Unseren Gottesdienst vom Palmsonntag zum Nachhören
finden Sie für vier Wochen hier.
Palmsonntag
so ist diese Welt
gestern, morgen
Hände
schwingen Palmzweige
ballen sich zur Faust
Münder
rufen Hosianna
schreien kreuzige ihn
gestern, morgen
Doch
Jesu Weg in das Dunkel des Menschseins
wird der Weg Gottes
zum Licht der Welt
allezeit und ewig
Der Menschensohn muss erhöht werden,
auf dass alle, die an ihn glauben,
das ewige Leben haben.
Joh 3,14b.15
***
Mk 14
1 Es waren noch zwei Tage bis zum Passafest und den Tagen der Ungesäuerten Brote. Und die Hohenpriester und Schriftgelehrten suchten, wie sie ihn mit List ergreifen und töten könnten.
2 Denn sie sprachen: Ja nicht bei dem Fest, damit es nicht einen Aufruhr im Volk gebe.
3 Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt.
4 Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls?
5 Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.
6 Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan.
7 Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit.
8 Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis.
9 Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.
GNADE SEI MIT EUCH und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt. Amen!
„Er hat ein Gedächtnis gestiftet seiner Wunder, der gnädige und barmherzige HERR.“ So liest man in Psalm 111,4; das ist auch der Spruch über Gründonnerstag, dem Tag der Einsetzung des Heiligen Abendmahls.
Wenn in der Bibel so von „Gedächtnis“ gesprochen wird, geht es nicht einfach um bloßes Erinnern, sondern meist um das Lebendig-werden-lassen einer geschichtlichen Situation im Hier, Heute, Jetzt.
So ist das Sabbat-Gebot an das Gedächtnis der Sklaverei Ägyptens gebunden, genau wie das Passah-Fest. Und da ist es folgerichtig, dass auch das Abendmahl Gedächtnis-Mahl ist. Denn es geht hier um das Lebendig-werden-lassen der Passion Christi in unserem Leben.
Unser Bibeltext für heute will etwas anderes lebendig-werden-lassen, ihr habt es gehört: Eine namenlose Frau, die kein Wort sagt, dafür aber etwas tut. Was mag sie sich dabei gedacht haben? Und warum ist sie für uns wichtig? So, dass ihr Tun für uns wieder lebendig werden soll, am Beginn der Karwoche?
Es ist Dienstag, also übermorgen, dass diese seltsame Geschichte vor dem Passahfest passiert. Das Markusevangelium hat die, die es lesen, darauf vorbereitet, dass es jetzt auf den Höhepunkt, die Kreuzigung Jesu zugeht. Oder besser auf den Tiefpunkt der Lebensgeschichte Jesu.
Die religiösen Führer verfallen in Hektik: Sie wollen Jesus loswerden, ihn umbringen, unbedingt vor dem Fest. Jedes Mittel scheint ihnen recht. Und diese Hektik ließ sich offenbar nicht verbergen; Unheil lag in der Luft – für Jesus und für die, die ihm nahe waren.
Jesus selbst ist in Betanien. Hier hatte er seine meisten sozialen Kontakte, kannte viele Menschen persönlich, hier ist er jetzt zu Gast. „Simon der Aussätzige“ ist Gastgeber.
Dass der noch krank ist, ist unwahrscheinlich, denn das wäre für alle viel zu gefährlich gewesen. Vielleicht ist er einmal von Jesus geheilt worden und bekam dann diesen Beinamen „der Aussätzige“.
Man mag sich vorstellen, dass viele Leute zu Tische gekommen waren, mancher geht davon aus, dass das seine Jünger waren. Damit wäre es wohl eine reine Männerrunde gewesen; aber davon steht in unserem Text nichts.
Bei der folgenden Auseinandersetzung geht es also NICHT sicher um die Auseinandersetzung zwischen Männern und einer Frau. Sicher kann man nur anderes sagen, aber eines nach dem anderen:
Eine Frau kommt herein. Sie bekommt keinen Namen, es wird auch nicht erzählt, dass sie irgend etwas sagt. Was erzählt wird: Sie tritt hin zu Jesus, bricht einen Flacon aus Alabaster auf und gießt seinen Inhalt über dem Haupt Jesu aus.
Herabfließendes Öl, wunderbarer Duft edelsten Parfüms breitet sich aus, die Anwesenden erkennen: Das ist reines Nardenöl.
Die Echte Narde ist eine Pflanze aus der Familie der Baldriangewächse. Sie wächst wild im Himalaya-Gebirge in Höhen von bis zu 5000 Metern. Dort muss sie erst einmal gesammelt werden; ihre Wurzeln werden dann in einem langwierigen und kostspieligen Prozess zu einem wertvollen duftenden Öl verarbeitet.
Das muss dann auf den weiten Weg vom Himalaya, also vielleicht aus Indien, bis in den Mittelmeerraum gebracht werden, wo Nardenöl als Heilmittel und Kosmetik der reichen Oberschicht hoch im Kurs steht. Antike Könige wurden damit oft bei ihren Krönungszeremonien gesalbt.
Im Text ist von dreihundert Silbergroschen die Rede, die das über Jesus ausgegossene Öl wert gewesen sein soll. Dreihundert Silbergroschen, dreihundert Denar: Das ist das Einkommen eines Arbeiters, wohlgemerkt nicht im Monat, sondern im Jahr.
Denen, die das miterlebten, muss der Atem gestockt haben. Ein Jahresgehalt, einfach so ausgegossen. Weggegossen!?
Wer könnte ihren Ärger nicht verstehen? Das ist Verschwendung! Und von Verhältnismäßigkeit kann nun überhaupt keine Rede sein! Das sind keine bloßen Männerargumente, das ist rational für wohl jeden Menschen nachzuvollziehen.
Was aber wird die Frau zu dieser Handlung getrieben haben? Je länger ich darüber nachgedacht habe, glaube ich:
Sie hat körperlich gespürt, dass die Lage für Jesus mehr als heikel ist, ja dass er in Todesgefahr schwebt.
Sie hat nicht nur irgend ein ungutes Gefühl, sie hat ANGST um ihn.
Sie hat Angst um Jesus, der ihr ein wichtiger Freund gewesen sin muss. Die Worte von ihm haben sie berührt; sie trägt sie tief in ihrem Herzen. Seine Taten haben sie dann endgültig für ihn eingenommen. Dieser Mensch Jesus bedeutet ihr viel, sehr viel, vielleicht ist er der sogar der wichtigste in ihrem bisherigen Leben.
Ob Jesus wohl weiß, wie viel er ihr bedeutet?
Hat sie ihm das bisher jemals sagen können?
Wahrscheinlich nicht; jetzt aber spürt sie überdeutlich, dass ihr die Zeit davonläuft, um Jesus zu das zu zeigen, ihm ihre Liebe zu zeigen. Ja, es geht ganz offenbar um Liebe, zumindest um DIE Liebe, wie sie zwischen besten Freunden besteht.
So ist DAS, was sie da tut, eine Liebestat.
Doch auch die Argumente derer, die ihr jetzt Vorwürfe machen, sind Argumente der Liebe, nämlich solche der Nächstenliebe.
Etwas Besseres hätte man mit diesem Nardenöl machen können. Was hätte man nicht alles für die Armen tun können, wenn man das Nardenöl verkauft hätte! Das wäre doch viel vernünftiger gewesen! Nun aber ist es dafür zu spät…
Mich erinnert das an die Diskussionen, die heute oft geführt werden, wenn es um Geld für Kunst und Kultur oder Geisteswissenschaften geht, also die Bereiche unseres gesellschaftlichen Lebens, die es mit dem Schönen oder dem Geistigen zu tun haben; Bereiche, die also keinen direkten finanziellen Mehrwert erwirtschaften können.
Soll man diese Bereiche doch denen überlassen, deren Hobby sie sind, und das Geld der Gemeinschaft lieber für Krankenhäuser, Schulen oder Kindergärten ausgeben. Das wäre vernünftig! Denn die haben es doch viel nötiger!
Jesus aber nimmt diese Frau mit klaren, bestimmten Worten in Schutz. Lasst sie in Ruhe! Warum bereitet ihr ihr Kummer? Sie hat ein gutes Werk getan, ein gutes Werk an MIR getan!
Was sagt er da? Will er Partei ergreifen gegen die Vernunft, obwohl er doch auch selbst oft Vernunfts-Argumente gebraucht, gerade wenn es um die Benachteiligten der Gesellschaft geht? Will er die Fürsorge um die Armen relativieren, gar die Existenz der Armen als einen Dauerzustand rechtfertigen?
Doch es geht hier nicht um ein Gegeneinander von Vernunft und Gefühl. Es geht um ein MITEINANDER. Die Frau hat den Mut, genau das zu tun, was ihr Herz und ihre Intuition ihr sagen, was sie ihr JETZT sagen.
JETZT nämlich muss sie etwas für Jesus tun. Sie spürt die Bedrohung, und darum muss sie das JETZT tun. In jedem Leben muss es solche Augenblicke geben. Die Frau fordert nicht, sie erwartet nichts, vor allem keine Gegenleistung.
Diese Frau macht nicht viel Aufhebens, sie beginnt kein anspruchsvolles Gespräch, sie redet überhaupt nichts, sondern sie tut genau das, was zu ihr gehört, was ihr entspricht, was ihr JETZT möglich ist.
Keine Gegenleistung für ein Jahreseinkommen! In solchen Augenblicken selbstvergessener Hingabe liegt eine große Kraft, die man vielleicht nicht sehen, doch aber spüren kann:
Neben die nüchterne Nächstenliebe tritt die liebende Hingabe.
Und Jesus schämt sich dieser Hingabe nicht. „Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis.“ So lässt Markus bereits zu Beginn seiner Passionsgeschichte das getan sein, was am Ende der Passionsgeschichte den Frauen am Grabe verwehrt sein wird, weil sie das Grab Jesu leer vorfinden werden.
Hingabe aber kann nie gefordert oder verordnet werden. Man kann sie niemals einplanen. Doch WENN solche Hingabe in Liebe geschieht, dann bekommt auch das irdisch Schöne, das irdisch Wertvolle, ja sogar der irdische Luxus eine eigene Würde.
So wie auch das irdisch Geringe, das Wenige, das völlig Unscheinbare bei Jesus seine Würde bekommt, denkt zum Beispiel an Jesu Worte zum Scherflein der Witwe (Mk 12,44).
Durch das, was diese Frau hier tut, wird sie zu einem Teil der Geschichte Jesu. Eine unerkannte Frau wird zu einer sehr bekannten Frau, über die man nachdenkt. Deren Geschichte man lebendig sein lässt.
Zu ihrem Gedächtnis lesen wir ihre Geschichte, wir lassen lebendig werden, was damals geschah, so lebendig, dass der eine oder die andere die Szene nicht nur vor sich sieht, sondern sogar den Duft dieses Öles wahrzunehmen vermag.
Meine Schwestern, meine Brüder,
die Protestierenden scheinen nicht zu erkennen, wer dieser Jesus, mit dem sie JETZT an einem Tisch sitzen und essen, wirklich ist. Dieser Jesus, dem sie vielleicht sogar nachfolgen.
Denn sonst hätten sie sich auf die Zunge gebissen und sich jeden Einspruch verkniffen, als der Gesalbte Gottes, der Christos, der Messias, vor ihrer aller Augen JETZT sichtbar gesalbt worden ist.
Wie ein König gesalbt: So gestärkt geht Jesus in seine letzten Tage, von der Leidenschaft in das Leiden. Ich weiß nicht, wie Nardenöl duftet. Aber ich weiß, dass ein wirklich gutes Parfum nicht nur ein paar Stunden, sondern ein paar Tage wahrzunehmen ist.
Sicher ist darum, dass Jesus den Duft des Nardenöles noch lange wahrgenommen haben muss. Vielleicht lag ihm dieser Duft sogar noch in der Nase, als ihm die Dornenkrone aufgesetzt worden ist. Weil die liebende Hingabe der Frau im JETZT geschehen war.
Mia singt in ihrem Song „Was es ist“ in Anlehnung an ein Gedicht von Erich Fried im Refrain:
„Es ist, was es ist, sagt die Liebe
was es ist, fragt der Verstand..“
Vielleicht fragt der Verstand immer noch, was es ist, diese Sache mit diesem sündhaft teuren Öl auf dem Haupt von Jesus.
Und die Liebe antwortet dann wohl:
Es ist, was es ist.
Denn dieser Augenblick der aufrichtigsten Verbundenheit, dieser Moment des Sehens und des Riechens, war dieser Frau JETZT ein Vermögen wert.
Gleich nach dieser Geschichte wird ein Gegenpol zu dieser Geschichte erzählt: Der Jünger Judas beschließt, Jesus ausliefern, vielleicht sogar auch das eine Tat der Liebe:
Judas tut das vielleicht in der Hoffnung, dass Jesus sich nach seiner Gefangennahme nun endlich auch auch als irdischer König zu erkennen geben müsste. Es wird erzählt, dass er dafür allerdings kein Vermögen, sondern nur ein besseres Taschengeld bekommen haben soll.
Als Petrus dann Jesus verleugnete, obwohl ihm die Liebe zu Jesus nicht abzusprechen war, geschah das wohl, weil ihm der Mut zur Hingabe JETZT fehlte. Er soll das bitter bereut haben.
„Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben.“ (Mk 16, 1)
Wieder mit einem Moment der Hingabe endet Markus sein Evangelium. Wieder sind es Frauen, die den Mut aufbringen, sich JETZT trotz der Gefahr für ihren Leib und ihr Leben für Jesus einzusetzen, selbst nach seinem Tod.
Für mich ist das die Einladung des Markus auch an uns, ein Miteinander von Vernunft und Gefühl in unserem Glauben zu leben.
Also einerseits die rationale Bewältigung des Lebens in Liebe nicht aus den Augen zu lassen,
anderseits aber das JETZT zu achten und in der Liebe auch die Hingabe zuzulassen.
Denn
die Liebe Gottes,
die Gnade unsres Herrn Jesus Christus
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sind Vernunft UND Hingabe und
all unser Vertrauen wert. AMEN
EG 83: 4.7
4. Mein Lebetage will ich dich
aus meinem Sinn nicht lassen,
dich will ich stets, gleich wie du mich,
mit Liebesarmen fassen.
Du sollst sein meines Herzens Licht,
und wenn mein Herz in Stücke bricht,
sollst du mein Herze bleiben;
ich will mich dir, mein höchster Ruhm,
hiermit zu deinem Eigentum
beständiglich verschreiben.
7. Wenn endlich ich soll treten ein
in deines Reiches Freuden,
so soll dein Blut mein Purpur sein,
ich will mich darein kleiden;
es soll sein meines Hauptes Kron,
in welcher ich will vor den Thron
des höchsten Vaters gehen
und dir, dem er mich anvertraut,
als eine wohlgeschmückte Braut
an deiner Seite stehen.

