Kriegsgott? Friedensgott? (Röm 12 17-21)

Urteile
das ist gut
das ist verwerflich
Urteile gehen leicht über die Lippen

DAS URTEIL aber liegt allein bei Gott
er öffnet uns Augen und Herzen
denn allein Vergebung ist es
die Leben schafft

Einer trage des andern Last,
so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.
(Gal 6,2)
***
Ein Bibelgespräch zum Matthäusevangelium. Wir sind bei den Seligpreisungen. „Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen“ (Mt 5,9). Man tauscht Gedanken zum Vers aus.

Es stimmt, sagt einer. Aber mit unserer Welt hat das nichts zu tun. Und dann zitiert er einen Satz, den er irgendwo gehört hat: Mit der Bergpredigt lässt sich eben keine Politik machen.

Ja, sagt eine andere, aber dein Zitat geht noch weiter: Genau so sieht die Politik heute auch aus. Gott will aber Frieden, keinen Krieg. Darum müssen wir Christen einfach besser sein.

Woher weißt du, wehrt sich der erste, dass Gott keinen Krieg will? Das ganze Alte Testament ist doch voll von Mord und Menschenabschlachten. Ja, sagt sie. Aber wir folgen Christus. Der Gott des Alten Testamentes ist vielleicht der Gott des Krieges und der Rache. Aber im Neuen Testament ist Gott der Gott des Friedens.

Der Predigttext für heute scheint ihr recht zu geben. Paulus an die Gemeinde in Rom, Kapitel 12 ab Vers 17 nach der Neuen Genfer Übersetzung:
17 Vergeltet niemand Böses mit Bösem. Bemüht euch um ein vorbildliches Verhalten gegenüber jedermann.
18 Wenn es möglich ist und soweit es an euch liegt, lebt mit allen Menschen in Frieden.
19 Rächt euch nicht selbst, liebe Freunde, sondern überlasst die Rache dem Zorn ´Gottes`. Denn es heißt in der Schrift: »´Das Unrecht` zu rächen ist meine Sache, sagt der Herr; ich werde Vergeltung üben.«
20 Mehr noch: »Wenn dein Feind hungrig ist, gib ihm zu essen, und wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken. Ein solches Verhalten wird ihn zutiefst beschämen.«
21 Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege Böses mit Gutem.

Wer den Gott Israels von ganzem Herzen sucht, wer ihm nahe sein will, begegnet dem Gott des Friedens. Und das richtet das Dasein des Menschen neu aus. Nicht Böses mit Bösem vergelten, möglichst mit allen in Frieden Leben, gerade nicht nur mit denen, die einem Gutes wollen. Paulus schreibt hier in der Sache das, was Matthäus Jahrzehnte später in der Bergpredigt formuliert. Und was Jesus nach allem, was wir wissen, sehr wahrscheinlich auch selbst so gepredigt hat.

Aber auch Jesus hat damit nichts revolutionär Neues gesagt. Er hat etwas in den Mittelpunkt gerückt, was Menschen in ihren Begegnungen mit Gott zwar immer wieder erlebt, aber schon damals oft vergessen haben: Gott ist der Gott des Friedens. Auch im ersten Teil der Bibel, der Bibel, aus der Jesus lebte, ist Gott so zu finden. Drei Beispiele:

Schon in der Joseph-Geschichte, die wir heute gehört haben, ist das hörbar gewesen. „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen…“ (1. Mose 50,20). Das sagt Joseph zu seinen Brüdern, die bekanntlich versucht hatten, ihn umzubringen, und ihn dann in die Sklaverei verkauft hatten. Und Joseph weiter: „So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen“ (V 21).

Die meisten hätten ihrer Verwandtschaft nach dieser Vorgeschichte zumindest die kalte Schulter gezeigt und sie mit leeren Händen wieder nach Hause ziehen lassen. Damals wie heute. Schließlich hatte die Sippe ja wirklich nichts besseres verdient als zu merken, wie das ist: Wenn sich die eigene Familie gegen einen stellt und verrät.

Wahrscheinlich hätten sich die meisten gar an ihnen gerächt. Joseph hätte ja die Macht gehabt, seine Brüder gefangen zu setzen oder ihnen anders weg zu tun. Aber das tut er nicht. Damit lebt Joseph das, was schon Mose zugeschrieben wird. Das zweite Beispiel:

Im Lied des Mose, einem Lehrpsalm, das man im 5. Mose Kap. 32 findet, spricht Gott in V 35: „Die Rache ist mein, ICH will vergelten…“, und V 36 „Denn der HERR wird seinem Volk Recht schaffen…“. Das Bedürfnis nach Rache soll dem Menschen aus seinem Herzen genommen werden. Paulus zitiert genau diese Stelle in unserem Predigtabschnitt. Wer Gott von Herzen sucht, wird es Gott überlassen, Gerechtigkeit herzustellen. Zu richten, zu urteilen, auszurichten und wieder zurecht zu bringen.

Aber selbst jenseits der Familiengeschichte des Joseph oder der theologischen Erörterung des Mose findet sich der Gott des Friedens, sogar mitten in Kampf und Krieg. Das kann man im zweiten Buch der Könige nachlesen, es muss also ungefähr 800 Jahre vor Christus passiert sein. Die möchte ich etwas ausführlicher beschreiben:

Zu der Zeit wirkt der Prophet Elisa. Politisch geht es gerade drunter und drüber: Jeder Räuberhauptmann NENNT sich König und FÜHLT sich auch als kleiner König, wenn er nur ein, zwei Dutzend verwegene Haudegen unter seinem Kommando hat. Und nach Kräften verunsichert so ein König die umliegende Gegend.

Dabei auch die Aramäer und ihr „König“. Jetzt haben sie einen gefährlichen Hinterhalt gelegt. Den König von Israel möchten sie fangen oder doch wenigstens eine prominente Geisel nehmen.
Dem Propheten Elisa gelingt es durch ein Wunder, die Belagerer zu blenden und in die Stadt Samaria zu locken. Und dann erzählt die Bibel Folgendes:

„Als sie nach Samaria kamen, sprach Elisa: HERR, öffne diesen die Augen, dass sie sehen! Und der HERR öffnete ihnen die Augen, und sie sahen, und siehe, da waren sie mitten in Samaria.“ (2. Kön 6,20). Eine ziemlich unangenehme Situation für die Angreifer: Sie sehen sich umringt von den Verteidigern der Stadt und haben keine Chance.

Jetzt kommt der Moment der Abrechnung. So eine wunderbare Gelegenheit lässt sich ein siegreicher Soldat doch nicht entgehen. Schließlich hat man lange genug unter den Banden der Aramäer gelitten.

Wie würde es heute weitergehen? In der EU würden jetzt jedem Einzelnen der Gefangenen ein ordentlicher Prozess ins Haus stehen. Wahrscheinlich würde man sie lange einsperren, mindestens aber entwaffnen und ausweisen.

Anderenorts auf unserer Welt würde man die Gefangenen nach Herzenslust foltern und dann kurzen Prozess mit ihnen machen. Früher hat man auch nicht lange gefackelt, wenn man schon mal der Stärkere war: Köpfe ab – und das Volk jubelt!

Und was geschieht hier, vor dreitausend Jahren mit den Gefangenen? „Als der König von Israel sie sah, sprach er zu Elisa: Mein Vater, soll ich sie erschlagen?“ (2. Kön 6,21) Das ist so, als würde heute die Kanzlerin beim Bischof nachfragen… Ich stelle mir den Aufschrei vor: Staat und Kirche sind sauber zu trennen! Wie geht das eigentlich, wenn doch auch jeder Politiker seine Religion hat?

Und der Prophet spricht: „Du sollst sie nicht erschlagen…Setze ihnen Brot und Wasser vor, dass sie essen und trinken, und lass sie zu ihrem Herrn ziehen!“ (2. Kön 6,22)

Sollte nicht der Stärkere auch der Klügere sein? Was ist gewonnen, wenn man Gleiches mit Gleichem vergilt? Abschreckung: Hat die je funktioniert? Was ist gewonnen, wenn aus den Racheschwüren der Kriegswaisen neue Gewalt heranwächst? Sieht man das nicht gerade im Nahen Osten am besten?

„Da wurde ein großes Mahl bereitet. Und als sie gegessen und getrunken hatten, ließ er sie gehen, dass sie zu ihrem Herrn zogen.“ (2. Kön 6,23). Und weiter ist zu lesen, dass die streifenden Rotten der Aramäer nicht mehr ins Land Israel kamen. Freilich nicht von Dauer, denn die Friedensstifter haben sich noch nicht durchsetzen können. Bis heute nicht. Aber gegeben hat es die Friedensstifter, seit Menschen nach Gott fragen, seine Stimme vernehmen und ihm folgen.

Eines der Hauptthemen des Römerbriefes ist, dass EINZIGE Voraussetzung für Gerechtigkeit ist, Gott zu suchen, ihm zu vertrauen und zu folgen. Gerechtigkeit bedeutet, von Gott ausgerichtet zu sein und dann das eigene Leben auf Gott auszurichten. Gerechtigkeit aus Glauben. Seit Urzeiten, seit Abraham ist das nie anders gewesen.

Darum erinnert Paulus auch hier mit alttestamentlichen Versen daran, dass Gott kein Gott des Krieges, sondern des Friedens ist. „Wenn dein Feind hungrig ist, gib ihm zu essen, und wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken. Ein solches Verhalten wird ihn zutiefst beschämen“. Wörtlich steht da: „Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln“ (Luther nach Sprüche 25,21-22).

„Gut Kind will Keile haben“ – diese Erziehungsregel ist gescheitert. Schläge, Rache oder Mord ändern den Menschen nicht. Wer aber Frieden stiftet, ändert alles von Grund auf. Frieden stiften ist aktive Liebe. Wer Frieden stiftet, trägt des anderen Last, hilft ihm aus der Spirale von Gewalt und Hass, bringt Glück in eine Welt voller Unglück.

Wer feurige Kohlen auf seinem Haupt hat, wird sterben. Das meint hier: Sein altes Leben verlieren. Voller Schmerzen begreifen, WIE falsch er gelegen hat mit Gewalt oder Mord. Er wird es erkennen und ein neues Leben beginnen: Weil er Gott begegnet, der liebt und aus Liebe heraus Frieden stiftet.

So geht es in unserem Predigttext nicht um irgendeine nette Lebensweisheit. Sondern es geht ums Ganze. Um alles. Wer Gott sucht, findet den Gott des Friedens.

Und wer der Meinung ist, es gäbe heilige Kriege, irgendeinen guten Grund für Gewalt und Terror und er hätte dabei den Gott Abrahams und Jesu auf seiner Seite: Der sitzt einem Irrtum auf, der ebenfalls seit Urzeiten die Menschen in seinen Bann zieht und Elend, Mord und Unglück in unsere Welt gebracht hat und bis heute bringt.

Meine Schwestern, meine Brüder,

wir suchen Gott, sein Wort für unser Leben. Darum sind wir hier. Und Gott sagt: Macht Frieden. „Soweit es an euch liegt, lebt mit allen Menschen in Frieden.“ (Röm 12, 18) „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ (Gal 6,2).

Doch viele denken oder sagen es laut: Die Weisheit „der Klügere gibt nach“ begründet die Weltherrschaft der Dummheit. Und meinen damit: Wer nachgibt, ist und bleibt letztlich der Dumme.
Doch ist es dumm, Frieden zu stiften oder ist es dumm, voller
Angst, Hass und Gewalt zu sein und sich dieses Leben zur Hölle zu machen?

Gott will ganz sicher, dass wir klüger werden. Die Mutter meines Vaters, fromm UND bibelfest, sagte oft: Es kommt nicht darauf an, wer Recht hat. Es kommt darauf an, wer Frieden macht.

Sie hatte begriffen: Klug ist nicht, wer das Recht auf seiner Seite hat. Wer die Gesetze kennt. Wer Menschenregeln zu Gottesregeln macht.

Klug ist der, der alles daran setzt, diese Welt besser zu machen. Auf den anderen zuzugehen, ihm nahe zu sein. Zu erkennen, woran er am meisten leidet, welche Lasten er trägt. Ihm diese Lasten vielleicht nicht gleich abzunehmen, das wird man kaum schaffen. Aber ihm beim Tragen zu helfen.

Klug ist der, der so handelt, dass der andere „glühende Kohlen
auf sein Haupt“ sammelt, das alte Leben von Hass und Vergeltung beendet und das neue beginnt: Das Leben mit dem Gott des Friedens.

Das war schon immer die Quelle des Glücks. Eines Lebens, das zu leben sich lohnt. Wer Gott sucht, findet

die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes.

Wer Gott sucht, findet den Gott des Friedens:
Für sich selbst und für diese Welt.

Durch Jesus Christus. Amen.

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