Das alte Lied vom Weinberg (Jes 5, 1ff)

Glauben
den klugen Menschen unklug geworden
weggeschoben aus dem selbstbestimmten Leben
hingeschoben in die Welt der Klöster und Kirchen
ewig gestrig

wer aber GOTT glaubte,
würde sie finden:
Heimat in seiner ewigen Stadt
Gerechtigkeit für alle
in seiner Leidenschaft für seine Welt

Gott erweist seine Liebe zu uns darin,
dass Christus für uns gestorben ist,
als wir noch Sünder waren.
Römer 5,8
***

Ja, so könnte es gewesen sein damals. Das Laubhüttenfest, der einwöchige Erntedank lud ein zur großen Feier nach Jerusalem.
Viele mögen gekommen sein, Hunderte, vielleicht Tausende Leute. Kinder, Frauen und Männer drängen sich durch Jerusalems Straßen. Wer will da schon fehlen. Schafe blöken, Hunde kläffen, Kinder juchzen, Händler schreien – das ist die Musik der Straße, wenn alle zusammenkommen.

An einer Straßenecke aber ist es deutlich ruhiger. Das liegt daran, dass dort ein Musikant sein Instrument ausgepackt hat. Bis eben hat er gestimmt, jetzt fängt er an, erste Töne zu spielen.

Die Passanten werden neugierig: Was kommt jetzt? Ein Klassiker oder Musik von heute? Eines der frechen Spottlieder, bis einem die Lachmuskeln schmerzen? Ein Liebeslied, bei dem Mädchen rot werden und die Kinder besser nicht zuhören sollten?

Der Musiker kündigt an:
„Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg!“
Ah- ein Trinklied also. Die Leute werden deutlich leiser, ein sachter Stoß nach unten. Jetzt ist auch der Bengel still.

Dann singt er, und das dürfte den Leuten unter die Haut gegangen sein. Hören wir auch heute, wenigstens auf den Text, den kann man nämlich in der Bibel nachlesen. Die Melodie steht leider nicht dabei.

„Auf fruchtbarem Hügel, da liegt ein Stück Land/
dort hackt ich den Boden mit eigener Hand. /
Ich mühte mich ab und las Felsbrocken auf /
baute Wachturm und Kelter, setzte Reben darauf …“

So reimt die „Gute Nachricht Bibel“ den Anfang des Predigttextes für heute aus dem Buch des Propheten Jesaja Kapitel 5.

Um eine große Liebe geht es. Denn große Liebe zur Sache gehört nun einmal dazu, schweren Boden aufzulockern, Steine wegzuschleppen, Reben zu pflanzen und sie über Jahre bis zur ersten Ernte zu pflegen und zu schützen. Ein hartes Vorhaben, ein mittleres Lebenswerk. Schwielen, Rückenschmerzen und Rückschläge inklusive.

Nirgends in der Landwirtschaft ist das anders. Damals nicht, heute nicht. Wer hier nicht mit ganzem Herzen und der nötigen Gelassenheit an die Arbeit geht, dem kann sie nicht gelingen. Auch wenn durch Technik und Chemie heute manches leichter von der Hand geht als damals.

Die Hoffnung auf Ernteerfolg ist es dann, die den Weinbauern diese Strapazen dennoch auf sich nehmen lässt. Aber es wird zu einer ernsten Krise, wenn die Ernte mager ist, sich der Erfolg nicht einstellen will. Und zu einem wirklichen Tiefschlag des Lebens wird es, wenn der Erfolg gänzlich ausbleibt. Wenn es so kommt, wie der Straßensänger weitersingt:

„Süße Trauben erhofft ich zu Recht /
doch was im Herbst wuchs, war sauer und schlecht. /
Jerusalems Bürger, ihr Leute von Juda: /
Was sagt Ihr zu dem Weinberg – was tätet denn Ihr da? /
Die Trauben sind sauer, entscheidet doch Ihr: /
War die Pflege zu schlecht, lag die Schuld denn bei mir?/

Der Weinbauer wird den Zuhörern leid getan haben. Niemand wollte in seiner Haut stecken. Irgendwann muss sich jede Investition lohnen. Jede und in jeder Gesellschaftsform. Verbranntes Geld braucht niemand. Und dann hören sie weiter:

5 Ich sage euch, Leute, das tue ich jetzt:
Weg reiß ich die Hecke, als Schutz einst gesetzt;
zum Weiden solln Schafe und Rinder hinein!
Und die Mauer ringsum – die reiße ich ein!
Zertrampelnden Füßen geb ich ihn preis,
schlecht lohnte mein Weinberg mir Arbeit und Schweiß!
6 Ich will nicht mehr hacken, das Unkraut soll sprießen!
Der Himmel soll ihm den Regen verschließen!

Alle Liebe, der Schweiß, die Entbehrungen, die schmerzende Knochen, alles auf eine Karte gesetzt, und alles verloren. Zorn über den Misserfolg, ein Fluch in den Himmel. Die Zuhörer fühlen den Schrei abgrundtiefer Enttäuschung aus ihrer eigenen Kehle fahren.

Und hören dann:

Der Weinberg des Herrn seid ihr Israeliten!
Sein Lieblingsgarten, Juda, seid ihr!
Gott hoffte auf Rechtsspruch – und erntete Rechtsbruch
statt Liebe und Treue nur Hilfegeschrei!“

Was die Leute zum Schluss zu hören bekommen, war nun erst recht nicht mehr lustig. Als das Lied zu Ende ist, gibt es keinen Beifall, auch keine Münzen in den am Boden abgelegten Hut. Kein Gelächter, kein Gejohle. Viele gehen. Noch ein Lied – von dem! – nein danke. Sich selbst beschimpfen lassen – das muss ich mir nicht antun. Andere schweigen, innerlich betreten von einem Fuß auf den anderen steigend. Das Lied zerrt an den Nerven.

Der Weingärtner ist gescheitert. Gott ist gescheitert. Mit Euch! Ein Weinberg sollte sein Volk werden. Ein Weinberg verspricht Gelöstheit, Genuss, Freude. Ein Fest ohne Wein ist ein Rahmen ohne Bild, ein Urlaub mit schlechtem Wetter, eine Bergbesteigung ohne Sicht vom Gipfel.

Aus den Festen des Lebens zehren, neue Energien für den Alltag bekommen, das sollten alle, die Gottes Volk begegnen. Optimismus, Aufatmen, Freude für jeden: Aber von alldem keine Spur.

„Doch was im Herbst wuchs, war sauer und schlecht“ – dieser Reim stapelt dabei noch tief, denn eigentlich steht da: „war stinkend und faulig“. Solche Trauben kann man nicht einmal süßeren beimischen, sie sind zu nichts zu gebrauchen, außer dass sie auf den Kompost geworfen werden.

Was aber ist es, was so gegen den Himmel stinkt? Gleich nach unserem Lied wird der Sänger Jesaja sehr deutlich:

„Weh denen, die sich ein Haus nach dem anderen hinstellen und ein Feld nach dem anderen kaufen, bis kein Grundstück mehr übrig ist und sie das ganze Land besitzen!…Weh denen, die sich schon am Morgen vollsaufen und sich bis in die Nacht am Wein erhitzen!…Weh denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die aus Schwarz Weiß und aus Weiß Schwarz machen!… Deshalb werden sie vergehen wie eine Pflanze, deren Wurzeln verfaulen und deren Blüten verwelken, wie dürres Gras oder Stoppeln auf dem Feld, über das ein Feuer hinwegfegt.“

Fast 3000 Jahre ist es nun her, seit der Musiker sein Instrument wieder eingepackt hat und gegangen ist. Sein Lied ist so lange ausgesungen, dass niemand mehr die Melodie in den Ohren hat.

Aber die „Weh-denen-Rufe“ werden den Zuhörern nicht so schnell aus den Ohren verschwinden, wie sie das gerne hätten. Mancher wird schweißnass noch spät in der Nacht aufgewacht sein, weil ihm der Fluch des Sängers nicht mehr aus dem Kopf geht.

Und diese Rufe werden auch heute die Menschen erschrecken, die sie lesen oder hören. Ein Haus neben das andere, ein Grundstück neben das andere, Böses gut nennen, aus schwarz weiß machen: Beispiele aus unserer Welt heute fallen jedem ein. Nicht nur die kleinen, die dafür sorgen, dass einfache Leute in Potsdam oder München die Mieten nicht mehr zahlen können.

Syrer und Russen bomben in ihrem Kampf gegen Terroristen ohne Rücksicht auf Kinder, Alte, Frauen und Männer Krankenhäuser, Schulen und Wohnhäuser nieder. Und unter uns gibt es Menschen, die sagen: Es gibt in Syrien doch Hotels, da machen die Leute sogar heute noch Urlaub- sollen die Flüchtlinge doch da einziehen, bevor wir uns hier um sie kümmern müssen! Und ich stehe daneben und weiß, dass nichts, was ich sagen könnte, ihre Meinung dazu ändern könnte.

Die Türken gegen die Kurden, die Nordkoreaner gegen den Rest der Welt, und niemand ist da, der ihnen die Waffen aus der Hand nehmen könnte. Wohin steuern die Menschen auf dieser Welt?

Aber schon die, die das Lied damals an der Jerusalemer Straßenecke gehört haben, ahnten, dass nicht andere, sondern sie selbst gemeint waren. Sie hörten: Welche Rolle spielt IHR in diesem Lied? Meint ihr sicher, dass der große Gärtner mit Euch zufrieden ist? Dass es nur die anderen sind, über die er enttäuscht ist?

Was also ist mit uns? Stinkt auch unser Lebensstil gen Himmel? Was ist mit unserer Kirche, unserer Gemeinde los: Blüht um uns her die Freude des Glaubens- Festes mit einem vorzüglichen Weinjahrgang oder wuchert der Frust über das saure Leben über die Hecken des Weinbergs? Sprießt die Hoffnung auf den nächsten Jahrgang oder sind unsere Ansprüche so teuer geworden, dass man sich Kinder erst leisten will, wenn man schon Enkel haben müsste?

Niemand könnte behaupten, dass bei uns im Kleinen alles auf besserem Wege sei als im Großen. Müssen auch wir nun mit dem Niedergang rechnen?

Aber der Sänger von damals sang dieses Lied nicht, um die Menschen von damals auf ihren Niedergang vorzubereiten, sondern um sie wach zu rütteln. Er wollte erinnern: An Gott und sein Tun für die Menschen, seinen Weinberg.

An seine mühevolle Arbeit der Kultivierung fruchtbaren Bodens, an das Geschenk von Sonne und Regen, an fleißige Gärtner, die hegen und pflegen, an Wachturm und Hecke zum Schutz. Er wollte erinnern daran, dass ihre Lebensbedingungen vorzüglich sind. Ja besser gar nicht sein könnten. Daran, dass Gott auf sein Volk wartet. Dass er sich nach ihm sehnt, wie sich der Geliebte nach der Braut sehnt.

Nicht vom Heulen und Zähneklappen des Endgerichtes ist hier die Rede. Nein: Der Weinberg wird einfach nur seinem Schicksal überlassen sein, wenn er sich weiterhin seinem Schutz und seiner Pflege berauben lässt. Damit würden die Kräfte siegen, die alles,
worum sich der Weingärtner einst mühte, überrennen wie Rinder, in den Dreck trampeln wie Schafe.

Das Lied aber wurde gesungen, um genau das zu verhindern.

Meine Schwestern, meine Brüder,
wenig nur hat sich geändert seitdem. Wenn auch noch Hecke, Turm und Kelter, die Gott zum Lebensschutz gedacht hat, für unser Leben fallen, fällt das wichtigste: Gottes Nähe.

Passionszeit – Zeit der Leidenschaft. Der Leidenschaft Gottes für uns, seinen Weinberg. Als die Menschen um Jesus herum SEINE Geschichte von den bösen Weingärtnern hörten (Mk 12, 1-12), hat ihnen Jesajas Lied in den Ohren geklungen. Denn es war ein Hit von damals, ein Teil der hebräischen Bibel. Jeder hatte es schon irgendwann gehört, viele konnten es auswendig.

Darum werden sie wahrgenommen haben, dass Jesu Weinbergsgeschichte einen offenen Schluss hat. Die Pächter haben dem Weinbergsbesitzer zwar die schlimmste Katastrophe seines Lebens zugefügt, indem sie seinen Sohn töteten. Der Herr des Weinbergs aber gibt nicht auf, wird neue Pächter suchen, einen neuen Versuch machen.

Reminiszere: Gedenke, Gott, an deine Barmherzigkeit! In der Passionszeit erfahren wir: Gottes Leidenschaft für uns, seinen Weinberg, hat noch kein Ende. Gott liebt sie immer noch, seine Erde. Sie war, sie ist, WIR SIND seine Passion.

Wie die Lied-Hörer von damals werden wir heute erinnert. Unser Leben hat alle Voraussetzungen, um schließlich zu einem guten Jahrgang zu werden. Denn es kann sich der Leidenschaft Gottes sicher sein. So wie der Weinberg sich der Leidenschaft des Weingärtners sicher sein kann.

Sein Kreuz und sein Osterfest gelten uns. Damit wir spüren: Wir müssen die Menschen nirgends, weder in Syrien noch neben uns, einfach ihrem Schicksal überlassen. Weil Gott uns nicht unserem Schicksal überlässt. Wir können viel für sie tun, weil Gott viel für uns tut. Und was für die große Welt draußen gilt, gilt auch für die kleine um uns herum.

Gegen all diejenigen, die aus Schwarz weiß machen und das Böse als gut bezeichnen, singt der Sänger das Weinberglied von der Leidenschaft Gottes für seine Welt und seine Menschen. Davon, dass Gott nicht aufgibt, sondern barmherzig ist und uns nahe bleibt.

Seine Nähe lebt: In der Gnade unseres Herrn Jesus Christus, der Liebe Gottes und der Gemeinschaft des Heiligen Geistes. Sie bewahren unsere Leiber und unsere Seelen selbst durch die Katastrophe des Kreuzes hindurch. AMEN

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