Der Himmel auf Erden (Phil 2, 1-5)

Sehnsucht
nach Leben in freundlicher Gemeinschaft
ohne Sorge um das Wie
nicht auf der Durchreise
nicht nur geduldet
mit erfüllten Tagen
voller Freude
mit geteiltem Leid
Hunger des Körpers und der Seele
gestillt
eine Gemeinschaft der Heiligen
hier gilt es

So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge,
sondern
Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.
Epheser 2,19
***

Was macht das Leben als Christ aus?
Die Antwort des vergangenen Sonntags:
Ich werde mir meiner Taufe bewusst.
Ich bin getauft:
Alle Trauer kann von mir abfallen,
denn ich werde nicht allein weiterziehen, GOTT ist mit mir.
Ich bin getauft:
Alle Zukunftssorge kann von mir abfallen,
denn GOTT sorgt für mich.
Ich bin getauft:
Aller Kleinglaube kann von mir abfallen,
denn GOTT sorgt für den Erfolg seiner Passion, nicht ich.

Was macht das Leben als Christ aus?
Die Antwort dieses Sonntags: Christen bilden eine Gemeinschaft, die einzigartig ist. Die Texte dieses Sonntages sprechen eine eindrucksvolle Sprache und sind voller einnehmender Bilder.

Das Tagesevangelium aus Johannes 6 zum Beispiel:
Fünftausend Menschen würden gezählt, die Jesus und seine Jünger satt bekamen. 5000 Männer genau genommen, dazu kamen noch Frauen und Kinder – also wirklich eine Riesensache.

Oder die alttestamentliche Lesung aus dem 2. Buch Mose. Ein ganzes Volk wird von Gott mit Brot zum Morgen und Wachteln zum Abend versorgt. Und das nicht irgendwo, sondern in der Wüste. Auf dem Weg in die Freiheit, aber an einem Ort, wo alle Mittel zum Überleben wirklich Mangelware sind.

Oder die Lesung aus Apostelgeschichte 2 (die haben wir vorhin gehört!): Menschen hören Gottes Wort und lassen sich taufen, an einem Tag sogar dreitausend.

Und dann lebten sie fast wie im Paradies: In stetem Hören auf das Wort wuchs ihre Gemeinschaft stetig an, sie lebten in aufrichtiger Gottesfurcht im Gebet, feierten täglich das Abendmahl, und niemand musste Not leiden, weil sie untereinander teilten was sie hatten und sich kümmerten sich um die, die es nötig hatten.

Schön wäre es!, habe ich nach dem Gottesdienst am letzten Sonntag von einigen gehört, wenn uns unsere Taufe so verändert hätte. Dass wir froh, frei von Trauer und Sorge und voller Glaubensgewissheit leben könnten. Nicht nur gelegentlich, sondern immer, wenigstens aber meistens. Schön wäre es! Aber so ist es nicht.

Und das gleiche „Schön wäre es!“ liegt vielen heute sicherlich wieder auf der Zunge. Ein ganzes Volk in der Wüste – von Gott mit allem versorgt, was es braucht. Tausende Menschen auf einer Wiese werden satt und es bleibt noch Essen übrig, weil Jesus der Gastgeber ist. Die unschlagbare Urgemeinde in Jerusalem: 3000 Taufen an einem Tag, keine Einsamkeit, kein Hunger, keine Not.

Wie erlebt ihr eure Gemeinde?

Ich habe ja nun schon in mehreren Pfarrstellen gearbeitet. Da war eine mit knapp 3000 Gemeindegliedern, jetzt sind es knapp 300, und manches lag dazwischen. Da gab es mal 30, mal 3 Taufen – aber nicht am Tag oder in der Woche, sondern im Jahr, und auch nur wenn es gut kam. Und die Taufen am Konfirmationstag sind mitgezählt, und da wurde schon mal mehr als die halbe Gruppe getauft.

Ja, schön wär’s wirklich. Aber das Leben in Gemeinden, die eine Jahrhunderte lange Tradition haben, ist doch eher unbeweglich, beschwerlich, in festen Gleisen eingefahren. Die einen schreiben die Hausordnung auf unsichtbarem Papier, die anderen müssen sich daran halten. Kann man das alles aufbrechen? Müsste man da nicht eine neue Gemeinde gründen?

Berichte von Gemeindeneugründungen hört man eher selten. Sehr eindrücklich war mir da eine Geschichte aus einem neuen Vorort von Amsterdam, die ich vor ein paar Jahren gelesen habe. Da ging es um ein schlecht gelauntes Kamel. Das stand da kurz vor Weihnachten und wollte von den Hühnern, die um seine Beine rannten, nichts wissen. Es fand auch den Esel langweilig. Und es wollte nicht an einem Strick herumgeführt werden. Außerdem war es kalt an Heiligabend 2010, sogar in Holland lag Schnee. Das Kamel fror, hatte schlechte Laune und sah genervt auf die Kinder, die vor dem Gatter standen, zurückguckten und staunten.

In den Niederlanden, besonders im Großraum Amsterdam, sind Christen schon länger in der Minderheit. In Amsterdam sind es bei einer Bevölkerung von 750.000 Menschen gerade mal 20.000 evangelische Christen, und das in einem Kernland der Reformation.

Ende der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts war dort wieder durch die berühmte niederländische Methode des Einpolderns ein großes Neubaugebiet aus dem Ijsselmeer trockengelegt worden. Städteplaner planten und bauten in wenigen Jahren Wohnungen und Infrastruktur mit Sporthallen und Kulturräumen für 16.000 neue Bewohner. Nur eine Kirche war nicht vorgesehen, ähnlich wie damals in Ost-Berlins Marzahn.

Darum wurde ein erfahrener Pastor in den neuen Stadtteil geschickt. Es wurde ein Ladenlokal angemietet, mit großem Schaufenster, und der Pastor begann gemeinsam mit seiner Frau eine Gemeinde zu bauen.

Zunächst mussten sie wirklich bauen, denn der Raum musste irgendwie als Kirche genutzt werden können. Das Ehepaar machte das und nebenbei auch noch unendlich viele Besuche. Sie saßen in Kneipen und Cafés und redeten mit den vielen jungen Leuten, die auch gerade in das Neubaugebiet gezogen waren. Und merkten, dass da sehr viele Kinder waren, die demnächst Weihnachten ohne eine Kirche feiern würden.

Mit einigen gleichgesinnten Menschen, die sich inzwischen zusammengetan hatten, bereiteten sie ein Weihnachtsgeschenk für die Kinder vor: Es gab zum 24. Dezember einen Streichelzoo, direkt vor der kleinen Ladenkirche auf einem zugigen Rasenplatz. Mit vielen Tieren, die auch an der Krippe hätten sein können. Dort waren Schafe und ein Esel, auch Hühner und Meerschweinchen, aber der Hauptanziehungspunkt war das Kamel, das sie von einem Zirkus ausgeliehen hatten.

Eigentlich wollten sie mit dem Kamel durch die langen neuen Straßenzüge ziehen und den Menschen fröhliche Weihnachten wünschen. Aber das Kamel war schlecht gelaunt, es wollte nicht herumgeführt werden. Es wollte im Windschatten des Neubaus stehen und Heu kauen und Weihnachten in Ruhe feiern.

Zum Glück fanden die Kinder den Streichelzoo auch, ohne dass das Kamel sie abgeholt hätte. So war es ein Weihnachten mit freundlichen Tieren, wenn man von dem Kamel absieht, und vielen Kindern. Alle spürten: Es war der Beginn von etwas Neuem. Doch auch hier: Tausende Taufen- Fehlanzeige.

Die großen Zahlen, von denen wir in den Bibeltexten lesen, und die paradiesischen Verhältnisse in der Urgemeinde sind aber ohnehin weniger eine Realität, zu der wir kommen müssten. Denkt an den Bericht über die Urgemeinde aus der Apostelgeschichte: Tausende Taufen, an jedem Tag im Tempel zum gebet und an jedem Tag zuhause zum Abendmahl- das ist schon organisatorisch ganz unmöglich.

Es sind vielmehr Bilder der SEHNSUCHT. Sehnsucht, die alle Gemeinden vereint, egal ob große oder kleine, alte oder junge. Die Sehnsucht nach mehr, als man selbst zu sein vermag. Und DIESE Sehnsucht kennt jeder von uns, so wie wir hier sitzen. Sehnsucht nach einer Gemeinde, die von Gottesnähe nicht nur redet, sondern in der man Gott sogar spürt

Auch der Predigttext von heute ist so ein Sehnsuchtstext. Paulus schreibt an die Gemeinde in Philippi, von der wir wissen, dass sie wohl seine Lieblingsgemeinde gewesen sein dürfte. Nicht einfach, weil er sie selbst gegründet hat. Sondern weil das Klima stimmte. Kann man den meisten anderen Paulusbriefen ganz offen oder zumindest zwischen den Zeilen manchen Ärger entnehmen, den der Apostel mit den Empfängern auszufechten hatte- der Philipperbrief zeugt von Frieden, gegenseitiger Nähe und gleichem Sinn.

So ist in unserem Predigtabschnitt zum Beginn von Kapitel 2 zu lesen:
1 Nicht wahr, es ist euch wichtig,
einander im Namen von Christus zu ermutigen?
Es ist euch wichtig, euch gegenseitig mit seiner Liebe zu trösten, durch den Heiligen Geist Gemeinschaft miteinander zu haben und einander tiefes Mitgefühl und Erbarmen entgegenzubringen?

2 Nun, dann macht meine Freude vollkommen
und haltet entschlossen zusammen!
Lasst nicht zu, dass euch etwas gegeneinander aufbringt, sondern begegnet allen mit der gleichen Liebe
und richtet euch ganz auf das gemeinsame Ziel aus.
3 Rechthaberei und Überheblichkeit
dürfen keinen Platz bei euch haben.
Vielmehr sollt ihr demütig genug sein,
von euren Geschwistern höher zu denken als von euch selbst.
4 Jeder soll auch auf das Wohl der anderen bedacht sein,
nicht nur auf das eigene Wohl.
5 Das ist die Haltung, die
euren Umgang miteinander bestimmen soll;
es ist die Haltung, die Jesus Christus uns vorgelebt hat.

Kein erhobener Zeigefinger. Sondern: Macht meine Freude vollkommen! schreibt Paulus. Werdet NOCH besser, als ihr seid. Ich sag euch auch, wie. Und dann zählt er all das auf, was wir als gut christlich betrachten, all das, was auch unseren Herzen heute eine Wohltat wäre:

Ermunterung in Einheit von aufrichtendem Wort und ermahnender Aufforderung.
Liebevoller Trost.
Geistes-Gemeinschaft.
Herzliche Barmherzigkeit.
Freude und Liebe.
Einmütigkeit, ohne Selbstsucht und Ruhmsucht.
Demut, den anderen höher achten als sich selbst, nicht den eigenen Vorteil oder Vorzug im Blick, sondern den des anderen.

Das alles nicht nur in der Sonntagspredigt, sondern an jedem Tag. Genau so möchten doch auch unsere Gemeinde haben. Genauso soll doch auch unsere Kirche sein.

Weil wir doch fast täglich das Gegenteil erleben.
Da geht es nicht wie in diesen Stunden nur im Fußball, in Frankreich beim Radfahren oder auf dem Tennisplatz in Wimbledon um Siegen oder Unterliegen. Es geht an jedem Tag um Aufstieg oder Abstieg, Vor- oder Nachteil, Amboss- oder Hammersein. Das Wort „Sozial“ wird in unserer Marktwirtschaft von Tag zu Tag kleiner geschrieben, und wenn man auch begreifen kann, dass das Folgen der Globalisierung sind: Gut finden muss das keiner von uns.

Aber auch die Gemeinde kann kaum einer einfach nur gut finden. Denn in der fast 2000jährigen Kirchengeschichte sind Christen und Kirchen in die zahllosen Auseinandersetzungen der Welt fest verwickelt, weil sie ein TEIL der Welt sind. Sie sind Ausgebeutete und Ausbeuter, Unterdrückte und Unterdrücker, Gefolterte und Folterer, Revolutionäre und Contras.

Kirche lebt nicht automatisch nach, was Christus ihr vorgelebt hat, nur weil sie „Kirche“ heißt. Und ich bin mir sicher: Jeder von euch kennt irgendeine Stelle im Leben seiner Gemeinde, an der der Schuh drückt, weil ganz und gar nicht der Umgang herrscht, den Jesus von uns erwartet. „Gemeinschaft der Heiligen“: Alle suchen danach.

Meine Schwestern, meine Brüder:

Es steht ja oft nicht in unserer Macht, gesellschaftliche Verhältnisse politisch zu ändern. Zumeist würden wir uns ja auch politisch gar nicht einig werden.

Denkt nur an die Flüchtlingsproblematik: Wir erleben Geflüchtete, die all ihre Kraft einsetzen, um hier zuhause sein zu können: Einem Land mit seiner Sprache, seinen gewachsenen Gesetzen und Ordnungen, seinen Wurzeln im Christentum.

Wir erleben aber auch Geflüchtete, die all das nicht respektieren und so tun, als müssten ihre Sitten, Gebräuche und Gesetze auch hier wie zuhause gelebt werden. Als hätten sie ein Recht darauf, hier so zu leben, wie SIE es wollen. Und es gibt nicht wenige unter uns, denen das Angst macht.

Nur sind sie deshalb keine Flüchtlinge mehr? Haben sie darum kein Recht auf Asyl, kein Recht auf unseren Schutz? Und wie sollten wir dann mit ihnen umgehen- aus christlicher Sicht?

Es wird schwer sein, hier eine gemeinsame politische Haltung zu entwickeln. Und noch schwerer, diese politisch durchzusetzen. Und was für die Flüchtlingsproblematik gilt, gilt für die Rentenpolitik, den Mindestlohn und für unendlich viele andere Fragen.

Aber das Leben in unserer eigene Gemeinde – das hätten wir schon in eigener Hand. Und egal wie gut wir uns da eingerichtet haben – Luft nach oben ist da allemal, die paradiesischen Zustände der Urgemeinde zeigen auch, wo. Die Sehnsucht nach Mehr bleibt, nach einem Ort, an dem der Geist Gottes nicht nur beschworen wird, sondern auch weht.

Der Blick in den Philipperbrief zeigt uns nun, dass für das Wirken des Heiligen Geistes die GRÖßE einer Gemeinde völlig unerheblich ist. Da ist es eher wesentlich, ob die SEHNSUCHT nach dem Wirken des Geistes groß genug ist, um selbst den Versuch zu unternehmen, nach dem Willen Christi zu leben.

Ich HABE die Sehnsucht, in diesem Leben im Namen Christi ermutig zu werden. Mir IST es wichtig, dass ich Liebe, Gemeinschaft, Mitgefühl und Erbarmen nicht erst im Himmel, sondern schon in DIESEM Leben hier erfahre.

Und ich glaube zutiefst, dass ich das nicht allein, sondern nur MIT euch, IN der Gemeinde erfahren kann.

Hier SIND sie zu finden, die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes.

Lasst uns auch so leben – und besser darin werden.
Amen.

P.S.: Übrigens soll das Kamel im nächsten Jahr bessere Laune gehabt haben. Der Tierpfleger hatte dem Pastor nämlich gesagt, dass Kamele nur dann schlechte Laune haben, wenn sie ALLEIN durch die Gegend geführt werden.

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