Vom Himmel hoch, da komm ich her

LIEBE
auch wenn wir sie Tag für Tag
vermissen und vermissen lassen
EINTRACHT
auch wenn wir sie Tag für Tag
vermissen und vermissen lassen
FRIEDEN
auch wenn wir ihn Tag für Tag
vermissen und vermissen lassen

Bei Gott können wir sie finden
darum feiern wir
diese Heilige Nacht

Das Wort ward Fleisch
und wohnte unter uns,
und wir sahen seine Herrlichkeit.
Johannes 1,14a
***
Vierhundertundachtzig Jahre ist es her.
Jetzt war es so, wie er es sich gedacht hatte.
Den Anfang hatte er schon vier Jahre früher gemacht, im Jahr nach der Geburt seiner jüngsten Tochter. Jetzt fand er es rund und stimmig.

Magarete war sieben Tage vor Heilig Abend geboren worden, und Martin Luther saß zwischen den vielen Predigten zu Advent und Weihnachten oft an ihrer Wiege. Dieses kleine Bündel Mensch, in Windeln gewickelt, der kleine Kopf, die zarten Hände mit den winzigen Fingernägeln. Anschaulicher konnte Weihnachten für ihn nicht werden.

Dieses Kind war sein Geschenk des Himmels, es war ihm, als hätte er den Schöpfer des Himmels und der Erden auf frischer Tat ertappt. Ja, vom Himmel hoch, da komm ich her. Die Idee war geboren, daraus ließ sich ein Lied machen. Er war ein fleißiger Liederdichter, ich glaube, von ihm sind mehr Lieder in unserem Gesangbuch als von Paul Gerhard. Und viele Strophen konnte auch schon Luther dichten: Vom Himmel hoch, da komm ich her, bringt es immerhin auf fünfzehn.

Luther hat sie dramaturgisch gedichtet wie für ein Krippenspiel. Vermutlich haben es die Kinder und Pflegekinder im Hause Luther tatsächlich in der Adventszeit geprobt und dann zu Weihnachten aufgeführt, vor der Bescherung. Es ist ein Lied mit Engel, Hirten und schließlich mit denen, die das Lied mitsingen.

Als erstes erscheint der Engel; lasst uns mit ihm
STROPHE 1 vom Lied Nummer 24 singen:

1. Vom Himmel hoch, da komm ich her, /ich bring euch gute neue Mär; / der guten Mär bring ich so viel, / davon ich singn und sagen will.

Die Melodie ist wie ein Wiegenlied, das man einem Kind zum Einschlafen singen kann. Sie beginnt ganz oben, in der Höhe, mit einem klaren, himmlischen C. Und dann führt die Melodie in Wellen nach unten bis zum tiefen C. Wie Schneeflocken, die vom Himmel auf die Erde tanzen. Wie Magarete, dieses Geschenk des Himmels. Der Himmel kommt auf die Erde.

„Mär“ – das ist kein Märchen aus uralten Zeiten. Maren heißt im alt- hochdeutschen „verkünden, rühmen“. Diese „Mär“ ist also eine himmlische Botschaft, die der Engel auf die Erde bringt. Eine frohe Nachricht in einen Alltag, der voller Last ist.

Diese „Mär“, diese Botschaft kommt vom Himmel. Oder anders: An ihrer Richtigkeit gibt es keinen Zweifel. Niemand muss sich in journalistischer Kleinarbeit daran abarbeiten, um good news von fake news zu unterscheiden. Diese „Mär“ beginnt mit

STROPHE 2:
2. Euch ist ein Kindlein heut geborn/ von einer Jungfrau auserkorn,/ ein Kindelein so zart und fein,/ das soll eu’r Freud und Wonne sein.

Was ist so besonders an einem neugeborenem Kind? Jeden Tag und jede Nacht kommen Babys auf die Welt. Jeder Mensch ist irgendwann geboren worden. Klar, die Eltern sind meistens völlig aus dem Häuschen. Für sie ist ihr Baby tatsächlich Freud und Wonne und natürlich das schönste Kind der Welt.

Aber muss deswegen gleich ein Engel vom Himmel auf die Erde kommen?
Jedes Neugeborene verkörpert die Botschaft: Alles auf Anfang. Alles zum ersten Mal fühlen, hören, sehen, begreifen. Die Welt ganz neu erleben, unberührt, unverbraucht.

Jeder Mensch, der zur Welt kommt, ist ein Unikat, unverwechselbar, einmalig. Jeder Mensch steht an einer Stelle, an der vor ihm noch keiner stand. Und ich stehe daneben und werde erinnert. Auch ich bin so ein Unikat, auch ich habe so angefangen, und solange ich leben werde, kann ich AUCH neu anfangen. Vielleicht gerade heute.

Ich bin nicht ein für alle Male festgelegt. Ich muss Fehler nicht wiederholen, auch wenn andere mich darauf festzunageln versuchen. Leben ist alle Tage neu. So wie dieses Kind neu ist. auch wenn es irgendwann in die Pubertät kommen wird- die geht auch wieder vorbei.

Jedes Neugeborene ist selbst so ein Engel. Dieses aber hat noch einen Engel extra. Einen großen, erwachsenen, der „sing und sagen will“ und auch KANN, so dass alle ihn verstehen.
Und man bekommt zu hören:

Der Gottessohn Jesus war nicht bei allen willkommen. Noch bevor er geboren wurde, haben die Leute getuschelt. Maria ist noch nicht verheiratet und schon schwanger. Ist das Kind überhaupt von ihrem Verlobten? Josef selber weiß es genau: Dieses Kind kann gar nicht von ihm sein. Er will die schwangere Maria heimlich verlassen. Aber da ist ihm der erwachsene Engel schon im Traum erschienen. Und Josef blieb bei Maria.

Die Geburt war schwer. Maria und Josef finden nach der Reise von Nazareth nach Bethlehem gerade noch eine Notunterkunft. Maria legt ihr Kind in den Futtertrog. Da liegt es immerhin nicht am Boden, und keiner trampelt aus Versehen drauf.

Und Martin Luther dichtet
STROPHE 5:
5. So merket nun das Zeichen recht: /die Krippe, Windelein so schlecht, /da findet ihr das Kind gelegt,/ das alle Welt erhält und trägt.

Merket nun das Zeichen recht, seht genau hin: „Alle Welt erhält und trägt“ doch nur einer, Gott selbst. Und der wird ein Kind in einer Krippe, in irgendwelche schlichten Tücher eingewickelt, weil nichts anderes aufzutreiben ist. So wie auch heute Kinder unter erbärmlichen Umständen zur Welt kommen, irgendwo auf dem Land in einem Hungergebiet, in einer zerbombten Stadt, auf einem Flüchtlingsboot im Mittelmeer, in einem Lager auf Lesbos.

Jede Krippe, die wir heute auf dem Weihnachtsmarkt oder zu Hause aufstellen, lässt es beim genauen Hinsehen auch erkennen, wenn man über manchen Kitsch hinwegsieht: Wie notdürftig das Leben sein kann, wie brüchig ein Stalldach, durch das es reinregnet. Manchmal sogar schneit.

Maria, Josef, das Jesuskind in der Krippe lassen keinen Zweifel: Gott selbst begibt sich in die Lage und die Not der Menschen. Gott lässt sich verwickeln in das Erden-Leben wie dieses Baby in provisorischen Windeln. Das Leben piekt wie Stroh, und es tut weh. Gott kommt hautnah, der Unendliche, Ewige – in einem Kind.

Von diesem Kind singt der Engel darum auch: Es ist der Herr Christ, unser Gott, der will euch führn aus aller Not, er will eur’ Heiland selber sein, von allen Sünden machen rein. Er bringt euch alle Seligkeit, die Gott der Vater hat bereit‘, dass ihr mit uns im Himmelreich sollt leben nun und ewiglich.

Auch Gott macht einen Neuanfang. Er unterbricht seine Fernbeziehung zu den Menschen. Kommt ihnen nah.
Gottes Neuanfang macht den Menschen neu deutlich, worauf es in ihrem Leben wirklich ankommt.
Jedenfalls nicht auf irdische Macht, Wohlstand oder Anerkennung. Sondern auf Liebe, Eintracht und Frieden.

Dafür wird Christus leben, wirken und sterben.
Und seitdem FÜHRT er die Menschen aus aller Not:
ER lässt sie Gottes Liebe erfahren.
ER zeigt ihnen, dass Eintracht alle Schwierigkeiten, allen Hass und jede Meinungsverschiedenheit aushalten kann.
ER stiftet den Frieden, den die Menschen selbst nicht wahren können.
Alles ist gut: Seit dieses Kind in der Krippe lag.

Nach dem Engel und Hirten kommen nun wir,
die „Leute heute“, am Heiligen Abend 2019.
Wie schaffen wir Platz für Gott?

Viele Terminkalender sind schon im Advent voll mit Weihnachtsfeiern, Freunde und Kollegen treffen, mit dem Jahresabschluss in der Arbeit, mit den Vorbereitungen für das große Schenken und Kochen. Und auch die Weihnachtszeit beginnt heute für viele mit Stress bis hinein in die Familien. Wie bekommen wir da überhaupt die Krippe zu sehen, geschweige denn dazu, über sie nachzudenken?

Luther fordert uns auf, nicht zu vergessen, was – und vor allem: DASS wir feiern. Die Hirten damals haben alles stehen und liegen gelassen, um mit eigenen Augen zu sehen, was geschehen war. Danach war nichts mehr so, wie es vorher war. Denn Gott hatte sie das Heil sehen lassen: Liebe, Eintracht und Frieden. Und sie kehrten wieder fröhlich zurück in ihr Leben.

So lasst es auch uns machen und laut und froh
STROPHE 6 singen:
6. Des lasst uns alle fröhlich sein/ und mit den Hirten gehn hinein,
zu sehn, was Gott uns hat beschert,/ mit seinem lieben Sohn verehrt.

Weihnachten 2019 wird ein Fest.
Mit den Hirten und der Welt bekommen wir das Heil Gottes zu Gesicht:

Die Liebe Gottes,
die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes.

Darauf kommt es im Leben an. AMEN

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