Der Nebel reißt auf (Luk 24 36-45)

Unser Ostergottesdienst zum Nachhören
ist für vier Wochen hier zu finden. (Link folgt)

In der Nacht, da er verraten ward
setzte sich Jesus an einen Tisch
mit dem Verräter
mit dem Verleugner
mit den Ängstlichen
alle würden ihn verlassen

In der Nacht, da er verraten ward
feiern sie das Passamahl
Hier werden Brot und Wein
durch ihn zu Heil und Leben
für die am Tisch
die ihn so nötig hatten
und ihn doch verließen

Am dritten Tage aber
am Ostertag
gibt sich der
Auferstandene neu

Brot und Wein des Abendmahls
lassen ihn unter uns lebendig werden
so verwandelt sich für uns das Leben
weil wir es so nötig haben
auf IHN alle Hoffnung zu setzen,
und ER spricht:

Ich war tot,
und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit
und habe die Schlüssel
des Todes und der Hölle.
Offenbarung 1,18
***

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist, der da war und der da kommt. Amen.

Du kannst nicht allein zuhause bleiben, nicht in deinem Zustand, redete er auf ihn ein. Du brauchst diesen Urlaub noch mehr als ich. Ich jedenfalls muss hier endlich mal raus, und ich kann dich in diesem Zustand nicht allein zu Haus lassen. Also los, pack die Sachen, ich helfe dir dabei.

In diesem Zustand: Dort war er, seit sie tot waren. Über zwei Jahre ist das her. Sie wollte mit dem Auto zu einer Freundin in den Schwarzwald fahren, und weil er keine Zeit hatte, fuhren sie die weite Strecke allein – sie und die Tochter.

Sie kamen nie an. Was genau das Auto über die Mittel-Leitplanke hatte fahren lassen, konnte nie eindeutig festgestellt werden. Zu sehen bekam er nur Fotos von Blut und Schrott. Und zwei Särge.

Fast jede Nacht träumt er. Von der Beerdigung, der langen Reihe erschütterter Freunde. Er hatte einen Stuhl gebraucht, weil ihm die Beine den Dienst versagten. Und immer und immer wünscht er sich, dass er die Arbeit hätte Arbeit sein lassen und selbst gefahren wäre. So wäre das alles vielleicht nicht passiert.

Oder sie wären zumindest gemeinsam gegangen. Dann wäre dieses quälende Leben nicht. Diese unendlichen Nächte, die schweren Gedanken, die Bilder vom letzten gemeinsamen Sommerurlaub. Immer, wenn er das Foto auf seinem Schreibtisch sah, verschwamm ihm die Sicht.

Der Kreis seiner Gedanken verliert sich dort. Im Dunkeln. In der Leere. DAS war sein Zustand. Und er wusste selbst: Alleinsein würde ihm wirklich nicht gut bekommen.

Nun aber saßen sie beide auf ihren Motorrädern in Richtung Kroatien. Sie fuhren in Ruhe, und das nicht nur wegen der Spritpreise. Sie übernachteten in Hotels auf dem Wege, die Zimmer freundlich, das Frühstück gut.

Am dritten Tag erreichten sie am frühen Vormittag die Alpen. Die Serpentinen der schmalen Straße zogen sich höher und höher, es wurde immer kälter, der Nebel kroch durch den Helm bis in die Schultern und wurde immer dichter.

Weiter als 50 Meter konnten sie nun nicht mehr sehen, diese Nebelbank war dicht und kalt. Sie fuhren kaum noch 30, mehr gab die Sicht nicht her. Sogar Schnee lag auf der Fahrbahn, mitten im Sommer.

Ob sie noch richtig waren? Selbst wenn nicht: Es wäre ihm egal gewesen. Hier um ihn herum sah es genau so aus wie in ihm drinnen. Hier hätte seinetwegen auch alles enden können.

Plötzlich aber sah er die Sonne. Kurz vor dem Pass riss der Nebel urplötzlich ab, und mit einem Schlag wurde es warm und hell. Nur noch zwei Kilometer bis zum Gipfel.

Und was er dort vor sich sah, verschlug ihm den Atem. Tiefblauer Himmel. Dreidimensionale, messerscharfe Sicht bis zum Horizont, die Nebelbank hinter und unter ihnen. Satte Farben von Wasser, Wald, Wiesen und Blumen.
Der Garten Eden, dachte er, ob es da auch Berge gab?

Völlig ergriffen tat er es seinem Freund nach, stellte die Maschine an einen sicheren Platz und setzte den Helm ab. Von einem Moment auf den anderen war alles anders. Die Schönheit der Welt drang durch die Depression in seine Gedanken. Die Farben gelangten durch seine Augen ganz nach innen, die Wärme der Sonne erreichte sein Herz.

Gibt es erhabenere Augenblicke als die Momente, in denen man die Schönheit des Lebens spürt? hörte er ihn fragen. Spürt – mit jeder Faser seines Menschseins?
Nein, Du hast recht, sagte er wie von selbst.
Und dachte: Es lohnt sich vielleicht doch noch, zu leben.
Das IST der Garten Eden…

SCHNITT.
Den Jüngern und ihren Freunden gehen die Bilder von Golgatha nicht aus dem Kopf. Sie alle, Judas eingeschlossen, hatten geglaubt, in Jesus ihren Lebenssinn gefunden zu haben. Seine Hinrichtung hatte all das beendet.

Sie fragen sich, wie es weiter gehen soll. Allein weitermachen? Ohne ihn? Aber die da draußen warteten nur darauf, dass sie den Kopf heraus steckten. Zurück zu den Familien und alten Freunden? Ja, vielleicht die letzte Möglichkeit.

Da geht die Tür auf. Zwei Freunde kommen herein. Sie sehen merkwürdig aus. Stehen sie denn ganz neben sich?

Sie erzählen. Hastig, ganz aufgeregt. Sie hatten auf ihrem Weg gestern nach Emmaus jemanden getroffen, mit dem sie lange über alles geredet haben.

Sie sagen, dass er ihnen später im Haus das Brot gebrochen habe – und dass es ihnen in genau diesem Moment wie Schuppen von den Augen gefallen war:

Dieser Fremde sei Jesus selbst gewesen. Sie erzählten atemlos, er sei dann vor ihren Augen einfach verschwunden. Aber Einbildung sei es nicht gewesen. Denn BEIDE fühlten sich befreit und wie neu geboren, und sie hatten sich darum gleich auf den nächtlichen Fußmarsch zurück nach Jerusalem gemacht. Sie MUSSTEN einfach erzählen, was ihnen passiert war.

Was soll man davon halten? Geht es Euch wirklich gut? Was habt ihr getrunken, was habt ihr gegessen? Was habt ihr geraucht?

Lukas schreibt weiter: (Lk 24, ab 36, NGÜ)
36 Während sie noch am Erzählen waren, stand mit einem Mal Jesus selbst in ihrer Mitte und grüßte sie mit den Worten: »Friede sei mit euch!«
37 Doch sie waren starr vor Schreck, denn sie meinten, einen Geist zu sehen. 38 »Warum seid ihr so erschrocken?«, sagte Jesus. »Und wie kommt es, dass solche Zweifel in euren Herzen aufsteigen? 39 Schaut euch meine Hände und meine Füße an: Ich bin es wirklich! Berührt mich und überzeugt euch selbst! Ein Geist hat doch nicht Fleisch und Knochen, wie ihr sie an mir seht.« 40 Und er zeigte ihnen seine Hände und seine Füße. 41 Da sie es vor Freude immer noch nicht glauben konnten und vor Staunen kein Wort herausbrachten, fragte er sie: »Habt ihr etwas zu essen hier?« 42 Sie gaben ihm ein Stück gebratenen Fisch, 43 und er nahm es und aß es vor ihren Augen.

44 Dann sagte er zu ihnen: »Nun ist in Erfüllung gegangen, wovon ich sprach, als ich noch bei euch war; …45 Und er öffnete ihnen das Verständnis für die Schrift, sodass sie sie verstehen konnten.

Jesus lebt und macht seine Jünger lebendig. Holt sie heraus aus der Depression verschlossener Türen und der immer wiederkehrenden Bilder von Folter, Tod und persönlichem Versagen.

Persönliches Versagen- vielleicht das Schlimmste. Dass sie nichts getan hatten, um es zu verhindern. Dass sie ihm nicht einmal treu geblieben waren. Dass sie sich SELBST untreu waren.

Judas wollte eine Entscheidung erzwingen und war zur Obrigkeit gelaufen. Seit er aber gesehen hatte, was dann geschehen war, war er spurlos verschwunden.

Petrus, der Fels, schwor ewige Treue und verleugnete ihn doch noch vor dem ersten Hahnenschrei. Tränen des Versagens verschleierten ihm Sicht und Denken.

Und in Gethsemane hatten sie ALLE versagt. Waren eingeschlafen und hätten doch einfach nur bei ihm stehen sollen.

Sie alle sind nun auf sich selbst zurückgeworfen.
Voller Angst vor der Obrigkeit, die sicher nicht in Ruhe lassen wird. auch voller Misstrauen gegen sich selbst, die eigenen Kräfte, den eigenen Mut.

Jetzt, am dritten Tage aber steht der von allen Verlassene vor den Verlassenen. Rechnet nicht mit ihnen ab. Begegnet ihnen ohne Vorwurf, ohne Beschuldigung.

Wirbt um sie. Er holt sie heraus aus Einsamkeit und Isolierung. Friede sei mit euch! Jetzt verlieren sie ihre Macht, die Gedanken an Schuld und Versagen. Friede! sei mit Euch.

Vor ein paar Wochen erst waren sie dabei gewesen, als Jesus die Tochter des Jaïrus aus dem Totenreich holte. Jetzt sitzt der Totgeglaubte neben ihnen und isst mit ihnen Fisch.

In den verschlossenen Raum, ohne Blick in den Himmel
kommt plötzlich Bewegung. Trotz des kalten Nebels des Todes steht Gott selbst neben ihnen. Mit ihm sind da Licht, Wärme, Leben. Farben leuchten, völlig überrascht haben sie freie Sicht bis dorthin, wo der Himmel die Erde berührt.

Ja, es IST schön, das Leben. Ihre Gedanken sammeln sich.
Sie beginnen zu verstehen. Zu begreifen, was geschehen ist. Und erkennen ihren Auftrag.

Tragt diese Freiheit hinaus in die Welt! Tragt in die Enge der verschlossenen Lebensräume den weiten Raum Gottes, seine Farben, seine Liebe, seine Wärme. Dann werden auch andere Leben finden gegen den Tod.

Meine Schwestern, meine Brüder:

von Kurt Tucholsky stammt der Satz:
Erfahrungen vererben sich nicht; jeder muss sie allein machen.

Mit der Ostererfahrung ist das nicht anders: Man muss sie selbst machen, damit sie lebendig werden und bleiben kann.

Als die Jünger nach der Himmelfahrt Christi nicht mehr mit ihm Fisch essen konnten, erinnerten sie sich daran, was die beiden Emmausjünger ihnen erzählt hatten: Jesus saß von dem Moment an neben ihnen, als er ihnen das Brot brach.

Darum redeten sie nicht nur über Ostern, sondern brachen das Brot selbst.
Feierten das gleiche Fest wie an ihrem letzten gemeinsamen Abend, als sie nach dem Passahmahl von Jesus selbst Brot und Wein gereicht bekamen.
Jetzt erkannten sie in Brot und Wein Jesus selbst.
Jetzt feierten sie das Abendmahl – und sie tun es bis heute.

Jede und jeder von uns macht seine eigenen Ostererfahrungen.
Wenn Leben nach dem Tod des besten Freundes wieder möglich ist. Wenn die durch den kalten Winter erstorbene Natur zu neuem Leben erwacht. Wenn der Nebel aufreißt und der Garten Eden zu sehen ist.

Uns ist der Tisch des Herrn angeboten, er birgt besondere Ostererfahrungen für die, die ihre Herzen offen halten.

Sie können sehen, dass Gott alle einlädt, die für diese Einladung offen sind. Dass er das Ende der Sünde verschenkt, die Gott und Mensch und Mensch und Mensch trennen. Dass er Leben verschenkt, das die Grenze des Todes nicht kennt. Dass er sich selbst gibt im Brot, sich selbst verschenkt im Wein, und das Gedächtnis an Jesu Abendmahl lebendig werden lässt.

Dann steht der auferstandene Herr lebendig in unserem Kreis und lässt uns das neue Leben des Ostertages empfangen – wie damals nach Emmaus.

Wir werden nach Hause gehen,
weil wir es erfahren haben:

Christus, der Herr ist auferstanden
ER IST WAHRHAFTIG AUFERSTANDEN. Amen.

EG 116: 1.4.5

1 Er ist erstanden, Halleluja.
Freut euch und singet, Halleluja.
Denn unser Heiland hat triumphiert,
all seine Feind gefangen er führt.
Kehrvers Lasst uns lobsingen vor unserem Gott,
der uns erlöst hat vom ewigen Tod.
Sünd ist vergeben, Halleluja!
Jesus bringt Leben, Halleluja!
4 »Geht und verkündigt, dass Jesus lebt,
darüber freu sich alles, was lebt.
Was Gott geboten, ist nun vollbracht,
Christ hat das Leben wiedergebracht.«
Lasst uns lobsingen vor unserem Gott,
der uns erlöst hat vom ewigen Tod.
Sünd ist vergeben, Halleluja!
Jesus bringt Leben, Halleluja!
5 Er ist erstanden, hat uns befreit;
dafür sei Dank und Lob allezeit.
Uns kann nicht schaden Sünd oder Tod,
Christus versöhnt uns mit unserm Gott.
Lasst uns lobsingen vor unserem Gott,
der uns erlöst hat vom ewigen Tod.
Sünd ist vergeben, Halleluja!
Jesus bringt Leben, Halleluja!

 

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