Wir schaffen das! (Jer 1 4-10)

Was ist wichtig in meinem Leben,
was nicht?
Was ist wirklich wertvoll,
wo scheint es nur so?
WIE halte ich es mit dem,
was ich habe oder was ich kann?
Besitze ich, als wenn es mir GEHÖRTE
oder habe ich, so dass ich es VERWALTE?

Wem viel gegeben ist,
bei dem wird man viel suchen;
und wem viel anvertraut ist,
von dem wird man um so mehr fordern.
Lukas 12,48
***
„Wir schaffen das!“
Auch wenn alle Welt so tut: Angela Merkel hat diesen Satz nicht als erste gesprochen. Ich weiß das ganz sicher. Schon meine Mutter hat den nämlich gesagt.

Zu mir, wenn irgendetwas wie ein Riesenberg vor mir lag und ich mich noch kleiner fühlte als ich damals ohnehin schon war. Ich war sechs oder sieben, in der Küche lag der Geschirrberg eines ganz normalen Sonnabend. Die Spülmaschine war noch nicht erfunden, und ich war mit dem Abwasch dran.

Komm, wir schaffen das. Ich helfe Dir. Willst Du abwaschen oder abtrocknen? Abwaschen natürlich. Das geht schneller, das wusste ich damals schon. Und wenn Mutter beim Abtrocknen half, dann würde diese ungeliebte Arbeit tatsächlich irgendwann ein Ende finden. Natürlich nur vorübergehend, nur für diesen Sonnabend.

Und am Sonntag äußerte Vater oft unsere Lieblingsbitte: Ich würde gerne nach dem Mittag den Abwasch machen und möchte dabei niemanden von euch in der Küche sehen. Nie wären mein Bruder oder ich auf die Idee gekommen, ihm diese Bitte abzuschlagen. Denn der nächste Abwasch an einem Sonnabend kam bestimmt. Ganz sicher.

„Wir schaffen das!“
Seit Kanzlerin Merkel diesen Satz vor Mikrophonen und Kameras sprach, hat kaum ein Satz so polarisiert. Sommer 2015, die Flüchtlingskrise auf einem ihrer Höhepunkte. Sie wollte die Deutschen aufmuntern, ihnen Mut machen angesichts der vielen Probleme und Aufgaben, die in dieser Krise auf sie zukamen. Ähnlich wie meine Mutter mich aufmuntern wollte angesichts des Abwaschs.

Doch viele tun heute so, als hätte die Kanzlerin sie betrogen. Als wüssten sie nicht, das Aufnahme und Integration von Geflüchteten eine Dauerbaustelle ist. Genauso wie der Abwasch: Kaum ist man fertig, sammelt sich neues Geschirr auf dem Abwaschtisch.

„Wir schaffen das!“ Dem Sinn nach Gleiches bekommt vor ungefähr 2600 Jahren ein gewisser Jeremia zu hören. „Fürchte dich nicht vor ihnen“ hört er. Du schaffst das. Ich, Gott, werde dir helfen und zur Seite sein. Grund für diese Unterstützungszusage:

Im Predigttext für heute geht es um ein völlig verqueres Bewerbungsgespräch. In dem findet sich Jeremia wieder, ohne sich überhaupt beworben zu haben. Es gibt kein Auswahlverfahren und keinen Eignungstest. Der Arbeitgeber stellt hier einfach seinen Wunschkandidaten als Propheten ein, obwohl der die Stelle gar nicht haben will.
Ich lese aus Jeremia 1 ab Vers 4:

Und des HERRN Wort geschah zu mir:
Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete,
und sonderte dich aus,
ehe du von der Mutter geboren wurdest,
und bestellte dich zum Propheten für die Völker.

Ich aber sprach:
Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen;
denn ich bin zu jung.

Der HERR sprach aber zu mir:
Sage nicht: »Ich bin zu jung«,
sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende,
und predigen alles, was ich dir gebiete.
Fürchte dich nicht vor ihnen;
denn ich bin bei dir und will dich erretten…

Und der HERR streckte seine Hand aus
und rührte meinen Mund an
und sprach zu mir:
Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund,
(und)… ich setze dich heute über Völker und Königreiche,
dass du ausreißen und einreißen,
zerstören und verderben sollst
und bauen und pflanzen.

So eine Berufungsgeschichte hat natürlich einen Zweck, wenn sie aufgeschrieben wird. Sie soll sagen: Das, was noch kommt, ist etwas Großes, Wichtiges. Das, was passiert, ist die Sache Gottes, nicht des kleinen Jeremia. Die Worte, die gesprochen werden, sind die Worte Gottes, nicht Jeremias.

Natürlich könnte Jeremia uns viel erzählen. Es gab ja keine Zeugen, niemand war dabei, als er berufen wurde. Niemand hörte die Worte, die da gesprochen wurden; niemand konnte wissen, wer da mit wem sprach – außer Jeremia selbst.

Aber der wusste: Was er da erlebte, war nichts weniger als seine Berufung. Und er erzählt sie so weiter, dass es vielen Menschen durch tausende Jahre hindurch nicht schwer fällt, ihm zu glauben: Jeremia begegnet dabei Gott selbst.

Auch uns heute wird das nicht schwer fallen, ihm zu glauben. Denn Jeremia beschreibt Gott so, dass man seine Nähe zu ihm geradezu spüren kann.

Hier spricht der Jeremia an, dessen Größe alles Erkennen, alles Begreifen übertrifft. Schon VOR der Zeugung hat Gott Jeremia gekannt: „Ich kannte dich, EHE ich dich im Mutterleibe bereitete…“ Gott selbst ist es, der Jeremia gewollt hat und ihn darum leben lässt.

Und schon im Mutterleib sondert er aus. Das bedeutet auch: Jede Entscheidung Jeremias, egal ob die seiner Eltern oder von ihm selbst, ist schon durch Gott angelegt. Gott selbst, Schöpfer des Himmels und der Erde, schafft Jeremia für sich. Niemand kann daran etwas ändern, auch Jeremia selbst nicht.

Der so Berufene selbst ziert sich ein wenig. Von wirklicher Gegenwehr kann man aber gar nicht sprechen. Doch man merkt schon, dass Jeremia unwohl ist bei dem Gedanken, jetzt Gottes Mitarbeiter werden zu sollen. Er weiß: Das ist kein 400-Euro-Nebenjob. Das wird viel Kraft fordern. Auch die Freizeit nehmen.

Du kannst doch nicht wirklich MICH meinen, oder? Ich bin doch zu jung! Und überhaupt: Wie soll ich’s ihnen sagen? Wie soll ich es besser machen als die, die vor mir versucht haben, dein Wort den Menschen nahe zu bringen?

Man erfährt beim Lesen nicht, wie diese Argumente Jeremias wirklich gemeint sind. „Zu jung“ oder „ich weiß nicht, was ich sagen soll“ – das kann ja auch einer sagen, der möchte, dass sein Gegenüber ihn noch einmal ordentlich lobt:
Ach, du bist doch nicht zu klein, und du kannst doch reden, dein Vater ist schließlich Priester, und du hast sein Talent doch geerbt!

Oder das sagt jemand, der Ungemach auf sich zukommen sieht. Denn egal, ob man als das Wort hauptamtlich oder ehrenamtlich unter das Volk bringen will: Erstens ist das schwere Arbeit und zweitens ist einem der Dank des Volkes keineswegs sicher.

Schon wenn ich heute mal sage, dass ich zur Vorbereitung eines Gottesdienstes unter zehn Arbeitsstunden nicht „wegkomme“, sehen mich viele ungläubig-mitleidig an: Jetzt hat er nicht mal mehr zehn Jahre bis zur Rente, und er macht das, seit er 25 ist – da muss man doch was Fertiges im Kasten haben!

Oder ich bekomme danach zu hören: Das Leben ist aber anders, lieber Pastor, unser Alltag ist anders.

Sorgt euch nicht, was ihr essen sollt, schaut euch die Vögel an… Oder was ihr anziehen sollt, schaut euch die Lilien an… Das kann nur einer sagen, der sich selbst NICHT sorgen muss. Du kannst ja gut leben von dem, was am Monatsende auf deinem Konto ankommt.
Also, stellt euch das Predigen nicht zu lustig vor.

Wie auch immer, warum auch immer: Jeremia ziert sich, Gott aber besteht auf seiner Berufung. Sag das nicht, sondern geh! Und Jeremia weiß, dass Gott recht hat. Er spürt, dass er dem Ruf folgen sollte. Aber wird er mit den Folgen leben können? Der vielen Arbeit und dem Ärger?

Gott sagt Jeremia seine Hilfe zu. Er, Gott selbst, wird die Worte bilden, die Jeremia aussprechen wird, und er wird nichts zu befürchten haben, weil Gott bei ihm sein wird. Komm, WIR schaffen das.

Eine wirklich eindrückliche Szene: Gott streckt seine Hand aus und berührt Jeremias Mund. Eine Legende sagt, dass von dieser Berührung das Philtrum stammt. Diese Kerbe, die bei uns Menschen von der Mitte der Nase zur Oberlippe führt.

Jeremia wird im wahrsten Sinne des Wortes von Gott berührt, er spürt, wie die Kraft Gottes in ihn hinüberfließt. Seine Schutzlosigkeit unter den Schild des Glaubens gerät. Gottes Worte zu seinen Worten werden. Und noch ein Wort der Ermunterung: „Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund, (und)… ich setze dich heute über Völker und Königreiche…“

Und Jeremia lässt sich auf diese Berufung ein. Er wird Gottes Wort so weitersagen, dass es uns bis heute in den Ohren und Herzen klingt, uns berührt. So dass wir es immer wieder neu lesen:

„Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird..“ (22,5).

Oder das Wort vom neuen Bund: „ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein…(31,33).

Oder ein Wort, das für viele von uns während der Unterdrückung der Kirche zu DDR- Zeiten einen ganz besonderen Klang bekam: „Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl.“ (28,7)

Meine Schwestern, meine Brüder:

der Prediger Jeremia wurde das, was man heute gern „erfolgreich“ nennt. Aber niemand weiß, womit Jeremia „seine Brötchen verdient“ hat. Also was er hauptberuflich tat, um sein Geld zu verdienen. Vom Prediger Jesus wissen wir, dass er Zimmermann war; Petrus war Fischer, Paulus Zeltmacher. Es kann sein, dass Jeremia wie sein Vater Priester wurde. Aber sicher wissen wir das nicht.

Sicher wissen wir nur, dass sie alle Gottes Ruf hörten und ihm folgten. Warum taten sie das? Weil sie den Sinn ihres Lebens gefunden hatten und gar nicht anders KONNTEN, als für diesen Sinn zu leben.

Es gibt wohl keinen Menschen, der den Sinn seines Lebens im reinen Überleben sieht. Dann wären wir wohl nicht anders als die anderen Tiere (zumindest glauben wir, dass Tiere nur ans Überleben „denken“).

Uns Menschen ist klar: Worum es im Leben wirklich geht, ist eben NICHT die Wahl des Mittels zum Broterwerb. Egal wie sinnvoll die eigene Arbeit ist: Allein aus ihr heraus wird niemand glücklich. Nicht einmal aus Arbeit im Ehrenamt.

Jeremia schreibt selbst: „Dein Wort ward meine Speise, sooft ich’s empfing, und dein Wort ist meines Herzens Freude und Trost; denn ich bin ja nach deinem Namen genannt, HERR, Gott Zebaoth. Ich saß nicht im Kreis der Fröhlichen und freute mich, sondern saß einsam, gebeugt von deiner Hand; denn du hast mich erfüllt mit Grimm“ (15, 16f).

Jeder Mensch steht irgendwann und immer wieder vor der Frage: Wofür lebe ich? Und wer die Antwort hat, wenigstens für den Moment, der hat auch seinen Gott gefunden. Wenigstens für den Moment.

Wer sich die Antwort aber nicht gibt, wird es schwer haben, ein erfülltes Leben zu haben. Ja, das Fehlen der inneren Berufung ist für immer mehr Menschen unserer Zeit das WIRKLICHE Problem ihres Lebens. Oft ohne dass sie dies selbst erkennen würden.

Jeremia trat seinen Dienst an. Auch sich SELBST zur Ehre, AUCH zur eigenen Freude. Kein fröhliches Hobby wie eine Modellbahn. Sondern Arbeit voller Anfechtung, Kampf und Mühe, Ausgrenzung, Anfeindung, schlafloser Nächte.

Und doch die wichtigste Zeit des Lebens. Die Zeit, in der man dafür lebt, was man als SINN seines eigenen Lebens begriffen hat. Momente, in denen man seine Zeit wirklich erfüllt erlebt. In denen man wie Paulus begreift, dass alles im Leben Müll ist, wenn man Gott nicht gedient hat. Der Ruf Gottes ist der Ruf in die eigene Freude. In die eigene Ehre.

Wir ALLE haben so eine Berufung, wie sie Jeremia, Paulus oder Petrus vor uns hatten. Gott hat uns in der Taufe beim Namen genannt und in seinen Dienst gestellt.

Welches Talent jeder von euch bekommen hat, dass werdet ihr selbst herausfinden, wenn ihr euch fragt, was Gott euch besonders Schönes für euer Leben mitgegeben hat. Und ihr werdet sehen: Für Gott zu leben ist Ehrenamt, also eben keine Nebensache, keine Sonntagsbeschäftigung für den Hobbyraum. Sie ist die Berufung in den Dienst des Ewigen.

Und Gott sagt: Wir schaffen das. Alles, was du zu deinem Dienst brauchst, bekommst du von mir.
Zuerst die Liebe Gottes, die dich so nimmt, wie du bist.
Dann die Gnade Jesu Christi, die dich schön macht.
Und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes, die uns nie allein sein lässt, nicht einmal im dunkelsten Moment unseres Lebens.

Sie werden unsere Leiber und Seelen bewahren
durch unsere Zeit und in Gottes Ewigkeit.
AMEN.

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