Das Ende der Sprachlosigkeit (Hebr 1 1-4)

Die Weihnachtsbilder zeigen nicht,
was sich außen abgespielt hat, sondern/
Verborgenes und Unsichtbares/
ausgebreitet vor unser aller Augen.

Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns,
und wir sahen seine Herrlichkeit.
Johannes 1,14a
***
Das ist ja eine schöne Bescherung!
Zu Weihnachten ein Predigttext ohne Kind und Krippe, Engel und Stall, Hirten oder Magiern aus dem Osten. Und dann noch aus dem Hebräerbrief, vor dem ich mich schon als Student immer gefürchtet habe.

Der ist nämlich in exzellentem Griechisch geschrieben, und meine Griechisch-Kenntnisse waren schon im Studium von „exzellent“ mindestens 1,50 Meter entfernt. Ansteckungsgefahr also eher gering, wenn man den Corona-Virologen von heute glauben darf.

Wie fange ich also jetzt an?
Ich könnte darlegen, warum Luther beim Übersetzen des griechischen Neuen Testaments den Hebräerbrief vom Platz gleich hinter dem Philemon-Brief weiter nach hinten verschob, direkt vor seine stroherne Jakobus-Epistel.

Ich könnte berichten, dass der Hebräerbrief gar kein Brief, sondern eine theologische Lehrschrift ist, aber bitte mit E-H, nicht mit E-E.
Oder wie die Überschrift „An die Hebräer“ entstanden sein könnte, wo es doch zur Entstehungszeit der Schrift „die Hebräer“ gar nicht gab.

Aber mit all dem würde ich bestenfalls belegen, dass ich meine Hausaufgaben gemacht habe, doch noch lange keine Weihnachtspredigt zustande bringen.
Also fange ich am Besten noch einmal von vorne an:

Das ist ja eine schöne Bescherung!
Ein Hymnus ist uns heute als Predigttext empfohlen.
Ein Lied im Coronajahr, in dem wir ja schon seit Monaten im Gottesdienst nicht mehr gemeinsam singen dürfen.

Aber so haben wir immerhin inzwischen Übung darin, Liedtexte mitzulesen oder neu zu hören. So kann man Texte einmal ganz anders auf sich wirken lassen, als wenn man sie gleich mitsingen müsste.

Ich lese den Hymnus, es sind die ersten vier Verse des Hebräerbriefes, in der Übersetzung der Zürcher Bibel:

1 Nachdem Gott vor Zeiten
vielfach und auf vielerlei Weise
zu den Vätern geredet hatte durch die Propheten,
2 hat er am Ende dieser Tage
zu uns geredet durch den Sohn,
den er eingesetzt hat zum Erben aller Dinge
und durch den er die Welten geschaffen hat.
3 Er, der Abglanz seiner Herrlichkeit
und Abbild seines Wesens ist,
der das All trägt mit dem Wort seiner Macht,
der Reinigung von den Sünden geschaffen hat,
er hat sich zur Rechten der Majestät in den Höhen gesetzt,
4 weit erhabener geworden als die Engel,
wie er auch einen Namen geerbt hat,
der den ihrigen weit überragt.

Ein Nachteil dieser und aller anderen deutschen Übersetzungen:
Den wirklich perfekten Stil des Autors von einem fünfgliedrigem Stabreim über ausgeklügelte Wortspiele bis zum antithetischen Parallelismus Membrorum vermag KEINE Übersetzung im Deutschen wiederzugeben.
Das kann man nur im Griechischen erkennen, leider.

Was wir aber wohl alle deutlich erkennen können:
Das hier ist ein Glaubensbekenntnis voller Größe, Glanz und Herrlichkeit. Es ist noch strahlender als das Zeugnis, dass wir gerade zu Frage 1 aus dem Heidelberger Katechismus gesprochen haben.

Insofern ist dieser Hymnus eigentlich nicht besonders weihnachtlich. Denn die Bilder, die er aufruft, haben wirklich wenig mit den Weihnachtsbildern zu tun: Dem Kind und der Krippe, Maria und Joseph, Ochs und Esel, den Engeln und den Hirten, den Magiern und den Geschenken…

Mir fällt da eher eine Dokumentation über eine kleine griechische Insel ein, die ich kürzlich gesehen habe. Wunderschöne, warme Sommerbilder – ein sanft ansteigenden Hügel, und oben darauf eine Kapelle mit golden leuchtender Turmkuppel, schon vom weitem zu sehen. Umgeben von Olivenhainen, die sich bis an den Strand des Mittelmeeres ziehen.

IN der Kapelle dann:
Ein einfacher, ausgetretener Steinboden, frisch weiß gekalkte Wände. Sie erstrahlen hell, weil die Sonne durch die kleinen Fenster scheint.
Und gegenüber von der Tür, hinter dem Altar an der Wand bis in die Kuppel hinein, ein Christus mit riesigem, goldenen Heiligenschein.
In einer Hand hält er die Weltkugel, in der anderen Sonne, Mond und Sterne. Der Pankreator, Herrscher über alles, was da ist: Der„… Sohn, den er eingesetzt hat zum Erben aller Dinge/ und durch den er die Welten geschaffen hat.“

Als die Tür hinter dem Fernsehteam ins Schloss fällt, ist plötzlich Stille. Nichts mehr zu hören vom Rauschen des Meeres oder dem Wind vor der Tür. Die alten Mauern sind zu dick..

Ruhe.
Auch das ein wichtiges Thema für den Hebräerbrief, Schwerpunkt in Kapitel 4. Zum einen, weil die Ruhe ein Grund-Bedürfnis der Menschen ist. Ruhe als Sinnbild für einen tiefen Frieden, den das Leben sucht und braucht.

Seit die Tür ins Schloss gefallen ist, ist da Ruhe.
Sie legt sich wie Balsam auf die Seele, dringt langsam von außen nach innen. Dem Weltherrscher gegenüber stehend findet der Mensch die Ruhe, die er hier sucht. So beginnt ein Kurz- Urlaub vom Alltag.

Ruhe: Zu aller erst  ist sie aber die Schöpfung des siebenten Tages.
Der Ort, den Gott für sich geschaffen hat. Ein Rückzugsort Gottes. „Und Gott ruhte am siebenten Tag von allen seinen Werken“ zitiert Hebr 4,4 die Schöpfungsgeschichte.

Und wen Gott einen Teil an dieser Ruhe finden lässt, den lässt er ewigen Frieden finden. „Es ist also noch eine Ruhe vorhanden für das Volk Gottes.“ , schreibt Hebr 4,9.

Dass Gottes Sohn sich aus dieser Ruhe, aus diesem ewigen Frieden in den Unfrieden der Welt begibt: DAS ist für den Hebräerbrief das eigentliche Wunder. Gerade so wird die Größe der Liebe Gottes zu uns Menschen erkennbar.
Gott verlässt den ewigen Frieden.
Wozu? Um mit den Menschen zu reden.

Gott „hat geredet“ und „redet zu uns durch den Sohn“.
Das hier verwendete griechische Wort meint nicht, das erklärt oder beschrieben wird. Es meint vor allem, dass geredet und nicht geschwiegen wird.
Wie gut das ist, wenn geredet und nicht geschwiegen wird, das wissen wir alle.

Vom ersten Schrei eines Kindes bis zum letzten Seufzer: Wir sind angewiesen darauf, irgendwie wahrzunehmen, wie es dem Anderen geht, was er denkt und fühlt, wie er etwas und was genau er damit meint.
Besonders, wenn ein Mensch, der uns NAHE ist, nicht mit uns redet spüren wir, wie schlecht uns das bekommt. Dann unternehmen wir viel, um das Schweigen zu beenden.

Gott unternimmt mehr als nur viel. Unser Gott schweigt nicht, er redet. Darin bleibt Gott sich gleich vom Alten bis zum Neuen Bund.
Aber in Christus verlässt er dazu den Ort ewigen Friedens, die Ruhe des siebenten Tages.

Er HAT geredet durch die Propheten, und „am Ende dieser Tage“ durch den Sohn. Ende dieser Tage: Damit meint der Hebräerbrief nicht, dass morgen die Welt unterginge. Aber er geht davon aus, dass das Wort Jesu Christi so einzigartig und so machtvoll ist, dass es die Wahrheit Gottes kundtut: Und dieser Gotteswahrheit ist nichts mehr hinzuzufügen, weil nichts mehr in ihr fehlt, was noch gesagt werden könnte oder müsste.

Jesus Christus ist das „letzte Wort“ Gottes: Wer dieses Wort hört und bedenkt, der ist bei Gott und Gott bei ihm. Darum, so der Hebräerbrief, hat er auch im Vergleich zu den Engeln einen Namen „geerbt“, der „den ihrigen weit überragt“.

Was kann damit gemeint sein? Der Name Jesus?
Der Name Jesus geht zurück auf den alten hebräischen Namen Joshua, mit der Bedeutung „Gott rettet“. Der männliche Vorname Jesus war lange Zeit in Deutschland nicht zulässig. Aber 1998 entschied das Frankfurter Oberlandesgericht, dass man Kindern den Namen Jesus geben darf.

Das hat aber nicht dazu geführt, dass der Vorname in Deutschland häufig vorkommen würde. In Spanien oder lateinamerikanischen Ländern aber ist das anders: Da gibt es sehr viele Kinder mit dem Namen Jesús.

Der Hebräerbrief redet also nicht von dem Vornamen, sondern vom Namen, der Rang und Stellung verdeutlicht: „der Sohn“ Gottes. Mit Jesus aus Nazareth redet nicht irgendwer irgendwas, was man einfach vom Tisch schieben könnte. Kein Prophet, den man hören könnte oder eben nicht. Sondern der, der von Anfang an war, der Himmel und Erde geschaffen hat, der das Ende der Sünde ist, dieser großen Sprachlosigkeit zwischen Mensch und Gott. Gott selbst ist es, der redet:

1 Nachdem Gott vor Zeiten
vielfach und auf vielerlei Weise
zu den Vätern geredet hatte durch die Propheten,
2 hat er am Ende dieser Tage
zu uns geredet durch den Sohn,
den er eingesetzt hat zum Erben aller Dinge
und durch den er die Welten geschaffen hat.
3 Er, der Abglanz seiner Herrlichkeit
und Abbild seines Wesens ist,
der das All trägt mit dem Wort seiner Macht,
der Reinigung von den Sünden geschaffen hat,
er hat sich zur Rechten der Majestät in den Höhen gesetzt,
4 weit erhabener geworden als die Engel,
wie er auch einen Namen geerbt hat,
der den ihrigen weit überragt.

Meine Schwestern, meine Brüder,

hier ist der Text eben sehr wohl weihnachtlich. Denn er beantwortet eine Frage, mit der sich die Christen von Anfang an schwer getan haben: Ist das Kind in der Krippe, dieser Jesus aus Nazareth, Mensch oder Gott?

Vielfältig ist die biblische Deutung seiner Person: So wird seine Abstammung auf bedeutende Menschen zurückgeführt. Da spielen Abraham und Isaak, Rahab und Rut und nicht zuletzt der König David eine Rolle. Es wird aber auch von einer Einsetzung zum Sohn Gottes bei der Taufe Jesu berichtet, und Jesus bekommt den Titel „Christus“, „der Gesalbte“, der Messias.

Der Hebräerbrief nun lässt keinen Zweifel aufkommen:
Mit Jesus Christus hat Gottes Beziehung zu den Menschen eine neue Qualität erreicht. Kein Prophet, ja nicht einmal Engel stehen als Mittler zwischen Gott und uns:
In Christus zeigt Gott sich selbst.
Zu einem sehr hohen Preis. So wichtig sind wir ihm.

Das ist kaum zu begreifen:
Das Kind, das da bettelarm und schutzlos in der Krippe lag, Jesus aus Nazareth, der am Römergalgen landet:
Gott SELBST liegt da, Gott selbst LANDET da.
Damit wir ihn nicht NOCH länger überhören.
Damit wir endlich die Sprachlosigkeit beenden können.
Denn die schadet nicht nur uns selbst. Sie lässt Gott leiden.

Und weil das kaum zu begreifen ist, tun wir gut daran, alle Jahre wieder Weihnachten zu feiern.
Zu feiern, dass Gott uns seinen Himmel zeigt, indem er Knecht der Menschen wird.
Indem er mit den durch die Sprachlosigkeit Versklavten endgültig Klartext durch den Sohn spricht, schließt er die Tür zum Paradies wieder auf, die seit dem Rauswurf aus Eden für immer verschlossen schien.

Weihnachten feiert die Liebe Gottes,
die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes.

Sie sind das ENDE der Sprachlosigkeit zwischen Mensch und Gott.
AMEN

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