Begeistert

(Apg 2,1-18)

Ich bin begeistert! Das bedeutet wörtlich: Ein Geist erfüllt mich. Ich bin ganz von ihm ergriffen. Fasziniert erkenne ich, was dieser Geist vermag. Großartig!

Ich denke, jeder hier weiß, wovon ich rede, weil das jedem schon mal passiert ist: Begeistert von einem Urlaubsplan, einer Investitionsidee, einem Geschenk, einer Rede…

Geister können einen aber nicht nur erfreuen oder in Hochstimmung versetzen.  Sie können einen auch erschrecken oder in Angst versetzen. Und da rede ich jetzt nicht von Gespenstern in der Geisterbahn oder den Geistern, die nach Mitternacht die Friedhöfe und Keller bevölkern sollen. Geister sind ein wirklich ernstes Thema.

Kürzlich habe ich gelesen: US- Forscher erschaffen erstmals künstliches Leben. Dazu bauten sie biochemisch ein komplettes Erbgut und setzten es in ein Bakterium ein. Das künstlich erzeugte Erbgut übernahm darauf hin die Kontrolle des Bakteriums.

Was kann man nun damit machen? Dazu die Wissenschaftler selbst: Die Forschungen könnten zum Beispiel dazu führen, dass künstliche Bakterien gezüchtet werden, um Bio-Kraftstoffe zu erzeugen. Oben auf Bäumen, wo sie niemanden stören und keine Felder bräuchten. Die könnte man dann zur Lebensmittelproduktion nutzen. Denkbar sei auch die Entwicklung synthetischer Algen, die Kohlendioxid aufnehmen und so die Folgen des Treibhauseffekts lindern könnten. Auch Zellen zur Säuberung von Wasser sowie neue Nahrungsmittel und Impfstoffe könnten eines Tages die Folge dieser Entdeckung sein.
Zitat: „Die Möglichkeit, die Software des Lebens umzuschreiben, wird eine neue Ära der Wissenschaft einleiten – und mit ihr neue Produkte und Anwendungsmöglichkeiten ergeben“- Zitat Ende.

Mir machen solche Aussichten Angst. Weil für mich DER GEIST dieses Forschungsprojektes im dichten Nebel des Menschseins herumwabert. Ich kann ihn nicht erkennen. Also frage ich besorgt: Welcher Geist wird schließlich die Regierung über das Projekt übernehmen?

Ist es der hehre Geist im Dienste des Umweltschutzes und der Erhaltung der Schöpfung? Bei Erfolg hätten die Forscher einen großen Schritt zur Schonung der natürlichen Ressourcen, Bekämpfung von Krankheiten und Verringerung der Umweltbelastungen getan.
Oder ist es der eigennützige Geist im Dienste der höchstmöglichen Profitmaximierung? Es wäre ja nicht das erste Mal, dass jemand sein Wissen patentrechtlich schützt und dann skrupellos ausbeutet.
Oder ist es der Geist menschlichen Größenwahns, der die Software des Lebens nicht nur in Bakterien, sondern irgendwann auch in Tieren oder gar bei Menschen neu schreibt?
Oder – was wahrscheinlich und gefährlich zugleich ist – kann man die Geiste schließlich nicht mehr voneinander trennen?

Niemand kann es wirklich leugnen: Auf den Geist kommt es an. Nicht so sehr auf das,  was man vor Augen sieht. Das nämlich kann täuschen. Sondern gerade auf das, was man nicht sehen kann. Denn das kann sogar ent – täuschen.

Auf den Geist kommt es an. An jedem Tag, jedem Moment des Lebens. Wer gern zu gutem Essen in ein Restaurant geht, wird schnell feststellen, ob in der Küche der Geist des Geldverdienens oder der Liebe zum Kochen herrscht. Wer auf ein Fest eingeladen ist, wird auch dort schnell spüren, ob hier im Geist der Etikette der letzte Schrei der Garderobe ausgeführt werden soll oder ein Geist herzlicher Fröhlichkeit herrscht. Wer einen der Superreichen dieser Welt persönlich kennenlernt, wird sich bald fragen, ob dieser seinen Reichtum im Geiste der persönlichen Bereicherung BESITZT oder im Geiste der Verantwortung für diejenigen VERWALTET, denen er diesen Reichtum verdankt.

Was immer uns auf dieser Welt begegnet: Gut ist es nur, wenn sein Geist gut ist. Der Geist bestimmt, ob mit der Kernspaltung Energieprobleme gelöst oder Atomwaffen gebaut werden. Ob jemand spendet, um zu helfen, oder um in den Zeitungen zu stehen. Ob künstliches Leben sich zu Fortschritt oder Ende der Menschheit entwickelt.  Auf den Geist kommt es an!

Wer also meint, Geister seien etwas für Zauberlehrlinge oder Geisterbahnen, der hat wirklich nicht begriffen, wie das Leben funktioniert. Ist geistlos.  Auch und gerade das, was uns berührt, ändert, uns froh macht, ist geistvoll. Geist ist Leben. Wer seinen Geist aushaucht, haucht sein Leben aus.

Die Pfingstgeschichte, die wir vorhin hörten (Apg 2,1-18), beschreibt den Geist, DER KIRCHE ausmacht, sie erfüllt, sie zum Leben erweckt und am Leben hält. 50 Tage nach dem Passahfest feiert Jerusalem mit seinen Pilgern das Jüdische „Wochenfest“ Schawuot, griechisch: pentakoste.  Alle feiern, dass sie ihn haben, ihren Gott. Feiern, dass er mit ihnen spricht, dass er ihnen in der Thora Weisung für ihr Leben gibt.

Und bei diesem Mal: 50 Tage nach der Erweckung des Christus aus dem Grabe,  10 Nächte nach Himmelfahrt, nun die Krönung des Ostergeschehens. Zu Pfingsten. Jerusalem ist voller jüdischer Pilger, die von überall aus der damaligen Welt gekommen sind. Sie alle werden Zeugen dafür, wie der Geist Christi vom Himmel her über seine Gemeinde kommt.

Diese jüdischen Pilger kamen aus Orten, die viele auch heute sehr schätzen. Namen mit mystischen Erinnerungen an so manchen malerische Urlaub in der Sonne: Israel, Ägypten, Südtürkei, Jordanien – Norden, Süden, Westen, Osten.

Da geschieht begeisterndes: Sie alle hören in ihrer Muttersprache von den Werken Gottes. Von der Erschaffung der Welt bis zum Ostertag.

MUTTERSPRACHE: Die Sprache, der Tonfall, das Gefühl, das jeder von uns schon kannte, bevor er geboren wurde. Weil die Stimme der Mutter schon vorher, während der ganzen Schwangerschaft, da war. Die wir verstehen können, ohne auf die einzelnen Worte achten zu müssen.

MUTTERSPRACHE: In Schweden erzählte mir ein Pfarrer von einer Frau aus Deutschland, die schon seit über 60 Jahren in Schweden lebte und diese Sprache perfekt beherrschte. Aber nach einem Schlaganfall war all das Schwedisch aus ihrem Kopf wie weggeblasen: Sie kennt nur noch ihre Muttersprache. Und die erzählt ihm, dass sie dadurch gemerkt habe, dass sie alles, was ihren Glauben betrifft, immer auf Deutsch gedacht habe, nie auf Schwedisch. Sie sagt: „Man glaubt und betet in seiner Muttersprache.“

All diese Menschen in Jerusalem hören nun von den Werken Gottes in ihrer MUTTERSPRACHE. Sie hören und begreifen plötzlich Dinge, die sie niemals zuvor gehört und begriffen haben.

Das aber verwirrt zunächst viele der Beobachter. Jeder von uns wird das nachvollziehen können. Wer einem Geist begegnet, den er nicht kennt, ist zunächst vorsichtig. Hält sich lieber erst einmal zurück. Man fragt sich: Was wird das werden? Wes Geistes Kinder sind die?

Ent- geistert sehen sie diesem fremden Geist ins Gesicht. Ist das der Geist des Weines?

Aber Petrus beruhigt sie, indem er sie an Joel erinnert. Der nämlich spricht davon, dass einmal der Geist Gottes zu allen sprechen wird: Zu Töchtern und Söhnen, zu Jungen und Alten. Sie alle werden Gott erkennen, den Grund ihres Glaubens begreifen, die Wahrheit wissen.

Hier herrscht also kein Ungeist. Hier herrscht der Geist, der auch die Menschen Karfreitag, Ostern und Himmelfahrt erleben und verstehen lässt, die nicht dabeiwaren. Hier herrscht der Geist Gottes. Der Geist, der sie alle hier, in Jerusalem, zum Pfingstfest zusammengeführt hat. Der Geist, nach dem sie doch alle suchten.

Meine Schwestern, meine Brüder:
Der Geist Gottes gründet keine Universitäten, Parteien oder Aktiengesellschaften. Der Geist Jesu Christi gründet auch keinen Verein. Er schafft Kirche und lässt sie lebendig sein.

Das macht er, indem er die Geister voneinander zu scheiden lehrt. Und das ist bitter nötig. Denn was die Augen überall auf der Welt zu sehen bekommen, sehen sie auch hier, in der Gemeinde: Wenig Heiliges, viel Ernüchterndes. Gemeinden, die sind, wie die Menschen vor Ort sind: Manchmal fröhlich und liebevoll, aber manchmal auch deprimiert, weil sie immer weniger werden, weil sie den Finanzmangel verwalten oder mit den Taten ihrer Mitglieder klarkommen müssen: Von Kreuzzügen über Hexenverbrennungen bis zur Misshandlung von Schutzbefohlenen, von Kleinkrämerei über Lieblosigkeit bis zur ausgesprochenen Unfreundlichkeit.

Auch Gemeinden sind Orte, an denen der Geist der Überheblichkeit regieren kann, der einem einflüstert, man sei allein im Besitz der Wahrheit. Anders als die anderen, die erst neu sind und noch lernen müssen, anders als die anderen, die andere Religionen, Hautfarben, sexuelle Vorlieben haben.

Der Geist des Pfingsttages aber ist ein anderer, er kommt aus dem Wort Gottes, von dem Jesus (Mk 13, 31) sagt: „Himmel und Erde werden vergehen – meine Worte aber werden nicht vergehen.“ Diese Worte pflanzen die Liebe in die Herzen der Menschen und halten sie dort fest. Aus ihnen spricht der Geist Gottes, der uns in unserer Muttersprache hören und begreifen lässt, was Gottes Willen für uns ist.

Wo DIESER Geist weht, entsteht Kirche. ER lässt sie leben. Er begeistert die Christen, weil er sie Gott erkennen lässt. Liebe leben lässt. In ihrer Muttersprache zu ihnen spricht, so dass sie verstehen. Endlich.

Auf den Geist kommt es an, liebe Gemeinde. Der Geist, den wir heute feiern, versammelt uns am Tisch des Herrn. Woher wir auch kommen, wohin wir auch gehen: Herrscht Gottes Geist der Liebe, werden wir seine Kirche.

Er wirkt die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern. Überall auf der Welt. So lange diese Welt sich dreht. Amen.

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