Vorsicht! Wort (Eph 2 4-7)

Wer bin ich wirklich?
Der, der ich gerne wäre?
Der, den andere sehen?
Halte ich mehr von mir, als ich bin?
Traue ich mir weniger zu, als ich kann?
Bin ich hochmütig?
Bin ich kleinmütig?
Demütig?

Die Begegnung mit dem Wort GOTTES
zeigt wer ich bin
aus ihr wächst Mut
zum Gehen
zum Fallen
zum Aufstehen
zum Glauben der die Welt überwindet
Mut zum Dienen
Demut.

Gott widersteht den Hochmütigen,
aber den Demütigen gibt er Gnade.
1 Petrus 5,5b
***

VORSICHT!
Eine Stimme vom Rücksitz lässt mich plötzlich hellwach sein und nach vorn schauen. Da habe ich zu lange nach links gesehen, wo ein großer Kran ein frischvergoldetes Kreuz samt Kugel auf die Kirche neben der Autobahn setzt. Und dabei fahre ich mit meinem Auto schon halb auf der Standspur…

Gut, dass meine Beifahrerin hinten aufmerksamer war als ich vorne: Vorsicht! Ein Wort mit klarer Botschaft. Das mir klarmacht, dass meine ungeteilte Aufmerksamkeit nötig ist. Und das nicht irgendwann, sondern sofort.

Nicht alle Worte wirken auf mich so.
Ich unterscheide darum gern WORTE und WÖRTER.

WÖRTER, das sind die Sprachbatzen, die mir in das eine Ohr hineingehen und aus dem anderen wieder heraus. Nur wenige von ihnen hinterlassen Spuren, geben vielleicht irgendwelche Informationen an mich ab, und ich denke dann:

Ach, so ist das also. Die nächsten Nachrichten dann um 17 Uhr, wenn ich aus der Johannis-Kirche wieder zuhause bin. Dann gibt’s wieder Wörter. Vielleicht wenigstens ein paar, die ich noch nicht gehört habe…

WORTE dagegen gehen nicht einfach so DURCH meinen Kopf. Worte werden aufgehalten, bewegt, bedacht. Oft will oder muss ich sie mehrfach hören, vielleicht werden sie von Musik leichter in mich hineingetragen.
Oder durch ein Bild.

Solche Worte transportieren mehr als ihre eigene Bedeutung.
Bewegen etwas in mir. Werden manchmal zu großen Worten. Die behalte ich dann bei mir. Schreibe sie mir auf oder lese sie immer wieder einmal nach.

Worte bewegen viel in meinem Leben, vielleicht sogar alles Wichtige. Sie verbinden oder trennen, lassen lachen oder weinen, machen glücklich oder unglücklich, lieben oder hassen, lassen mich ins Bodenlose fallen oder geben mir Sicherheit.

Worte der Sicherheit sind Worte der Rückbindung, der Religion. „Religio“ bedeutet ja nicht mehr, aber eben auch nicht weniger als „Rückbindung“. Diese Rückbindung ist mir wichtig für meine Lebenssicherheit.

Denn das Leben ist wie ein Schiff, und auch wenn ein Schiff für die Fahrt und nicht das Liegen an der Kette gebaut ist: Ohne immer wieder im Hafen festzumachen kann es nicht auf große Fahrt, wird es irgendwann untergehen. Wasser, Proviant, Treibstoff, wichtige Reparaturen: All das gibt es nur im Hafen; der Hafen ist also seine Rückbindung, seine Lebensgrundlage.

Meine „Religio“, meine Rückbindung ist also mein Hafen, meine einzig wirklich wichtige Versicherung, die ich mit keinem Geld der Welt erkaufen könnte.

Das, woran ich mich „rückbinde“, ist mein Glaube. Und mein Glaube wird ein Bekenntnis zu meinem Lebensziel. Zu dem Gott, für den ich leben will. Da gibt es viele auf dieser Welt und einen im Himmel und auf Erden, sagt meine Erfahrung.

Worte, die meine Religionssehnsucht wachrufen, gehen mir nie durch das eine Ohr hinein und aus dem anderen wieder heraus. Sie verweilen und wirken. Solche Worte habe ich vorhin auch im Schluss des Bekenntnisses aus den Niederlanden gehört, diesen strahlenden Gotteslob:

„Er, unser König,
der ÜBER uns, BEI uns und IN uns
thront, wohnt und wirkt,
um sein Reich aufzurichten,
ER ist unser einziger Trost im Leben und im Sterben,
ER ist die Freude unserer Gegenwart
und die Hoffnung unserer Zukunft.“

Als ich diese Worte gelesen und gehört habe, dachte ich: GENAUSO fühle ich, wenn ich über Gott im Himmel und auf Erden nachdenke. Und ich bin glücklich, dass andere auch so denken und fühlen wie ich und das in so schöne Worte bringen können.

DIESEM König will ich mit meinem Leben dienen, ihm gegenüber dien-mutig, also „demütig“ sein. Teil seines Reiches sein zu können – diese Gnade möchte ich erleben dürfen. Dieses Gottes im Himmel und auf Erden.

Schon von Paulus sind Worte überliefert, die ich ähnlich schön finde. Schön wie ein Bild, vor dem ich immer wieder stehen kann, um es mir neu anzusehen.
So ist im Predigttext aus dem Brief an die Epheser Kapitel 2 ab Vers 4 zu lesen:

Gott, der reich ist an Barmherzigkeit,
hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat,
5 auch uns, die wir tot waren in den Sünden,
mit Christus lebendig gemacht

– aus Gnade seid ihr gerettet -;
6 … er hat uns mit auferweckt
und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus,
7 damit er in den kommenden Zeiten
erzeige den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade
durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus.

Ein Blick in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die mich mit Gott erwartet. So höre ich diese Worte.

Vergangenheit: Meine Wurzeln.
Wurzeln tragen wesentlich dazu bei, dass ich bin, der ich bin.

Meine Wurzeln reichen dabei weit tiefer als nur bis zu meiner Geburt. Vieles von dem, was ich bin, haben mir meine Eltern und Großeltern mit in mein Leben gegeben. Aber hier höre und erkenne ich: Meine Wurzeln reichen bis zu Gott.

Und das erinnert mich an meine Taufe. An den Tag, an dem dieser Teil meiner Wurzeln sichtbar wurde. Und ich spüre, wenn ich das lese, dass ich mich darauf verlassen kann, dass Gott mich liebt. Und ich spüre auch, dass er mich lebendig gemacht hat.

Damit meine ich nicht nur, dass ich geboren worden bin. Das auch, aber da ist viel mehr.

Wenn ich über Gott nachdenke, mit ihm ins Gespräch komme, wird mir dabei deutlich, wie groß er ist. Damit werden zwar die Berge von Problemen, denen ich in meinem Alltag begegne, nicht kleiner. Aber sie werden verhältnismäßig. Geraten in den Vergleich mit der Größe Gottes. Seine Barmherzigkeit, in der er sich mit mir seine Liebe, die mein Leben trägt – sie sind einfach größer, werden zum Maßstab dessen, was gut für mich ist.

Tot in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht: Darin erinnern mich diese Worte an meine Taufe. Und die Taufe erinnert mich, dass es bei Gott seither kein Versagen und keine Fehler mehr gibt, die in einer Katastrophe enden könnten.

So, wie Christus seit Ostern lebendig ist, hat er damit MEIN Leben auferweckt, neu lebendig gemacht. Aus dieser Vergangenheit komme und lebe ich, diese Wurzeln haben schon meine Eltern und Ur-ur-großeltern gehalten. Sie halten auch mich.

Ja – durch Christus bin ich Gott nicht mehr zu nehmen.
ÜBER den Sund alter, neuer und künftiger Schuld bin ich von Gott selbst hinübergetragen in sein Reich. Jetzt und immer.
Wie Christus hat er MICH auferweckt zu neuem Leben, mein altes liegt hinter mir, und in meinem neuen verlieren die Leistungsmaßstäbe dieser Welt ihre Bedeutung. Gottes Güte ist nun einzig Maßstab.

Und das bestimmt meine Gegenwart: Mein Leben mit Gott. Gottes Barmherzigkeit lässt mich spüren, dass seine Liebe mich trägt und lebendig hält.

Das hilft mir über die Zeiten hinweg, in denen ich müde bin. Nicht nur am Ende des Tages, sondern auch sonst. Wenn mir bei der Not, die ich bei anderen Menschen erlebe, für die Sorgen, die ich mir anhöre, nur noch Schweigen bleibt, weil meine Wörter längst aufgebraucht sind.

Und wenn ich Geduld bewahre, ins Gespräch mit Gott komme und höre, was er mir zu sagen hat, macht mich das glücklich: Denn SEINE Worte sind längst nicht aufgebraucht. Sie meinen mich und erreichen mich: Das empfinde ich als große Gnade.

Doch wer kann schon wissen, was seine Zukunft bringt?
Und doch bestimmt das Nachdenken über die Zukunft das Tun vieler Menschen. Das ist ja auch gut zu verstehen; schließlich gedenkt man doch, in der Zukunft zu leben.

Und in gewisser Weise lässt sich Zukunft ja planen.
Wenn ich jetzt frage: Habt ihr schon euren Weihnachtsbaum? würde wohl keiner sagen: Weihnachtsbaum, was ist das? sondern: Wir haben Sommer, das hat noch Zeit. Wer dagegen seinen Urlaub über den Jahreswechsel in der Karibik plant, der muss schon jetzt an Weihnachten denken, weil er sonst keinen Flug mehr bekommen wird.

Also haben nicht nur Vergangenheit und Gegenwart, sondern auch das Planen der Zukunft Auswirkung auf die Rückbindung jedes Menschen.

Was ich über meine Wurzeln und meine Gegenwart erkannt habe, lässt mich auch meine Zukunft leichter einordnen. Ich bin von Gott sowohl begnadigt als auch begnadet. „Mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus“, so Paulus. Er ist „Freude meiner Gegenwart und Hoffnung meiner Zukunft“, so das Bekenntnis aus den Niederlanden. Ja, so ist es: Denn ich bin getauft.

Das ist lang noch nicht alles, was dieser Brieftext des Paulus in mir an Gedanken und Gefühlen in Bewegung bringt. Aber ich möchte Euch an dieser Stelle nicht noch mehr davon erzählen, zumal ich denke, dass es manch einem von Euch schwerer fällt als mir, diesen Text zu hören und für sich einzuordnen. Schließlich haben ja nicht alle hier wie ich sechs Lebensjahre damit verbracht, Theologie zu studieren…

Aber, meine Schwestern und Brüder:

Vielleicht habe ich euch anstecken können mit meiner Freude über Worte, die große Worte werden können. Also Worte, in denen Gott Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft spiegelt. Worte, die der Rückversicherung, der Religion dienen können.

Für mich kann ich sagen: Meine persönliche (und nur in diesem Sinne „private“!) Rückversicherung, meine Rückbindung ist die einzige echte Sicherheit meines Lebens. Der Himmel öffnet sich mir, das Himmelreich ist zu sehen, und ich weiß, dass es nicht nur MEIN Himmelreich ist. Vielen Menschen durch alle Zeit und überall auf dieser Welt öffnet sich der Himmel in einem großen Wort Gottes.

Nun haben es große Worte ja oft nicht leicht.
Die, die sie aussprechen, werden auf dieser Welt oft nur an ihren Taten gemessen. Damit werden diese Worte anschließend ihrer Größe beraubt. Als wenn Worte etwas für die könnten, die sie aussprechen.

Als der Bundeskanzler der Wende für den Osten der neuen Bundes- Republik „blühende Landschaften“ kommen sah, war das Echo auf seine Prophezeiung geteilt und bleibt es bis heute.

Nicht nur, weil es immer Gärten gibt, in denen die Blumen schöner blühen als in meinem. Wohl auch, weil Landschaftspflege eben mehr bedeutet, als sich Blüten anzusehen: Sie ist schwere Arbeit.

Und weil mancher die Gabe hat, sein Hauptaugenmerk vor allem auf die Pflanzen zu richten, die für ihn Unkraut sind. Auch Obamas „Yes, we can“ oder Frau Merkels „Wir schaffen das“ haben ein ganz ähnliches Schicksal erlebt.

Oder besser erlitten. Denn sind große Worte so hochmütig abzumessen? Sind sie denn Versprechen, die bis zu einem Stichtag eingelöst sein müssen – einem Stichtag, den einfach ein Anderer festlegt, wie es ihm beliebt?

Oder haben große Worte nicht viel mehr IHREN WERT IN SICH? Weil sie von Wahrheit künden?

Was wäre Deutschland für ein Land: Ein Land, in dem die Würde vieler Menschen tagtäglich neu angegriffen wird, so dass sie Schaden an Leib und Seele nehmen – was wäre unser Land OHNE das Wort von der Unantastbarkeit der Würde des Menschen im Grundgesetz? Was wäre also dieses Leben, wenn der nackte Schein von Realität alles sein soll, das es ausmacht?

Ohne großes Wort keine Vision. Und wer keine Vision hat, kennt auch keine großen Worte. Niemand ist darum zu beneiden, der ein großes Wort nicht nutzt, um über sein Leben nachzudenken
und eine Vision über sein Leben zu Gesicht zu bekommen.

Nach diesem Pauluswort ist MEINE Lebensvision:
Gott ist Heimat-Hafen, in dem wir alle Proviant, Wasser und Treibstoff an Bord unseres Lebensschiffes nehmen könnten. Und wichtige Reparaturen erledigen können. Hier, am Ort unserer Taufe, gewinnen wir Klarheit über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die in Gottes Hand und Plan liegen.

Und egal, was uns dann auf unserer großen Fahrt begegnet oder zustößt: Vor Gott gibt es kein Versagen, das in die Katastrophe führt. Er wird uns alle Last tragen helfen und alles zum guten Ende führen.

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes:

Sie SIND
unsere Wurzel, unser Leben und unsere Zukunft. AMEN

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