Unser Gottesdienst vom 11. Sonntag nach Trinitatis zum Nachhören ist für vier Wochen hier zu finden.
Wer bin ich wirklich?
Der, der ich gerne wäre?
Der, den andere sehen?
Halte ich mehr von mir, als ich bin?
Traue ich mir weniger zu, als ich kann?
Bin ich hochmütig?
Bin ich kleinmütig?
Demütig?
die Begegnung GOTT
zeigt wer ich bin
das Geschöpf begegnet
seinem Schöpfer
daraus wächst Mut
zum Gehen
zum Fallen
zum Aufstehen
zum Glauben der die Welt überwindet
Mut zum Dienen
Demut.
Gott widersteht den Hochmütigen,
aber den Demütigen gibt er Gnade.
1 Petrus 5,5b
***
1825 – 200 Jahre ist es her.
Die verheerende große Halligflut an der Nordseeküste verursachte schwere Schäden von den Niederlanden über Deutschland bis in den Norden Dänemarks. 800 Menschen verloren damals ihr Leben, etwa 50.000 Nutztiere verendeten und rund 10.000 Häuser wurden unbewohnbar.
200 Jahre ist es her.
Da fuhr die erste öffentliche Eisenbahnlinie in England, die sowohl Güter als auch Personen beförderte. In England wurde der erste Elektromagnet erfunden, in Dänemark das Aluminium entdeckt.
200 Jahre:
Das ist für uns Menschen eine lange Zeit, Ereignisse für drei Menschenleben, für 6-8 Generationen, je nachdem, wie man das zählt. Vieles geschieht, vieles verändert sich. Manches versteht man nicht mehr, 200 Jahre danach.
Wir erinnern eine so lange Zeit nur, weil irgendwer irgendwo etwas darüber aufgeschrieben hat. Vom Hörensagen erinnern wir vielleicht die letzten 80 Jahre, und das auch nur dann, wenn unsere Großeltern und Eltern uns davon erzählt haben.
Lange 200 Jahre ist am Buch Hiob geschrieben worden.
Da sind sich die Textwissenschaftler ziemlich einig.
Das macht es für euch, die ihr meine Predigt hört, nicht gerade einfach.
Ein Buch der Weisheitsliteratur, über lange 200 Jahre entstanden, ist eben nur schwer zu verstehen, wenn man nicht irgendwie den Überblick zu behalten versucht. Zumal die Predigttexte ja immer nur Bruchstücke sind, selbst wenn sie so wie heute über ein ganzes Kapitel reichen.
In seinem Kern besteht das Hiobbuch aus einer langen Dichtung in poetischen Versen, die von Kapitel 3 bis 42 reichen. Drumherum gibt es einen erzählenden Rahmen in Kunst-Prosa.
Den Rahmen kennen die meisten Bibelleser besser als den Kern. Denn im Rahmen geht es zu Beginn um die spannende Erzählung, dass der gefallene Gottessohn Satan und Gott um die Standfestigkeit des rechtschaffenen gottesfürchtigen Hiob streiten.
Und der Rahmen zum Schluss erzählt, dass Gott seinem standhaften Hiob zu einem Wohlstands-Happyend verhilft, auch wenn der Tod seiner ganzen Familie natürlich nicht so einfach rückgängig gemacht worden ist.
Man hat schon viel darüber gestritten, wie Rahmenerzählung und Kerndichtung zusammenpassen, zumal der Hiob des Rahmens eher ein gelassener ländlicher Großgrundbesitzer ist: „Der Herr hat‘s gegeben, der Herr hat‘s genommen, der Name des Herrn sei gelobt!“ (1,21)
Der Hiob der Kerndichtung aber ist eher ein Bildungsbürger, der sich in der Weisheit auskennt und versucht, als theologischer Rebell einen Rechtstreit mit Gott auszufechten, wie das in unserem Predigttext auch deutlich wird.
Heute geht es also nicht um den Hiob des Rahmens, den Hiob mit dem Happyend, sondern um den Hiob des Kerns, dem scharfsinnigen Debattierer.
Wir hören in seine Debatte mit Elifas hinein. Elifas ist der erste der drei Freunde, die ihn gemeinsam besuchen, um Hiob in seinem Leid beizustehen.
Grundsätzlich kreist in dieser Debatte alles um die Frage, wie Gott zulassen kann, dass es Gottlosen gut und dem gottesfürchtigen und treuen Hiob so schlecht geht.
In unserem Bibeltext geht es um die Antwort auf die letzte Rede des Elifas. Da hat die Debatte schon an Schärfe gewonnen; Elifas wirft Hiob sogar vor, unehrlich, ja scheinheilig zu sein:
22, 4 „Du denkst doch nicht, (Gott) zieht dich vor Gericht, weil du ihn ehrst und ihm gehorsam bist? 5 Es kann nur wegen deiner Bosheit sein und weil du immer wieder Unrecht tust. 6 Wenn dir ein Landsmann irgendetwas schuldet, verlangst du sein Gewand dafür als Pfand, obwohl er keine andere Kleidung hat. 7 Der Durstige bekommt von dir kein Wasser, den Hungernden verweigerst du dein Brot….9 Die Witwen schickst du fort mit leeren Händen und Waisenkinder übervorteilst du!… 21 Hör endlich auf, in Gott den Feind zu sehen, und söhne dich doch wieder mit ihm aus! Nur so wirst du dein Glück zurückgewinnen.
22 Wenn er dich unterweist, dann nimm es an, behalte jedes Wort in deinem Herzen!“
Und Hiob antwortet, ich lese weiter in der Übersetzung der Gute Nachricht Bibel, zunächst die erste Strophe seiner Antwort:
2 »Zwar möchte ich mein Stöhnen unterdrücken
und doch kommt Widerspruch von meinen Lippen.
3 Wenn ich nur wüsste, wo sich Gott befindet
und wie ich zu ihm hingelangen könnte!
4 Ich würde ihm schon meine Lage schildern,
ihm meine Gründe und Beweise nennen.
5 Ich bin gespannt, was er dann sagen würde,
wie er mir darauf seine Antwort gäbe.
6 Ob er mich seine Allmacht fühlen ließe?
Nein, hören würde er auf meine Worte.
7 Ich würde meinen Rechtsstreit mit ihm führen
als einer, dem nichts vorzuwerfen ist.
Das müsste auch mein Richter anerkennen!
Die erste Strophe redet von Hiobs Wunsch, Gott auf Augenhöhe zu begegnen. Hiob möchte ihm persönlich entgegentreten und ihm seinen Rechtsfall darlegen. Er ist sich keiner Schuld bewusst und möchte darin von Gott wahrgenommen und ernst genommen werden. Hiob ist zuversichtlich, dass Gott ihn anhören würde, ihm freundlich begegnen. Er will offen und ehrlich mit Gott streiten und ist sich dessen Fairness sicher.
Dann Strophe Zwei:
8 Ich kann nach Osten gehn, dort ist Gott nicht;
und auch im Westen ist er nicht zu finden.
9 Ist er im Norden tätig, seh ich’s nicht;
versteckt er sich im Süden, weiß ich’s nicht.
10 Doch MEIN Weg ist ihm lange schon bekannt;
WENN er mich prüft, dann bin ich rein wie Gold.
11 Mein Fuß hielt sich genau an seine Spur,
ich blieb auf seinem Weg und wich nicht ab.
12 Ich tue immer, was er mir befiehlt,
sein Wort bewahre ich in meinem Herzen.
Hiob schildert sein Desaster. Sein Vorhaben, vor Gottes Richterstuhl zu erscheinen, scheitert, bevor es überhaupt begonnen hätte, denn der kann Gott nicht finden. In allen vier Himmelsrichtungen sucht er ihn. Nirgends zeigt Gott sich Hiob.
Dass Gott seinen, Hiobs Weg dagegen kennen müsste, dass Gott über seine, Hiobs Rechtschaffenheit Bescheid wissen müsste, ist ihm kein Trost. Hiob meint, nur die persönliche Begegnung mit Gott könne ihm helfen, denn Gott müsste dabei anerkennen, dass Hiob an seinem Leid nicht schuld ist.
Schließlich Strophe Drei:
13 Doch Gott allein bestimmt – wer will ihn hindern?
Was ihm gefällt, das setzt er einfach durch.
14 Er wird auch tun, was er für mich geplant hat,
und Pläne über mich hat er genug!
15 Das ist es, was mich so erschrecken lässt.
Sooft ich an ihn denke, zittere ich.
16 Gott hat mir alle Zuversicht genommen;
weil er so mächtig ist, macht er mir Angst.
17 Gott ist’s, der mich erdrückt, und nicht das Dunkel,
auch wenn ich jetzt vor Dunkelheit nichts sehe.
Hiob erfährt: Gott lässt ihn ins Leere laufen.
Das aber führt ihn zu einem Bild von Gott, dass ihm Angst und Schrecken in die Knochen treibt.
Er nimmt Gott nur noch wahr als den, der Alleinherrscher ist, der mit dem einzelnen Menschen einfach macht, was er plant und ihm, Hiob, so alle Hoffnung und Zuversicht austreibt.
Und das führt zum Anfang unseres Textes zurück, denn hier am Schluss nennt Hiob die Begründung für seinen Widerspruch:
Gott ist für Hiob dunkler als die undurchdringliche Dunkelheit, die Hiobs Leben jetzt schon umgibt.
Für Hiob sorgt Gott selbst dafür, dass er kein Licht am Ende seines Lebens-Tunnels sehen kann.
Meine Schwestern, meine Brüder:
Es wird niemandem unter uns schwer fallen, die Argumente und Gefühle Hiobs nachzuvollziehen. Dass es den Putins, Trumps und Netanjahus gut geht in dieser Welt und ganze Völker unter ihnen leiden, liegt uns allen schwer im Magen.
Und dass es in unserer Bekanntschaft, Nachbarschaft oder unseren Familien allzu oft nicht besser ist, schlägt uns auf die Nieren.
Dass es denen, sie Gott suchen, nach seinen Geboten zu leben versuchen und ihn lieben, oft grauenhaft schlecht geht mit ihrem Leben – physisch, psychisch, materiell – das lässt uns die Galle überlaufen.
Da kann der Glaube an einen allmächtigen Gott, bei dem Gerechtigkeit ist, schon unter die Räder kommen. Ist er wirklich da? Oder geht ihn seine Welt nichts mehr an?
Beim Hören auf Hiob ist mir aufgefallen:
Er sucht Gott trotzdem. Auch wenn Hiob an Gott zu verzweifeln droht, auch wenn Gottes Abwesenheit Hiob zur Weißglut zu bringen scheint :
Hiob sucht Gott.
Er hat scheinbar nicht den geringsten Zweifel:
Er BRAUCHT Gott.
Bei ihm und NUR bei ihm meint er offensichtlich, das finden zu können, was ihn durch sein Leid hindurch zu tragen vermag.
Bei Gott und nur bei ihm meint er, das finden zu können,
was er nirgends auf dieser Welt voller Leid, Ungerechtigkeit und Unsicherheit finden kann:
Gerechtigkeit, die Bestand hat.
Darum gibt Hiob seine Suche nach Gott nicht auf.
Warum aber findet er ihn nicht? Warum können seine Freunde ihm nichts sagen, das ihm das Suchen erleichtern würde?
Hiob sucht Gott im Osten und im Westen, er sucht ihn im Norden und im Süden. Also in allen Himmelsrichtungen.
Wirklich in allen? Sucht er Gott nicht nur in Augenhöhe?
Gibt es nicht auch noch DIE HIMMELS-Richtung schlechthin:
Die nach OBEN? Muss der Mensch, der Gott sucht, nicht demütig von UNTEN nach OBEN schauen? Vom Geschöpf zum Schöpfer?
Am Ende des Kerns der Hiob- Dichtung schaltet sich Gott selbst ein. Aus dem Sturm spricht er zu Hiob.
38, 2 »Wer bist du, dass du meinen Plan anzweifelst,
von Dingen redest, die du nicht verstehst?
3 Nun gut! Steh auf und zeige dich als Mann!
Ich will dich fragen, gib du mir Bescheid!
4 Wo warst du denn, als ich die Erde machte?
Wenn du es weißt, dann sage es mir doch!
5 Wer hat bestimmt, wie groß sie werden sollte?
Wer hat das mit der Messschnur festgelegt?
Du weißt doch alles! Oder etwa nicht?«
Gott spricht zu Hiob vom Werden des Kosmos, von der Erschaffung der Welt, von der Schöpfung des Lebens.
Er spricht zu ihm von seiner treuen Fürsorge für den Lebenskreislauf auf dieser Erde, über viele seine Geschöpfe namentlich, vom Raben über die Gämse bis zum Wildstier.
Gott redet zu Hiob über die Schnelligkeit des Pferdes, die Stärke des Nilpferdes, von der vollkommenen Architektur eines Krokodilpanzers.
Nehmt euch die Zeit, lest die ganze Gottesantwort selbst, sie lohnt sich. Ihr findet sie in den Kapiteln 38-41.
42 1 Da antwortete Ijob dem HERRN:
2 »Ich weiß jetzt, dass dir nichts unmöglich ist;
denn alles, was du planst, führst du auch aus.
3 Du fragst, warum ich deinen Plan anzweifle
und rede ohne Wissen und Verstand.
In meinem Unverstand hab ich geredet
von Dingen, die mein Denken übersteigen.
4 Du hast mich aufgefordert, zuzuhören
und dann auf deine Fragen zu erwidern.
5 Ich kannte dich ja nur vom Hörensagen;
jetzt aber hat mein Auge dich geschaut.
6 Ich schäme mich für alles, was ich sagte;
in Staub und Asche nehm ich es zurück.«
Mit diesen Worten Hiobs schließt der poetische Kern des Hiob-Buches.
Ein Schluss, der mich sehr berührt, weil er den verständlichen Zorn des Hiob glücklich in das Erkennen wandelt.
Die Weisheit des Hiobbuches macht uns deutlich:
Wer Gott finden will, sollte ihn nicht auf der Erde suchen. IHRE Himmelsrichtungen reichen dafür nicht aus.
In Augenhöhe wird man Gott nicht finden, dreht man sich auch hundert Mal im Kreis, um wirklich alles gesehen zu haben.
Weisheit lässt Hiob die Blickrichtung ändern und erkennen:
Wer Gott finden will, muss von unten nach oben schauen; in der Demut kein Kleinmachen, keine Last, sondern die Wahrheit finden. Weisheit bringt die Erkenntnis, was es bedeutet, Geschöpf zu sein und seinen Schöpfer zu kennen.
Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
lehren uns, Dien-mütig zu sein
und lassen uns Gott finden. AMEN
EG 299: 1-3
1. Aus tiefer Not schrei ich zu dir,
Herr Gott, erhör mein Rufen.
Dein gnädig’ Ohren kehr zu mir
und meiner Bitt sie öffne;
denn so du willst das sehen an,
was Sünd und Unrecht ist getan,
wer kann, Herr, vor dir bleiben?
2. Bei dir gilt nichts denn Gnad und Gunst,
die Sünde zu vergeben;
es ist doch unser Tun umsonst
auch in dem besten Leben.
Vor dir niemand sich rühmen kann,
des muss dich fürchten jedermann
und deiner Gnade leben.
3. Darum auf Gott will hoffen ich,
auf mein Verdienst nicht bauen;
auf ihn mein Herz soll lassen sich
und seiner Güte trauen,
die mir zusagt sein wertes Wort;
das ist mein Trost und treuer Hort,
des will ich allzeit harren.