Mein Ehrenamt – der Glücksfall für mein Leben (Jer 4 7-10)

Was ist wichtig in meinem Leben,
was nicht?
Was ist wirklich wertvoll,
wo scheint es nur so?
WIE besitze ich?
So, als wenn es mir GEHÖRTE
oder so, dass ich es VERWALTE?

Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen;
und wem viel anvertraut ist,
von dem wird man um so mehr fordern.
Lukas 12,48
***
Die Berufungsgeschichte eines der großen Propheten des Ersten Bundes Gottes mit Israel ist heute Predigttext. Sie steht am Beginn des Buches Jeremia. Und wer das Buch weiterliest, wird förmlich hineingezogen in die Geschichte Jeremias mit Gott und seinem Volk bis hin zum Exil. Selbst heute, 2600 Jahre später, kann man sich der Spannung und Tragik kaum entziehen- versucht es ruhig, ich bin mir sicher, dass ihr das Buch bis zum nächsten Sonntag ausgelesen haben werdet.
Nun zur Berufung Jeremias, ich lese aus 1, 4-10:

Und des HERRN Wort geschah zu mir:
Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete,
und sonderte dich aus,
ehe du von der Mutter geboren wurdest,
und bestellte dich zum Propheten für die Völker.

Ich aber sprach:
Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen;
denn ich bin zu jung.

Der HERR sprach aber zu mir:
Sage nicht: »Ich bin zu jung«,
sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende,
und predigen alles, was ich dir gebiete.
Fürchte dich nicht vor ihnen;
denn ich bin bei dir und will dich erretten…

Und der HERR streckte seine Hand aus
und rührte meinen Mund an
und sprach zu mir:
Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund,
(und)… ich setze dich heute über Völker und Königreiche,
dass du ausreißen und einreißen,
zerstören und verderben sollst
und bauen und pflanzen.

Nicht wahr, schon die Berufungsgeschichte des Propheten macht Lust auf mehr. Es bleibt zwar offen, wie genau Gott sich mit Jeremia in Verbindung setzt, ob durch einen Traum oder ein anderes Ereignis. Für Jeremia selbst aber und all diejenigen, die sein Buch lesen, steht außer Zweifel: Es IST Gott selbst, der sich an Jeremia wendet. Gott selbst ist derjenige, der hier beruft. Und er tut das auf eine Weise, die den Berufenen damals und uns heute ganz in den Bann zieht – durch die Bilder, die benutzt sind.

Wenn Gott einen Menschen anspricht, redet einer, dessen Größe alles Erkennen übertrifft. Schon VOR der Zeugung kennt Gott den Menschen: „Ich kannte dich, EHE ich dich im Mutterleibe bereitete…“ Gott ist es, der Jeremia will und darum werden lässt.

Und schon im Mutterleib sondert er aus. Das bedeutet: Jede unserer Entscheidungen, egal ob die unserer Eltern oder uns selbst, ist zweitrangig. Gott selbst, Schöpfer des Himmels und der Erde, ruft Jeremia in seinen Dienst. Niemand hätte daran etwas ändern können, es gibt kein Hinaus.

Der Berufene selbst aber wehrt sich. Du kannst doch nicht wirklich mich gemeint haben, oder? Ich bin zu jung! Und: Wie soll ich’s ihnen sagen? Man erfährt beim Lesen nicht, ob diese Argumente Jeremias wirklich ernst gemeint sind. „Zu jung“ oder „ich weiß nicht, was ich sagen soll“ – das kann auch einer sagen, der möchte, dass sein Gegenüber ihn noch einmal ordentlich lobt: Ach, du bist doch nicht zu klein, und du kannst doch reden, dein Vater ist schließlich Priester, und du trägst seine Gene in Dir!

Wie auch immer: Gott besteht auf seiner Berufung. Sag das nicht, sondern geh! Und er sagt Jeremia seine göttliche Hilfe zu. Er, Gott selbst, wird die Worte bilden, die Jeremia aussprechen wird, und er wird nichts zu befürchten haben, weil Gott bei ihm sein wird.

Eine irre Szene: Gott streckt seine Hand aus und berührt Jeremias Mund. Eine Legende sagt, dass von dieser Berührung die Kerbe stammt, die bei uns Menschen von der Mitte der Nase zur Oberlippe führt. Diese Berührung rührt Jeremia an, er spürt, wie die Kraft Gottes in seinen Mund hinüberfließt: „Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund, (und)… ich setze dich heute über Völker und Königreiche…“

Wer weiterliest, erfährt: Jeremia lässt sich auf diese Berufung ein. Und er bildet Worte, die uns bis heute in den Ohren und Herzen klingen. Jedes Jahr am heiligen Abend hören wir neu: „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird..“ (22,5). Oder das Wort vom neuen Bund: „ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein…(31,33).

Oder ein Wort, das für viele von uns während der Unterdrückung der Kirche zu DDR- Zeiten einen ganz besonderen Klang bekam: „Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl.“ (28,7)

Wir denken selbst nach 2600 Jahren noch nach über das, was wir von Jeremia lesen können. Er trat seinen Dienst an, sich selbst zur Ehre, also zur eigenen Erfüllung und Freude, wie ich das Wort Ehrenamt gern übersetze. Ein Ehrenamt, dass nicht unter-bezahlt, sondern un-bezahlt ist.

Kein fröhliches Hobby wie eine Modellbahn, sondern eine Zeit der Erfüllung, aber voller Anfechtung, Kampf und Mühe, Ausgrenzung, Anfeindung, schlaflose Nächte.

Jeremia schreibt selbst: „Dein Wort ward meine Speise, sooft ich’s empfing, und dein Wort ist meines Herzens Freude und Trost; denn ich bin ja nach deinem Namen genannt, HERR, Gott Zebaoth. Ich saß nicht im Kreis der Fröhlichen und freute mich, sondern saß einsam, gebeugt von deiner Hand; denn du hast mich erfüllt mit Grimm“ (15, 16f)

Die Schlussverse der Berufungsgeschichte sind also ganz offenbar in übertragenem Sinn zu verstehen: „ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.“ Jeremia wurde nicht der König aller Könige. Aber seine Worte ließen niemanden kalt- selbst uns heute nicht. Und ihn selbst oft zornig und einsam werden.

Und doch wurde er das, was man heute gern „erfolgreich“ nennt.
Auch wenn heute niemand mehr (wie bei einigen anderen Propheten) weiß, womit dieser Jeremia einmal „seine Brötchen verdient“ hat, also was er hauptberuflich tat, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten: Der Ehren-Amtliche Prophet Jeremia ist bis heute unvergessen.

Was hat nun die Berufung eines Propheten vor Tausenden von Jahren mit uns heute zu tun? Zumal der Berufsstand des Propheten in seinen moderneren Ausprägungen durchaus keinen guten Ruf hat.

Umgangssprachlich bezeichnet man oft Wahrsager als Propheten: Sag, wie wird das Wetter am nächsten Sonntag? (Was fragst Du mich? Bin ich Prophet? Hab ich geschrieben großes Buch?) Andere bezeichnen Pfarrer auf den Kanzeln als Propheten, deren Rede man ohnehin nicht trauen könne.

Aber selbst wenn das Prophetenamt heute noch hoch im Kurs stünde: Ich glaube nicht, dass Jeremia uns seine Berufungsgeschichte deshalb aufschreibt, um möglichst alle Leser zu Propheten werden zu lassen. Was hätten wir davon, wenn die ganze Kirche aus Propheten bestünde? Denen ginge es nicht besser als den sprichwörtlichen Köchen: „Viele Köche verderben den Brei“.

Es hätte auch keinen Sinn, wenn Jeremia seine Berufungsgeschichte deshalb aufschreibt, um damit das Folgende als „Gottes Wort“ auszuweisen. Wir wissen doch: So ein Beweis hat kaum Gewicht. Gottes Wort qualifiziert sich durch seinen Inhalt, nicht durch seine Form. Es leuchtet von innen heraus, hat also gar keine göttliche Unterschrift nötig.

Auf viele Worte Jeremias (sicher aber nicht auf alle!) bezogen: Sie werden dann Gottes Wort, wenn ihre göttliche Wahrheit unsere Herzen erreicht. Aber nicht, weil vorher eine so beeindruckende Berufungsgeschichte erzählt ist.

Jeremia gibt seine Geschichte an uns weiter, um uns zu sagen: Hört auf Gottes Stimme! Entzieht euch eurer persönlichen Berufung nicht! Sie ist euer Leben!

Oder um mit den Worten der Evangelienlesung von heute zu sprechen (Mt 25, 14-30): Verschleudert eure Talente nicht!
Alles, was ich zu tun vermag, ist mein Vermögen. Eben NICHT nur auf dem Konto! Alles, was ich besonders gut kann, ist mein Talent. Interessant, dass dieses Wort auch einmal eine Menge Geldes beschrieb, also die Menge eines Vermögens.

Und genau so interessant: Mit beiden Talenten Vermögens muss man gleich umgehen, sonst nutzen sie einem nicht viel. Man muss sie einsetzen, mit ihnen arbeiten. Eingraben schützt einen VIELLEICHT vor Negativzinsen, aber ganz sicher nicht vor Schatzgräbern: Wenn die das Vermögen erst einmal ausgegraben haben, dann habe ich es ganz verloren.

Es geht, meine Schwestern und Brüder,
im übertragenen Sinn also um den Ruf Gottes an uns Menschen. Um unsere BERUFUNG, das, wozu jeder Einzelne von uns berufen ist. Was im besten Sinne Folge unserer Taufe werden kann, wenn wir sie nicht wie ein unliebsames Geburtstagsgeschenk in einer Kiste im Keller verstauben lassen wollen – oder gar wie der unnütze Knecht irgendwo vergraben haben.

Zurück zum Propheten Jeremia. Er wird mit seiner Lebenszeit vielleicht anderes vorgehabt haben als das, was Gott da mit ihm vorhat, ja als das, was Gott ihm da zumutet. Deshalb berichtet er wohl von seinen Einwänden: Zu jung! Weiß nicht was ich sagen soll!

Dieses Herauswinden hört sich in allen Zeiten ähnlich an. Die Argumente dafür klingen nur dem Wort nach anders. Heute vielleicht: Ich bin zu alt! Ich wollte gerade Urlaub machen! Ich habe viel zu viel Arbeit und keine Zeit! Und in Bezug auf die Taufe: Lasst doch die Menschen selbst entscheiden!

Im Wahrheit aber geht es um etwas anderes: Menschen wünschen, autark zu sein. Sich jeder Fremdbestimmung entziehen zu können, selbst festzulegen, was man tut oder lässt. Darum spielt bei vielen der Job des Gelderwerbes eine größere Rolle als das Ehrenamt. Sich selbst alles leisten zu können ist wichtiger als selbst wirklich etwas zu leisten, wenn mir das Wortspiel erlaubt sein kann.

Auch Angst spielt eine Rolle: Angst davor, ausgelacht, nicht ernst genommen, mit Gesten, Worten oder Taten angegriffen zu werden. Das wollen viele lieber gar nicht erst anfangen, davon wollen sie frei sein.

Aber kann man auf diese Weise frei sein? Kann man frei sein, wenn man sich dem Wünschen und Wollen anderer entzieht?
Kann man selbst bestimmen, was man mit seinem Leben anfängt, sich „selbst verwirklichen“ – was immer das auch sein soll? Das ist doch eindeutig eine einseitige Fehleinschätzung menschlicher Lage. Wir sind selten einmal „frei wovon“,
aber immer „frei wozu“.

Wir können entscheiden, was wir essen. Aber wir sind nie frei, zu essen oder nicht zu essen, wenn wir nicht verhungern wollen. Wir können entscheiden, WIE wir mit Menschen umgehen, WIE wir mit ihnen leben wollen. Aber wir können nie entscheiden, OB wir mit anderen Menschen leben wollen oder nicht: Allein wären wir nämlich verloren.

Und genau so können wir zwar entscheiden, WELCHEM Gott wir dienen wollen, aber nicht, OB wir einem Gott dienen. Seinen Glauben zu leben mag schwer sein-aber keinen Glauben zu haben
ist uns Menschen völlig unmöglich. Keinem Gott mit seinem Leben zu dienen ist niemandem von uns gegeben- und wenn es nicht der Schöpfer des Himmels und der Erde sein soll, findet sich eben ein anderer. Und notfalls wird aus dem Talent des Vermögens dabei eine Million schnöden Mammons.

Niemand sieht den Sinn seines Lebens im reinen Überleben. Dann wären wir nicht anders als Tiere (zumindest glauben wir, dass Tiere nur ans Überleben „denken“).

Jeder Mensch steht irgendwann vor der Frage: Welchem größeren Ganzen möchte ich meine Lebenskraft widmen? Worum es im Leben wirklich geht, ist eben NICHT die Wahl des Mittels zum Broterwerb. Es geht vielmehr um erfülltes oder nichterfülltes Leben. Das Fehlen der inneren Berufung ist für immer mehr Menschen unserer Zeit das wirkliche Problem ihres Lebens, oft ohne dass sie dies wirklich erkennen würden.

Ohne Ehrenamt keine wirkliche Ehre: Das Gefühl, einer schönen, großen Sache zu dienen; die Befreiung, eigene Probleme klein werden zu sehen, weil man anderer Menschen Probleme erleichtert hat; zu gehen und es richtig gemacht zu haben.

Wir, liebe Schwestern, liebe Brüder, haben diese Berufung. Gott hat uns in der Taufe beim Namen genannt und in seinen Dienst gestellt. Welches Talent jeder von euch bekommen hat, dass werdet ihr selbst herausfinden, wenn ihr euch fragt, was Gott euch besonders Schönes für euer Leben mitgegeben hat.

Wie auch immer: Christsein ist Ehrenamt, also eben keine Nebensache, keine Sonntagsbeschäftigung für den Hobbyraum.
Sie ist die Berufung des Größten, der uns je begegnet ist.

Und was Gott von uns erwartet, ist nicht irgendetwas und für die Welt verzichtbar, sondern es ist der Dienst an der größten Sache des Lebens.
Unser Dienst an der Liebe Gottes, der Gnade unseres Herrn Jesus Christus und der Gemeinschaft des Heiligen Geistes.
Gott hat uns unser Talent gegeben und seine Unterstützung versprochen.
Zur Ehre Gottes – mein Ehrenamt. AMEN.

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