Wie hältst du’s mit der Politik? (1. Pet 2 13-17)

Wer ists, der Leben begehrt
und gerne gute Tage hätte?
Ps 34,13
***
„Ich weiß gar nicht, wie ich beginnen soll / So viele Gedanken und mein Herz ist übervoll …“ singt Reinhard Mey, und mir geht es gerade ganz genau so.

Reinhard Mey denkt allerdings über sein Kind nach, und ich über Christ und Politik. So unterschiedlich beide Themen auch sein mögen, so unerschöpflich sind beide auch. Und so schwierig, dass sich daran die Geister scheiden.

Reinhard Mey gehört zu denen, die Kinder als das größte Lebensglück erfahren und begreifen. Aber es gibt auch Menschen, die angesichts der politischen Zustände im größten Teil unserer Welt gar keine eigenen Kinder wollen. Oder andere Gründe haben, keine Kinder zu haben.

Doch egal ob Reinhard Mey MIT Kind oder andere OHNE Kind: GUTE Gründe haben sie alle. Und auch wenn jetzt viele der Menschen mit Kindern oder der Menschen ohne Kinder widersprechen würden: Gute Gründe sind nie richtig oder falsch, sie entsprechen der persönlichen Weltsicht des einzelnen Menschen, sie sind Privatsache.

Privatsache: Da sind wir bei dem ersten von den „so vielen Gedanken“. Denn auch an der „Privatsache“ scheiden sich die Geister.

Für die einen bedeutet Privatsache vor allem: Das ist meine persönliche Entscheidung. Die kann mir niemand abnehmen! Und für andere: Meine Privatsachen sind so intim und persönlich, dass sie andere, fremde Menschen nichts angehen. Gute Gründe für ihre Sicht haben beide, und auch die sind: Nie richtig oder falsch.

Auch am Thema „Christ und Politik“ scheiden sich die Geister. Sätze wie „Religion hat in der Politik nichts zu suchen“ oder „der Staat hat weltanschaulich neutral zu sein“ oder „politische Reden gehören nicht auf die Kanzel“ sind da nur die Spitze eines hohen Berges von Argumenten und Sichtweisen. Und auch hier sind sie wieder: Die „guten Gründe“.

Bevor ich mich jetzt weiter im Gewirr der „guten Gründe“ verheddere und verlaufe, will ich lieber meine Arbeit machen und fragen: Was sagt uns die Bibel über das Verhältnis von Glauben und Politik?

Da liegt es nahe, auf den ersten Brief des Petrus zurückzugreifen. Denn Petrus schreibt ihn, um das Thema „Christ in der Gesellschaft“ zu beleuchten. Und im 2. Kapitel ist ab Vers 13 dort zu lesen:

13 Seid untertan aller menschlichen Ordnung
um des Herrn willen,
es sei dem König als dem Obersten
14 oder den Statthaltern als denen, die von ihm gesandt sind
zur Bestrafung der Übeltäter
und zum Lob derer, die Gutes tun.
15 Denn das ist der Wille Gottes, dass ihr durch Tun des Guten den unwissenden und törichten Menschen das Maul stopft –
16 als Freie und nicht
als hättet ihr die Freiheit zum Deckmantel der Bosheit,
sondern als Knechte Gottes.
17 Ehrt jedermann, habt die Brüder und Schwestern lieb,
fürchtet Gott, ehrt den König!

Für mich eine nüchterne, klare und darum erfrischende Sicht auf die Dinge. Mit wichtigen Aspekten, die heute so aktuell sind wie vor fast zweitausend Jahren, als sie aufgeschrieben wurden.

„Seid untertan aller menschlichen Ordnung“. Nicht: Macht euch zu Sklaven der Herrscher. Sondern: Ordnet euer Tun und Lassen in die Versuche der Menschen ein, ihre Dinge zu ordnen. Also: Denkt nicht, dass ihr euch heraushalten solltet. Sondern tut das eure, versucht gemeinsam, es gut zu machen.

Petrus beschriebt, warum diese Ordnung ihr Recht hat. Egal ob Kaiser oder König oder Bundeskanzlerin, egal ob Statthalter oder Herzog oder Ministerpräsident, egal ob Monarchie, Diktatur oder Demokratie: Jede Staatsform hat mit ihrer Macht den Auftrag „zur Bestrafung der Übeltäter und zum Lob derer, die Gutes tun“.

So einfach, und doch so schwer. Einfach, weil der Auftrag unzweideutig ist. Der Staat hat dafür Sorge zu tragen, dass Übeltätern ihr Handwerk gelegt wird und das diejenigen, die öffentliches Leben durch ihr positives Mitarbeiten stützen und fördern, Anerkennung und auch Lob erfahren.

Und schwer, weil kein Mensch in der Lage ist, diesem Auftrag ohne Fehl und Tadel gerecht zu werden. Das war zu Zeiten des Pharaos in Ägypten nicht anders als es heute zu Zeiten unserer Demokratie ist.

Darum schreibt Petrus: Seid untertan ALLER menschlichen Ordnung. Tut, was in eurer Kraft liegt, um es GUT werden zu lassen. Ja, tut was in eurer Macht steht, um es BESSER werden zu lassen.

Erinnerung an Psalm 34 (13): JEDER Mensch begehrt dieses Leben, jeder Mensch wünscht gute Tage. Und wenn alle Menschen Ebenbild Gottes sind, hat auch JEDER Mensch ein Recht darauf. Und gute Tage OHNE dass Kriminalität bekämpft und gesellschaftliches Engagement gefördert werden – die gibt es auf dieser Welt nicht.

Wir Menschen brauchen in unserem Leben solche Ordnung. Unordnung als Gegensatz zu dieser Ordnung lässt uns leiden, krank werden und sogar vor der Zeit sterben. Darum liegt es nahe, sich der Mitarbeit an menschlicher Ordnung nicht zu entziehen, sondern nach Kräften mitzuwirken.

Für Petrus liegt das nicht nur nahe, sondern es ist sogar der „Wille Gottes“: „dass ihr durch TUN DES GUTEN den unwissenden und törichten Menschen das Maul stopft“.

Das Herziehen über andere, das Klopfen von Stammtischparolen, das Verbreiten und Schüren von Angst und Ablehnung gegenüber anderen Menschen – das ist für Petrus das Werk von „unwissenden und törichten Menschen“. Und dieses Werk KANN nicht das Mittel der Wahl sein, es führt nicht zur Ordnung, sondern zur Unordnung. Diesem Unwesen, dieser Unordnung KANN man nur durch das Tun des Guten begegnen. Alles andere ist sinnlos.

Und genau hier kommt das Christsein ins Spiel: Christen sollen untertan aller menschlichen Ordnung sein, weil sie „Knechte“ oder vielleicht noch stärker: SKLAVEN Gottes sind (V 16): „…als Freie und nicht als hättet ihr die Freiheit zum Deckmantel der Bosheit, sondern als Knechte Gottes.“

Weil Gott uns frei macht von aller Bedrohung des Lebens, vor allem der Macht des Todes, sind wir auch frei, Bosheit von Gutem zu unterscheiden und danach zu handeln. Also: Christen haben politisches Handeln wie alle Menschen nötig und zu respektieren, ja, sie sollen ihren Glauben in der Gesellschaft offen leben: „Ehrt jedermann, habt die Brüder und Schwestern lieb, fürchtet Gott, ehrt den König!“

Als ich in der 6. oder 7. Klasse meinem Geschichtslehrer erklärte, ich wolle so lange nicht in die Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft eintreten, bis es unserer Familie gestattet werde, russische Soldaten an Festtagen zu uns nach Hause einzuladen, reagierte der Lehrer mit einem Bibelzitat: Aber steht nicht in der Bibel „seid Untertan der Obrigkeit!“? Warum machst DU also nicht mit?

Ich rettete mich mit einem erschreckten „da muss ich erst mal genau nachlesen“ und ging zu meinem Vater. Steht das da wirklich? Ja, das schreibt Paulus in Röm 13. Und das schreibt er, obwohl er mehrfach bei den Römern im Gefängnis sitzen musste. Aber „Untertan sein“ bedeutet auch: Den Staat an seine Aufgaben zu erinnern und sich zu wehren, wenn er versucht, den Glauben der Menschen zu beeinflussen oder gar zu missbrauchen.

Ich war erleichtert: Die Versuche des DDR – Staates, mir meinen Glauben madig zu machen, gehörten für mich eindeutig nicht in seinen Aufgabenbereich zur „Bestrafung der Übeltäter und zum Lob derer, die Gutes tun“.

Fürsten, Diktatoren und Politiker versuchten und versuchen immer wieder, den Glauben von Menschen zu instrumentalisieren und zu missbrauchen. Als Feindbild zum Beispiel.

Vor fast genau 30 Jahren zum Beispiel Erich Honecker mit dem Zitat: Den Sozialismus in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf. „Ochs und Esel“- die Tiere, die traditionell an der Weihnachtskrippe stehen, stehen hier nicht als Zeichen für Senilität des Sprechers, sondern als Synonym für die Christen, die erklärte Feinde des Sozialismus seien.

Noch stärker erlebten viele Christen die Angriffe auf ihren Glauben im Nationalsozialismus. „In Hitler ist die Zeit erfüllt für das deutsche Volk. Denn durch Hitler ist Christus, Gott der Helfer und Erlöser, unter uns mächtig geworden.“

Ganz im Stile der nationalsozialistischen Propaganda beschrieben die evangelischen „Deutschen Christen“ im März 1934 den „Führer“ als Heiland. Zwei Monate später, vom 29. bis 31. Mai vor 85 Jahren, formierte sich in Wuppertal-Barmen der Widerstand der Bekennenden Kirche. Unter der Bedrohung durch den NS-Ungeist in der Kirche einigten sich erstmals seit der Reformation Vertreter der Lutheraner, Reformierten und Unierten auf eine gemeinsame theologische Erklärung.

Dr. Kadau hat vorhin den 5. Abschnitt verlesen, und ihr werdet die Bibelstelle wiedererkannt haben: Mit Rückgriff auf das „fürchtet Gott, ehrt den König“ aus dem 2. Petrusbrief wird klargestellt: Hitler ist nicht der neue Christus, der Staat KANN und DARF die Bestimmung und den Auftrag der Kirche weder ergänzen oder gar austauschen.

Der 1. Abschnitt hatte schon klargestellt, wie dieser Auftrag lautet. Frau Dörr hat ihn vorhin für uns gelesen: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“

Daran glauben wir, das leben wir, das bedeutet für uns Christsein. Auch und gerade in der Politik.

Meine Schwestern, meine Brüder:

Wir wissen heute, dass auf diese Worte auch Taten folgten. Der reformierte Schweizer Pfarrer und Bonner Theologie-Professor Karl Barth war an der Formulierung der Barmer Erklärung maßgeblich beteiligt, ging später zurück in die Schweiz und wurde dort Soldat, um Hitlers Truppen notfalls auch mit der Waffe entgegenzutreten. Probst Heinrich Grüber, der Vater des Hohenbrucher Pfarrers Hartmut Grüber, musste ins KZ Sachsenhausen. Pfarrer Dietrich Bonhoeffer beteiligte sich am bewaffneten Widerstand und wurde dafür kurz vor Kriegsende im KZ Flossenbürg gehenkt.

Wir wissen aber auch, dass es zu wenige waren, die die Zeichen der Zeit erkannten und sich mit Taten wehrten. Sonst hätte nicht geschehen können, was durch Deutschland im „Dritten Reich“ geschah. Es waren zu wenige, die erkannten, was es bedeutet, „Untertan menschlicher Ordnung“ zu sein und durch „Tun des Guten den unwissenden und törichten Menschen“ entgegenzutreten.

Gerade in diesen Tagen sehen wir wieder die unschönen Seiten politischen Lebens. Es ist Wahlkampf. Parolen bringen komplizierte Dinge in einfachen Sprüchen unter. Ängste gegen Menschen werden geschürt. Die Wende für Parteipolitik missbraucht. Kreuze erscheinen auf Plakaten, der Name Gottes wird missbraucht.

Wir aber sollten auch im Alltag und der Politik nicht vergessen, woran wir glauben. Und versuchen, Untertan der Obrigkeit zu sein. Zu versuchen, alles besser werden zu lassen. Gottes Wort zu hören, das Gute zu erkennen und auch zu tun.

Dazu haben WIR drei gute Gründe, die wir uns von keinem Staat der Welt nehmen lassen dürfen:

Die Liebe Gottes, die jedem Menschen gilt;
die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die es vermag, das Gute in jedem Menschen zu finden;
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes, die uns tragen wird durch Zeit und Ewigkeit. AMEN

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