Das gute Teil (Luk 10, 38-42)

Einer/ macht Licht,
wenn ich/ STOLPRE,
nimmt meine Hand im Dunkeln
und –
ich komme an.

Einer/ schließt Frieden,
wenn ich/ HASSE,
lächelt meinen Zorn in den Wind
und –
ich komme an.

Einer/ gibt Trost,
wenn ich/ LEIDE,
nimmt mein Herz … in die Hand
und –
ich komme an.

Einer/ kommt an,
wenn ich FEHLE,
nimmt sein Kreuz auf die Schulter
und –
ER kommt an! (Sybille Fritsch)

Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem,
und es wird alles vollendet werden,
was geschrieben ist durch die Propheten
von dem Menschensohn.
Lukas 18,31
***
Lukas 10, 38-42, ich lese aus der Lutherbibel 2017.

38 Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf.
Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf.
39 Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria;
die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu.
40 Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihnen zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach:
Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll!
41 Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr:
Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe.
42 Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt;
DAS SOLL NICHT VON IHR GENOMMEN WERDEN.

Maria und Marta.
Marta, die Handelnde, Zupackende.
Maria, die Hörende, Sitzende.

Auch wenn diese Geschichte bei denen eine besonders große Rolle spielt, die sich um die Gleichberechtigung der Geschlechter sorgen und mühen: Ich bin sicher, in jedem von uns, egal ob Mann oder Frau, stecken beide. Maria und Marta.

Eine Geschichte von zwei Schwestern, wie sie das Leben geschrieben haben könnte. Meist teilt sie die Hörerschaft in zwei Lager. Auf der einen Seite die, die sich über sie ärgern. Auf der anderen Seite die, die sich über sie freuen.

Ärgern über die auf den ersten Blick Bevorzugung des stillen Hörens gegenüber dem aktiven Dienen.
Über die alte Rollenverteilung, in der Männer sich bedienen lassen und Frauen dienen.
Über Jesus, der es Marta gegenüber an Lob und Dankbarkeit fehlen lässt.

Freuen über die Feststellung, dass das Hören auf das Wort Gottes zum wichtigsten Teil des Lebens erklärt wird.
Dass das überall vorherrschende LOB des geschäftigen Treibens sich hier in einen TADEL verwandelt.
Vielleicht gar noch darüber, dass die Frauen dem Mann dienen, jede auf ihre Weise.

Aber worum geht es LUKAS, der uns diese Geschichte aufgeschrieben hat?
Um eine Wichtung zwischen Hören und Tun?
Um die Klärung der Geschlechterrollen von Mann und Frau?
Um eine Beschreibung des Ideals der evangelischen Pfarrfrau, wie sie in einer alten Pastoraltheologie in Versen zu finden ist:
„Die RECHTE Pfarrersfrau ist die:
Martha und zugleich Marie“?

Es wird uns wohl nichts anderes übrig bleiben, als genauer hinzusehen.

Maria und Marta tauchen auch im Johannesevangelium auf. Wir sind vorgestern im Bibelgesprächskreis gerade an der Geschichte in Johannes 11 angekommen, wo die beiden Schwestern den Tod ihres Bruders Lazarus zu verarbeiten haben.

So unterschiedlich die Geschichten der beiden Evangelisten auch sind: Sie zeigen doch ähnliche Züge. Beide Schwestern haben eine so wichtige Rolle im Leben der frühen Gemeinde gespielt, dass ihre Namen für uns bewahrt worden sind. Außerdem: Marta ist auch bei Johannes die Aktive, Handelnde und Realistische. Maria bleibt zunächst daheim sitzen. Sie kommt erst dazu, als sie zu Jesus gerufen wird.

Was man also sicher sagen kann: Es gibt eine historische Erinnerung an diese beiden Frauen, weil sie für die Gemeinde wichtig waren.
Und beide Evangelisten nutzen diese Erinnerung und erzählen zwei wichtige Begebenheiten mit Maria und Marta in handelnden Rollen.

Aber sowohl bei Johannes als auch hier bei Lukas stehen die beiden vollständig im Dienste des Ganzen. Beide Geschichten haben ihre ganz eigen Aussagen und – vor allem- ihren ganz eigenen Platz im jeweiligen Evangelium.

Überlassen wir jetzt Johannes weiter dem Bibelgespräch und wenden uns ganz Lukas zu.

38 Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf.
Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf.

Zu Jesu Zeiten war es im Judentum kaum vorstellbar, dass eine Frau ihren Haushalt selbst leitet und Männer gastfrei empfängt. Das wurde erst möglich durch die Verschmelzung der Traditionen  mit der griechisch denkenden Umwelt.

Der Überlieferung nach war Lukas aber kein Jude, sondern Grieche. Er soll im syrischen Antiochia (das liegt in der heutigen Türkei) geboren worden sein und gehörte zu den ersten Heidenchristen, die Paulus im Jahre 40 missionierte. Es heißt, er habe Paulus auf seiner zweiten Missionsreise im Jahre 51 nach Makedonien und Griechenland begleitet.

Genau weiß das natürlich niemand. Aber es kann als sicher gelten, dass das Lukasevangelium und die Apostelgeschichte vom selben Verfasser stammen. Und der kannte sich aus in der griechischen Welt.

Zum Thema passt eine Begebenheit in der Apostelgeschichte (Apg 16, 15). Es ist hier Lydia, die als Frau Gastgeberin ist: Sie lädt Paulus und seine Begleiter in ihr Haus ein. In der griechischen Welt gab es selbständige Frauen mit eigenem Haushalt.

Lukas versetzt die Schwestern Maria und Martha in seine, in die griechische Welt. Hier gehörte es zu den christlichen Aufgaben, wandernde Missionare aufzunehmen.

39 Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria;
die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu.

Dass Maria zu Jesu Füßen genauso sitzt wie Paulus, der in der Apostelgeschichte „zu Füßen des Gamaliel unterwiesen“ wurde (Apg 22,3), kennzeichnet sie als Rabbinen-Schülerin.

Aber eine Frau in dieser Rolle war im Judentum damals ebenfalls schwer vorstellbar. In einer jüdischen Überlieferung heißt es: „Wer seine Tochter das Gesetz lehrt, lehrt sie Albernheit“. Für Lukas wird hier offenbar, wie die Botschaft Jesu die Grenzen der Tradition sprengt.

Darum darf man sich Maria hier nicht als stumme Zuhörerin vorstellen, auch wenn sie in dieser Geschichte nichts zu sagen scheint. Denn rabbinische Lehrer war immer Gespräch. Die Schüler stellten Fragen und diskutierten mit ihrem Lehrer.

40 Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihnen zu dienen.

Wörtlich übersetzt steht da im Griechischen: Martha war sehr beschäftigt mit vielem Dienen. Darum übersetzt die neue Lutherbibel zu Recht: IHNEN zu dienen.

Anders als fast alle anderen deutschen Übersetzungen. Das scheint mit wichtig. Denn dass Marta ALLE HÄNDE voll zu tun hat, kann dann kaum daran liegen, dass sie nur JESUS zuliebe arbeitet, sondern sehr wahrscheinlich eine größere Gruppe von Gästen versorgen muss. So lässt sich auch besser verstehen, WARUM Marta jetzt kommt, um sich zu beschweren:

Und sie trat hinzu und sprach:
Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll!

Es geht hier eben nicht um ein Dinner für drei. Das hätte Marta ziemlich sicher allein geschafft, zumal Jesus genauso sicher nicht so anspruchsvoll war, dass er ein Fünf-Gänge- Menu mit zwei Sternen erwartete.

Außerdem: Wenn Jesus Martas Arbeit tatsächlich als überflüssig angesehen hätte, hätte er ganz anders reagieren können, ja müssen. Etwa so: Komm, setz dich auch her, mein Essen ist nicht so wichtig, darum könnt ihr euch, können wir uns später kümmern. Aber Lukas schreibt anders weiter:

41 Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr:
Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe.

Jesus macht die Arbeit Martas nicht schlecht. Aber es geht ihm um zweierlei: Erstens um die innere Haltung der Sorge.
Marta ist so von ihren Pflichten gefangen, dass sie sich über die Wahl ihrer Schwester Maria ärgert.
Sie ist ganz offenbar der Meinung, dass für eine Frau  in solcher Situation der Dienst in der Küche angebrachter wäre.

Sie kommt auch nicht auf die Idee, dass ihr jemand von den Gästen helfen könnte. Schon gar nicht die Männer unter ihnen. Sie ist offenbar so verbissen am Schuften, dass Jesus befürchten muss, sie könnte vor lauter Sorgen das Reich Gottes verpassen. Sorge und Mühe: Die sind hinderlich, die sind NICHT notwendig zum Reich Gottes. Darum sagt Jesus zum Schluss:

42 Eins aber IST not. Maria HAT das gute Teil ERWÄHLT;
DAS SOLL NICHT VON IHR GENOMMEN WERDEN.

Und da sind wir beim zweiten Punkt, der Jesus wichtig ist: Maria hat gut gewählt. Mach ihr das nicht streitig! „Das soll nicht von ihr genommen werden“!

Für Lukas an dieser Begebenheit ist also wichtig: Das Entscheidende ist das Hören auf die Botschaft des Evangeliums. Alles Weitere folgt daraus und ist insofern nachrangig. Aber mitnichten überflüssig, wie mancher in die Geschichte hineinzulesen versucht. Die ganze Geschichte läuft auf die letzte Zeile zu: „Das soll nicht von ihr genommen werden“!

Schließlich steht die Geschichte von Maria und Marta nicht isoliert im Lukasevangelium. Sie folgt unmittelbar dem Gleichnis von barmherzigen Samariter, in dem das Tun des Notwendigen zweifelsfrei und klar benannt wird.

Und sie steht direkt vor dem Unser Vater. Dem Gebet, in dem genau so zweifelsfrei deutlich wird, worin alles Tun und Denken eines Christen ausgerichtet ist: Am Willen Gottes und am Kommen seines Reiches.

Darum finde ich Dorothee Sölles Gedanken zur Geschichte der beiden Schwestern gut: Wir müssen nicht wählen zwischen Hören und Handeln. Niemand darf uns diese Wahl aufzwingen. „Wir brauchen beide, Maria und Marta, WIR SIND in der Tat diese beiden Schwestern.“

Und ich füge dem hinzu: Auch als Männer sind wir das. Wir sind frei zur Entscheidung, was wir tun und lassen. Wir stehen wie Maria und Marta zwischen den Polen Tun und Hören, so wie Lukas diese Geschichte zwischen das Gleichnis vom barmherzigen Samariter und das Vaterunser stellt.

Meine Schwestern, meine Brüder,

SPÄTESTENS jetzt sind wir bei den Menschen heute.

Alle scheinen doch wie Marta dauernd alle Hände voll zu tun zu haben. Und wenn doch, sehen die erfolgreich Rastlosen auf sie herab. Nicht einmal die Rentner scheinen genug Zeit zu haben. Je älter sie werden, desto kürzer erscheinen ihnen die 24 Stunden, die jeder neue Tag mit sich bringt.  Irgendwie machen sich alle irgendwelche Sorgen. Irgendwie suchen alle nach Ruhe und finden sie nur selten.

Mir SELBST geht es nicht anders. Ich möchte ein guter Diener des Evangeliums sein und suche nach dessen messbarem Erfolg. Jetzt aber frage ich mich, ob ich nicht zu oft freudlos und gestresst auf andere wirke, vielleicht genau wie Marta. Bin ich tatsächlich noch Gottes Diener oder MACHE ich den Diener, um vor mir selbst gut dazustehen?

Schiebe ich nicht die wirklich wichtigen Dinge vor mir her, ja ERKENE ich sie überhaupt noch?
Wie weit habe ich mich mit meinem Tun entfernt vom Bruder Samariter, der es richtig macht?
Ist mir die rechte Balance zwischen Tat und Hören nicht abhanden gekommen, auch wenn ich das Unser Vater regelmäßig bete?
Kann Jesus so jemanden wie mich überhaupt brauchen?

Aber da ist Jesus und sieht mir in die Augen.
Tief.
Und sagt in einem Ton, der zeigt, wie sehr er mich versteht, sanft: Malte, Malte, sieh Maria an!
Und ich merke, dass er es gut mit mir meint, wenn er dann vom guten Teil spricht, den Maria entdeckt und für sich gewählt hat.

Und ich bekomme Lust, selbst mehr von diesem guten Teil haben zu wollen. Von der Gegenwart Jesu. Von seinen Worten. Von der Gemeinschaft mit ihm.

In meinem Alltag hat alles seinen geregelten Ablauf, die Termine in meinem Kalender sagen mir, was ich zu tun habe. Doch ausgerechnet das gute Teil, das Wichtigste, hat nicht genügend Raum in meinem Tag, dass es in mir wirken könnte.

Das muss ich ändern, weil ich jetzt weiß und fühle, dass es mir gut tun wird.
Also lege ich alles zur Seite und gehe zu Jesus, um mich an seine Füße zu setzen.
Da treffe ich Marta, die gerade zu Maria sagt: Kannst Du mal ein Stück zur Seite rutschen?

Hier ist die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes.

Das gute Teil.
Das soll nicht von uns genommen werden.
Amen.

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