Vierundzwanzig Stunden Ewigkeit (aus Hiob 14)

von dort wird er kommen
zu richten
die Lebenden und die Toten

was wird sein
Gesetz oder Gerechtigkeit
wer werde ich sein
frei oder verurteilt

wüsste ich es selbst
wenn ich versuchte
ehrlich zu sein
vor dem Richter
vor mir

nach einem Leben voller Unrecht
in einer Welt voller Unrecht
bleibt ein guter Trost

Wir müssen alle offenbar werden
vor dem Richterstuhl Christi.
2 Korinther 5,10
***
Sehnsucht nach besseren Zeiten: Wer hätte sie nicht.
Egal, WO man wohnt. Egal, WANN man darüber nachdenkt. DIESE Sehnsucht kennen alle. Sogar, wenn es einem so richtig gut geht, hat man sie. Wenn es auch nur die ist, dass es – anders als in früheren Zeiten – endlich einmal so schön BLEIBEN möge. „Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! du bist so schön…“

Sehnsucht nach Gericht: Wer aber hätte die?
Ja, Anwälte und Richter vielleicht. Schließlich ist das ja ein Teil ihres Arbeitsplatzes. Ganz vielleicht noch die, die süchtig sind nach Gerichtsserien im Fernsehen oder in Romanen.

Aber all die anderen? Die Angeklagten, Verurteilten, ungerecht Beurteilten, unberechtigt Angezeigten…
Die meisten von uns wären zweifelsohne froh, wenn sich der persönliche Kontakt mit Gericht oder der Justiz lebenslang auf das Fernsehen oder Romane beschränken ließe. Am besten natürlich, man hätte damit lebenslang gar nichts zu tun.

ANGST. Ja, die ist es wohl, die die meisten Menschen offen oder unterschwellig befällt, wenn es um das Gericht geht. Schon als ich als Schüler in der 9. Klasse ins Gericht musste, um mir eine Verhandlung gegen jugendliche Straftäter anzusehen, hat die sich eingenistet.

Da war schon das Gerichtsgebäude als Bauwerk. Große Eingangshalle, riesige Treppenaufgänge, die dem Besucher klarmachen: Hier bist du klein, und das Gesetz ist groß. Und der Umgang des Richters und der Schöffen mit den Angeklagten Ende der 70er erledigte das Übrige. Nur raus hier, und möglichst nie wieder hinein!

Aber außer der Angst ist da auch noch anderes.
Denn ANDEREN wünscht man das Gericht schon öfter mal an den Hals. Denen, die durch das Leben stolzieren wie Gockel, sich groß aufführen, alles an sich reißen, nicht zuhören. Unerbittlich ihre Macht durchsetzen und sinnvolle Lösungen verhindern. Die sich an einem vergangen haben, einem das Leben schwer machen, einen nicht schlafen lassen.

Ja, da wäre ein Gericht gar nicht so übel. Vor allem, wenn ich da nicht selbst als Zeuge auftreten müsste. Und der- oder diejenige, die mir im Magen quer liegt, endlich auch einmal einstecken müsste. So ein bisschen Rache, ja, die wäre nicht schlecht…

„Wir müssen ALLE offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi…“ Um dieses Gericht soll ja wohl niemand herumkommen. Sagt das Glaubensbekenntnis. Meint Paulus. Genau wissen aber kann das niemand. Das „jüngste“ Gericht ist ja, wie es der Name schon sagt, das letzte, das allerletzte Gericht. Niemand war da schon, aber jeder soll dahin kommen.

Glaube ich das auch? Hoffe ich das auch? Brauche ich das auch? Für mich, meinen Glauben, mein Leben? Aus Hiob 14 ab Vers 1:

1 Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, 2 geht auf wie eine Blume und welkt, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. 3 Doch du tust deine Augen über EINEN SOLCHEN auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst. 4 Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer! 5 Sind seine Tage BESTIMMT, STEHT die Zahl seiner Monde BEI DIR und hast DU ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: 6 so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut…

Sehr einsam ist Hiob geworden. Auch wenn seine Freunde um ihn herum sitzen. Aber Leid macht sehr einsam. Wenn einer so viele Hiobs-Botschaften einstecken musste wie er, machen viele einen großen Bogen um einen herum.

Auch die Freundlichen, schon weil sie sich so machtlos fühlen. Tod, Krankheit, Schicksalsschläge- was soll man da auch freundlich sagen? Was kann man freundlich machen? Wie soll man freundlich helfen? Niemand kann Hiob wiedergeben, was er verloren hat.

Ja, Schweigen kann man. Miteinander nachdenken. Die Vergangenheit noch einmal besehen, was ist geschehen, welche Perspektive kann ich dazu einnehmen, was sollte ich mir merken?

Geschwiegen haben sie miteinander, Hiob und seine Freunde. Lange, fast schon zu lange. Dann haben sie versucht, ihn mit gediegener Theologie wieder aufzurichten. Jeder für sich, einer nach dem anderen.

Schweigen. Nun antwortet Hiob, aber er antwortet nicht seinen Freunden, sondern er lässt sie an seiner Rede an Gott teilhaben. Klagend ist sie, aber nicht anklagend. Traurig ist sie, aber doch voller Liebe.

Nach dieser Hölle auf Erden glaubt sich Hiob am Ende seiner Kraft. GOTT hat alles in der Hand, jeden Tag, jede Stunde, er bestimmt die Länge des Lebens, das doch so voller Unruhe und Nichtigkeit zu sein scheint.

Wie nichts ist das Leben Hiobs vor Gott, aber für Hiob fühlt es sich an, als ob Gott sich von allen Menschen gerade ihn ausgesucht habe, um ihm seine Grenzen aufzuzeigen.

Doch Hiob weiß: Vor Gottes Unendlichkeit ist der Mensch nichts weiter als die Grenze selbst, ein Schatten, eine welkende Blume. Sein Leben ist zwar eigentlich wie nichts, aber es kann dennoch die Hölle sein. Ein nie endendes Gericht.

Keine Chance hat Hiob in einem solchen Gericht, nach nichts sehnt er sich darum im Moment mehr als nach Ruhe. Noch mehr Ruhe, als er gerade ohnehin schon hat.

Das richtet sich nicht gegen die Freunde. Er will Ruhe vor diesem Leben. Ruhe von dem Gericht der neuen Tage. Ruhe bis zu „seinem“ Tag, „auf den er sich wie ein Tagelöhner freut“.

Worauf freut sich ein Tagelöhner?
Hat er doch nichts, was er mit ins Grab nehmen könnte.
Hat er doch nie mehr, als er für den nächsten Tag brauchen würde.

So hat auch Hiob im Moment nicht mehr, als er für den nächsten Tag zum Überleben braucht. Das war einmal anders. Ganz anders. Aber jetzt ist es so, wie es ist. Und doch gibt es etwas, worauf er sich selbst in diesem Leben voller Leid freut.

„Sein Tag“, auf den freut er sich. „Sein Tag“ wird der absolute Höhepunkt dieses Tagelöhner-Lebens. Aber welcher Tag soll das sein? Nach welchem Tag sehnt sich der „Tagelöhner“ Hiob?
Aus Hiob 14, ab Vers 13:

13 Ach dass du mich im Totenreich verwahren und verbergen wolltest, bis dein Zorn sich legt, und mir eine Frist setzen und dann an mich denken wolltest! … 15 Du würdest rufen und ich dir antworten; es würde dich verlangen nach dem Werk deiner Hände. 16 Dann würdest du meine SCHRITTE zählen/ und nicht achtgeben auf meine Sünde. 17 Du würdest meine Übertretung in ein Bündlein versiegeln und meine Schuld übertünchen.

Nach welchem Tag sehnt sich der „Tagelöhner“ Hiob?
„Ach dass du mich im Totenreich verwahren und verbergen wolltest:“ Auf einen Tag NACH seinem Tod, nach seiner Grabesruhe, nach dieser von Gott gesetzten Frist sehnt er sich.

Auf den Tag NACH dem Zorn, den das Leben ihn spüren lässt. Auf den Tag, an dem Gott an ihn, Hiob, denkt. Mit ihm, Hiob, spricht. Auge in Auge, unverhüllt, unverstellt, ohne Sprüche, voller Wahrheit.

Gott würde rufen, Hiob würde antworten. Endlich, ja wirklich ENDlich würde Hiob Gott verstehen können. Lebenslang ist ihm das unmöglich, aber an diesem Tag wird es ihm möglich werden. An dem Tag, an dem Gott sich voll und ganz auf Hiob einlassen wird, an dem es Gott „verlangen würde nach dem Werk“ seiner Hände: Nach genau einem, nach Hiob.

Nichts würde zwischen dem unendlichen Gott und dem winzigen Hiob stehen, kein Blatt Papier würde zwischen die beiden passen. Für Hiob würde es nichts und niemanden geben als Gott allein, und selbst für Gott würde es nichts und niemanden geben als Hiob allein. Einen Augenaufschlag lang im Sein Gottes, einen ganzen Tag lang für Hiob. Vierundzwanzig Stunden in der Ewigkeit, angefüllt mit all dem, wonach sich Hiob je gesehnt hat: Der unmittelbaren, unverstellten Nähe Gottes.

Dann würde Gott achtgeben auf die Schritte Hiobs. Alle Schritte im Leben des Hiob. Die Schritte, die Hiob vom Säugling bis zum Greis getan hat, die ihn zu dem gemacht haben, der er nun ist und noch sein wird.

Die Sünde aber würde beiseite gelegt. Denn wenn die eine Rolle spielen würde, hätte niemand, kein jemals lebender Mensch, etwas zu bedeuten, denn da sind alle gleich, alle Sünder, egal, wie heilig sie sich auch geben. Wenn die Sünde zwischen Gott und Mensch liegen bleiben würde – der Berg wäre unüberwindlich.

Darum wird Gott die Sünde in ein „Bündlein“ schnüren und so verschnüren, dass da nichts mehr herausfallen kann. Alle Schuld, und sei sie noch so dunkel, würde Gott einfach neu anstreichen, bis nichts mehr zu sehen ist.

Denn nur so könnte er Hiob sehen lassen, wer er nun wirklich ist, dieser Hiob. Ihm das Innere seines Herzens, das ihm selbst lebenslang verborgen lag, aufschnüren und offen legen. Hiob würde die Antworten auf seine Lebensfragen finden, die ihn so beschäftigen.

Der Tag, an dem Hiob sich selbst, sein Leben verstehen wird.
Der Tag, an dem Hiob Gott verstehen wird.
Endlich. Und für immer.
Ich finde, ein wirklich schönes Bild für das „jüngste“ Gericht, das Hiob da malt. Gerechtigkeit, die ihrem Namen alle Ehre macht.

Meine Schwestern, meine Brüder,

ich habe ihn vorhin nicht vergessen.
Ich habe ihn für den Moment unterschlagen.
Aber ich denke auch, die meisten haben ihn nicht vermisst, weil sie nämlich gar nicht an ihn gedacht haben.
Den einen Aspekt des Gerichtes, den Hiob uns hier sehen lässt. Und doch gehört er dazu, ist unauflöslich mit dem verbunden, was wir „Gericht“ nennen.

„Gericht“ hat auch etwas mit richten, Richtung zu tun. Konkret mit einem „neu ausrichten“. So ist das Ziel der meisten Menschen, die hier in unserem Land für die Gerichte arbeiten, doch genau dies: Menschen, die sich „verlaufen“ haben, wieder eine bessere Lebensrichtung aufzuzeigen.

Neuausrichtung soll gelingen. „Strafen“ sollen schlussendlich nicht dazu dienen, einen Menschen klein zu kriegen, ihn willenlos werden zu lassen. Sondern dazu, ihn zum Nachdenken zu bewegen. Seine Schuld ERkennen und BEkennen zu lassen. Ihn umdenken und neu anfangen zu lassen.

Natürlich sind wir da wieder gleich bei den vielen schlechten Erfahrungen, die wir mit den Gerichten haben. Und da rede ich mal gar nicht von den Gerichten vor der Wende in der DDR, die über 200 Todesstrafen verhängten und mindestens 164 auch vollstreckten. Da gibt es keinen Neuanfang mehr. Die auch keine Verwaltungsgerichtsbarkeit kannten, wo also die Instanzen des Staates immer im Recht waren. Da kann nichts gerecht werden.

Doch selbst in diesem unseren „Rechtsstaat“ bleibt Wiedereingliederung ein nur selten erreichtes Ziel. Weil Menschen sind, wie sie sind: Fehlurteile werden gesprochen, Urteile nicht verstanden, medizinisch-psychiatrische Behandlungen scheitern, die Mitmenschen geben dem Verurteilten nicht die Chance, die er brauchen würde oder was sonst noch alles schief gehen kann auf dem Weg der Neuausrichtung.

Hiob erkennt, dass es einmal anders kommen MUSS, weil Gott so unendlich größer ist als das, was Menschen vermögen. Dass der Tag kommen wird, wo jeder einzelne Mensch Gott begegnet. Wo beide sich so nahe kommen, wie sie sich noch nie im Leben waren. Wo der unendliche Gott den winzigen Menschen sich selbst erkennen lässt. Ihn endlich begreifen lässt, was die Liebe Gottes aus seinem Leben gemacht hat und noch hätte machen können.

SO wird der Mensch von Gott neu ausgerichtet werden. Sein Leben wird die Richtung bekommen, in der es ewiges Leben MIT Gott und nie wieder gegen ihn geben wird.

Und die Hoffnung auf genau diese neue Ausrichtung, die Hoffnung auf DIESES jüngste Gericht brauche ich tatsächlich für mein Leben, sie muss tatsächlich lebendig bleiben in meinem Glauben. Dass ich einmal „meinen Tag“, meine vierundzwanzig Stunden mit Gott erleben werde, die mich endlich sehen lassen, was ich jetzt nicht sehen kann.

Schon weil diese Sehnsucht auf diesen „meinen“ Tag doch schon Konsequenzen für mein Leben jetzt hat. Paulus hat das vorhin in der Römerbrieflesung schon auf einen klaren Punkt gebracht:
„Darum lasst uns nicht mehr einer den andern RICHTEN;
sondern RICHTET vielmehr darauf euren Sinn,
dass niemand seinem Bruder (und seiner Schwester!) einen Anstoß oder Ärgernis bereite.“ (14,13).

Sehnsucht auf das jüngste Gericht, das ist die Sehnsucht auf die letzte und endgültige Ausrichtung meines Sinnes durch Gott.
Weil wir diese letzte Ausrichtung bekommen werden, brauchen wir uns um alle anderen Urteile, Verurteilungen oder Beurteilungen dieser Welt nicht mehr zu kümmern.

Wie viel Zeit, wie viel Ärger, wie viel unnütze Anstrengungen uns Gott damit erspart! Wie unendlich schön wäre es doch, ein Leben, das den Geschwistern all den Ärger erspart, den wir ihnen bereiten könnten!
Muss ich hier Beispiele nennen?
Wie viel Zeit habt Ihr?!

Behaltet euch die Sehnsucht nach EUREM großen Tag mit Gott.

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes

sind die Freude des Tagelöhners mehr als wert.
AMEN

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1 Antwort zu Vierundzwanzig Stunden Ewigkeit (aus Hiob 14)

  1. Sabine sagt:

    Was für eine Predigt zum jüngsten Gericht!
    Dass “ richten“ auch „ausrichten“ beinhaltet, war mir bisher nicht bewusst. Danke, dass Deine Predigten mir immer wieder neue „Einblicke“ in die Bibel ermöglichen und meinen Blick weiten!

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