verbessert. Der Qualitäts- Unterschied zwischen Gott und Mensch ist darum eben KEIN Problem, dass die Herzen der Massen bewegt, nicht mal mehr IN den Gemeinden. Und wenn Gott erst einmal ganz abhanden gekommen ist – warum soll man selbst so werden wollen, wie er es will?

Also: Die vielen anderen feiern kein Weihnachten, weil sie keines BRAUCHEN. Sie freuen sich auf arbeitsfreie Tage. Wenn sie sich im Dunkel fühlen, schalten sie das Licht an, dank LED- Technik inzwischen ohne große laufende Kosten.

Und wenn einer zu ihnen käme und frei nach Johannes sagen würde: komm zu Jesus, er ist das Licht der Welt! würde der mit der Schulter zucken und sagen: Na und? Brauch ich nicht. Ist doch hell genug hier.

Was tun? Wie die Weihnachtsbotschaft weitertragen? Guter Rat scheint teuer. Was hat Gott denn getan?

14 Er, der das Wort ist, wurde ein Mensch von Fleisch und Blut und LEBTE unter uns.

Das bedeutet doch: Er wohnt bei MIR, hört mir zu, nimmt mich ernst, redet mit mir, ganze Nächte hindurch, wenn es denn sein muss. Und DANN geschieht es:

Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit voller Gnade und Wahrheit, wie nur er als der einzige Sohn sie besitzt, er, der vom Vater kommt.

Als er bei mir wohnte und mit mir lebte habe ich irgendwann begriffen, wie groß Gott ist, welchen Schatz er für mein Leben ist. Und dass Jesus Christus der ist, der mich zu Gott führt.

Bleibt die Frage: Wie kann das HEUTE, unter uns und durch uns geschehen? 2018 Jahre nach Christi Geburt? Das Menschen begeistert werden von dem, was zur Weihnacht geschah?

Dazu will ich eine Geschichte erzählen: Es war einmal vor langer Zeit ein Fuhrunternehmer in einer kleinen Stadt. Mit seinem Pferdefuhrwerk brachte er nicht nur Waren an den Bestimmungsort, sondern auch kleinere Reisegesellschaften auf einem Weg durch den großen Wald auf dessen andere Seite.

So geschah es an einem Wintertag, dass eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft mitgenommen werden wollte: ein Mann mit seiner Schwester und ein weiterer Mann mit seiner Frau. Nur die beiden Männer kannten sich flüchtig, denn sie betrieben Handel mit denselben Waren. Sie waren, wie man erwarten kann, einander nicht übermäßig freundlich gesonnen. So setzte sich die Reisegesellschaft in den nicht gerade bequemen Planwagen, zwei Pferde wurden vorgespannt, und es war der Plan, am Abend den Weg durch den Wald genommen zu haben.

Doch schon als man in dessen Mitte angelangt war, setzte Schneetreiben ein, das bald so heftig wurde, dass an ein Weiterkommen nicht zu denken war. So blieb der Wagen unglücklich stecken, und den Menschen blieb nichts anderes, als die Plane gegen die Kälte abzudichten und sich nahe beieinander zu setzen.

Als allen die Not offenbar geworden war, da begannen sie, die vorher kein Wort miteinander gewechselt, ihr Schweigen zu brechen. Denn es war so, dass, wenn sie sprachen, sie weniger froren. Und es war so, dass sie nichts weiter tun konnten, als miteinander zu reden, Mobiltelefone oder den ADAC gab es ja nicht.

So redeten einer nach dem anderen nicht nur über andere Menschen und andere Dinge, sondern auch darüber, woran er selbst hing. Und es war so, dass in den langen Stunden der Nacht die Gespräche immer tiefer wurden und immer mehr um die Fragen von Sinn und Sein, von Liebe und Zweifeln, von Gott und Tod, von Leben und Leiden kreisten.

Und die Fahrgäste mit dem Kutscher entdeckten, dass ihnen viel mehr Dinge gemeinsam lieb waren, als sie vorher hatten zugeben können oder wussten. Und sie fanden heraus, dass sie nie zuvor so viel reine Zeit füreinander und miteinander hatten aufbringen können. Und sie fanden, dass sie in dem, was sie liebten, als Menschen einander in vielen Dingen sehr ähnlich waren.

Und das war auch bei den Männern so, die sonst nichts kannten, als einander die Kunden wegzuschnappen. Jetzt merkten sie, dass sie in Wirklichkeit, da sie nun keine Maske mehr trugen, einander gute Freunde sein konnten. Und sie teilten einander ihre Sehnsucht mit nach Sonne und Leben und Schönheit und Frühling. Und sie spürten kein Müdewerden miteinander.

Dann, als der Morgen hereingebrochen, fanden sie zu ihrem Erschrecken, dass die Pferde erfroren waren. Denn es war die kälteste Nacht seit Menschengedenken gewesen. Und als ein Pferdeschlitten, der Platz für sie hatte, sie mitnahm, sprachen sie glücklich über ihre Rettung miteinander.

Der eine Mann sagte: War es nicht, wie wenn es ein Geist des Lebens gewesen wäre, der uns so etwas wie Flügel gab, dass wir nicht erstarrten? Und eine Frau sagte: War es nicht ein Wunder, als das erste Wort unser Schweigen löste? Kommt es nicht immer wieder auf das erste Wort an?

Und der andere Mann sagte: War es nicht wie ein altes Segenslied, was als Melodie hinter unseren langen Gesprächen zu hören war in der Nacht? Und die andere Frau sagte: Sind wir nicht viel tiefer Freunde geworden, als sonst oft Freunde sind? Ich war zum ersten Mal nicht mehr so einsam wie sonst.

Und der Kutscher sagte: Ja, es war wie wie ein Engel, der uns beschützt hat, der seine Hände um uns herum gehalten hat und zugleich mitten unter uns gewesen ist! Und als wir immer herzlicher Freunde wurden in unseren tiefen und offenen Gesprächen – waren wir je so wach trotz kalter Nacht, war je so ein Leuchten trotz aller Dunkelheit?

Meine Schwestern, meine Brüder:

Heute ist der letzte Sonntag nach dem Epiphaniasfest. Für viele unter uns endet mit dieser Woche die Weihnachtszeit, die Weihnachtsbäume werden abgeschmückt, ihr Schmuck in Schachteln verstaut bis zum nächsten Fest.

Jetzt ist genug gefeiert und wir können andere damit anstecken, womit wir angesteckt sind: Mit dem Geheimnis der Weihnacht. Wir können MIT unseren Nächsten leben, wie Gott MIT uns lebt in Jesus Christus. Nicht Neben: Mit.

Fremde- dieses Wort ist Gott fremd. ER kennt jeden Ort, jeden Menschen. Denn:

14 Er, der das Wort ist, wurde ein Mensch von Fleisch und Blut und LEBTE unter uns. Und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit voller Gnade und Wahrheit, wie nur er als der einzige Sohn sie besitzt, er, der vom Vater kommt. AMEN

 

 

 

 

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