Was ist „das Beste“? (Jer 29 4-7)

Sehnsucht nach Freude, Sehnsucht nach Frieden:
Jeder kennt sie.
Aber auch die Wut, der Zorn, die Rachsucht
steckt in jedem von uns
Freude und Friede aber haben eine gemeinsame Wurzel:
Die Liebe.
Liebe ist die Macht Gottes,
die alles zum Guten wenden kann.

Lass dich nicht vom Bösen überwinden,
sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Römer 12,21
***
Ein Brief ist heute Predigttext. Das hatten wir schon am vergangenen Sonntag, werden einige denken. Das stimmt. Aber der Brief heute stammt nicht von Paulus, sondern vom Propheten Jeremia. Er ist in Kapitel 29 in den Versen 4-7 nachzulesen.

4 So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels,
zu allen Weggeführten,
die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen:
5 Baut Häuser und wohnt darin;
pflanzt Gärten und esst ihre Früchte;
6 nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter,
nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären;
mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet.
7 Suchet der Stadt Bestes,
dahin ich euch habe wegführen lassen,
und betet für sie zum HERRN;
denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl.

Der Brief eines Propheten an die Exilanten Israels in Babel, vielleicht 2500 Jahre alt. Man kann fragen, was das uns heute interessieren sollte. Denn das Exil Israels in Babel ist längst vorbei, eine Episode in den Geschichtsbüchern. Und Geschichte ist ja nicht jedermanns Hobby (jederfraus auch nicht).

Doch auch heute haben fast alle Menschen ihre eigenen Erfahrungen mit dem Thema Exil. Nicht nur, weil in unserer Stadt nicht wenige Geflüchtete leben, das Stadtbild und unseren Alltag mitbestimmen.

Es gibt ja viele Arten von Weg-Führungen, und die erlebt man nicht nur, wenn man auf die Flucht muss. Weg-Führungen: Sie sind meist grausam. Menschen werden von einem Ort in einen anderen geschickt. Meine Frau und ich machen uns heute auch auf den Weg in einen anderen Ort, aber das machen wir freiwillig, denn wir wollen zwei Wochen Urlaub machen. Weg-Führungen aber haben mit Urlaub nichts zu tun.

„Babel“ ist dabei ein besonders düsterer Ort der Weg-Führung. Nicht nur, weil er für die Gefangenschaft der Elite des Volkes Israel über viele Jahrzehnte steht. Für Martin Luther war auch die Kirche seiner Zeit in babylonischer Gefangenschaft, weil sie in Verkennung ihres wahren Auftrages und ihrer wahren Interessen nicht da lebte, wo sie hingehörte: Unter dem Wort Gottes.

Und so gesehen sind wohl die meisten Menschen irgendwie im babylonischen Exil. In der Verbannung, in der feindlichen Fremde, nicht zu Hause bei sich selbst.

Weg-Führungen: Keine Urlaubsreisen. Hals über Kopf muss man aufbrechen, kann nur mitnehmen, was man irgendwie wegbekommt. Das meiste bleibt zurück. Keine Urlaubsmusik, der Ton ist schroff. Auch das Wetter passt nicht: Die Kleidung ist entweder zu warm oder zu kalt. Die Stimmung ist auf dem Nullpunkt. Denkt man, aber es geht NOCH schlechter, morgen schon.

Keine Fahrkarte mit Platzreservierung in Bus, Bahn oder Flugzeug. Von Ort zu Ort muss man sich durchsuchen, getrieben und ohne Ruhe. Ob man dann zu Essen oder zu Trinken bekommt, wenn man es braucht, steht in den Sternen.

Das eigene Bett konnte man auch nicht mitnehmen, und fremde Betten können sehr ungemütlich sein, vor allem die unter freiem Himmel. Die Sicherheit der eigenen vier Wände ist weg. Weit weg. Unerreichbar.

Irgendwann ist man dann da. Wo auch immer, hierhergewollt hat man nicht. Dann muss man sich eine Bleibe suchen. Es gibt nette Menschen hier. Aber denen begegnet man nicht jeden Tag. Die meisten sind vielmehr genervt, fühlen sich von den Neuankömmlingen gestört, bedroht.

Besonders dann, wenn sie auch noch eigene Zimmer frei räumen müssen für Exilanten, die sie nicht hergebeten haben. Ein Zimmer für eine Nacht.

Eine? Und danach? Wie viele werden es am Ende sein? Möglichst wenige, hoffen viele. Vielleicht alle, die mir noch bleiben, fürchten schon die ersten.

Dann muss man irgendwie seinen Lebensunterhalt sichern. Arbeit suchen. Gelegenheitsjobs, wer will schon länger bleiben. Und nach anderen suchen, die wie man selbst auch hierher kommen mussten. Leidensgenossen. Gemeinschaft der Vertriebenen. Fern der Heimat, gemeinsam erinnern. Geteiltes Leid ist halbes Leid, hoffentlich.

Der Zorn im Inneren wächst. Warum passiert mir das? Womit habe ich das verdient? Gibt es hier wenigstens eine Kirche? Oder ist Gott auch zurückgeblieben?

Weg-Führungen: Wohin es auch immer ging, Gott hat dem keinen Einhalt geboten. Diktatoren und andere große und kleine Mächtige fragen selten nach Gott.

Geld regiert die Welt: Selbst die kleinen Götter fragen nicht nach dem großen Gott. Da wäre es doch gut, wenn der Herr der Heerscharen mal mobil machen würde. Die alten Verhältnisse wieder herstellt. Demütigungen und Schlägen Einhalt gebietet. Gerechtigkeit walten lässt.

Aber was kommt, ist Post. Nicht mal ein Paket, sondern ein Brief. Keine Waffen, kein Sprengstoff, keine Anweisungen zu Sabotage oder Bildung einer Widerstandsgruppe.

Post von Zuhause. Worte. Ein Brief, unterschrieben von Jeremia. Der Name bedeutet: Der, den Gott erhöht. Ihn vielleicht, er durfte ja auch zuhause bleiben. Aber UNS kann Gott kaum noch tiefer erhöhen.

Die Frommen allerdings werden gesagt haben: Wartet doch ab, was er zu schreiben hat. Vielleicht hilft es ja. Es muss doch einfach einen Sinn haben, was uns gerade passiert. Gott ist doch Herr der Geschichte, Gott ist doch unser Herr. Gott ist es, der die Karten neu mischt, der Richter des Himmels UND der Erden.

Vielleicht stehen im Brief ja nicht nur Worte, sondern das Wort? Wort des lebendigen Gottes?
So spricht der Herr:
5 Baut Häuser und wohnt darin;
pflanzt Gärten und esst ihre Früchte;
6 nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter,
nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären;
mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet.

Ach ja, da ist er wieder, der „Gott in der Natur“. Gärten pflanzen und Früchte essen. Söhne und Töchter zeugen. Häuser bauen und wohnen. Immer, wenn es eng wird im Leben, ist er wieder da, der Gärtner- Gott und sein Garten Eden.

Eigene Familie, eigene Kinder, ein Eigenheim mit Garten, wenigstens eigene Wohnung in der Platte samt Sparte im Kleingartenverein. Für viele vor der „Wende“ hier im Osten Ziel alltäglicher Sehnsucht.

Es gab auch größere Sehnsucht. Die Adria, das Nordkap, Venedig, Lissabon. Reisefreiheit, Presse- und Meinungsfreiheit, Freiheit in der Berufswahl, Religionsfreiheit. Freiheit eben. Dafür aber war kein Raum in der „Diktatur des Proletariats“.

7 Suchet der Stadt Bestes,
dahin ich euch habe wegführen lassen,
und betet für sie zum HERRN;
denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl.

Suchet der Stadt Bestes – hier im Osten bis 1989 immer wieder gern genutzt auf Kirchentagen, bei Diskussionen in der Jungen Gemeinde, in Gesprächen mit den „staatlichen Stellen“.

Von diesen sicherlich gern gehört, beschwor es doch die „gemeinsame Sache“. „Weggeführt“ waren die meisten ja nicht, sie lebten dort, wo sie auch geboren waren.

Aber eine Art Exil war auch das: Freiheit – eingeschlossen. In den eigenen vier Wänden. Manchmal auch in Gemeinderäumen und Kirchen.

Ist das die „gute Nachricht“ im Brief Jeremias? Damals und heute: Suchet der Stadt Bestes… und betet für sie zum Herrn, denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl?

Soll man sich einrichten in den Exilen des Lebens, es sich möglichst gemütlich machen? Ist die Überlebensstrategie Essen und Trinken, Brautschau und Kinderkriegen? Wort des lebendigen Gottes oder persönliche Meinung Jeremias, des, „den Gott erhöht“?

Das wäre so manches, aber kaum das „Beste“. Das Beste, das gesucht und dem das Gebet zum Herrn dienen soll, das ist nichts, wofür man durch angepasstes Wohlverhalten sorgen könnte. Denn es ist nicht das „Beste“ im Sinne menschlichen Wünschens und Strebens, es ist das „Beste“ im Sinne Gottes.

„Das Beste“ ist der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft. Der mehr ist als freundlich- distanziertes Nebeneinanderherleben. „Das Beste“ ist der Himmel Gottes auf Erden. Gegen die Höllen der Menschen.

Im „Himmel auf Erden“ wird gebaut und gewohnt, ohne Angst oder Neid. Denn die anderen sind Nachbarn, Nächste, keine Feinde.

Hier wird gefreit und getraut, Familien werden gegründet ohne Angst oder Neid. Denn hier wird Liebe nicht nur beschworen, sondern gelebt. Und die Frucht dieser Liebe sind nicht nur Kinder und Kindeskinder, sondern Nachbarn, die Freunde werden können.

„Suchet der Stadt Bestes“-das wird die Stadt nicht lassen wie sie ist, es wird sie verändern, schöner machen, Frieden bewirken. Das ist „das Beste“, das Gott dem Exil zu geben hat. Eine in Gottes Sinne blühende Stadt. Wenn es ihr wohlgeht, dann geht es auch euch wohl.

Meine Schwestern, meine Brüder,

wie sehen die Exilanten unserer Tage aus? Natürlich fallen da zuerst die Geflüchteten ein, die unter uns wohnen. Die einen redlich bemüht, hier anzukommen, unsere Sprache zu lernen und ihr Leben mit uns zu leben. Die anderen, die unsere Demokratie und Kultur gering achten und eher gegen als für dieses Land leben.

Und dann sind die vielen im inneren Exil. Die sich von den Zuwanderern überfordert und übervorteilt fühlen. Die sich sozial benachteiligt sehen, weil Hartz 4 sie nur überleben, aber nicht leben lässt. Die sich abgehängt fühlen, weil sie ihre Arbeit verloren haben. Denen der Tod in die Familie griff und ihnen den Lebenssinn raubte. Die alle Lebensenergie aufwenden müssen, um Krankheiten des Körpers oder der Seele oder gar beide bekämpfen zu müssen.

Schließlich viele in unseren Gemeinden, die sich schutzlos fühlen, wenn offene Ablehnung und Häme über ihnen ausgegossen wird, weil sie als Christen leben wollen.

Sogar schon aus den eigenen Reihen. Wenn beispielsweise Peter Hahne, ehemals Mitglied des Rates der EKD, in seinem letzten Buch zwar behauptet, er würde „SICH schämen“, dann aber einfach so tut, als wären alle anderen „Schuld“, auch am Niedergang „der“ Kirchen. Dass „Pfarrer an die Auferstehung von Jesus Christus persönlich nicht glauben“ würden und „die Kirchen“ durch ihr „mieses Marketing“ sogar Ostern sinnentleeren würden. Er schämt nicht SICH, sondern beschimpft ANDERE (zB S 126ff in „Schluss mit euren Mogelpackungen“).

Heute aber bekommen wir Post. Zorn, Beschimpfung oder gar Gewalt bewirken auch nur Zorn, Beschimpfung oder gar Gewalt. So sollt ihr nicht leben, so wollt ihr nicht leben.

Also lebt nicht GEGEN, auch nicht NEBEN euren Nächsten. Sondern lebt FÜR sie. BENENNT das, was nicht gut läuft zwischen euch. Dann aber tut ALLES, was in eurer Macht steht, dass Häuser gebaut und bewohnt, Familien gegründet und erhalten, Städte und Landschaften blühen. LEBT DIE LIEBE in eurer Stadt, eurem Dorf, eurer Landschaft. Betet zu Gott für sie, auf dass er das Beste wachsen lasse:

Seinen Frieden, der größer ist als all unsere Vernunft und unsere Leiber und Seelen bewahrt in Christus Jesus. AMEN

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