Trost (Jes 66 10-14)

Unseren Laetare-Gottesdienst zum Nachhören
finden Sie für vier Wochen hier.

Dietrich Bonhoeffer:

Wir müssen uns immer wieder
sehr lange und sehr ruhig
in das Leben,
Sprechen,
Handeln,
Leiden und Sterben Jesu versenken,
um zu erkennen,
was Gott verheißt
und was er erfüllt.
Gewiss ist,
dass im Leiden unsere Freude,
im Sterben unser Leben verborgen ist;
gewiss ist,
dass wir in dem allen
in einer Gemeinschaft stehen,
die uns trägt.

Christus spricht:
Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt,
bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.
Johannes 12,24
***
Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist, der da war und der da kommt! AMEN

Jesus liebt mich. Ein Kinofilm des Jahres 2013 nach der Idee des gleichnamigen Romans von David Safier.

Kurz nachdem Maries Hochzeit geplatzt ist, lernt sie ihren Traummann kennen. Doch dann erklärt ihr der einfühlsame, hochherzige Zimmermann mit Namen Joschua beim ersten Date, er sei Jesus und wegen des Jüngsten Gerichts wieder auf die Welt zurückgekehrt. Es entwickelt sich eine Liebesgeschichte zwischen Himmel und Hölle, Gut und Böse, Wunderbarem und Irdischen.

Nein, der Film ist kein biblisch fundiertes Lehrstück, eher eine himmlische Komödie mit einem, wie ich finde, durch und durch zartfühlenden Blick auf Himmel und Hölle, die Welt und die Menschen.

Wenn ich dann allerdings Kritiken lese wie die von Manuel Seibel auf „Bibelpraxis. de“, der da schreibt: „Hoffentlich fällt kein Christ auf den Titel herein und schaut sich diesen gottlosen Film an“, dann spüre ich deutlich, wie wenig Humor manche Christen haben. Zu denen möchte ich nicht gehören. Ich konnte jedenfalls im Film öfter lachen und mag mich nicht dafür schämen. Ich denke vielmehr, dass man als Christ diesen Film kennen sollte.

Einerseits, um über ihn gerade mit Nichtchristen sprechen zu können und manche theologische Unwahrheit beim Namen zu nennen. Das fördert die theologische Gesprächsfähigkeit.

Andererseits aber auch deshalb, weil der Film den eigenen Glauben frisch und frech in Frage stellt und man damit auch gezwungen ist, eigene Gottesvorstellungen in Frage zu stellen.
Eine Szene, die mir darum besonders gut gefällt:

Marie hat eine „Gottesoffenbarung“. Sie bekommt dabei die Gelegenheit, sich eine Erscheinungsform Gottes auszusuchen, also die Gestalt ihres Gegenübers auszuwählen, mit der sie redet.

Sie bekommt dazu ein großes Pappbilderbuch für Kinder. So eines mit Ringbindung, bei dem die Seiten mehrfach waagerecht geteilt sind. Damit kann man den abgedruckten bunten Figuren einen Kopf, einen Oberkörper und einen Unterkörper samt Beinen zuordnen, man kann sie aber auch vermischen.

Marie hat so die Auswahl zwischen verschiedenen Gottesbildern oder irgendeiner Mischform. Sie blättert ein paar Mal hin und her – und wählt für sich Gott als alten Mann mit Rauschebart. Dazu kommt der Kommentar der Stimme aus dem Himmel, mit einem Seufzen, wie mehr zu sich selbst: „Hätte sich auch mal was anderes einfallen lassen können“.

Warum Marie sich gerade den alten Mann als Gegenüber zum Reden wünscht, bleibt ihr Geheimnis. Vielleicht erinnert der sie an ihren Großvater, den sie liebt oder geliebt hat, oder ihr ist das Gemälde an der Decke ihrer Kirche wieder eingefallen. Wie auch immer: Marie und der würdevolle Alte kommen sich näher und lernen, sich zu verstehen.

Mancher könnte schon in dieser Filmszene pure Blasphemie entdecken. Gerade wir Reformierten werden ja nicht müde, das Bildergebot (z. B. Exodus 20,4-5) hoch zu halten, sogar so hoch, dass es bei uns Kerzen nur in der Adventszeit auf unseren Abendmahlstisch schaffen.

Denn: Eine Kerze „opfert sich selbst“, um Licht und Wärme zu spenden. Damit symbolisieren Kerzen in der christlichen Tradition den sich selbst verzehrenden Christus, sind ein Bild für ihn, und fallen somit dem Bildergebot anheim. Viele nennen es darum auch lieber Bilder-VER-bot…

Das Bildergebot hat unbestreitbar seine Berechtigung.
Wer sich ein Bild von seinem Gegenüber MACHT, steht in Gefahr, irgendwann auch ein Bild als Gegenüber zu HABEN.
Das aber ist der Tod jeder Beziehung, egal ob zu Nachbarn, Freunden, zum Lebenspartner oder gar zu Gott.

Denn nichts an einem Bild lebt, es ERINNERT nur noch an etwas, was lebendig war oder, schlimmer, noch IST. Also: Wer Bilder nutzt, muss sich darüber im Klaren sein: Funktionierende, lebendige Beziehungen gibt es zu BILDERN nicht.

Andererseits: Ohne Bilder können wir weder denken noch reden, und da macht auch unser Denken und Reden von Gott keine Ausnahme. Und in der gleichen Bibel, in der das Bildergebot steht, steht auch der Bibeltext für unseren Gottesdienst heute zu Laetare, ich lese aus dem Buch des Propheten Jesaja Kapitel 66:

10 Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.
11 Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust.
12 Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen.
13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.
14 Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. …

Das Gottesbild, dass uns hier vor Augen gestellt wird, hat nun ganz und gar nichts von einem alten Mann. Hier werden Gott und die Stadt Jerusalem in eines gemalt.

Dass aus Jerusalem allerdings der Frieden strömt, darauf wird wohl noch lange gewartet werden müssen. Dabei denke ich nicht nur an den gerade tobenden Nahostkrieg. Dass Jerusalem den „Reichtum der Völker“, und hier ist mit Sicherheit nicht der materielle Reichtum gemeint, aus sich herausströmen ließe, davon ist die Stadt auch heute noch weit, sehr weit entfernt.

Das war sie wohl auch zu der Zeit, in der unser Bibeltext wahrscheinlich aufgeschrieben wurde. Das dürfte wohl im 3. oder 2. Jahrhundert vor Christus gewesen sein. Israel war durch Alexander den Großen 332 erobert worden, und in der Folge kam auch Jerusalem mehr und mehr unter nicht nur politischen, sondern auch unter den geistig-kulturellen Einfluss der Griechen.

Das führte nicht nur dazu, dass die griechische Übersetzung des ersten Teils unseres „Alten Testament“ entstand, die sogenannte „Septuaginta“. Es führte auch zu starken Spannungen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft.

Es dürfte daher wohl nur wenige Menschen gegeben haben, die in diesem Jerusalem tatsächlich den „Reichtum der Völker“ fanden, auch wenn es den dort zweifelsohne gab. Doch multikulturelles Zusammenleben ist nicht nur schön, sondern auch von Konflikten gezeichnet, die zumindest als anstrengend, oft sogar als bedrohlich erlebt wurden und werden. Man darf also annehmen, dass nicht die irdische Stadt, sondern die künftige, himmlische gemeint ist.

In jedem Falle ist Gott hier nicht einmal männlich, sondern durch und durch weiblich. Denn auch Jerusalem ist im Hebräischen weiblich.

Dabei ist dieses Gottesbild von der tröstenden Mutter durchaus nicht für jeden Menschen angenehm. Ich kenne viele, die ein eher angespanntes Verhältnis zu ihren Eltern oder Elternteilen haben; die sich an Situationen, in denen sie von ihren Eltern getröstet worden wären, nicht erinnern können.

Doch auch für mich, der ich ein enges und warmes Verhältnis zu meiner Mutter hatte und tatsächlich selbst als Erwachsener Trost von ihr bekam, sind die Bilder dieses Textes zum Teil unangenehm. Denn ich erinnere mich noch sehr genau: Als ich als Siebenjähriger erlebte, wie mein Bruder von meiner Mutter gestillt wurde, konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass mir das schmecken würde…

Doch einmal abgesehen von allen persönlichen Erfahrungen ist nicht zu bestreiten: Muttermilch ist die beste Nahrung für Säuglinge im ersten halben Lebensjahr.

Sie ist perfekt auf die Bedürfnisse des Kindes abgestimmt, enthält essentielle Nährstoffe, Antikörper zur Stärkung des Immunsystems und schützt langfristig vor Krankheiten. Auch für Mütter sinkt langfristig das Risiko für bestimmte Krebserkrankungen und Diabetes Typ 2. Und das Stillen fördert die emotionale Mutter-Kind-Bindung.

Auf den Armen und der Hüfte der Mutter getragene Kinder spüren diese Bindung besonders, fühlen sich geborgen und, wenn sie traurig sind, getröstet. Und wenn diese Mutter-Kind-Beziehung funktioniert, dann hält sie über ein ganzes Erdenleben, wie bei mir. Besser kann der Mutter-Gott seine Kinder also nicht trösten.

Und Trost ist nötig, denn Trauer über Jerusalem liegt schwer auf der Seele. Übertragen: Trauer über Jerusalem und den Zion ist Trauer über den Verlust der spirituellen Mitte. Das beschreibt den Zustand eines Menschen, der seinen inneren Kompass, in diesem Fall seine innere Verbindung zu Gott zu verlieren droht.

Emotionales und geistiges Ausgebranntsein sind die Folgen, Gottvertrauen weicht dem Gefühl der Gottesferne. Diese „spirituelle Depression“ wächst sich aus zu einer tiefen Trauer darüber, den Sinn seines Lebens verloren zu haben.

Doch der Mutter-Gott tröstet, wie nur eine Mutter ihren Säugling zu trösten vermag. Denn die Bindung zwischen den beiden ist körperlich, emotional, wichtig und heilsam für beide. Ein frohes Leben für beide ist nur gemeinsam vorstellbar.

So auch für den, der um Jerusalem, also seine verlorene Lebensmitte, seine Gottesbeziehung trauert: Die Muttermilch, das Tragen auf Hüfte und Arm waren die Grundlage. Und diese Beziehung hält lebenslang. Sie bringt beide auch später wieder zusammen, macht aus zwei Leben wieder eines. Gerade der so getröstete ERWACHSENE Mensch erinnert und begreift, dass der Mutter-Gott ein Leben ohne ihn nicht will.

Meine Schwestern, meine Brüder,

emotionales und geistiges Ausgebranntsein, wer von uns kennt die nicht? Unsere sicht- und spürbar immer kleiner werdenden Gemeinden sind für niemanden von uns Grund zur Freude, sondern zur Trauer. Die Angst, dass mit immer kleiner werdenden Gemeinden auch die eigene Gottesbeziehung immer kleiner wird, scheint auf der Hand zu liegen.

Wie bekommen wir nun etwas vom Trost dieses Mutter-Gottes ab? „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ fragt der Heidelberger Katechismus zu Recht gleich als Erstes, denn bevor alle anderen Fragen des Glaubens besprochen werden, muss die Grundlage, die Gottesbeziehung stimmen.

Und die Antwort des Katechismus macht deutlich:
Es muss ein Trost sein, der nicht nur auf vereinzelte Leiderfahrungen reagiert. Das muss dieser Trost sicher auch können, aber er muss größer sein.

Er muss das ganze Menschenleben umarmen, unsere ganze menschliche Existenz in ihrer immerwährenden täglichen Verwundbarkeit. Er muss einfach ein für alle Mal wirken, auf ihn muss immer Verlass sein.

Gott ist uns in Jesus Christus so nahe gekommen wie eine Mutter ihrem Kind. Durch seine Leidenschaft für uns, die sogar das Kreuz trug, konnten wir sehen, dass die Mutterliebe Gottes zu uns allem standhält, was dieses Leben uns zu tragen zwingt.

In der Erinnerung daran dürfen wir glauben, dass in Jesus Christus Gottes Heilshandeln als bedingungslose Zuwendung sichtbar wird. So bedingungslos, wie das eine gesunde Beziehung zwischen Mutter und Säugling ist. Von Gottes Seite ist diese Beziehung zu uns nicht nur sichtbar, sondern auch fühlbar und dauerhaft stabil. Sie umfasst nicht nur unseren sonntäglichen Kirchenbesuch. Sie umarmt unser ganzes Leben, unser Sterben, unser Denken, unser Handeln.

Darum ist die Antwort des Katechismus konsequent:
„Dass ich mit Leib und Seele
im Leben und im Sterben
nicht mir,
sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre.“

Dieser Trost hält, was er verspricht.
Mag auch manch Eltern-Kind-Beziehung gestört gewesen sein oder gar gestört bleiben, Gott lässt an seiner Mutter-Gott Säugling-Beziehung nichts zweifeln:

Die Liebe Gottes,
die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes

sind uns Trost in Zeit und Ewigkeit.
AMEN

EG 98
1. Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt,
Keim, der aus dem Acker in den Morgen dringt –
Liebe lebt auf, die längst erstorben schien:
Liebe wächst wie Weizen und ihr Halm ist grün.
2. Über Gottes Liebe brach die Welt den Stab,
wälzte ihren Felsen vor der Liebe Grab.
Jesus ist tot. Wie sollte er noch fliehn?
Liebe wächst wie Weizen und ihr Halm ist grün.
3. Im Gestein verloren Gottes Samenkorn,
unser Herz gefangen in Gestrüpp und Dorn –
hin ging die Nacht, der dritte Tag erschien:
Liebe wächst wie Weizen und ihr Halm ist grün.

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